Nimmermehr (4)

So, ein bisschen später als geplant bekommt ihr heute von mir den vierten Teil meines Fortsetzungsromans „Nimmermehr“. An diesem Kapitel war eine Menge zu tun, und so vollendet sicher bin ich mir mit dem Ergebnis auch noch nicht. Wenn ihr mögt, könnt ihr mir ja ein paar Tipps geben.

Kurz zusammengefasst haben wir im ersten Teil eine junge Dame kennen gelernt, die an einem norwegischen Fjord wohnt und offenkundig unter ernst zu nehmenden psychischen Beschwerden leidet. Diese junge Dame bekam in der ersten Szene einen Anruf von Clarence und musste sich auf den Weg machen, um etwas für ihn zu erledigen. Sie bekommt später auch einen Namen, aber noch kennen wir den nicht.
Der zweite Teil stellte uns Sonja vor, eine junge Journalistin, die zurzeit nicht ganz freiwillig ihren Bruder bei sich beherbergt und einen geheimnisvollen Anruf bekommen hat, in dem ihr eine große Verschwörungsgeschichte angekündigt wurde.
Im dritten Teil waren wir dabei, als eine junge Frau, die der Fjordbewohnerin des ersten Teils kein bisschen ähnelte, in Oslo ein Flugzeug nach Deutschland bestieg, auf dem Weg nach Hamburg.

Wer’s genauer wissen will, klickt hier oder auf den Tag „Nimmermehr“ weiter unten.

Am nächsten Tag verbrannte einer der Staatsanwälte, die eines der zahllosen Verfahren gegen den italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi betrieben, bei einem aus unbekannter Ursache ausgebrochenen Feuer gemeinsam mit einigen wichtigen Beweismitteln. Sonia war auf unpassendste Weise überglücklich und lief mit einem dümmlichen Grinsen zu Dr. Meiller.
„Zufallstreffer“, sagte er.
„Zufallstreffer?“ fragte Sonia.
„Klar.“ Dr. Meiller stützte die Ellenbogen auf seinen Schreibtisch und legte die Finger vor seinem Kinn aneinander. „Jeden Tag kommen Tausende von Menschen ums Leben. Ach, wahrscheinliche sind es jede Stunde Tausende.“
„Aber nicht jeder davon läuft über den Ticker.“
„Klar. Aber wie viele Todesfälle bekommen wir im Schnitt pro Stunde über den Ticker? Doch bestimmt mindestens zehn.“
„Aber das hier ist was Politisches. Das ist… doch so was Ähnliches.“
Sie wusste, dass das nicht viel Sinn ergab. Aber sie war eben enttäuscht und hatte keine Lust, vernünftig zu sein.
„Es hat gar nichts mit der Ermordung von Indira Gandhi zu tun. Überhaupt nichts. Es ist immer noch sehr gut möglich, dass Ihre Anruferin sich einfach wichtig machen will. Es ist sogar sehr wahrscheinlich.“
„Was schlagen Sie vor?“
„Wir sollten den nächsten Dienstag abwarten. Wenn dann zum Beispiel der Papst stirbt oder die First Lady ermordet wird, werde ich mich bei Ihnen entschuldigen, und Sie haben eine Story. Eine gute wahrscheinlich.“
„Aber… Es geht hier um Menschenleben.“
Er öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber sie kam ihm zuvor:
„Schon gut, ja; das sollte jetzt nicht so melodramatisch klingen. Aber offenbar bezieht sich die Verschwörung doch auf Mordanschläge. Wenn wir jetzt schon anfangen zu recherchieren“, sie zuckte ostentativ die Schultern, „Wer weiß? Vielleicht können wir dann sogar dazu beitragen, den Anschlag am Dienstag zu verhindern. Vielleicht können wir das Opfer warnen.“
„Sehen Sie viel fern, Frau Schopp?“
Sie grinste.
„Ich verstehe Ihren Standpunkt ja“, sagte sie.
„Oh, vielen Dank.“
„Sie wissen, wie ich das meine.“
Er lächelte und nickte. Dr. Meiller war eigentlich ein ziemlich netter Kerl für einen Chefredakteur.
„Ich meine“, fuhr Sonia fort, „Es schadet doch nicht. Was riskieren wir schon? Dann schreibe ich eben einen Bericht vom Schützenfest weniger, oder ich arbeite außerhalb meiner eigentlichen Arbeitszeit dran. Das könnte ich doch machen, oder?“
„Klar, das könnten Sie machen. Aber die Berichte vom Schützenfest bleiben.“ Er lächelte, als er hinzufügte: „Da könnte ja schließlich auch jemand sterben. Halali.“

