Nimmermehr (7)

Heute habe ich für euch den siebten Teil meines Fortsetzungsromans Nimmermehr. Viel Spaß!

Kurz zusammengefasst haben wir im ersten Teil eine junge Dame kennen gelernt, die an einem norwegischen Fjord wohnt und offenkundig unter ernst zu nehmenden psychischen Beschwerden leidet. Diese junge Dame bekam in der ersten Szene einen Anruf von Clarence und musste sich auf den Weg machen, um etwas für ihn zu erledigen. Sie bekommt später auch einen Namen, aber noch kennen wir den nicht.
Der zweite Teil stellte uns Sonja vor, eine junge Journalistin, die zurzeit nicht ganz freiwillig ihren Bruder bei sich beherbergt und einen geheimnisvollen Anruf bekommen hat, in dem ihr eine große Verschwörungsgeschichte angekündigt wurde.
Im dritten Teil waren wir dabei, als eine junge Frau, die der Fjordbewohnerin des ersten Teils kein bisschen ähnelte, in Oslo ein Flugzeug nach Deutschland bestieg, auf dem Weg nach Hamburg.
Im vierten Teil kam Sonja ihrer Verschwörung näher, und zum Schluss stellte sie fest, dass die geheimnisvolle Anruferin den Mord an einem ehemaligen Hamburger Bürgermeister und seiner Familie vorhergesagt hatte.
Im fünften Teil sahen wir einer kinderlieben jungen Frau in einem Hamburger Hotelzimmer dabei zu, wie sie erschöpft auf ihrem Bett lag und sich an ihr hartes Tagwerk erinnerte, das ziemlich direkt mit dem vorhin erwähnten Mord zusammenhängt.
Der sechste Teil führt uns nach Afrika, wo wir einen neuen Mitarbeiter des Unternehmens Discordia, Incorporated, beim Beginn seines ersten Arbeitstages begleiten.

Ausführlicher könnt ihr die bisherige Geschichte hier nachlesen, oder ihr klickt oben auf die Geschichten-Seite.

Sonia wurde von ihrem Telefon geweckt. Es war halb sechs. Ausgezeichnet. Sie hatte gerade einen sehr schönen Traum gehabt, in dem sie fliegen und durch Wände sehen konnte, aber sicher hatte der Anrufer eine mindestens ebenso erfreuliche Nachricht.
Sie sah auf das Display und stöhnte. Ihr Bruder. Sie dachte kurz darüber nach, einfach den Akku rauszunehmen oder das ganze Ding gegen die Wand zu werfen, vergaß die Idee aber sofort wieder. Er war immerhin ihr Bruder.
„Marten!“ rief sie in das Mikrofon, erfüllt von einer übersteigerten autogenen geschwisterlichen Liebe, die ihr hoffentlich helfen würde, ihn nicht wüst zu beschimpfen und in die niedersten Höllen zu verfluchen. „Schön, dass du anrufst. Aber warum rufst du überhaupt an, wohnst du nicht gerade bei mir? Komm doch rein!“
„Bin gestern noch mit Neddi unterwegs gewesen“, murmelte er. „Was ist denn mit dir los?“
Er wollte Geld. Er sprach immer so leise, wenn er sich schämte. Er schämte sich immer, wenn er Geld brauchte. Er brauchte eigentlich immer Geld. Ihre Eltern hatten eines Tages beschlossen, dass es pädagogisch besser wäre, ihm keines mehr zu geben. Sonia stand diese Erkenntnis noch bevor. Sie hoffte, dass sie bald kam.
„Darf ich mich nicht freuen, mit dir zu sprechen?“
„Doch, schon…“
„Was macht deine Freundin? Carla, oder?“
„Kalle geht’s gut. Sie… lässt dich grüßen.“
Das hatte er sich natürlich jetzt einfach ausgedacht. War doch aber nett von ihm. Wahrscheinlich wusste Kalle – grässlicher Spitzname – nicht mal, dass er eine Schwester hatte.
„Das freut mich doch, grüß sie zurück!“
„Du… Ich hab nicht mehr so viel Geld auf meiner Karte.“
„Schon gut, erzähl, was hast du auf dem Herzen?“
Sie war immer noch bemüht, ein völlig unsinniges Übermaß an Herzlichkeit und Sonnenschein in ihre Stimme zu legen.
„Könntest du mir vielleicht ein bisschen was leihen? Nur bis nächste Woche, dann kann ich bei Pepe anfangen.“
Pepe war der Inhaber eines chilenischen Restaurants. Sonia kannte ihn auch, und sie war sich nicht sicher, ob er überhaupt jemanden suchte. Es wäre auch merkwürdig, dass Marten davon nichts erwähnt hatte, sie hatte ihn doch gestern Abend erst gesehen. Andererseits würde ihr Bruder sie sicher nicht anlügen.
„Wie viel brauchst du denn? Und warum so früh am morgen?“
„Gar nicht so viel… Nur, damit es bis Sonntag oder so reicht.“
Heute war Mittwoch. Wie viel brauchte Marten wohl, um bis Sonntag auszukommen? Sonia war sehr glücklich mit ihrer Stelle beim Herold, aber direkt fürstlich war die Bezahlung am Anfang natürlich auch nicht. Außerdem war auch für sie Monatsende, deshalb entschied sie sich, mit einem niedrigen Angebot einzusteigen.
„Zwanzig Euro? Wenn du ein bisschen sparsam bist…“
„Hmmm nee, ich hab eigentlich gar nichts mehr im Haus… Ich müsste schon ein bisschen was einkaufen und so… Ich gebs dir auch wieder.“
Klar. Hatte er bisher ja auch immer. Hatte er? Klar. Bestimmt. Sie erinnerte sich jetzt nur nicht, weil es so verdammt früh war und er sie mitten in der Nacht geweckt – ruhig bleiben, du liebst deinen Bruder, ermahnte Sonia sich.
„Ich kann dir fünfzig geben. Sonst muss ich selbst hungern. Abgemacht?“
„Hmmm na gut, reicht schon irgendwie. Wann passt es dir denn?“
„Ich hab heute viel zu tun, und ich müsste erst noch zu einem Geldautomaten. Heute nach der Mittagspause, so ab drei Uhr oder so?“
„Hmm… Geht’s nicht n bisschen früher?“
„Marten!“ zischte sie, um gleich danach tief durchzuatmen. „Ich schaffs nicht früher, tut mir Leid. Hältst dus irgendwie durch bis um drei?“
„Muss ja.“
Er legte auf. War der jetzt etwa beleidigt, weil sie noch was anderes zu tun hatte als dafür zu sorgen, dass er an ihr Geld kam? Sie schnaubte, würgte ihre Decke ein bisschen und überlegte dann, ob es sich lohnte, noch mal einzuschlafen.
Sie hatte heute wirklich viel zu tun. Die Sache mit den Morden war ein Spitzenthema. Sie war zwar nicht sicher, was dahinter steckte, aber wenn sie das ordentlich machte, war ihr ein fester Redakteursposten ziemlich sicher. Außerdem war sie jetzt sowieso schon wach. Sie stand auf, um zu frühstücken.

