Nimmermehr (6)

Ich habe mich wieder ein bisschen verspätet, aber jetzt ist das neue Kapitel von Nimmermehr so weit, dass ich es euch zeigen kann. Wie die ganze Geschichte ist es aber sicher noch nicht fertig, und jeder Hinweis von euch hilft mir weiter. Ich wünsche viel Spaß beim Lesen.

Kurz zusammengefasst haben wir im ersten Teil eine junge Dame kennen gelernt, die an einem norwegischen Fjord wohnt und offenkundig unter ernst zu nehmenden psychischen Beschwerden leidet. Diese junge Dame bekam in der ersten Szene einen Anruf von Clarence und musste sich auf den Weg machen, um etwas für ihn zu erledigen. Sie bekommt später auch einen Namen, aber noch kennen wir den nicht.
Der zweite Teil stellte uns Sonja vor, eine junge Journalistin, die zurzeit nicht ganz freiwillig ihren Bruder bei sich beherbergt und einen geheimnisvollen Anruf bekommen hat, in dem ihr eine große Verschwörungsgeschichte angekündigt wurde.
Im dritten Teil waren wir dabei, als eine junge Frau, die der Fjordbewohnerin des ersten Teils kein bisschen ähnelte, in Oslo ein Flugzeug nach Deutschland bestieg, auf dem Weg nach Hamburg. 
Im vierten Teil kam Sonja ihrer Verschwörung näher, und zum Schluss stellte sie fest, dass die geheimnisvolle Anruferin den Mord an einem ehemaligen Hamburger Bürgermeister und seiner Familie vorhergesagt hatte.
Im fünften Teil sahen wir einer kinderlieben jungen Frau in einem Hamburger Hotelzimmer dabei zu, wie sie erschöpft auf ihrem Bett lag und sich an ihr hartes Tagwerk erinnerte, das ziemlich direkt mit dem vorhin erwähnten Mord zusammenhängt.

Ausführlicher könnt ihr hier nachlesen, was bisher geschah. Außerdem findet ihr alles, was hierzu bisher erschienen ist, auf der Geschichten-Seite oben in der Auswahl.


