Eine neue Seite

24. Juli 2009

Genau, da oben, rechts neben „Darum gehts.“, ist eine neue Seite aufgetaucht. Auf der sammle ich von jetzt an die Geschichten, die ich euch hier im Blog anbiete, für all die, die sie zwar gerne lesen würden, denen es aber zu mühsam ist, sich die einzelnen Beiträge rauszusuchen. Bisher stehen dort „Mein Sonderbarer Onkel Simon“ und die ersten fünf Kapitel von „Nimmermehr.“ Schaut doch mal rein!

Dank für die Anregung geht an Ruediger von thatblog.de.


Protestwähler

24. Juli 2009

Ich bin nicht der Meinung, dass Wählen eine Bürgerpflicht ist. Ich finde nicht mal unbedingt, dass niedrige Wahlbeteiligung was Schlechtes ist. In den USA ist die Wahlbeteiligung notorisch niedrig, und die haben zwar auch ihre Probleme, aber die Demokratie funktioniert dort meines Erachtens nicht schlechter als hier oder, sagen wir, in Australien, wo es eine echte Wahlpflicht gibt. Ich halte auch nichts von diesem immer wieder unreflektiert hingerotzten Argument, dass jede nicht abgegebene Stimme eine Stimme für die NPD wäre. Wenn man meint, dass alle Nichtwähler doof sind, dann soll man das bitte auch so sagen und sich nicht irgendwelche steilen Thesen ausdenken, für die es meines Wissens aber auch gar keinen Beleg gibt. Korrigiert mich bitte, falls ich mich irre.

Dessenungeachtet (ein Wort, das ich viel zu selten benutze) wird mir aber schon ein bisschen schwummerig, wenn ich so lese und höre, wie manche Nichtwähler ihre Enthaltung begründen. Man kann das zum Beispiel bei Basic Thinking oder auch direkt bei YouTube gerade ganz gut nachlesen, wenn man selbst keine Nichtwähler kennt.

Kleiner Exkurs: Wenn man einen Artikel über ein evident ironisch gemeintes Video schreibt, in dem man mehrfach darauf hinweist, dass es ironisch gemeint ist und die Leute eigentlich zum Wählen auffordern will, wenn das erste Dutzend Kommentare sich auch noch mit der missglückten Ironie des Spots auseinandersetzt, und wenn man dann trotzdem solche Kommentare bekommt:

„Leute: Geht wählen, die (meisten) im Video gezeigten Promis sind dümmer als die Polizei erlaubt!“

Gerät man dann nicht in Versuchung, das Bloggen einfach sein zu lassen? Aber kehren wir zum eigentlichen Thema zurück.

Wie kindisch muss ich denken, um zu glauben, dass ich es „denen da oben“ (Bäh!) mal so richtig zeige, wenn ich keine oder keine gültige Stimme abgebe? Wie wertlos muss ich mich fühlen, um zu glauben, dass meine beste Möglichkeit, etwas zu verändern, in der Enthaltung besteht? Wie lächerlich ist denn dieser Gedanke, dass unsere Regierung vor Angst zittert, dass sie ihre Mehrheit das nächste Mal bei einer Wahl gewinnt, an der eben statt 77% meinetwegen nur noch 67% teilgenommen haben?

Das gleiche gilt natürlich für all die lustigen Protestwähler, die ungültige Wahlzettel abgeben oder für eine Splitterpartei stimmen, die sie eigentlich gar nicht wollen, und sich deshalb einbilden, sie wären Vorkämpfer der Revolution.

Wenn jemand sagt, er sei einfach zu faul, er habe einfach keine Lust, das ganze Theater interessiere ihn nicht, die anderen würden das schon regeln, dann ist das sicher auch kritikwürdig, aber es ist meiner Meinung nach wenigstens ehrlich gegen andere und sich selbst, und nicht so steindumm wie dieses Gefasel von Denkzetteln und „es denen da oben mal so richtig zeigen“.

Überhaupt, Politikverdrossenheit. Politiker lügen, Politiker beschönigen, sie halten sich nicht an ihre Versprechen und sie geben ihre Fehler nicht zu. Ja, meine Güte, könnte das daran liegen, dass sie Menschen sind? Wer von Politikern erwartet, dass sie besser sind als die Leute, die sie repräsentieren, der darf sich nicht wundern, permanent enttäuscht zu werden. Und wer die BILD-Zeitung liest, der ist mit schuldig, dass deren Niveau unseren öffentlichen Diskurs beeinflusst. Wir haben genug Parteien, dass für nahezu jeden was dabei sein sollte, und wir haben für alle andere die Möglichkeit, neue Parteien zu gründen. Wenn Gabriele Pauli das kann, dann schaffen das auch andere.


Just Three Words

24. Juli 2009

Nein, hier geht es nicht um die aktuell wie Pilze aus dem Boden schießenden Wahlplakate, mit denen hat sich Coffee And TV vorerst ausreichend befasst. Hier geht es um schlechte Kommunikationspolitik und einen schweren Verlust.

