Habt ihr schon mal versucht, nicht mehr schwul zu sein?

Was muss man eigentlich für ein Mensch sein, um heute noch ernsthaft dagegen zu sein, dass gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren dürfen? Wie borniert und verknöchert? Wie verlogen gegen andere und wahrscheinlich auch sich selbst? Und bei der Gelegenheit: Warum ist es überhaupt so schwierig, Kinder zu adoptieren und warum muss man dafür in der Regel ein Ehepaar sein?

Meine Ansicht hierzu ist zwar von keiner eigenen Kenntnis getrübt und stützt sich ausschließlich auf Vorurteile, aber ich werde doch wohl damit richtig liegen, dass es ziemlich doof ist, in einem staatlichen Heim aufzuwachsen, und dass es weitaus mehr Kinder in staatlicher Obhut gibt als adoptionswillige Ehepaare. Solltet ihr damit selbst Erfahrungen haben oder das sonst anders sehen als ich, bin ich natürlich auch bereit, dazuzulernen. Vielleicht liegt das nur an meiner beschränkten Fantasie, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass es sich in einer -auch einer unvollkommenen- Familie mit -auch nicht ganz perfekten- Eltern immer noch um Längen schöner lebt als in einem Heim.
Ich will nicht ignorieren, dass Kinder von ihren Familien manchmal misshandelt werden, und dass in Familien schlimme Dinge passieren, aber ich bin sicher, dass auch in staatlichen Heimen gelegentlich ziemlich Unschönes vor sich geht, und bloß weil zwei Menschen verheiratet sind, sind sie doch nicht automatisch auch bessere Eltern.

Natürlich sollte der Staat Kinder aus seiner Obhut nicht einfach jedem überlassen, der dafür den Finger hebt. Aber dafür sollten für jeden verständliche, nichtwillkürliche Kriterien gelten, die auch tatsächlich etwas mit der Eignung als Eltern(teil) zu tun haben und nicht die mittelalterlichen, unreflektierten Vorstellungen, die manche Leute noch von einer „normalen Familie“ mit sich herumtragen.

Was ist das also für eine verlogene Argumentation, einfach zu behaupten, eine glückliche Familie mit Vater und Mutter wäre für das Kind besser als andere Konstellationen? Sogar wenn das stimmt – was ich nicht glaube -, dann ist der Vergleich vollkommen unsinnig. Angemessen ist der Vergleich zwischen irgendeiner Art von Familie (und bestünde sie eben nur aus Mutter bzw. Vater und Kind) und einem Heim. Dort geben sicher auch viele Menschen ihr Bestes, und vielleicht erfahren dort einige Kinder sogar Liebe, es kann doch aber gewiss keine Familie ersetzen.

Wenn also jemand meint, Homosexuelle wären aufgrund ihrer Neigung ungeeignet, Kinder zu erziehen, dann soll er der Öffentlichkeit doch bitte wenigstens den Gefallen tun, das auch zu sagen, statt sich hinter diesem steindummen Geschwurbel vom Schutz der Familie und der optimalen Umgebung für Kinder zu verstecken. Er soll dann wenigstens sich selbst gegenüber eingestehen, dass er Homosexualität für abartig und verwerflich hält. Dann weiß man wenigstens, woran man ist und worüber man redet.

Oder was meint ihr?

Edit, 29. 07.: Dank an Oliver in den Kommentaren, der mich darauf hinweist, dass es offenbar viel mehr adoptionswillige Ehepaare gibt als Kinder. Trotzdem wachsen aus Gründen, die wir uns beide nicht ganz erklären können, viele Kinder in Heimen auf. Ich lasse den Rest des Artikels unverändert stehen, weil ich finde, dass er durch diese neue Information nicht insgesamt falsch wird.

22 Responses to Habt ihr schon mal versucht, nicht mehr schwul zu sein?

  1. juliaL49 sagt:

    Sehr schön zusammengefasst bzw. gerantet! (oh, denglisch, kann auch Spaß machen). Laut neuesten Studien sind Kinder homosexueller Eltern sogar intelligenter.

  2. Oliver sagt:

    Es ist schon irgendwo ein großer Diskussionspunkt. Ein Punkt, weswegen manche Schwierigkeiten damit haben, ist, dass man keine Erfahrungswerte mit dem Thema hat.
    Ich habe keine Ahnung, was Kinder denken. Ist auch heutzutage egal. Aber man vermisst einfach beide Geschlechter und so. Das kann natürlich auch gut sein, es ist aber neu. Und alles, was neu ist, wird nicht unbedingt auch begrüßt 😉
    „aber ich werde doch wohl damit richtig liegen, dass es ziemlich doof ist, in einem staatlichen Heim aufzuwachsen, und dass es weitaus mehr Kinder in staatlicher Obhut gibt als adoptionswillige Ehepaare.“
    mit dem zweiten Punkt liegst Du nicht richtig. Es gibt jetzt schon viel, viel mehr Adoptionswillige als Kinder, die man adoptieren kann.

  3. nothingelse89 sagt:

    Ich stimme dir hundertprozentig zu.