Sonia hatte bis Dienstag nicht besonders viel gefunden, hatte es aber geschafft, so lange über die Sache nachzudenken und sich so eingehend damit zu beschäftigen, dass sie nun ohne jeden vernünftigen Grund fest daran glaubte, dass etwas dran war an ihrer noch-keine-Geschichte. Sie sorgte sich deshalb ein bisschen um ihr Urteilsvermögen, aber nicht sehr.
Ungeduldig wartete sie auf die große Nachricht und gab sich redlich Mühe, ihre eigentliche Arbeit darüber nicht mehr zu vernachlässigen, als unvermeidlich war. Es war sehr ärgerlich, dass sie nicht einmal die ungefähre Uhrzeit kannte, zu der sie mit der Meldung rechnen musste. Sie nervte sich selbst furchtbar damit, dass sie den ganzen Tag lang alle fünf Minuten auf den Ticker schaute und jede einzelne der zum Teil völlig absurden Meldungen nach Hinweisen auf eine gigantische internationale Verschwörung durchsuchte.
Kurz vor der Mittagspause gestand sie sich ein, dass der Versuch, ihre Arbeit nicht zu vernachlässigen, völlig missglückt war. Sie hatte noch nicht einmal die Hälfte von dem geschafft, was sie eigentlich am Vormittag erledigt haben wollte. Dr. Meiller würde darüber nicht sehr erfreut sein. Sonia wollte nicht für den Rest ihres Lebens Schützenfest-Artikel schreiben. Sie nahm sich vor, sich am Nachmittag besser zu konzentrieren und außerdem die Mittagspause ausfallen zu lassen. Sie war ohnehin nicht besonders hungrig.
Um 13:49 Uhr meldete dpa einen Anschlag auf US-amerikanische Truppen im Irak. Um die zwanzig Soldaten und zwei hochrangige Offiziere seien dabei ums Leben gekommen. Schrecklich, zweifellos, aber irgendwie nicht… aufsehenerregend genug. Sonia fand sich selbst ein bisschen zynisch, weil sie das dachte, aber es wäre eine spektakulärere Meldung gewesen, wenn mal einen Tag lang niemand bei einem Anschlag im Irak gestorben wäre.
Um kurz vor vier stand ihr Ressortleiter Friedrich Junius vor ihrem Schreibtisch und faltete sie auf Postkartengröße, weil ihm der Artikel über das Altonaer Stadtteilfest nicht gefiel. Er benutzte Begriffe wie „Abizeitung“ und „Tagebuch einer Dreizehnjährigen“. Junius spielte gerne mal den harten Mann und sie nahm nicht jedes Wort ernst, aber andererseits würde er Sonias Personalbeurteilung schreiben. Sie seufzte und versuchte sich an einer fesselnderen Schilderung der Buden und Karussells.
Die Tickermeldung, auf die sie wartete, kam nicht. Auf ihre überarbeitete Version des Artikels bekam sie von Junius nur eine Mail mit dem Text: „Sieh zu, dass du morgen wieder bei der Stange bist!“ und einem ClipArt von einem zornig auf und ab springenden Mann im Anzug mit knallrotem Gesicht. Er liebte ClipArts. Er war der einzige Kollege, den sie wirklich überhaupt gar kein bisschen leiden konnte. Natürlich musste ausgerechnet der ihr Chef sein.
Sie blies sich mit bockiger Miene eine Haarsträhne aus dem Gesicht und vollführte im Geiste eine obszöne Geste in Richtung seines Büros. Dann warf sie einen letzten Blick auf den Ticker – Snoop Dogg in eine Schießerei verwickelt, aber offenbar unverletzt – und stand auf.
Was war los? Hatte die Frau am Telefon wirklich nur gesponnen? Oder hatte sie die entscheidende Nachricht übersehen? War es vielleicht doch der Anschlag auf die Soldaten gewesen?
Sie seufzte und streckte die Hand nach ihrem Computer aus, als eine Nachricht von Dr. Meiller auftauchte.
„War was?“ stand im Betreff.
„Leider nicht“, schrieb sie zurück, schaltete das Ding aus und machte sich auf den Nachhauseweg.