Ihr Telefon klingelte wieder, kurz nachdem sie in ihr Auto gestiegen war. Sie hatte sich schon oft eines dieser angeberischen Bluetooth-Headsets kaufen wollen, aber dann waren sie ihr doch immer zu teuer gewesen. Deshalb musste sie nun unter Missachtung der Straßenverkehrsordnung und unter Gefährdung der Leben anderer und ihres eigenen das Telefon aufnehmen und mit der einen Hand an ihr Ohr halten.
„Ja?“
„Glauben Sie mir jetzt? Oder halten Sie mich immer noch für einen Spinner?“ Die Frau am Telefon sprach immer noch mit dem leichten Akzent. Sonia war sich jetzt ziemlich sicher, dass es französisch sein musste.
Sie musste sich beherrschen, um nicht laut aufzujaulen vor Begeisterung. Das war alles genauso wie im Film, und sie war die Hauptperson! Mit einer gewissen Distanz war ihr bewusst, dass gestern Nacht Menschen gestorben waren, aber das gehörte eben dazu, wenn es spannend sein sollte.
„Ich glaube Ihnen“, sagte sie so beherrscht, wie sie konnte.
„Gut. Wenn sie jetzt schon so – ah, wie sagt man – aus dem Häuschen sind, warten wir mal ab, bis Sie die Akte bekommen haben.“
„Welche Akte?“ fragte Sonia.
„Sie sind eine Organisation. Sie nennen sich Discordia, Inc., und ich habe für sie gearbeitet. Aber jetzt nicht mehr. Jetzt kann ich nicht mehr. Jetzt will ich nicht mehr.“
„Was für eine Akte meinen Sie?“
„Das werden Sie dann ja sehen. Sie werden springen vor Freude. Das wird nicht nur für einen Artikel reichen, das wird ein Buch.“
„Und…“ Sonia wusste gar nicht, wo sie anfangen sollte. „Eine Organisation? Was für eine Organisation? Die bringen Leute um? Steckt eine Regierung dahinter? Und wer sind – Scheiße!“
Sonia vollführte eine unsinnig hektische Lenkbewegung und bremste so heftig, dass ihr Starbuck’s-Kaffeebecher vom Rücksitz nach vorne gegen das Radio geschleudert wurde und ein stück Kunststoff herausschlug. Ihr Telefon hatte sie fallengelassen.
Trotzdem hatte sie deutlich gespürt, wie sie das kleine schwarze Tier überfahren hatte, das vor ihr auf die Straße gesprungen war. Oder hatte es da die ganze Zeit gestanden, und sie hatte es bloß nicht gesehen, weil sie nicht aufgepasst hatte?
Sonia sah sich zögerlich um. Sie wusste selbst nicht, was oder wen sie suchte, aber sie fand es oder ihn nicht. Niemand, der wild schreiend auf ihr Auto zu rannte oder weinend auf die Straße deutete. Niemand. Nur ein paar Läden und ein Rewe-Supermarkt an der Ecke.
Was jetzt? dachte sie. Wem auch immer die Katze – bestimmt eine Katze, für einen Hund war es zu klein gewesen, Sonia mochte Hunde, Katzen mochte sie nicht – gehörte, er war nicht da. Sie würde ihn bestimmt nicht finden. Katzen waren bekannt dafür, dass sie eigensinnig waren und alleine durch die Welt liefen und nur zum Fressen nach Hause kamen. Es hatte also eh keinen Sinn, den Besitzer zu suchen. Was konnte sie schon tun? Gar nichts. Außerdem hatte sie ein bisschen Angst davor, gleich vor einem heulenden kleinen Mädchen zu stehen, dessen besten Freund sie getötet hatte. Ihr wurde ein bisschen schlecht bei dem Gedanken. Sie würde zu spät zur Arbeit kommen.
Sonia sah sich noch einmal um und fuhr dann einfach weiter.

