Nimmermehr (5)

Damit ihr euch am Sonntag nicht langweilt, teile ich mit euch den fünften Teil von „Nimmermehr“. Dieser ist ziemlich kurz, und vielleicht eine gute Gelegenheit für alle, die sich bisher noch nicht rangetraut haben und gerne einsteigen möchten.

Kurz zusammengefasst haben wir im ersten Teil eine junge Dame kennen gelernt, die an einem norwegischen Fjord wohnt und offenkundig unter ernst zu nehmenden psychischen Beschwerden leidet. Diese junge Dame bekam in der ersten Szene einen Anruf von Clarence und musste sich auf den Weg machen, um etwas für ihn zu erledigen. Sie bekommt später auch einen Namen, aber noch kennen wir den nicht.
Der zweite Teil stellte uns Sonja vor, eine junge Journalistin, die zurzeit nicht ganz freiwillig ihren Bruder bei sich beherbergt und einen geheimnisvollen Anruf bekommen hat, in dem ihr eine große Verschwörungsgeschichte angekündigt wurde.
Im dritten Teil waren wir dabei, als eine junge Frau, die der Fjordbewohnerin des ersten Teils kein bisschen ähnelte, in Oslo ein Flugzeug nach Deutschland bestieg, auf dem Weg nach Hamburg. 
Im vierten Teil kam Sonja ihrer Verschwörung näher, und zum Schluss stellte sie fest, dass die geheimnisvolle Anruferin den Mord an einem ehemaligen Hamburger Bürgermeister und seiner Familie vorhergesagt hatte.

Ausführlich erfahrt ihr hier, was bisher geschah. Ich wünsche viel Vergnügen und freue mich wie immer auch über Kommentare.

In Zimmer 315 des Hotels Vier Jahreszeiten lag eine junge Frau auf dem Bett. Sie lag auf dem Rücken. Ihr Mund war halb geöffnet, die oberen Schneidezähne waren teilweise zu sehen. Wäre das Licht günstiger gewesen, hätte man aus einer Perspektive direkt über ihr auch ihre Zunge erkennen können. Ihr Blick war starr zur Zimmerdecke gerichtet. Ihre Arme waren halb ausgebreitet und die Hände lagen auf Höhe ihrer Taille. Die junge Frau hatte in ihrem Leben viel Schuld auf sich geladen, aber das berührte sie kaum, denn sie hatte kein Gewissen. Sie war nämlich ein Lehrbuchbeispiel einer Soziopathin.
Die junge Frau lag wie tot auf dem Bett, und sie war sich nicht sicher, ob sie sich hätte rühren können, wenn sie es gewollt hätte. Weil sie eine Soziopathin war, war es nicht die unfassbare Grausamkeit ihrer Taten, die sie paralysierte. Die junge Frau war aus anderen Gründen emotional und mental erschöpft.
Junker hatte in einem riesigen Labyrinth von einem Haus in einem Park gewohnt, der andernorts für eine ganze Stadt gereicht hätte und in dem sich zahlreiche Neben- und Wirtschaftgebäude versteckten. Sie hatte, um sicher zu gehen, fünf Stunden auf diesem Grundstück verbracht. Fünf Stunden, deren jede einzelne Sekunde ihre höchste Aufmerksamkeit erfordert hatte.
Natürlich hatte Junker ein paar gelangweilte Personenschützer einer teuren privaten Agentur dort herumstehen gehabt, aber die waren schnell beseitigt gewesen. Wenn man das Schema kannte, wusste man, wo man sie fand. Und diese speziellen Exemplare waren wirklich nicht besonders gut gewesen.
Das wirklich Aufzehrende war danach gekommen. Das Haus durchsuchen. Nach Köchen, Reinigungskräften, Fahrern, Sommeliers und Fensterputzern, nach Kellnern und Dienstboten, nach Söhnen und Töchtern, Neffen, Tanten und nicht verwandten Besuchern. Nach Portiers und deren Verwandten, nach Haushältern und Leuten, von denen wahrscheinlich niemand wusste, dass sie auch noch da waren.
Natürlich hatte sie nicht jeden entfernten Verwandten jedes Portiers töten müssen, aber sie hatte sichergehen wollen, dass ihr niemand entging, der Junker nahestand. Gerade bei diesem Auftrag durfte nichts schiefgehen. Clarence hatte das nicht gesagt, aber sie hatte es auch so gewusst. Junker hatte nicht bezahlen wollen. Er hatte Clarence ausgelacht. Niemand lachte über Discordia, Inc., außer vielleicht manchmal Discordia, Inc. selbst.
Fünf Stunden durch ein dunkles, riesiges und deshalb trotz der Vielzahl an Bewohnern leeres Haus zu schleichen und zu wissen, dass jeder, der ihr hier begegnen konnte, ihr Todfeind war, hatte sie ausgelaugt. Dass die junge Frau eine Soziopathin war, hieß nicht, dass sie keine Gefühle hatte. Sie fürchtete sich vor dem Tod, wie jedes ihrer Opfer. Vielleicht mehr als viele von ihnen, weil sie ihn gut kannte, in fast allen seinen Facetten. Sie erinnerte sich an einige, die ihr bis zum letzten Moment mit unfassbarer Gelassenheit in die Augen gesehen hatten. Sie verstand diese Gelassenheit nicht. Sie bemühte sich, diejenigen, die sie so ansahen, so schnell wie möglich zu töten, damit es vorbei war.
Die junge Frau hatte Angst vor der Dunkelheit, auch wenn das angesichts ihrer Berufswahl unvorstellbar scheint. Sie war oft genug durch finstere Gebäude geschlichen, um zu wissen, dass die Dunkelheit nicht der Freund des Schattens mit dem Messer war. Die Dunkelheit war niemandes Freund. In der Dunkelheit wartete Gefahr, egal für wen.
Menschen zeigten in Lebensgefahr oft völlig unerwartetes Verhalten. Die junge Frau hatte Offiziere erlebt, die wimmernd auf die Knie fielen und bettelten, und sie hatte sechsjährige Mädchen kennen gelernt, die mit einem Messer auf sie los gegangen waren. Natürlich war es in der Mehrzahl der Fälle umgekehrt. Aber man konnte es nie wissen.
Vor knapp einem Jahr war sie dem Tod begegnet, in Gestalt eines sechzehn Jahr alten Au-Pair-Mädchens, von dem niemand gewusst hatte. Das Mädchen hatte sich mit einem Fleischerbeil hinter einer Gardine versteckt und hätte die junge Frau damit getötet, wenn es vernünftig damit hätte umgehen können. So hatte es die schwere Klinge stattdessen nur in die Schulter der jungen Frau gegraben, nicht einmal besonders tief, ihr aber trotzdem fürchterlich weh getan und sie noch fürchterlicher erschreckt.
Sie erinnerte sich an ein kleines Mädchen in einem viel zu großen Kleid mit Bildern von Katzen darauf. Auch dieses Mädchen war in ihrem Briefing nicht aufgetaucht, niemand hatte gewusst, dass es in Junkers Haus war. Trotzdem stand es plötzlich vor ihr, sah zu ihr auf und sagte:
„Entschuldigen Sie, wissen Sie, wo meine Mutter ist?“ Sie sprach so sorgfältig, als hätte sie diesen Satz in stundenlanger mühevoller Arbeit auswendig gelernt und seine Aussprache perfektioniert.
Die junge Frau hatte ihre Pistole eingesteckt und dem Mädchen mit einer routinierten Bewegung das Genick gebrochen. Es war ihr auf sonderbare Weise unangebracht vorgekommen, eine Vierjährige zu erschießen. Kinder hatten einen besonderen Platz in ihrem Herzen.
Sie erinnerte sich auch an den Barkeeper in der Küche. Wer hatte einen Barkeeper im eigenen Haus? Vielleicht hatte Junker eine kleine private Party gehabt an jenem Abend, wer weiß. Sein Blick war von ihrem Gesicht zu der Pistole in ihrer Hand gesprungen, erst verwirrt, dann argwöhnisch, dann unerwartet resigniert.
„Sie wollen kein Geld, oder?“ hatte er gefragt.
„Nicht von dir“, war ihre Antwort gewesen.
Die junge Frau auf dem Hotelbett seufzte. Sie versuchte, den Fernseher einzuschalten, aber ihre Arme bewegten sich nicht. Sie wusste auch nicht, wo die Fernbedienung war. Außerdem hatte sie schreckliche Kopfschmerzen.
Ich bin im Begriff, zu zerbrechen, dachte sie. Aber woran? An meinem Beruf? Wahrscheinlich. Sie dachte an diesen albernen Begriff, „Burn-out-Syndrom“, aber ihr fehlte die Kraft für ein bitteres kleines Lächeln. Er definiert mich. Was bin ich, wenn ich ihn aufgebe?
Ohne ihren Beruf würde sie erst recht vergehen, wie Asche im Wind.
Ihr Telefon klingelte.