Philippe musste sich große Mühe geben, seine Gesichtszüge nicht entgleisen zu lassen, als er nach der langen Fahrt durch die afrikanische Steppe aus dem Geländewagen stieg.
Direkt vor ihm ragte eine kahlköpfige Frau in einem weißen Bademantel auf. Sie war mindestens einen Kopf größer als er, und ihre Schultern waren scheinbar doppelt so breit wie seine. Da sie so nah vor ihm stand, musste er seinen Kopf weit zurücklegen, um nicht direkt in ihren Ausschnitt zu blicken.
Sie standen im Innenhof eines mediterranen Gebäudekomplexes, der ungefähr so aussah, wie Philippe sich immer die Landsitze spanischer Adliger vorgestellt hatte, einschließlich eines beruhigend plätschernden Springbrunnens in der Mitte.
„Willkommen!“ rief sie auf Englisch mit einem offenen Lächeln, das zwei Reihen strahlend weißer Zähne entblößte. „Du musst Philippe sein.“
„Ähh… Ja.“
„Ich bin Kira. Was ist deine Lieblingssprache, Philippe? Es ist doch in Ordnung, wenn ich Philippe sage? Wir glauben hier an eine familiäre Arbeitsatmosphäre, das hat sich bewährt.“
„Ja, das ist kein Problem“, antwortete er unsicher.
„Französisch nehme ich an?“
„Ja, tatsächlich.“
„Dann sprechen wir Französisch“, sagte sie. Sie hatte einen breiten englischen Akzent, aber sie schien die Sprache gut zu beherrschen. „Du sollst dich ja bei uns wohl fühlen. Es ist uns wichtig, dass unsere Mitarbeiter sich wohl fühlen.“
Erst jetzt schien sie seinen konsternierten Gesichtsausdruck zu bemerken. Sie breitete die Arme aus und blickte an sich herab.
„Irritiert dich meine Aufmachung ein bisschen? Das tut mir Leid. Weißt du, wir glauben hier nicht an formelle Kleidung, und ich komme gerade aus dem Pool. Ich vertrage die Hitze hier nicht, ich würde irgendwann einfach umfallen, wenn ich nicht regelmäßig in’s Wasser ginge. Der Pool ist natürlich für alle da, also wenn du willst, nur zu. Aber vielleicht nicht jetzt gleich, hm?“
Sie umfasste ihr Kinn mit einer Hand und blickte kurz nachdenklich zu Boden. Dann sah sie wieder in seine Augen und fuhr fort:
„Es sei denn, das stört dich jetzt. Ich meine, wenn es dich irritiert, dass ich einen Bademantel anhab, während du Anzug und Krawatte trägst, kann ich das gut verstehen. Ich will nicht, dass du dich ausgeschlossen fühlst, soll ich mich schnell umziehen?“
Er war sich nicht sicher, wie sehr er hier auf den Arm genommen wurde.
„Äähh… Nein, das ist nicht nötig, danke… Ich fühle mich bisher sehr willkommen hier.“
Er brachte ein Lächeln zu Stande, befürchtete aber, dass es ein bisschen gequält wirkte.
„Das ist schön, das ist uns wichtig. Kommst du mit? Dann zeige ich dir dein Büro.“
„Ich hab noch meine Koffer im…“
Sie winkte ab.
„Schon gut, darum kümmert sich schon jemand. Komm einfach mit.“
Sie führte ihn durch einen großzügig ausgestatteten Empfangssaal in einen Fahrstuhl, der sie hinab in einen langen, indirekt beleuchteten, mit dunklem Holz getäfelten Flur brachte.
„Das hier ist ein ehemaliger Bunker“, erklärte Kira, während ihre Latschen über den hölzernen Fußboden schlappten, „Wir haben die nackten Betonwände ein bisschen nett verkleidet und die grellen Leuchtstoffröhren gegen was Angenehmeres ausgetauscht. Man erkennt es gar nicht wieder. Du würdest dich wundern, wenn du das vorher gesehen hättest. Natürlich ist hier unten alles klimatisiert, das muss ja sowieso sein.“
Sie blieb vor einer Tür stehen und zog ein dickes Schlüsselbund aus einer Tasche ihres Bademantels. Sie nahm einen Ring mit drei Schlüsseln ab.
„Das hier ist dein Büro, und das sind die Schlüssel. Außer dir haben nur Clarence und ich Zugang. Pass gut drauf auf. Dieser ist für die Tür, dieser für den Tresor, und dieser für die Minibar. Auf den musst du nicht so gut aufpassen, wir sind billiger als die meisten Hotels.“ Sie grinste. „War nur Spaß, alles in der Minibar ist umsonst. Wenn du was willst, was nicht drin ist, oder wenn sie leer ist, ruf den Concierge an.“
Sie schloss auf.
„Wow…“
Das Büro war größer, als er erwartet hatte, nicht viel kleiner als seine ganze Wohnung. An den mit dunklem Holz verkleideten Wänden hingen einige hübsch eingerahmte großformatige Fotos der Savanne mit Giraffen und Nashörnern und allerlei Getier. Auf dem Schreibtisch aus glänzendem dunklem Holz stand ein Telefon, neben dem ein Blue-Tooth-Headset lag, ein großer TFT-Monitor, zwei Lautsprecher, ein Notizblock und ein Handheld-Computer in einer Dockingstation. Hinter dem Schreibtisch stand ein abenteuerlich geformter ergonomischer Arbeitssessel, der so aussah, als verfügte er deutlich mehr Freiheitsgrade als der durchschnittliche menschliche Körper, und daneben –
„Ist das eine Hängematte?“
„Ja!“ rief Kira, „Genau! Arbeitshängematten! Wahnsinn, was? Die Idee haben wir aus einer Simpsons-Folge, aber deine Kollegen lieben sie. Die meiste Zeit musst du ja gar nicht am Schreibtisch sitzen, vor allem, wenn du das Headset benutzt.“ Dann ließ ihre Begeisterung plötzlich nach, sie musterte ihn forschend. „Wir können sie auch rausnehmen. Wenn du sie nicht magst, mag ich sie auch nicht.“
