If all dead men lose control of their bowels, even heroes must die without dignity.

Der Bundestag hat seine Entscheidung über die Patientenverfügung getroffen. Für mich ist das Grund genug, hier einmal meine eigenen, nicht immer ganz geordneten Gedanken zu dem Thema niederzulegen.

Es geht mir hier nicht darum, die neue Rechtslage im Detail zu erklären. Wer sich sowas wünscht, findet zum Beispiel hier einen lehrreichen Artikel drüber. 

Vielleicht vorher noch so viel zur grundsätzlichen Erläuterung: Bereits jetzt ist der Wille des Patienten maßgeblich für die Entscheidung, ob und welche Behandlung erfolgt und ob und wann sie abgebrochen wird. Kein Arzt hat das Recht, jemanden gegen seinen Willen zu behandeln. Problematisch ist nur, wie dieser Wille ermittelt wird, wenn der Patient ihn nicht äußern kann, zum Beispiel, weil er bewusstlos ist.

Ich finde, das ist vom Grundsatz her richtig so. Gesamtgesellschaftlich gesehen. Weil ich glaube, dass jeder Mensch ohne Einschränkung über sich selbst verfügen darf. Wenn ein Mensch sterben will, hat meiner Meinung nach niemand das Recht, ihn davon abzuhalten. (Natürlich nur, wenn derjenige bei klarem Bewusstsein ist.) Basis meiner politischen Weltsicht ist die These, dass Menschen frei sind, und dass diese Freiheit nur dort Schranken findet, wo sie anderen schadet. (Nein, die Trauer um einen Verstorbenen zählt für mich in diesem Sinne nicht als Schaden.) Daraus folgt meine Überzeugung, dass aktive Sterbehilfe, Selbstmord und Tötung auf Verlangen völlig in Ordnung sind. Aber das ist eine andere, lange Geschichte.

Ich selbst käme übrigens nie auf die Idee, in einer Patientenverfügung festzulegen, dass unter bestimmten Bedingungen auf medizinische Maßnahmen verzichtet werden soll. Ich habe dafür ein sehr kurzes, klares, für mich restlos unwiderlegbares Argument, das natürlich nur Atheisten einleuchten kann: Ich bin noch lange genug tot. Weil ich glaube, dass nach diesem Leben nichts mehr kommt, glaube ich auch, dass dieses Leben bis in die letzte Sekunde hinein auszuschöpfen ist. Und wenn diese letzte Sekunde eben schmerzhaft ist, und qualvoll, naja. Immerhin erlebe ich was. Bevor jemand fragt: Nein, ich habe noch nie echte Schmerzen erlebt. Vielleicht würde ich es dann anders sehen.

Die Idee von einem würdevollen Tod akzeptiere ich auch nur ganz schwer. Noch mal: Wenn jemand sterben will, muss er das selbst wissen, und natürlich hat jeder seine eigene Vorstellung von Würde, die ich ihm nicht streitig machen will. Ich selbst finde allerdings, dass ein würdevoller Tod ohnehin eine sehr unrealistische Erwartung darstellt. Ich weiß nicht, ob er schon einmal einem Menschen vergönnt war, aber ich bin überzeugt, dass er höchstens so wahrscheinlich ist wie ein Lottogewinn. Und wenn ich mir mal überlege, wie wenig der durchschnittliche Mensch zu Lebzeiten auf seine Würde achtet, dann wundere ich mich doch schon ein bisschen, dass sie ihm beim Sterben plötzlich so wichtig sein soll. Sei’s drum. Jeder entscheidet das für sich selbst. Ich will ja auch nicht, dass mir jemand reinredet.