  4. Muriel sagt:

    @Oliver: Danke, das hätte ich wirklich nicht gedacht. Werden denn so viele Interessenten abgelehnt, dass trotzdem noch viele Kinder in Heimen aufwachsen? Oder liege ich schon ganz falsch mit der Annahme, dass viele Kinder in Heimen aufwachsen?

  5. Arctica sagt:

    Tja, so ist das. Wer körperlich in der Lage ist sich fortzupflanzen darf dies ohne jegliche Kontrolle der Eignung tun, aber wehe jemand ist das nicht und möchte dennoch ein Kind großziehen. Ich meine, es ist wohl wahr, dass es bei Adoptionen häufig Schwierigkeiten gibt, da die Kinder durch schlechte Erfahrungen geprägt sind, und dass diese Eltern dann pädagogisch besonders fähig sein müssen. Aber warum dies Alleinerziehende oder Schwule nicht sein sollen verstehe ich auch nicht so ganz. Erst recht nicht, wenn man sieht welche Menschen sonst so Kinder in die Welt setzen und großziehen dürfen.

  6. Oliver sagt:

    @Oliver: Danke, das hätte ich wirklich nicht gedacht. Werden denn so viele Interessenten abgelehnt, dass trotzdem noch viele Kinder in Heimen aufwachsen? Oder liege ich schon ganz falsch mit der Annahme, dass viele Kinder in Heimen aufwachsen?
    – Gute Frage. So genau weiß ich das nicht. Es gibt da eine Statistik
    „Zur Adoption vorgemerkt waren am Ende des Jahres 2006 in Deutschland 889 Kinder und Jugendliche; gleichzeitig gab es zu jener Zeit 9 154 Adoptionsbewerbungen. Grob gerechnet kommen damit auf einen zur Adoption freigegebenen Minderjährigen zehn Adoptionswillige.“
    quelle:http://www.adoption.info/de/adoption-ein-paar-zahlen/
    es gibt natürlich auch sehr viele, viel mehr kinder, die in heimen etc. aufwachsen, aber zum einen kann ich mir vorstellen, dass man oft zu alt für eine adoption ist, dass die kinder zum teil eventuell zu sehr verhaltensgestört sind, es kann auch gut sein, dass die eltern die kinder ins heim oder zu pflegeeltern geben, das heißt aber nicht, dass diese kinder auch adoptiert werden können. (vermute ich mal 🙂 )
    In Heimen landen vielleicht viel mehr Problemjugendliche, die von ihren Eltern verstossen wurden. Keine Ahnung, aber eine Vermutung 😀

  7. Muriel sagt:

    Danke für den Hinweis! Ich ergänze den im Artikel.

  8. Niels sagt:

    Ich bin gern mal wieder die konservative Spaßbremse. 🙂

    Natürlich ist es albern zu behaupten oder dies unterschwellig mitschwingen zu lassen, homosexuelle seien weniger geeignet, Kinder liebevoll zu erziehen.

    Aber eines macht mich doch stutzig: ständig wird beklagt, dass ein Teil der Adoleszensprobleme männlicher Jugendlicher teilweise daran lägen, dass ihnen in den Schulen, insbesondere in Grundschulen die männlichen Vorbilder abhanden gekommen seien. Es soll aber unproblematisch sein, wenn ein Junge von zwei Frauen oder ein Mädchen von zwei Männern erzogen wird? Ich bin weder Pädagoge noch Psychologe, aber leise Zweifel bleiben doch.

    Und was die große Zahl von in Heimen aufwachsenden Kindern und die große Zahl adoptionsinteressierter angeht: Das ist nur ein scheinbarer Widerspruch, denn die Mehrzahl der Kinder in Heimen und Pflegefamilien kann schon deshalb nicht adoptiert werden, weil aus gutem Grunde die elterliche Sorge den leiblichen Eltern nicht dauerhaft entzogen werden kann.

  9. Muriel sagt:

    Die Kommentare sind zum Diskutieren da, nicht nur zum Zustimmen. Danke also für deinen Beitrag, auch wenn ich das mit den männlichen Vorbildern nicht so überzeugend finde (allein schon, weil ich genug Männer kenne, die als männliches Vorbild viel weniger geeignet sind als viele Frauen). Ist das wirklich eine herrschende Meinung unter Wissenschaftlern, oder mehr so eine verbreitete trivialpsychologische Idee wie „Killerspiele machen aggressiv“?
    Ich bleibe dabei: Wenn es verständliche und erklärbare Kriterien für gute Erziehung gibt, dann sollten die wohl auf alle angewandt werden, die ein Kind adoptieren wollen. Wenn nicht, dann sollten wir die Finger davon lassen, irgendwelche gefühligen Ausschlusskriterien zu entwickeln, weil uns irgendwie unwohl ist bei dem Gedanken, ein Kind könnte von zwei Frauen erzogen werden.
    Der letzte Absatz klingt für mich aber völlig plausibel, da bekommst du von mir kein bisschen Widerspruch.

