Nimmermehr

Zu meinem letzten literarischen Experiment wurde mir geraten, beim nächsten Mal doch eine Geschichte in kleineren Häppchen zu veröffentlichen. Ich nehme diesen Vorschlag dankend an und unternehme einen neuen Versuch. Quasi als Fortsetzungsroman. Dieser ist  um 2004 entstanden und insgesamt viel länger als die letzte Geschichte, so ca. 60.000 Wörter, und der Preis der Aufteilung ist natürlich, dass das jetzt ein ziemlich langfristiges Projekt wird. Aber im Internet ist ja bekanntlich viel Platz. Was haltet ihr von meinem Plan?

Die Geschichte heißt

Nimmermehr

Die grauen Steinklippen ragten fast einhundert Meter hoch aus dem schaumigen Meer, das von einer kräftigen Brise aufgewühlt wurde und unter den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne matt funkelte.
Das zweistöckige weiße Haus war mit schrägen Stahlträgern und -seilen fünfundsiebzig Meter über dem Wasser an der Felswand befestigt. Es war eine Herausforderung für den Architekten gewesen, und nicht wenige hatten der Bewohnerin des Hauses gesagt, es sei gar nicht möglich, bevor sie schließlich einen gefunden hatte, der – je nach Perspektive – mutig oder dumm genug für das Projekt war.
Die Bewohnerin lag schlafend einem schlichten weißen Bett in dem großen Zimmer, das die obere Etage des Hauses ausfüllte, in ihren Armen ein ebenfalls schlafender Golden Retriever, ihr Gesicht in dem flauschigen Fell am Hals des Hundes vergraben. Sie war eine sportliche junge Frau, Ende zwanzig, mit schulterlangen hellbraunen Haaren, in einem weißen Pyjama mit Sitting-Ducks-Motiv.
Der rechteckige Raum maß zwölf mal neun Meter, aber das Bett war das einzige Möbelstück darin. Auf Seiten der Klippe bildete der Fels selbst die Wand, ohne weitere Verzierung, mit einer einfachen Stahltür darin, die anderen drei Wände bestanden aus großen Fenstern, die nur gelegentlich durch Säulen unterbrochen wurden, die den Boden mit dem ebenfalls durchsichtigen Dach verbanden. Hätte jemand mit einem guten Fernglas oben auf der Klippe gestanden, hätte er die junge Frau und den Hund auf dem Bett gut erkennen können. Dort stand aber niemand. Das Haus am Fjord war sehr abgelegen. Florø, der nächste Ort, lag über hundert Kilometer entfernt.
Die Bewohnerin des weißen Hauses schlug die Augen auf. Sie blinzelte und bemerkte, dass das Zeug in ihrem Gesicht Hundehaare waren. Sie drehte sich auf den Rücken, blickte in den grauen Morgenhimmel und streckte sich leise seufzend.
„Zeit aufzustehen“, murmelte sie, und nun öffnete auch der Hund seine Augen.
Ihre Augen eigentlich, denn der Hund war eine Hündin. Hanne.
Mit einer geschmeidigen Bewegung sprang die Bewohnerin des Hauses am Fjord auf die Füße und ging zu den Fenstern, um auf das kabbelige Meer hinaus zu blicken. Hanne folgte ihr wenig später, stellte sich neben sie und schob ihren Kopf unter ihre Hand. Abwesend kraulte die Frau den Kopf des Tieres.
Dann wirbelte sie herum und lief zu der Tür in der Felswand. Die Tür führte zu einem Lift, der sie bis hinunter zum Meer brachte. Hanne ließ sie oben im Haus zurück. Sie sprang mitsamt Pyjama in das 11°C kalte Wasser und absolvierte ihr rund sechzigminütiges tägliches Schwimmpensum. Den Pyjama behielt sie beim Schwimmen oft an. Er bekam dadurch einen leichten Meeresduft, den sie liebte, und der ihr wundervolle Träume bescherte. Dass das mit den Träumen an dem Pyjama liegt, konnte sie natürlich nur vermuten.
Nach einer knappen Stunde stieg sie zitternd mit einer Gänsehaut an einer Strickleiter aus dem Wasser und fuhr hinauf ins Erdgeschoss des Hauses, wo Hanne bereits vor der Tür des Aufzugs auf sie wartete und sie freudig begrüßte.
Neben der Tür des Aufzugs hing ein Werbeplakat mit dem Bild einer jungen Frau und dem Slogan „Ich bin ein Monster“.
