Wen kümmert’s?

Wer regelmäßig Blogs liest und auf diese Weise aufmerksam die Debatte um Netzzensur, Vodafone und deren Werbung verfolgt, wird wohl den Eindruck gewinnen, dass diese Themen aktuell eine ziemlich bedeutende Rolle auf der politischen Tagesordnung spielen. Vielleicht nicht explizit, aber doch. Andererseits kommt es mir so vor, dass sie in den klassischen Medien kaum beachtet werden.

Es sollte nicht direkt den Charakter einer Umfrage haben, aber ich habe deshalb in der letzten Zeit mit insgesamt sieben anderen Menschen in der wirklichen Welt versucht, ein Gespräch über diese Themen zu führen. Vier von ihnen sind so ganz grob um die 30 und nutzen regelmäßig auch privat das Internet, drei weitere sind deutlich über 40 und haben zumindest privat mit Computern gar nichts am Hut. Zwei der vier jüngeren arbeiten für eine kleine Werbeagentur, von den übrigen fünf sind immerhin vier Vodafone-Kunden. Es besteht also ein gewisser Bezug zum Thema. Alle sieben sind berufstätig, stehen in jeder Hinsicht ganz normal im Leben und ich halte sie eigentlich alle für ganz gut informiert, auch wenn keiner von ihnen Blog-Leser ist. Das mal so zur groben Einschätzung der Ergebnisse.

  • Drei von ihnen wussten nicht, wer Ursula von der Leyen ist.
  • Keiner von ihnen wusste, wer Sascha Lobo ist.
  • Sechs konnten überhaupt gar nichts mit dem Thema Internetsperren anfangen. Der siebte hatte so eine vage Ahnung, dass da was war.
  • Keiner wusste, dass bei für gegen um Vodafone gerade sowas wie eine Marketing-Kampagne läuft.
  • Keiner von den sieben Leuten hielt es für denkbar, dass Kinderpornographie in Indien legal sein könnte, alle hielten es für ausgesprochen unverschämt, so etwas zu behaupten.
  • Keiner zeigte besonderes Interesse, über diese Themen mehr zu erfahren oder überhaupt darüber zu reden.

Mir ist natürlich klar, dass das eine rein anekdotische Beobachtung ist, aber aufschlussreich fand ich sie doch.

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16 Responses to Wen kümmert’s?

  1. Elmi sagt:

    Inwiefern fandest Du Deine Beobachtung aufschlussreich?

  2. Muriel sagt:

    Ach – vielleicht muss ich einfach einsehen, dass das wirklich kein so doller Artikel war.
    Aufschlussreich – falls das das richtige Wort ist – fand ich, dass mir bewusst wurde, wie Fragen, die mich sehr beschäftigen und die vielerorts heiß diskutiert werden, außerhalb eines doch sehr überschaubaren Kreises von Menschen überhaupt nicht wahrgenommen werden. Auch von Leuten, die durchaus Bezüge zu den Themen haben.
    Ergibt das Sinn?

  3. Elmi sagt:

    Ja, verstehe. Allerdings muss ich zugeben, dass ich die Thematik Internetzensur ebenfalls für völlig uninteressant und bedeutungslos halte. Vielleicht macht mich das zu einem schlechteren Menschen, aber ich kann mit diesem ganzen Web X.0 Gedöns nicht besonders viel anfangen. Ich habe nicht den Eindruck, dass es mich oder den Rest der Menschheit irgendwie weiterbringt.

  4. ketzerisch sagt:

    @Elmi

    Internetsperren haben mit Web X.0 nichts zu tun. Jedenfalls nicht mehr als Bahnschranken mit VW Käfer. Sie sind sind natürlich nicht völlig unabhängig, aber keine wäre für oder gegen Bahnschranken, nur weil es einen Käfer gibt.

    Gegen Internetsperren zu sein, hat was mit Grundvertrauen zu tun. Glaubst in das gute im Menschen und insbesondere das guten im Politiker, so brauchst Du Dich nicht zu fürchten. Ich vertraue da nicht und halte daher die Sperren für gefährlich.

    Web 2.0 (was immer darunter fällt) bringt die die Menschheit vielleicht nicht weiter, vielleicht doch. Internetsperren bringen die Welt sicher nicht weiter.

  5. Elmi sagt:

    @ketzerisch:

    Vielleicht habe ich mich etwas missverständlich ausgedrückt. Mir ist sehr wohl klar, dass Internetsperren und die Web 2.0-Kultur nicht das gleiche sind!