„Nein… Nein, schon gut… Es ist eigentlich… eine tolle Idee.“
Sie lachte laut und klopfte ihm so kräftig auf die Schulter, dass er den Impuls unterdrücken musste, die schmerzende Stelle mit der Hand zu reiben.
„Und… der Korb ist für mich?“
Es war ein ziemlich eindrucksvoller Präsentkorb von der Größe eines Waschzubers, in glänzendes Zellophan eingewickelt, gefüllt mit exotischen Früchten, Blumen, verschiedenen Gläsern, wahrscheinlich Marmelade und andere Konserven, und einigen bunten Päckchen verschiedener Größe und Form.
„Klar. Hoffentlich gefällt er dir. Der ist von uns allen. Wir haben einen Blick in deine Bewerbungsinterviews geworfen um rauszufinden, was dir gefallen würde. Hoffentlich hast du uns nicht angeschwindelt, hm?“
„Neinnein… Niemals…“
„Du wirst dich noch an alles gewöhnen, versprochen. In den ersten paar Tagen ist jeder hier ein bisschen unsicher, aber das gibt sich. Vertrauen ist bei uns ganz wichtig, Philippe. Wenn du irgendwas auf dem Herzen hast, erzähl’s mir. Vertrauen ist die Basis für deine Arbeit hier. Ohne Vertrauen geht es nicht. Du bist offen zu uns, wir sind offen zu dir. Vertraust du mir, Philippe?“
„Ähh. Ja?“ Er biss sich auf die Zunge. Das hätte nicht so sehr wie eine Frage klingen sollen.
„Gut, ich vertraue dir auch. Kennst du dieses Vertrauensspiel, man schließt die Augen und lässt sich fallen, und der andere fängt einen auf? Das machen wir hier am Anfang mit jedem Neuen.“
Philippe selbst war eher schmal gebaut. Als Kira sah, wie er ihren wikingerhaften Körper zweifelnd musterte, brach sie in brüllendes Gelächter aus und klopfte ihm wieder auf die Schulter. Es tat inzwischen schon richtig weh.
„Schon gut“, sagte sie, „war nur Spaß, du musst mich nicht auffangen, keine Angst. Aber vertrauen musst du mir. Hier, in dem Telefon ist meine Nummer gespeichert, und Clarences auch.“
Sie ging zu dem Schreibtisch und zeigte auf die Speichertasten.
„Zwischen ein Uhr nachts und sieben Uhr morgens solltest du einen guten Grund haben uns anzurufen, ansonsten sind wir für alles zu haben.“ Sie grinste ihn wieder an. Das Grinsen war zweifellos eines der freundlichsten und ehrlichsten, die er je empfangen hatte. Und vielleicht eines der furchteinflößendsten.
„Gut…“
„Mit Computern kommst du ja zurecht, sonst hätten wir dich nicht eingestellt. Du findest auf dem Desktop eine Präsentation, die dir so ziemlich alles erklärt, was du hier wissen musst, und wahrscheinlich hast du unser Qualitätsmanagement-Handbuch unterwegs schon gelesen, aber ich erzähl’s dir jetzt trotzdem erst mal so, in groben Zügen, das ist irgendwie persönlicher, meinst du nicht auch?“
„Doch doch…“
„Schön. Deine Hauptaufgabe ist der Kontakt zu unseren Außendienstlern. Du bist so was wie eine Mutter für sie, oder meinetwegen ein Vater, wenn du mit der Metapher sonst nicht klar kommst.“
Sie zwinkerte ihm zu und lachte wieder, und für einen Moment befürchtete er, dass sie ihn wieder schlagen würde, aber sie tat es nicht.
„Sie wenden sich mit allen ihren Problemen an dich, und du hilfst ihnen dann – du merkst es, da haben wir wieder das Vertrauen – und wenn du das mal nicht kannst, dann rufst du mich an. Oder Clarence. Und dann schaffen wir das schon irgendwie. Manchmal musst du auch die Außendienstler anrufen, die Nummern findest du auf dem Computer. Die wechseln oft, wir schicken dann dazu regelmäßig Rundmails. Immer bevor du mit einem Außendienstler sprichst – oder währenddessen, wenn es sich kurzfristig ergibt – rufst du ihr Dossier auf. Du findest zu jedem ein Dossier, auf deinem Computer, das dir sagt, wie du mit ihnen umgehen musst, wo sie gerade sind, was sie mögen und was sie hassen, was sie können und was nicht so sehr, alles Mögliche. Manche von denen sind ein bisschen… speziell. Deshalb ist das sehr wichtig, und wird ständig aktualisiert. Du machst das auch, wenn du was Neues erfährst. Das ist“
Ein Mobiltelefon klingelte in ihrer Tasche. Sie klappte es auf.
„Was gibt’s denn? Oh, verdammt. Ja, warte, bin sofort da.“
Sie steckte es wieder ein und eilte zur Tür.
„Tut mir Leid, Philippe, ich muss weg, Clarence findet die Fernbedienung nicht, halt dich an die Präsentation auf dem Desktop, wenn noch was ist, ruf mich an, ja? Vertrauen und so, alles klar?“ rief sie ihm im Gehen zu.
„Jaja, alles… klar“, murmelte er, aber schon vor dem letzten Wort hatte Kira die Tür zugeworfen und war verschwunden.
Er hatte kaum auf dem Arbeitssessel Platz genommen, als das Telefon klingelte. Es war ein angenehmes, gedämpftes Läuten. Er zögerte einige Augenblicke, während derer er versuchte, sich an den Absatz in dem QM-Handbuch zu erinnern, in dem es ums Telefonieren ging. Dann atmete er tief durch und nahm den Hörer ab.
„Discordia Incorporated, mein Name ist Philippe, wie kann ich Ihnen helfen?“