Die Bewohnerin des Hauses am Fjord tätschelte kurz den Kopf der Hündin und rann-te dann unter die Dusche, wo sie eine gute halbe Stunde lang herrlich heißes Wasser über ihren unterkühlten Körper laufen ließ.
Als sie ausstieg, zuckte sie zusammen, sog scharf die Luft zwischen ihren Zähnen ein, nahm ihren rechten Fuß in die Hand und betrachtete ihn verwirrt. Er blutete, und eine kleine Glasscherbe steckte in ihrem Ballen. Sie zog die Scherbe heraus und sah die anderen Scherben auf dem Boden, große und kleine, und die leere Stelle an der Wand über dem Waschbecken, und sie erinnerte sich. Für einen Augenblick wanderten ihre Augen unstet durch den Raum. Ein unsicheres Lächeln zuckte um ihre Mundwinkel, als ihr Blick auf die fast verheilten Schnitte an den Knöcheln ihrer linken Hand fiel. Sie achtete darauf, nicht mehr auf die Scherben zu treten und nahm sich nicht zum ersten Mal vor, sie bei Gelegenheit aufzukehren.
Nachdem sie im Badezimmer fertig war und den nassen Pyjama gegen einen Fleece-Freizeitanzug ausgetauscht hatte, spielte sie mit Hanne, bis ihr Telefon klingelte.
„Ja?“
„Lenore?“ sagte die Stimme am Telefon.
„Hallo Clarence“, sagte sie.
Sie warf Hanne einen kurzen Blick zu und seufzte leise.
Sie sprach kurz mit der Stimme aus dem Telefon und legte dann auf. Hanne sah erwartungsvoll zu ihr auf, in der Hoffnung, dass sie den zerkauten Tennisball noch einmal für sie werfen würde. Ihr Schwanz wedelte fröhlich von links nach rechts. Die Hündin erkannte nicht den traurigen Ausdruck auf dem Gesicht ihrer Herrin. Die Bewohnerin des Hauses am Fjord öffnete die Schreibtischschublade und zog etwas daraus hervor.
„Komm mal her, Hanne.“
Die junge Frau kniete vor dem Tier nieder und kraulte seinen Kopf.
„Hanne, ich muss dir was sagen“, murmelte sie leise.
Tränen begannen über ihre Wangen zu laufen. Ihre Stimme zitterte, während sie fort-fuhr.
„Hanne, ich muss leider für eine Weile fortgehen. Ich kann nicht genau sagen, wie lange, aber es dauert sicher ein paar Tage, vielleicht über eine Woche. Ich kann dich solange nicht…“
Ihre Stimme brach, und sie begann von vorne. Hanne sah ihr stumm in die Augen. Ihre Rute bewegte sich nicht mehr.
„Ich kann dich so lange nicht alleine lassen, du weißt ja, dass…“ Sie stockte wieder. Sie flüsterte, als sie weiter sprach.
„Du weißt ja, dass jemand dich füttern muss, und auf dich aufpassen und so.“
Sie atmete tief durch. Der Blick der Hündin schien ihr auch ein wenig traurig, als ahn-te Hanne schon, was ihre Herrin ihr sagen wollte.
„Ich muss jetzt von dir Abschied nehmen, Hanne.“ Sie schluchzte. „Du weißt doch, dass ich dich liebe, oder? Das weißt du doch?“
Die junge Frau setzte die Spitze des langen Jagdmessers gegen den Hals der Hündin, die ihren Blick noch immer voller Verständnis und voller Vertrauen erwiderte. Tränen liefen an ihrem Hals herab und tropften von ihrem Kinn auf den Boden.
„Du warst eine gute Freundin, Hanne“, murmelte sie, „Und ich hoffe, dass ich auch eine war.“
Sie durchstach die Halsschlagader.
Ihr Körper erbebte in krampfartigem Schluchzen, während sie Hannes Leichnam in den Lift zog, um ihn in den Fjord zu werfen. Zu den anderen.

14 Responses to Nimmermehr

  1. pyrrhussieg sagt:

    Also Häppchen: Ich bin mal gespannt, ob die Dramaturgie der Geschichte ausreicht, um sie so zu erzählen. Wobei du nicht mit einen Erdbeben beginnst – und die Dramaturgie dann langsam steigerst. 😉

  2. Muriel sagt:

    Er nu wieder, immer der Kritiker…
    Aber ich freu mich über jede Rückmeldung. Die Dramturgie von „Nimmermehr“ ist nicht auf einen Fortsetzungsroman ausgelegt, und ich werd noch ein bisschen rumprobieren müssen, um den richtigen Rhythmus und die richtige Häppchengröße zu finden. Deshalb würde ich mich über möglichst viele Kommentare freuen, um zu erfahren, wie es bei euch ankommt.
    Zurzeit denke ich an zwei Stücke pro Woche à ca. 2 Seiten. Morgen wär dann das nächste dran.