    Ich bin weder für, noch gegen Sperren im Internet. Und zwar deshalb, weil ich sowohl die potentiell zu sperrenden Plattformen, wie auch ihre Inhalte weitestgehend für bedeutungslos oder wenig reizvoll halte. Ich bleibe mal beim Beispiel Kinderpornographie. Das Verbot und das Sperren von Seiten mit entsprechenden Inhalten, egal ob effektiv oder nicht, beseitigt ja nicht das Problem. Im besten Fall wird die Verbreitung über das Medium Internet eingeschränkt. Es wird auch weiterhin, von diesen Maßnahmen völlig unbeeinflusst, genau so viele Männer und Frauen geben, die sich an Kindern zu schaffen machen wie zuvor. Ob sich das jetzt ein paar Leute mehr ansehen oder weniger, spielt in meinen Augen keine Rolle.

    Zum Grundvertrauen in die Menschen: Ja, habe ich. Misstrauen und Angst hingegen halte ich für Zeichen von Dummheit*. Wachsamkeit finde ich im Allgemeinen zweckmäßiger.

    Deinem letzten Satz stimme ich voll und ganz zu. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und behaupte, Sperren im Allgemeinen haben noch nie irgendetwas oder –wen weitergebracht.

    *Wer ‚Dummheit‘ hier als zu scharf empfindet darf auch gerne ‚mangelnde Weitsicht‘ lesen.

  6. ketzerisch sagt:

    Ich greife auf verschiedene Seiten zu, die potentiell gesperrt werden:

    * Wettangebote
    * Wikileaks
    * Arabische Nachrichtenseiten
    * Youtube

    Unabhängig davon ist Dein Argument: „Betrifft mich nicht, also ist es mir egal“ eher schwach. Freiheit verteidigen zu verteidigen, ist immer das Verteidigen der Freiheit des anderen.

    Zum Grundvertrauen: Das hat bei mir jeder Mensch individuell. Die da handelnden Personen (von der Leyen und Co) haben es schon lange verspielt.

  7. Muriel sagt:

    Schön zu sehen, dass der Beitrag doch für was gut war, und sei es nur für so einen interessanten Austausch. Vielleicht machen wir „Wen kümmert’s“-Blogger (Wer auch immer die anderen sind) dann doch noch ein bisschen weiter.

  8. Elmi sagt:

    Ich sagte nicht, „Betrifft mich nicht, also ist es mir egal“. Betroffen kann ich sehr wohl sein. Egal ist mir was die Internetcommunity draus macht. Wenn irgendwelche Aggromullahs mein Lieblingshotel auf Bali wegbomben während ich dort lustige Fummelspiele mir drei kichernden einheimischen Nutten betreibe, könnte mir das sehr wohl den Tag verhageln. Aber ob jemand später ein Video der Explosion, unterlegt mit Musik von Wagner, ins Internet stellt und daraufhin behauptet sein Gott wäre größer als mein nichtvorhandener, das ist mir egal und halte ich für unbedeutend.

    Die Tat ist mir zuwider, doch ich kann sie derzeit nicht verhindern. Die anschließende Diskussion, der Meinungsaustausch und das Theoretisieren im Internet allerdings auch nicht. Und das ist im Grunde auch schon der Punkt, der mich von der Nutzlosigkeit dieser verheißungsvollen, neuen und internetbasierten Medien und Plattformen überzeugt: Sie produzieren keine realen, konkreten oder greifbaren Ergebnisse. Sie führen noch nicht einmal auf höheren, abstrahierten Ebenen zu mehr gegenseitiger Akzeptanz, zu mehr Verständnis oder Erkenntnissen. Im Gegenteil, es werden vornehmlich Unterschiede herausgestellt und damit zusätzliche Konflikte produziert.

    Nehmen wir diesen Blog, diese Diskussion: Wir haben im Grunde dieselben Vorstellungen von Moral und Ethik, von richtig und falsch. Wir finden es beide doof, wenn ein widerlicher, haariger, alter Mann einem kleinen blonden Jungen mit verweinten blauen Kulleraugen seinen ebenfalls widerlichen, haarigen, alten Schwanz in den Mund steckt, wenn ein religiös motivierter Bombenleger mit Minderwertigkeitskomplexen fett gefressene Touristen in ihrem Pauschalurlaub in die Luft sprengt oder wenn sich ewig grinsende Manager, die ein altehrwürdiges Unternehmen in den Ruin getrieben haben, mit der Registrierkasse aus dem Staub machen. Konkret hat aber keiner von uns beiden je einen kleinen Jungen aus seinem feuchten Kellerloch befreit, um seinen Peiniger dort einzusperren, einem Terroristen seine Bombe aus der Hand gerissen oder Herrn Middelhoff mal die Beine gebrochen. Stattdessen betreiben wir hier so etwas wie Mentalmasturbation, indem wir über den ziemlich wagen Begriff Freiheit philosophieren: Du sagst, Freiheit zu verteidigen, ist immer das verteidigen der Freiheit des anderen. Ich entgegne, die Freiheit des einen ist immer die Unfreiheit des anderen. So, und welches Negerbaby wird jetzt davon satt?