10 Responses to Nimmermehr (6)

  1. Sehr geheimnisvoller „Laden“. Bin gespannt, wie es weitergeht.

  2. Muriel sagt:

    Danke schön. So ein kleiner Kommentar reicht schon, um die Freude an der Arbeit zu vervielfachen. (Ihr dürft natürlich trotzdem gerne auch schreiben, was euch nicht gefällt. Das freut mich zwar vielleicht nicht ganz so sehr, aber es ist eigentlich viel wichtiger für mich.)

  3. Ich kann aber nichts Negatives finden, ich bin kein Marcel Reich-Ranicki. :-)Falls mir was auffällt, werde ich es anmerken.
    Bei der Hundeszene musste ich als Hundebesitzerin schon ziemlich schlucken, und auch die Szene mit dem Kind ging mir nah; aber das spricht ja für die Story, wenn Begebenheiten den Leser berühren, sei es positiv oder negativ.
    Dieses Kapitel war dann etwas „zum Atemholen“, aber auch interessant.

  4. Muriel sagt:

    Ich kann mich für solche Kommentare gar nicht genug bedanken, deswegen tu ich’s jetzt schon wieder: Danke.
    Vielleicht solle ich für besonders treue Kommentatoren mal ein Bonussystem einführen. Eliteteam ist ja schon vergeben… überschaubarerelevanz.comfort vielleicht, wie klingt das?
    Die Mitglieder dieses erlesenen Zirkels bekämen dann von mir das Recht, alte Damen im Bus von ihren Plätzen zu verscheuchen. Naja, vielleicht lasse ich die Idee noch ein bisschen reifen.

  5. Oh ja, ich wäre gern Mitglied in einem erlesenen Zirkel. Vielleicht eine Art Muriel-Geheimbund? Der Geheimbund und das Elite-Team könnten dann eine Allianz eingehen. 🙂

  6. Muriel sagt:

    Und ich werde dann als Terrorist verhaftet, so weit kommt’s noch. Nene, ich überleg mir einen total unverfänglichen Namen. Der Li-La-Laune-Spaßclub oder so. Obwohl das jetzt ein bisschen nach Bordell klingt…

  7. fragmentjunkie sagt:

    Ohja, ein nettes Kapitel…

  8. pampashase sagt:

    sehr flüssig zu lesen und macht neugierig auf mehr…

  9. madove sagt:

    Ich bin auch keine gute Kritikerin, mir gefällt das schon wieder alles viel zu gut (wollte eigentlich noch in den Garten, muß jetzt aber doch noch eins weiterlesen…). Bei „befürchtete, daß sie ihn wieder schlagen würde“ hätte die Gesichtserkennungssoftware lautes Lachen angezeigt.
    Auch ein schönes Kapitel.

  10. Muriel sagt:

    @madove: Ja. Ich bin auch heilfroh, dass meine Lektorin die Albernheit der Discordia-Szenen nicht moniert hat. Es wäre so eine Schande, die streichen oder umschreiben zu müssen.

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