  3. pyrrhussieg sagt:

    …lass dich nicht von solchen Miesepetern in Boxhorn jagen. 🙂

  4. […] Hoppla, das ist jetzt ein bisschen peinlich… Ich hatte in meinem ersten Nimmermehr-Beitrag ja schon geschrieben, dass die Geschichte aus dem Jahr 2004 stammt. Seitdem ist mir aufgefallen, […]

  5. keoni sagt:

    Tut mir Leid, dass es so lange gedauert hat. Endlich hatte ich die Zeit, alles einmal zu lesen. Dafür bekommst du nun auch alle meine Kommentare auf einmal.

    Natürlich ist es saufies, was die Bewohnerin des Hauses am Fjord mit der armen Retrieverhündin anstellt, aber andererseits lese ich unheimlich gerne von psychotischen Charakteren.

    Der Schluss der Szene stellt das „Ich bin ein Monster“-Plakat in ein ganz anderes Licht. Angesichts ihres Charakters wirklich eine tolle Idee!

  6. Oliver sagt:

    Gut….Ende ein wenig umstylen…ist zu unklar…vielleicht auch erstmal weiter machen und später darauf zurückkommen?

  7. Muriel sagt:

    @Oliver: Danke für den Hinweis, das überdenke ich. Obwohl mir das Ende dieses Kapitels eigentlich immer ausnehmend gut gefallen hat.

  8. Oliver sagt:

    Das ist ja auch immer Geschmackssache. Ich finde, es fällt ein bißchen die Erklärung, wieso sie es macht. Aber vielleicht reichst Du die auch nach 😉

  9. Andi sagt:

    Für meine Begriffe kommt die Erläuterung ein wenig in dem Teil, wo Lenore mit dem Mädel mit der toten Katze spricht. Und, hey: es handelt sich um eine Auftragsmörderin, eine Soziopathin. Muss man da wirklich erklären, wieso sie ihr Haustier umbringt?

    Es war exakt das Ende dieses Teils, das mich bewogen hat, weiterzulesen, weil ich durch dieses Ende angefangen habe, die Figur der Lenore interessant zu finden.

  10. pampashase sagt:

    …ich hatte erst gedacht…so als Hundehalter…erstmal bringt man morgens den Hund raus…aber dann am Ende, okay, jetzt ist er mit voller Blase gestorben.

    Bin gespannt, wie es weiter geht 🙂

  11. madove sagt:

    Ich vermisse die Leserfragen… Ich hab erst vorgehabt, das komplette pdf zu lesen, aber eigentlich mag ich die kurzen Häppchen mit den anschließenden Kommentaren.

    Mir gefällt das Setting, ich kann mir das Haus lebhaft (und neidvoll) vorstellen, im Moment noch viel deutlicher als seine Bewohnerin. Während ich mich also noch frage, ob mich interessiert, was mit dieser Frau passiert, kommt das überraschende Ende und macht mich extrem neugierig (und entsetzt…)
    Ich werde also weiterlesen.

  12. Muriel sagt:

    Wow, das ging ja schnell. Ich freu mich und bin gespannt auf deine Meinung.
    Ja… Nimmermehr war mein erster Fortsetzungsroman, und mit den Fragen habe ich irgendwann mittendrin angefangen, wenn ich mich richtig erinnere.
    Ich würde anbieten, dir welche zu schreiben, aber du hast ja schon beinahe die Hälfte durch, oder so, da lohnt sich das schon fast nicht mehr.

  13. […] das sprach mich durchaus an. Wien mag ich, 1906 ist doch keine schlechte Zeit für ein Buch, und Serienmörder sind ja irgendwie mein Ding. Auch sonst kann ich eigentlich nichts Nachteiliges über das Buch sagen. Britta Hasler hat hier […]

  14. […] nur die Veröffentlichung von Gebunden gehört, sondern auch die der Geschichte, die früher mal Nimmermehr hieß. Während ich bei Gebunden um eure Hilfe bei der Titelfindung bat – noch mal vielen Dank […]

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