Man kann sich auch anstellen

In letzter Zeit werde ich immer wieder auf den Analogkäse-Skandal angesprochen. Meistens im Tonfall völliger Entrüstung und mit einem Subtext in Richtung von „Jetzt ist es endgültig aus mit unserer Zivilisation“. Auch wenn das alles schon wieder eine Weile her ist, hat meine Irritation über die schiere unreflektierte Repetitivität (Ist das ein Wort?) vieler Äußerungen hierzu ein Niveau erreicht, das einen Blogeintrag erfordert. Folgendes ist mir aufgefallen:

  1. Wenn man den meisten ahnungslosen Käse-Agitatoren zuhört, gewinnt man den Eindruck, das Zeug würde in Saurons Finsterer Festung aus Blausäure, Schwefel und Ziegendung angemischt, bevor dann jeder Ork nochmal reinspucken darf, und wäre im besten Falle total unverdaulich, wahrscheinlich sogar hochgiftig. Man darf die Kirche im Dorf lassen. Analog-Käse wird meines Wissens aus Fett, Eiweiß und Stärke hergestellt. Wahrscheinlich gibt’s auch mal Farb- und Geschmacksstoffe, aber die stören uns doch sonst auch nicht. Man darf es doof finden, dass er nicht aus der Kuh kommt, aber eklig oder gesundheitsschädlich ist daran gar nichts. Wenn ich den Satz noch mal lese, frage ich mich übrigens sowieso, ob ich das mit dem Aus-der-Kuh-Kommen nicht viel ekliger finde.
  2. Keiner will’s gewusst haben. Ich kann das jetzt nicht belegen, aber gefühlt findet diese Es-gibt-keine-echten-Lebensmittel-mehr-Hysterie jedes Jahr statt. Und wem so unglaublich wichtig ist, was in seinem Essen steckt, der kann doch wohl die Angaben auf der Packung mal lesen, da steht das nämlich in der Regel drauf, wenn auch ziemlich klein gedruckt. Interessiert bloß normalerweise niemanden. Wie unehrlich muss man sich selbst gegenüber denn sein, wenn man überrascht sein will, dass Scheibletten und Krebsfleischimitat gar nicht „echt“ sind, was immer das heißt?
  3. Nochmal: Man darf sich gerne ärgern, dass man sich getäuscht hat. Natürlich ist es auch nicht anständig, den Eindruck zu erwecken, es würde Honig verkauft, wenn es nur Zuckerwasser ist. Aber wenn wir den Unterschied nicht schmecken und der Kram auch nicht gesundheitsschädlich ist – wofür ich bisher noch kein Indiz gefunden habe -, wo ist dann der Schaden?
  4. Besonders putzig finde ich’s, wenn jemand mit einer Zigarette in der linken und einem Long Island Iced Tea in der rechten Hand sich über Formfleisch entrüstet und sagt, so einen Dreck wolle er seinem Körper nicht antun.

13 Responses to Man kann sich auch anstellen

  1. Peter sagt:

    Schauen wir ganz kurz nochmal auf den Kalender. Stellen wir fest: Sommerloch.
    just my 5ct

  2. Elmi sagt:

    In die Analogkäsefalle können ohnehin nur Leute treten, die auch sonst nichts in sich hineinstopfen, was der wahre Käsekenner als echten Käse bezeichnen würde. Sein wir doch mal ehrlich, das Zeug, das wir abgepackt, nach Möglichkeit schon in Scheiben geschnitten, im Kühlregal des Supermarktes unseres Vertrauens oder auf Burgern, Pizzas, etc. antreffen hat mit richtigem Käse fast genau so wenig zu tun.

    Echten Käse, und das behaupte ich hier einfach mal so ohne selbst besonders auf diesem Gebiet bewandert zu sein, erkennt man an wenigstens einem der zwei folgenden Kriterien:
    1.) In dem Moment, in dem die Tür des Kühlschranks, in dem der Käse in einem verschlossenen Behältnis aufbewahrt wird, geöffnet wird, fallen die Fliegen tot von der Wand.
    2.) Der Käse ist so hart, dass ein gewöhnliches Käsemesser (jemand der ein solches nicht Besitzt darf hier ohnehin nicht mitdiskutieren) während der Bearbeitung abbräche. Schweres Schneidgerät kann ihn zwar trennen, nicht aber verhindern, dass dabei zerbröselt. Merke: hart und porös ist gut, hart und zäh gilt nicht!