Sie fand, dass heute ein guter Abend war, um sich zu betrinken.
In ihrer Wohnung fand sie ihren Bruder zusammen mit zwei Freunden vor, die sie noch nicht kannte. Sie setzte sich zu ihnen, und nach einer Weile und zwei Gläsern Caipirinha fand sie sie eigentlich ganz nett. Nur wenige Gläser Caipirinha später konnte sie sogar laut über ihre Witze lachen und fühlte sich richtig wohl mit ihnen. Wer hätte gedacht, dass so ein mieser Tag in so einen lustigen Abend münden würde?
Neddi erzählte gerade eine rasend komische Geschichte davon, wie sie bei Kaufhof eine Uhr geklaut hatte und Sonia prustete vor Lachen, als bei Martens ständigem Herumgezappe eine Nachrichtensendung auftauchte.
„Ermordet aufgefunden. Die Polizei gibt aus ermittlungstaktischen Gründen keine Einzelheiten bekannt, nach uns vorliegenden Informationen wurden Junker und seine Familie furchtbar zugerichtet. Unser Reporter vor Ort ist Heinz Gelder. Heinz, kannst du mich hören?“
Er war schon bei HSE24, als Sonia sich so weit in den Griff bekommen hatte, dass sie unter Mühen und mit kaum unterdrücktem Kichern hervorbringen konnte:
„Geh noch ma zurück zu den Nachrichten!“
„Quatsch!“ erwiderte er, „Is doch totlangweilig!“
Sie atmete tief durch und bemühte sich, ihren etwas verstreuten Verstand zu sammeln.
„Nein, ich will das sehen! Los!“ quengelte sie, und lehnte sich über Neddi zu ihm hinüber, um ihm die Fernbedienung wegzunehmen.
Neddi lachte auf, und Marten lachte mit.
„Schon gut, schon gut.“
Er gab ihr die Fernbedienung. Sie begann, sich ein bisschen über den Caipirinha zu ärgern, während sie erst die richtigen Tasten und dann den richtigen Sender suchte.
„Gibt uns leider keine genaueren Auskünfte, aber allem Anschein nach wurde Rudolf Junker am heutigen Abend in seiner Hamburger Villa getötet. Gerüchten zufolge befanden sich auch Mitglieder seiner Familie und einige Angestellte in dem Haus, als das Verbrechen begangen wurde. Die genaue Zahl der Opfer ist noch unklar.“
„Was ist denn?“ rief Neddi, „Das ist doch laaangweilig!“
Sonia hörte gar nicht hin. Sie hörte nicht mal dem Fernseher zu. Rudolf Junker war eine ziemlich große Nummer. Er hatte als Gründer eines großen Versandhandelsunternehmens eine riesige Menge Geld verdient und hatte dann irgendwann Ende der Neunziger beschlossen, dass er in der Politik gebraucht wurde. 2003 hatte ihn die Bürgerschaft zum Ersten Bürgermeister gewählt, und er war erst vor ein paar Wochen zurückgetreten, weil die Polizei gegen ihn in einer Mordsache ermittelte. Ein ehemaliger Geschäftspartner oder so was.
Sonia erinnerte sich nicht an die Details und schrieb das dem Caipirinha zu. Irgendjemand in ihrer Redaktion, dessen Name ihr gerade nicht einfallen wollte, hatte angedeutet, eine Quelle habe ihm gegenüber ziemlich deutlich gesagt, dass es keine greifbaren Beweise gegen Junker gab, nur eben ein verdammt gutes Motiv. Und er hatte dem Opfer gedroht, ein Paar Tage vor dessen Tod.
Das Telefon klingelte. Der einzige wichtige Anruf um diese Zeit würde von Dr. Meiller kommen, und der würde bemerken, dass sie betrunken war. Das wollte sie nicht. Sonia beschloss, das Telefon zu ignorieren. Sie konnte sich auch morgen noch für ihren Instinkt loben lassen. Sie hatte eine Story.

4 Responses to Nimmermehr (4)

  1. keoni sagt:

    Ich finde, hier wird der Faden hübsch weiter gesponnen von Szene 2 zu Szene 4 und dem drögen Job bei der Lokalzeitung.

    Besonders witzig ist es darum auch, dass die Bombe dann ausgerechnet während Sonias Caipi-Party platzt.

  2. pampashase sagt:

    …immer noch spannend

  3. madove sagt:

    Der Typ mit den Clip-Arts *schauder* ist sehr schön beobachtet.

    Und die „nette“ Caipi-Party. Ich habe manchmal die Befürchtung, du hättest in den peinlicheren Momenten meines Lebens irgendwo hinter einem Baum gestanden und mitgeschrieben…

    Ansonsten sympatisch und spannend und …weiterlesen…

  4. Muriel sagt:

    (Warum habe ich eigentlich den anderen damals nicht geantwortet? Was war denn da los mit mir?)
    @madove: Das mit den Clip-Arts macht mein Doktorvater gerne, wenn auch nicht in Mails. Der ist aber ansonsten extrem okay.

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