Nimmermehr (3)

Heute präsentiere ich euch den dritten Teil meines Fortsetzungsromans „Nimmermehr“. Alle, die jetzt noch einsteigen wollen, können hier ausführlich nachlesen, was bisher geschah.

Kurz zusammengefasst haben wir im ersten Teil eine junge Dame kennen gelernt, die an einem norwegischen Fjord wohnt und offenkundig unter ernst zu nehmenden psychischen Beschwerden leidet. Diese junge Dame bekam in der ersten Szene einen Anruf von Clarence und musste sich auf den Weg machen, um etwas für ihn zu erledigen. Sie bekommt später auch einen Namen, aber noch kennen wir den nicht. Der zweite Teil stellte uns Sonja vor, eine junge Journalistin, die zurzeit nicht ganz freiwillig ihren Bruder bei sich beherbergt und einen geheimnisvollen Anruf bekommen hat, in dem ihr eine große Verschwörungsgeschichte angekündigt wurde.

Viel Vergnügen.

Während Sonia im Fernsehen zusah, wie Bobby Garfield zum ersten Mal Ted Brautigan begegnete, stieg eine junge Frau in ein Flugzeug der Lufthansa auf dem Flughafen von Oslo. Ihre hellbraunen Haare waren zu einem Zopf gebunden, der bis unter ihre Schulterblätter herabhing, sie trug Jeans, einen hellgrauen Pullover und eine braune Lederjacke und sah der Bewohnerin des Hauses am Fjord wirklich nicht besonders ähnlich. Abgesehen von den fast geheilten Schnittwunden auf den Knöcheln der linken Hand. Ihr Handgepäck bestand aus einer schlanken hellblauen Laptophülle und einer Ausgabe des Extremsportmagazins New Spirits.
Sie sah dem zweistündigen Flug nach Frankfurt mit einer gewissen Unruhe entgegen. Sie wusste, dass sie immer schreckliches Pech mit ihren Sitznachbarn in Flugzeugen hatte, und es war ihr so kurzfristig nicht mehr gelungen, ihren Nachbarplatz mit zu buchen. Sie war dankbar dafür, dass Lufthansa in der Business Class die mittleren Plätze freihielt. Das war natürlich keine Lösung, aber doch eine Erleichterung. Die junge Frau war eigentlich nicht besonders empfindlich, was andere Menschen anging, obwohl sie sehr abgelegen wohnte. Sie hatte kein Problem mit U-Bahn-Fahrten, sogar zu Stoßzeiten, und sie hatte sich schon oft genug in voll besetzte Busse drängeln müssen, um sich daran gewöhnt zu haben. Sie unterhielt sich von Zeit zu Zeit sogar gerne mit Taxifahrern. Sie hatte einfach nur schreckliches Pech mit ihren Flugnachbarn. Sie bekam immer die hilflosen Mütter mit verzweifelten Säuglingen, Siebenjährige mit nervösem Magen, alte Frauen mit Fotos von ihren Enkeln und fette Geschäftsleute mittleren Alters mit roten Nasen, die permanent wie hypnotisiert auf ihre Brüste starrten, solange keine Stewardess dafür verfügbar war. Immer.
Sie betrat das Business-Class-Abteil und suchte ihren Platz. Der Nachbarplatz war bereits besetzt. Sie hatte den Platz am Gang. Am Fenster saß ein junger Mann in einem mittelmäßig sitzenden aber teuren grauen Anzug, in dessen Gesicht sie wie in einem Buch lesen konnte. Er sah sie an, erkannte, dass sie in seinem Alter war, hielt sie für attraktiv und begann, nachzudenken, wie er sie ansprechen konnte. Während sie sich setzte, nickte er ihr zu und bewegte die Lippen, ohne tatsächlich einen Gruß auszusprechen. Er war unsicher. Aber sie wusste, dass das kein gutes Zeichen war. Sie hasste ihn jetzt schon. Sie seufzte und lehnte sich in ihren Sitz. Vielleicht lag es gar nicht an ihren Nachbarn. Vielleicht lag es am Flugzeug. Sie hasste Flugzeuge. Vielleicht projizierte sie das auf die anderen Insassen und hatte deshalb das Gefühl, immer neben unerträglichen Scheusalen zu sitzen. Sie fuhr nachdenklich mit der Zunge an ihren Zähnen entlang und beschloss, dass es einfach wirklich nur an ihren Sitznachbarn lag.
„Machen Sie so was etwa?“ fragte der Mann auf Schwedisch.
Er sprach zu laut und in einem Ton künstlicher Fröhlichkeit.
„Hah? Ach so.“ Er sah das Magazin an. Und grinste als wolle er einen Wettbewerb gewinnen. „Nein, würde ich nie tun.“
„Zu gefährlich, hm?“