  3. Arctica sagt:

    Ich kann dem nur zustimmen und habe mich auf meinem Blog auch schon über dieses Thema ausgelassen. Tja, wenn man zu faul zum Inhaltsstoffe lesen ist ist halt wieder die böse Industrie schuld.

  4. Oliver sagt:

    Pardon, ich muss widersprechen:
    1)“…Wahrscheinlich gibt’s auch mal Farb- und Geschmacksstoffe, aber die stören uns doch sonst auch nicht. Man darf es doof finden, dass er nicht aus der Kuh kommt, aber eklig oder gesundheitsschädlich ist daran gar nichts.“ Doch die stören mich auch sonst. Was eklig ist, ist Geschmackssache. Ich finde es eklig, weil mir etwas aus Fett, Eiweiß und Stärke untergeschoben wird, was ich augenscheinlich für Käse halten könnte.
    2) „Und wem so unglaublich wichtig ist, was in seinem Essen steckt, der kann doch wohl die Angaben auf der Packung mal lesen, da steht das nämlich in der Regel drauf, wenn auch ziemlich klein gedruckt.“ Damit der Begriff „Käse“ auf der Verpackung stehen darf, verwenden einige Hersteller eine minimale Menge echten Käse und strecken ihn mit Analog-Käse. Ausserdem gibt es keine Inhaltsangabe beim Käse-Brötchen beim Bäcker zum Beispiel oder in der Pizzeria.
    3)Der Schaden ist da, weil ich Käse erwarte, für Käse zahle und dafür ein Imitat kriege, was viel billiger ist. Ausserdem weiß ich nicht, ob es so gesund ist, die künstliche Stärke zu essen.
    4) Die Wahl wie man Selbstmord begeht ist nun mal eine Herzensangelegenheit.

  5. keoni sagt:

    Wie ich heute gelernt habe, wird gerade auf Pizze(n)/Pizzas gerne der so appetitlich benannte Gastro-Mix verwendet, weil er herrlich Hitze beständig ist und nicht wie sein altmodischer Vetter schon bei schlappen 200 Grad anbrennt.
    Welches Schicksal nun wohl die possierlichen Babybels ereilen mag? Die sind ja schon irgendwie lustig…

  6. Oliver sagt:

    Ich meine gelesen zu haben, dass auf mehr als jeder zweiten Pizza, die man in der Pizzeria bestellte und untersuchte, Analog-Käse zu finden war.

    Ich finde es schade. Mir verdirbt es den Appetit.

    Woher soll ich den wissen, dass der Italiener, der die Pizza für 9 Euro verkauft, keinen Analog-Käse verwendet. Viele Pizzabäcker werden wahrscheinlich auch selbst den Unterschied nicht kennen.

  7. Muriel sagt:

    @Elmi: Du hast wie immer vollkommen recht.
    @Oliver: Ich werde dich wohl kaum überzeugen können, aber ich will dir auch nicht das Gefühl geben, ignoriert zu werden. Besteht richtiger Käse nicht genauso aus Fett und Eiweiß, nur eben in leicht anderer Zusammensetzung? Dass du dich unter Umständen ein bisschen betrogen fühlst, weil du zu viel bezahlt hast, geht ja noch an. Aber was dir daran den Appetit verdirbt, begreife ich einfach nicht.

  8. Oliver sagt:

    Du kannst mich ruhig ignorieren. Ich schreibe hauptsächlich, um mich selbst zu lesen 😉

    Aber was ist denn daran nicht zu verstehen? Käse ist, etwas dass ich kenne, etwas dass ich mag.
    Ein künstliches Gemisch aus Fett, Eiweiß und Stärke gehört nicht zu meinen Vorlieben.

    Ich mag auch keine Zuckerersatzstoffe, wenn es dich beruhigt 😉

  9. Muriel sagt:

    Bist du dir sicher, dass du Käse wirklich kennst?

  10. Oliver sagt:

    Ja, klar. Ich kenne es von Kindesbeinen an.

  11. […] Man kann sich auch anstellen « überschaubare Relevanz […]

  12. Tim sagt:

    Digital-Käse gibt es aber auch, das ganze Netz ist voll davon.

  13. Muriel sagt:

    @Tim: Du sagst es. Überhaupt ist mehr Käse, als man so denkt.

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