4 Responses to Nimmermehr (5)

  1. pampashase sagt:

    Natürlich hatte sie nicht jeden entfernten Verwandten jedes Protiers töten müssen…ich hab echt überlegt was ein Protier ist…aber ich denk mal ein Buchstabendreher 🙂

    wenn das angesichts ihrer Berufswahr …Berufswahl

    Ich hoffe die Hinweise sind dir recht, normalerweise mache ich sowas nicht. Aber ich weiß bei langen Texten überliest man sowas oft.

  2. Muriel sagt:

    @pampashase: Protier? Kennst du nicht? Das ist das Gegenteil von einem Kontratier, ist doch klar, oder?
    Quatsch. Natürlich sind deine Hinweise sehr Recht, sonst wären mir diese peinlichen Fehler ja nie aufgefallen.

  3. madove sagt:

    Das hier mochte ich bis jetzt am liebsten.
    Ich lese generell gerne, was die Protagonisten denken und fühlen, vor allem wenn es so widersprüchlich und interessant und nicht klischeehaft ist, und durch die eingebauten „Anekdoten“ ist ja auch trotzdem sowas wie Handlung.
    Ich bin froh, aus irgendeinem Kommentar von Dir Lenores Namen zu kennen, sonst würde es mich allmählich stören, daß sie noch keinen hat. Also ich finde es theoretischein cooles Stilmittel, aber es hält mich so auf Distanz zu ihr *quengel*

  4. Muriel sagt:

    @madove: Schön, dass es dir noch gefällt.
    Nimmermehr befindet sich ja gerade in der Generalüberholung vor einem neuen Versuch zur Veröffentlichung. Da wird sich auch am Plot einiges ändern. Äh. Warum erzähle ich das? Fiel mir eben gerade ein.

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