Großer Gott. Sie nickte und packte den Laptop aus. Dann fiel ihr ein, dass sie warten musste, bis das Flugzeug abgehoben hatte und die dämlichen Anschnall-Lampen aus waren. Sie schnitt eine Grimasse und packte das Gerät wieder ein.
„Tja, äh… Sie müssen noch arbeiten, was?“
„Glücklicherweise nicht“, log sie. „Hab frei.“
„Tja… Mm… Was machen Sie denn so?“
Großer Gott.
„Ich arbeite für Vattenfall.“
„Das klingt spannend. Was machen Sie denn da? Ich heiße übrigens Ragnar.“
Während die Maschine zur Startbahn rollte und abhob, nannte sie ihren Namen als Linda und erzählte ihm von ihrer imaginären Tätigkeit. Sie leitete ein so genanntes CDM-Projekt in Pakistan. Sie erklärte ihm, dass CDM-Projekte durch das Kyoto-Protokoll in die Welt gebracht worden waren und dass Vattenfall sozusagen einen Bonus dafür bekam, in Entwicklungsländern die Emission von Treibhausgasen zu reduzieren. Sie hatte kaum gehofft, ihn damit hinreichend langweilen zu können, und tatsächlich hörte er ihr mit nicht nachlassender Aufmerksamkeit zu.
Bing. Die Anschnall-Lichter verloschen. Linda holte wieder den Laptop hervor und schaltete ihn ein.
„Doch noch Arbeit?“
Sie unterdrückte ein Stöhnen.
„Neinnein.“ Sie lächelte ein falsches Lächeln, das aber ehrlicher wirkte als seins. „Ich muss nur noch einen Rekord brechen.“
Sie setzte eine Display-Brille auf, deaktivierte das Display des Laptops und startete ein Programm namens Discordia, Inc. Was auf dem Bildschirm erschien, sah aus wie ein Spiel. Es begann mit dem Grundriss eines Hauses, durch das sie eine kleine Figur bewegte. Es war ein riesiges Haus.
„Ihr eigener Rekord?“
„Genau.“
„Welches Spiel denn?“
Sie dachte darüber nach, ihn direkt zu beleidigen, damit er Ruhe gab. Gelegentlich begegneten der kleinen Spielfigur andere Figuren, und dann erschien ein Fenster am Bildrand, das Fotos und eine Beschreibung der Figur beinhaltete. Nach einer Weile verschwanden die Fenster, und die kleine Spielfigur wanderte weiter durch den Grundriss des Hauses. Es wäre ein schrecklich langweiliges Spiel gewesen, wenn es ein Spiel gewesen wäre.
„Was für ein Spiel ist denn das?“
„Oh, das ist so ein uraltes Ding“, antwortete sie und wedelte unbestimmt mit ihrer linken Hand herum. „Eigentlich ist es nicht mal besonders lustig, aber ich komm irgendwie nicht davon los.“
Er lachte.
„Ja, so was kenn ich. Ich spiel immer noch manchmal stundenlang Tetris.“
„Genau so was ist das.“
Sie bekam Kopfschmerzen. Ganz plötzlich, und sehr schmerzhaft. Das lag aber nicht an ihrem Nachbarn, obwohl sie sich wünschte, es wäre so.
Der Spielfigur begegnete eine neue andere Figur. In dem Fenster am Bildrand erschien das Foto eines kleinen Jungen, nach den Angaben darunter war er acht Jahre alt, hieß Bernd Junker und besuchte eine Hamburger Privatschule in der Warnowstraße. Neben diesen Grunddaten enthielt das kleine Fenster ein eigentümliches Sammelsurium von Informationen, von den Namen seiner Freunde über sein Lieblingsspiel und sein liebstes Essen bis hin zu dem Kostüm, das er gerne zu Karnevalszeiten trug.
„Wollen Sie direkt nach Frankfurt oder reisen Sie noch weiter?“
„Ich will nach Hamburg.“
Sie erlaubte sich ein leise gehauchtes Seufzen und wählte die OK-Schaltfläche in dem kleinen Fenster an. Die Figur des kleinen Jungen verschwand, und die Spielfigur der jungen Frau verließ sein Schlafzimmer.
„Ich bleibe in Frankfurt. Kennen Sie die Stadt?“
Großer Gott. Sie zog blind mit ihrer freien linken Hand einen Milky-Way-Riegel aus ihrer Tasche und hielt ihn eine Weile. Dann begann sie ihn einhändig auszupacken, während die rechte weiterhin den Computer bediente. Sie hatte das sichere Gefühl, dass sie auf dieser Reise sehr viele Schokoladenriegel brauchen würde. Glücklicherweise hatte sie genug dabei.
Sie aß alle sieben und kaufte am Flughafen Frankfurt noch ein Dutzend. Sie war richtig erleichtert, als sie in ihr zweites Lufthansa-Flugzeug stieg und auf dem Nachbarsitz die fette ungewaschene Frau erblickte, deren Finger tief in die Armlehne gepresst waren, der Schweiß auf der Stirn stand und die mit bebenden Lippen durch die Lehne des Sitzes vor ihr stierte.