  10. Niels sagt:

    „Ist das wirklich eine herrschende Meinung unter Wissenschaftlern, oder mehr so eine verbreitete trivialpsychologische Idee wie “Killerspiele machen aggressiv”?“

    Das weiß ich nicht; wie gesagt: Ich hab davon überhaupt keine Ahnung, is nich mein Gebiet. Aber ich kann morgen mal versuchen, wohnungsinternen Sachverstand anzuzapfen und Bericht zu erstatten.

  11. Niels sagt:

    Übrigens noch ein Wort Richtung Maschinenraum, kannste auch gerne löschen nach Kenntnisnahme: Die Uhrzeit der Kommentare scheint auf 12h-Format eingestellt zu sein, aber ohne AM/PM-Zusatz.

  12. Muriel sagt:

    Ich lasse ihn zumindest noch lange genug stehen, um mich für den Hinweis zu bedanken. Müsste jetzt behoben sein, bei mir sieht’s zumindest richtig aus.

  13. Niels sagt:

    Perfekt. 🙂

  14. stoertebeker sagt:

    @juliaL49 Ich stimme dem Artikel auch zu, aber „Laut neuesten Studien sind Kinder homosexueller Eltern sogar interlligenter“ hättest du dir wirklich sparen können. Wenigstens hättest du den Satz richtig buchstabieren können …

    Ich halte es nicht für wichtig wie intelligent Kinder aus wie-auch-immer-gearteten Partnerschaften sind. Sie sind da. Sie sind Menschen. Sie sind willkommen.

  15. juliaL49 sagt:

    stoertebeker, hiermit nehme ich mein zuviel getipptes „r“ mit allen zeremonischen Ehren zurück und hoffe sehr, dass du mit mir überein stimmst, dass intelligenteren Menschen allgemein mehr Rationalität zugetraut wird und damit die Fähigkeit zu erkennen, dass Homosexuelle ganz normale Menschen sind.

  16. Muriel sagt:

    @stoertebeker, juliaL49: Ich hab‘ da oben mal einen Schlichtungsversuch unternommen.

  17. David sagt:

    Um Ihre Fragen des ersten Absatzes zu beantworten: bei der Adoptionsfrage geht es darum, die richtige Familie für ein Kind zu finden und nicht anders herum.
    In wie weit es sich auf ein Kind auswirkt, wenn es in einer Umgebung aufwächst in dem die männliche bzw. die weibliche Bezugsperson fehlt, kann ich nicht beurteilen.
    Allerdings kann ich mir vorstellen, dass das bei einigen Bedenken auslöst. Jemanden deshalb aber gleich mittelalterliche Ansichten und Schwulenfeindlichkeit vorzuwerfen finde ich ziemlich daneben. Das ist für eine konstruktive Diskusion nicht gerade förderlich.

  18. Muriel sagt:

    @David: Danke für den Kommentar. Ich gebe zu, dass mein Artikel unter anderem von der Einschätzung getragen war, es gäbe weitaus weniger adoptionswillige und -geeignete Familien als suchende Kinder. Dass dem offenbar nicht so ist, relativiert tatsächlich einen Teil meines Rants.
    Ich bleibe aber dabei, dass jemand, der gleichgeschlechtliche Paare ohne rationale Grundlage (Und ich sehe keine; im Gegenteil scheinen die durchgeführten Studien in die Richtung zu weisen, dass Kinder gleichgeschlechtlicher Paare keine Nachteile zu fürchten haben.) aufgrund ihrer Neigung für ungeeignet hält, Kinder zu erziehen, lieber den Mund halten sollte.
    Ich bin durchaus nicht dagegen, strenge Kriterien an die Eignung zur Adoption anzulegen. Die sollten aber fair, sachlich fundiert und transparent sein und nicht auf den Vorurteilen von Volker Kauder basieren.

  19. Oahmm sagt:

    Aehmm adoptionsfrage ?kann man dase essen?

  20. Muriel sagt:

    @Oahmm: Ja. Aber es wäre ziemlich unkonventionell.

  21. gerd sagt:

    Hallo,
    frage,was meint ihr kann man durch frauenfeindliches erziehen schwul werden?
    ständig den partner in den rücken fallen um mehr liebe und aufmerksamkeit vom kind zu bekommen.die mutter als schlecht hinzustellen…das geht so weit zu sagen“wir zählen jetzt bis 10 und wenn mama nicht im auto ist fahren wir alleine los…und sie sind alleine los.
    diese frauenfeundliche bild was da jahre lang bei einem 6j.jungen endststeht kann das so prägen das man später schwul wird.zudem der vater sich ständig als bodybuilder zum rambo darstellt,so ein typ..nur die harten kommen in den garten
    hört sich vielleicht alles nur blöd an…aber man denkt ja drüber nach.
    güss euch

  22. Muriel sagt:

    @gerd: Ach je, was soll ich dazu sagen.
    Denkst du, ich könnte durch männerfeindliche Erziehung heterosexuell geworden sein?
    Gar nicht auszumalen, was noch alles hätte aus mir werden können, wenn meine Eltern z.B. nicht immer ausgemachte Tierfeinde gewesen wären…

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