Schwierig wird es, wenn wir uns nun dem Thema Patientenverfügung annähern. Da geht es ja um jemanden, der möglicherweise noch einen Willen hat, ihn aber nicht äußern kann. Die bisherige Regelung war meines Wissens, dass der so genannte mutmaßliche Wille festzustellen war, und dafür gab es keine festen Regeln. Eine Patientenverfügung floss da also ein, ebenso wie andere schriftliche oder mündliche Äußerungen, ebenso wie die Ansicht von nahen Angehörigen und so weiter. Das steht nicht besonders hoch auf der Rechtssicherheitsskala, aber wir sind hier wohl in einem Bereich, in dem Patientenautonomie und Rechtssicherheit sich nicht gut vertragen. Das Gegenstück wäre eine schrankenlose Maßgeblichkeit einer Patientenverfügung. Schön und gut, könnte ich sagen, passt doch zu dem, was ich oben gesagt habe. Andererseits kommt sogar einem Selbstbestimmungsfundamentalisten wie mir ein bisschen das Grausen, wenn ich mir vorstelle, dass jemand stirbt, weil er dreißig Jahre zuvor mal was aufgeschrieben und dann womöglich vergessen hat. Medizinische Möglichkeiten können sich ändern, ebenso wie persönliche Überzeugungen, und wie sehr man am Leben hängt, hat wohl oft auch einfach mit der aktuellen Laune zu tun.

Diese extreme Verbindlichkeit einer Patientenverfügung ist im neugefassten § 1901a BGB aber auch nicht ganz so vorgesehen. Die Verfügung muss sich erstens auf ganz konkrete Behandlungsmethoden beziehen; zweitens ist zu prüfen „ob diese Festlegungen auf die aktuelle Lebens- und Behandlungssituation zutreffen“. Ist dies der Fall, ist die Verfügung bindend. Anderenfalls ist wieder der mutmaßliche Wille zu ermitteln. Ich denke das nicht oft über Gesetze, und bestimmt gibt es da noch einige Feinheiten, die man besser regeln könnte, aber ich glaube, dass diese Norm damit ziemlich genau meine eigenen Vorstellungen trifft. Und weil ich das noch nie gesagt habe und wahrscheinlich auch so bald nicht wieder sagen werde, will ich es an dieser Stelle wenigstens einmal gesagt haben: Gut gemacht, Bundestag!

Ach ja, für die, die es interessiert: Die Überschrift ist aus der Genesys-Trilogie von Brian Stableford. Ganz merkwürdiger Stoff (ohne Bezug zu Sterbehilfe), aber brillant. Kurz gesagt: Wenn euch der Spruch gefällt, gefällt euch auch der Rest. Wenn nicht, lasst lieber die Finger davon.

3 Responses to If all dead men lose control of their bowels, even heroes must die without dignity.

  1. juliaL49 sagt:

    Interessante Aspekte, die du da ansprichst. Und erstaunlich deckungsgleich mit meinen. Zwar würde ich bzgl. akiver Sterbehilfe vorsichtiger argumentieren (von wegen leichtem Missbrauch, wo ist die Grenze etc), aber prinzipiell dagegen bin ich auch nicht.
    Wobei man argumentieren könnte, dass jemand der zu einem bestimmten Zeitpunkt unbedingt sterben möchte, das zu einem späteren Zeitpunkt genau anders herum sieht. Stichwort Schmerzen. Ist natürlich irrelevant bei Patienten im Endstadium.
    Das bedeutet aber nicht, dass ich jetzt eine Patientenverfügung aufsetze…

    PS: Dass Atheisten angeblich am stärksten am Leben festhalten, ist erstaunlicherweise falsch. Diejenigen, die am meisten Angst vor dem Tod haben, sind diejenigen mit dem unerschütterlichsten Glauben. Klingt komisch, ist aber so.

  2. Muriel sagt:

    Danke für deine Hinweise!
    Die Missbrauchsgefahr und die Unklarheit bei Grenzen und Beweisfragen sehe ich natürlich auch; das sind aus meiner Sicht dann aber eben Fragen der Beweisführung und nicht der grundsätzlichen Strafbarkeit.
    Das mit der Angst vor dem Tod bei gläubigen Menschen überrascht mich nur ein bisschen. Die haben ja schließlich nicht nur mehr zu erhoffen, sondern auch mehr zu befürchten als wir…

  3. […] sehe widerwillig ein, dass es Fälle gibt, in denen einem sowas so richtig aus der Seele spricht. Man muss sich […]

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