Severian of the Guild

Heute wird es mal wieder ein bisschen ernst, heute geht es um Folter und ihr Verbot. Ich weiß, dass ich mit dem Thema nicht ganz auf der Höhe der Zeit bin. Ich finde aber, darüber kann man immer mal reden, und weil mir ein bisschen philosophisch zumute ist, gehts jetzt los:

Es ist schon viel dazu geschrieben und gesagt worden, sowohl für Aufweichung des universellen Folterverbotes, als auch dagegen. Die herrschende Meinung ist aus guten Gründen dagegen. Ich erspare uns, das hier alles wiederzukäuen und gebe nur eine kurze Einleitung:

Für den Einsatz „robuster Verhörmaßnahmen“ wird – insbesondere im Kontext von Terrorismus und dem Kampf dagegen – gerne ins Feld geführt, dass unter Umständen Folter – trotz des Verstoßes gegen die Menschenrechte des Gefolterten – durch das Ziel gerechtfertigt sein könnte, das Leben vieler unschuldiger Menschen zu schützen, die ja schließlich auch ein Recht auf selbiges haben. Nicht ganz von der Hand zu weisen, finde ich. Man denke an den berühmten Fall Gäfgen. Da war das Opfer zwar schon tot, als dem Entführer Folter angedroht wurde, um es zu finden, aber das wusste niemand außer dem Täter. Man kann sich gut einen anders gelagerten Fall vorstellen, in dem es wirklich um ein Menschenleben geht.

Ein wichtiges Argumente gegen die Auflockerung des absoluten Verbots ist beispielsweise die Tatsache, dass Folter sich nicht mit unserem Verständnis eines Rechtsstaates und von Menschenrechten unter einen Hut bringen lässt. Überzeugend ist auch die These, dass Folter nicht verlässlich die Wahrheit hervorbringt, sondern tendenziell nur das, was der Folternde hören will bzw. sowieso zu wissen glaubt. Ich meine, da auch mal von einer Studie gehört zu haben, aber ich erinnere mich nicht genau. Wer will, kann das ganze Thema zum Beispiel hier oder hier ausführlicher nachlesen.

Ich möchte hier ein Argument hinzufügen, das ich in einer sehr empfehlenswerten mehrbändigen Geschichte von Gene Wolfe gefunden habe. Mir scheint, dass es in der öffentlichen Debatte ein bisschen zu kurz kommt. Es ist die oft übersehene Tatsache, dass zu jeder Verhörmaßnahme auch jemand gehört, der sie durchführt. Irgendein (z.B.) Geheimdienstbeamter, der durch den Rechtsstaat, dem er dient, gezwungen ist, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen.

Nur en passant: Dass die Vertreter der ehemaligen Bush-Regierung ernsthaft den Standpunkt vertreten, Waterboarding und vergleichbare Maßnahmen seien keine Folter, finde ich lächerlich. Es spielt in meinen Augen keine Rolle, ob jemand nun wirklich verletzt wird oder nicht. Entweder dienen diese Maßnahmen dazu, jemandem Informationen zu entlocken, indem sie sein Wohlbefinden beeinträchtigen, dann sind sie Folter; oder sie sind nutzlos, dann ist mir nicht ganz klar, warum sie eingesetzt werden. Wenn jemand schon der Meinung ist, solche Methoden würden seiner Sache dienen, sollte er wenigstens dazu stehen und sich nicht hinter Semantik verstecken.

Für mich war diese Geschichte von Wolfe auch insofern eine Schlüssel-Lektüre, als ich mir zuvor meiner Meinung zur Todesstrafe nie ganz sicher war. Natürlich ist sie irgendwie gruselig, aber wenn man mal darüber nachdenkt, ist es doch auch ziemlich furchtbar, jemanden für den Rest seines Lebens einzusperren. Sei dem, wie dem sei. In dem Folterer-Argument habe ich endlich die rationale Grundlage für mein mulmiges Gefühl gegenüber der Todesstrafe gefunden. Denn es ist egal, wie viele Automatismen man auch dazwischenschalten mag, wenn ein Mensch getötet wird, muss ein anderer Mensch die Tat vollbringen. Auch dies ist etwas, wozu meiner Meinung nach niemand in seinem Dienst für den Rechtsstaat gezwungen werden sollte.

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2 Responses to Severian of the Guild

  1. juliaL49 sagt:

    Ein interessanter Aspekt, der nicht unbeachtet werden lassen sollte. Man kennt das ja aus Filmen, dass die Vollstreckung so aufgebaut ist, dass am Ende entweder nicht ganz klar ist, wer schlussendlich den tödlichen Schuss abgab/die tödliche Injektion setze oder dass mehrere gleichzeitig ein Knöpfchen drücken müssen. Ist aber nur Verklausulierung des Problems, das du ansprachst.
    Stichwort Film und Fernsehen: das erinnert mich sehr an die Serie 24. Die kommt mir immer mehr als Propaganda für Folter vor. Der arme Jack Bauer wird durch seine Folterfeldzüge ein menschliches Wrack und moralisch ruiniert, aber der Menschheit wird ja gedient und deswegen müssen wir froh sein, dass in den USA gefoltert wird. Sehr bedenklich!

    PS: Was hat die Überschrift zu bedeuten?

  2. Muriel sagt:

    Bei 24 bin ich nie über die erste Folge hinaus gekommen, aber du hast Recht, das passt wohl auch.
    Die Überschrift ist der Titel einer Gesamtausgabe des „Book of the New Sun“, und das wiederum ist die besagte Geschichte von Gene Wolfe. Gleichzeitig ist es der Name des Protagonisten, der selbst ein Folterer ist.

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