  9. keoni sagt:

    Oy, klingt das bitterbös und zynisch. Bist du sicher, dass dein Grundvertrauen in die Menschheit nicht erschüttert ist?
    Trotzdem hat dein Beitrag eine gewisse raue Schönheit. Und ich stimme dir in den meisten Punkten auch zu, finde aber, dass sich ebenfalls gute Beispiele dafür finden lassen, dass das Internet greifbare Ergebnisse zu produzieren imstande ist. Das mit der Information und Kommunikation läuft doch beispielsweise eigentlich ganz gut, oder?

  10. Elmi sagt:

    Stimmt. Letzteres funktioniert schon recht gut.

    Es hat sogar eine Vielzahl an Verbesserungen durch das Internet gegeben. All diese Online-Shopping-Geschichten beispielsweise. Gott bin ich froh, dass ich für so viele Erledigungen nicht mehr aus dem Haus gehen muss. – Bankgeschäfte tätigen, nach Büchern und Musik stöbern, Verbündete für Fußmattenverschwörungen rekrutieren und so einiges mehr.

    Doch all die schönen, nützlichen Dinge zu erwähnen hätten die Stimmung, die Du so schön als bitterbös und zynisch bezeichnet hast, verdorben. Mir war, als ich vorangegangenen Kommentar schrieb, halt mehr nach Pöbeln und Stänkern. Beim nächsten Mal versuche ich etwas Fröhliches zu schreiben.

  11. Muriel sagt:

    Schön gesagt, wie immer.
    Übrigens, Elmi, wenn du gerne mal einen Gastbeitrag hier verfassen willst, überreiche ich dir gerne jederzeit den Schlüssel zum Blog. Das hast du dir alleine schon durch deinen brillanten Fußmatten-Gag verdient.
    Deine eloquenten Kommentare hier lassen mich auf ein gewisses Mitteilungsbedürfnis schließen.

  12. Elmi sagt:

    Oh, vielen Dank für die Lorbeeren. Doch zuviel der Ehre, denn die Geschichte mit der Fußmatte war ja im Grunde nicht meine Idee. Hier zeichnet zunächst mal der Zufall Verantwortung und später waren es die Kinder Deiner Nachbarin und Deine fortwährende Berichterstattung, die die Sache am Laufen hielten. Ich war im Grunde nur ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. (Ja, ich hab mal ’n Buch gelesen.)

    Das mit dem Gastbeitrag solltest Du Dir gut überlegen. Nicht nur, dass man uns beide für einige meiner Gedanken wegsperren würde, was sicherlich nicht ganz falsch wäre, sonder auch, dass meine philosophischen Abhandlungen immer, wirklich immer, mit einer katastrophalen Prognose für die Zukunft der menschlichen Gesellschaft enden. Ich weiß auch nicht warum mir das permanent passiert. Es ist auf Dauer jedenfalls nicht gerade abwechslungsreich. Außerdem habe ich Keoni versprochen beim nächsten Mal etwas Fröhliches zu schreiben.

    Anmerkung: Eigentlich hätte dieser, als mein sechster Kommentar zu diesem Artikel, etwa minus 139 Zeilen lang werden müssen. Schwierig. Ich bin für lesbare Einträge mit negativer Ausdehnung einfach noch nicht reif.

  13. Muriel sagt:

    @Elmi: Mach dir keine Sorgen. Hier ist genug Platz für alle.
    Was deinen möglichen Gastbeitrag angeht: Ich habe schon über verschiedene Möglichkeiten nachgedacht, deutlich zu machen, dass der von dir ist. Ich dachte an ein paar ganzseitige blinkende Flash-Banner mit Scooter-Untermalung, die man wegklicken muss, bevor man ihn lesen kann.

  14. Elmi sagt:

    Klingt gut. Ich mag Scooter. Irgendwie.

    Nachtrag zur letzten Anmerkung: Ohne die mathematischen Grundlagen macht dieser Satz praktischen keinen Sinn. Also, der aufmerksame Beobachter kann aus der Anzahl der Beiträge und deren Zeilenzahl leicht folgendes Polynom vierten Grades ableiten: y = -1,375x^4 + 11,75x³ – 30,125x² + 33,75x – 13, wobei y die Zeilenanzahl eines Beitrages und x die Anzahl meines jeweiligen Kommentars darstellt. Ok, der wirklich aufmerksame Beobachter würde vermutlich nicht Zeilen, sondern Worte oder gar Zeichen irgendwie in Beziehung setzen.

  15. Muriel sagt:

    Äh, ja. Kann ich mein Angebot mit dem Gastbeitrag noch zurückziehen?

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