Draußen nur Kännchen

Bei Nerdcore wurde ja schon viel Wichtiges dazu gesagt, aber ich habe noch ein bisschen was hinzuzufügen.

Kommt der Sommer – oder etwas, das ihm entfernt ähnlich sieht -, und scheint die Sonne ein bisschen, ergreift eine sonderbare fixe Idee Besitz von manchen Menschen. Sie richten dann unter Vernachlässigung der eigenen Bequemlichkeit, Gesundheit und allgemeinen Lebensqualität ihr gesamtes Tun und Trachten auf ein einziges Ziel: draußen zu essen.
Wenn ein Tisch und Stühle auf der Veranda stehen, umso besser, falls nicht, wird eben improvisiert und „gepicknickt“, im äußersten Fall wählt man zumindest die Tische draußen im Restaurant.
Über Wespen im Essen, im Getränk, in den Haaren und zwischen den Fingern ärgert man sich zwar ein bisschen, sie werden aber als unvermeidlich hingenommen. Ebenso der Wind, der Servietten und alles andere Leichtgewichtige bis hin zur Tischdecke mit sich reißt und die Essenden zwingt, permanent ihre Aufmerksamkeit darauf zu richten, alles Windanfällige mit Händen und Füßen festzuhalten oder unter Geschirr und Besteck festzuklemmen. Dabei darf man natürlich trotzdem die Wespen nicht aus den Augen verlieren, sonst findet man sie irgendwann im eigenen Hals wieder.
Auch klagt gelegentlich der eine oder andere halbherzig über den gleißenden Sonnenschein, dessentwegen man gar nicht richtig sehen kann, was man isst – an dieser Stelle noch mal der Hinweis auf die Wespen -, aber am Ende besteht ein stillschweigender Konsens, dass es zum Draußenessen keine Alternative gibt. Wer diesen Konsens explizit anzweifelt und vielleicht so weit geht, vorzuschlagen, in geschlossene Räume zurückzukehren, erntet Entrüstung, als hätte er gefragt, was an Analogkäse eigentlich so schlimm sein soll.

Ich weiß nicht, ob ihr auch solche Stubenhocker seid wie ich, oder ob ihr mit dem Kopf schüttelt und mich einen Miesepeter nennt. Die Tatsache, dass ihr ein Blog lest, lässt mich auf ersteres hoffen, deshalb ist euch vielleicht schon mal aufgefallen, dass die Draußensitzer noch eine zweite interessante Eigenheit haben: Sie sind in der Regel nicht in der Lage, ihre Freizeitpläne vom Wetter zu trennen. Die Frage, wie denn das Wetter heute wird, ist für sie eine ganz automatische Begrüßungsfloskel.
Ich kann das nicht begreifen. Wetter ist für mich etwas, was irgendwie wohl stattfindet, mich aber nur ganz indirekt betrifft. Wie die Verkehrspolitik von Neuseeland vielleicht, oder die Wahlen in Belgien.
Menschen, die ihre lange gehegten Pläne umwerfen, weil irgendwer im Radio von einer Regenwahrscheinlichkeit um 80% faselt, sind mir suspekt. Genauso wie Leute, die vorschlagen, dass man doch einen herrlich sonnigen Tag nicht drinnen verbringen könne. Wozu hat die Menschheit jahrtausendelang geforscht, entwickelt und erfunden, wenn wir heute noch wie die Höhlenmenschen unsere Vorhaben davon abhängig machen, ob irgendeine tierköpfige Gottheit die Wolken aufpiekt oder nicht?

Vergesst Netzsperren, vergesst die Bundestagswahl, vergesst Killerspiele. Die Öffentlichkeitsarbeit der Internetcommunitybenutzer hat ein klares Ziel: Draußen darf nicht länger ein rechtsfreier Raum sein.

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