11 Responses to Nimmermehr (3)

  1. pyrrhussieg sagt:

    Mir fällt gerade auf, dass man ganz gut ein „was bisher geschah“ oben einbauen könnte. Für später Hinzugekommene. Habe den zweiten und diesen Teil leider noch nicht gelesen…

  2. Muriel sagt:

    pyrrhussieg, du bist mein treuster Kommentator und ich freue mich immer besonders über deine Verbesserungsvorschläge, aber falls das nicht eine besonders subtile Form von Ironie sein soll, muss ich dich bitten, die Einleitung oben einfach noch einmal zu lesen.

  3. pyrrhussieg sagt:

    Sorry. Gemeint war ein „was bisher geschah“ in Sinne einer kurzen Zusammenfassung.

  4. Muriel sagt:

    Ach so. Habe ich eingefügt, obwohl ich mir das eigentlich so gedacht hatte, dass ihr die Geschichte lest, nicht eine Zusammenfassung…

  5. keoni sagt:

    Bis jetzt gefällt mir diese Szene am besten.

    Die Dialoge und das Sitznachbarproblem finde ich sehr unterhaltsam und außerdem taucht ja meine Lieblingspsychopathin darin wieder auf.

    Gibt es solche Display-Brillen wirklich?

  6. fragmentjunkie sagt:

    „Sie fuhr nachdenklich mit der Zunge an ihren Zähnen entlang und beschloss, dass es einfach wirklich nur an ihren Sitznachbarn lag.
    „Machen Sie so was etwa?“ fragte der Mann auf Schwedisch.“

    Ich verstehe die Anspielung nicht.

  7. Muriel sagt:

    @fragmentjunkie: Lenore denkt, dass es nicht an ihr liegt, dass sie sich auf Flügen immer so über ihre Nachbarn ärgert, sondern an denen, und er bezieht sich auf das Extremsportmagazin, das sie bei sich hat. Oder meinst du eine andere Anspielung?

  8. pampashase sagt:

    Ich hatte Probleme mit dem Satz..Sie war eigentlich Misanthropin Sinne und…

    Sie war eigentlich Misanthropin und…
    Sie war misanthropen Sinne und..

    Ich steh auf dem Schlauch…soll das da so stehen?

    Ich wundere mich auch über so wenig Gegenwehr bei so einem nervigen Typen…und das bei einer Psychopatin 🙂

  9. Muriel sagt:

    @pampashase: Die Probleme hast du völlig zu Recht. Da habe ich versucht, eine Formulierung zu ändern, habe aber aus irgendeinem Grund mittendrin aufgehört. Dankeschön!

  10. madove sagt:

    Wahhh! Woher kennst Du diese Typen, die immer mit mir im Zug sitzen? Ihr einziger Nutzen ist, daß man als Frau das Älterwerden auch als großen Segen empfinden kann. Nein, eigentlich nicht, die Typen werden dann auch älter… ach egal… was ich eigentlich sagen will: Sehr fein beobachtet, sehr amüsant beschrieben!

  11. Muriel sagt:

    @madove: Danke. Ich selbst hatte eigentlich nie ein vergleichbares Erlebnis, aber ich konnte es mir gut vorstellen.

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