„An Ihrer Sache scheint was dran zu sein“, sagte Dr. Meiller.
Sie nickte eifrig und fragte: „Wissen Sie schon Einzelheiten? Ich hab’s nur über die Nachrichten erfahren.“
Er senkte den Blick und schüttelte seinen Kopf. Es war keine Antwort auf ihre Frage.
„Schlimme Sache“, sagte er. „Hinrichtung, mit Folter. Die Polizei gibt keine Einzelheiten bekannt, aber die Zahl der Opfer ist offenbar zweistellig. Die gesamte Familie. Mehrere Kinder. Je näher die Verwandtschaft, desto schlimmer waren sie zugerichtet.“
Fantastisch, dachte Sonia, unglaublich, so was gibt’s doch sonst nur im Kino. Sie bemerkte, dass sie breit grinste. Ihren Unfall mit Fahrerflucht hatte sie schon wieder völlig vergessen. Oder zumindest redete sie sich das ein. Meiller hob seine Augenbrauen.
„Ich dachte nur gerade… an was anderes. Aber es gibt noch keine Verdächtigen?“
„Hm. Eigentlich keine. Also, ich habe ein bisschen was erfahren. Unter Zwei.“ Das hieß, von einer Quelle, die nicht namentlich genannt werden wollte. „Sie haben kaum Spuren gefunden, und keine besonders guten. Sie sind sich sicher, dass es ein Professioneller war. Die Grausamkeit ist für einen Auftragsmörder unüblich, ist aber leicht erklärbar, wenn der Auftraggeber es so wollte.“
Sie nickte. „Klar.“
Meiller setzte sein bestes Dann-mal-an-die-Arbeit-Lächeln auf, nickte einmal nachdrücklich und schlug mit beiden Händen auf seinen Schreibtisch. „Sie haben eine Story.“

5 Responses to Nimmermehr (7)

  1. fragmentjunkie sagt:

    Gefällt mir, sehr gut. Fange langsam an Marten zu hassen.
    „Deshalb musste sie nun unter Missachtung der Straßenverkehrsordnung und unter Gefährdung der Leben anderer und ihres eigenen das Telefon aufnehmen und …“ – das ist zu albern

  2. Muriel sagt:

    @fragmentjunkie: Bin gespannt, ob das mit dem Hass auf Marten so bleibt. Du kannst mich da ja auf dem Laufenden halten.
    Du hast Recht, dieser Satz ist ziemlich albern. Vielleicht ändere ich den; manchmal geht es ein bisschen mit mir durch.

  3. Andi sagt:

    Den Satz find ich nunmal gar nicht albern. Lass den ruhig drin. Alles andere wäre nur platt und banal.

  4. madove sagt:

    Ich fand den Handysatz auch gut, aber ich mags ja generell ein bißchen albern. Insgesamt fand ich das Verhältnis zu Marten, das Katze-Überfahren und das breite Grinsen beim Gedanken an die Opfer Story so unangenehm realistisch, daß es fast den Lesespaß reduziert, nicht jedoch die Qualität des Textes.

  5. Muriel sagt:

    @madove: Danke. Schön, dass noch jemand meinen Geschmack teilt.
    (Die Katze war mal ein Hund. Aber das hat Keoni mir verboten.)

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