Facebook fand ich nie so wahnsinnig interessant. Dann aber entdeckte ich vor vielleicht knapp einem Jahr eine kleine Anwendung, die mich begeisterte und mit der ich sehr viel Spaß hatte. Sie hieß „Just Three Words“ und funktionierte denkbar einfach: Man schrieb drei Worte, zum Beispiel „Das riesige Raumschiff“, und stellte diese drei Worte der Anwendung zur Verfügung. Andere Mitspieler konnten dann ihrerseits drei Worte hinzufügen, und immer so weiter. Oft verlief die Sache natürlich im Sand, und manchmal kam nur mehr oder weniger amüsanter Quatsch raus, aber gelegentlich entstanden auch echte kleine Juwelen.

Ergänzung, 06:47: Ich erinnere mich zum Beispiel vage an eine ganz zauberhafte kleine Kindergeschichte von einer Made (Edward, glaube ich), die in einem Komposthaufen lebte, nachdenklich an einem verschimmelten Salatblatt kaute, sich fröhlich durch faule Äpfel fraß und auf einem Thron aus verdorbenem Brot sitzend darüber sinnierte, dass sie sich zum König über diesen ganzen Abfall ernennen könnte und wie schön das doch wäre.

Ich hatte selbst ein paar Drei-Wörter-Geschichten am Laufen, die ich gemeinsam mit meinen Facebook-Freunden kontinuierlich fortschrieb.

Bis eines Tages dieser Hinweis erschien, es gebe da ein Problem mit der Anwendung, und man möge es doch bitte später noch mal versuchen. Dieser Hinweis blieb nach meiner Erinnerung rund ein Vierteljahr in Kraft, bevor er dann gemeinsam mit jedem Hinweis auf die Anwendung ganz verschwand. Heute gibt es „Just Three Words“ nicht mehr, und soweit ich weiß, sind alle damit geschriebenen Geschichten mit ihm untergegangen. Erstens macht mich das für sich genommen schon sehr traurig, zweitens ist es mir schleierhaft, wie ausgerechnet ein soziales Netzwerk seine Kundenkommunikation so handhaben kann.

Kennt vielleicht einer von euch die Anwendung? Oder etwas Ähnliches? Weiß jemand mehr als ich? Oder habt ihr vielleicht Lust, „Just Three Words“ irgendwo, irgendwie neu aufleben zu lassen?

Ich würde mich freuen.


Armer Mann und reicher Mann

23. Juli 2009

Drüben beim Spiegelfechter sollen gerade die Reichen verspeist werden, und in den Kommentaren zitierte jemand dieses olle Brecht-Gedicht:

„Armer Mann und reicher Mann,
standen da und sah’n sich an.
Da sagt der Arme bleich:
wär’ ich nicht arm, wärst du nicht reich.“

Das Gedicht illustriert ganz gut einen weit verbreiteten Grundirrtum, den ich der Abwechslung halber mal nicht mit Argumenten, sondern mit zwei Variationen aufzeigen will:

„Kurzer Mann und langer Mann
Standen da und sah’n sich an.
Da sagte der kurze bang:
Wär’ ich nicht kurz, wärst du nicht lang.“

Oder:

„Froher Mann und trüber Mann
Standen da und sah’n sich an.
Da sagte der trübe so:
Wär’ ich nicht trüb, wärst du nicht froh.“

Alles der gleiche Denkfehler, finde ich.


Nicht nur im Film

23. Juli 2009

Heute war ich mal wieder in unserer Orthopädietechnik-Werkstatt zu Besuch und beobachtete einen unserer Techniker eine Zeitlang dabei, wie er eine künstliche Hand reinigte. Das Ding sah wirklich mitgenommen aus, schmierig, dreckig, der Überzug war eingerissen und die Prothese selbst an ein paar Stellen gebrochen.

Ich frage den Techniker, was denn damit passiert sei, und er sagte, die stamme von einem JVA-Insassen, der seine Prothese gerne in den dort offenbar üblichen Schlägereien einsetze. Außerdem benutze er sie, um allerlei Kleinigkeiten, meistens Zettel mit unleserlichen Schmierereien, vor den Vollzugsbeamten zu verstecken. Unser Techniker zeigte mir dies am Beispiel des Daumens, der abnehmbar und innen ausgehöhlt war. Woran man wieder erkennen kann, dass man nicht allen Klischees misstrauen sollte, nur weil sie Klischees sind.

Wir haben die Prothese deshalb auf Wunsch des Kunden nicht repariert, sondern eben nur gereinigt und mit einem neuen Überzug versehen. Sah dann aber trotzdem wieder richtig gut aus.


and make their day

22. Juli 2009

Ich bin manchmal so einfach zu begeistern. Kennt ihr www.boden.co.uk? Ein sympathisches Unternehmen, dessen Kommunikationspolitik mich dermaßen glücklich macht, dass ich manchmal dort bestellen möchte, obwohl ich gar nichts gefunden habe, was ich haben will. Ergibt das Sinn? Egal. Muss man ein Unternehmen nicht lieben, das seinen Kunden nach der Registrierung schreibt:

„a big hello & welcome

a hearty thank you for signing up to hear our news and receive special offers. Consider yourself part of a privileged and mystical elite – but without the silly handshake.“,

in deren Mails Sätze vorkommen wie:

„Vielleicht werden Sie mir das alles nicht glauben wollen (ich weiß, ich rede zu viel).“,

oder (in Bezug auf Retouren):

„No quibbles. Scout’s honour.“

und auf deren Kartons als letzter Punkt der Rücksendeanleitung steht:

„Go to the post office and make their day.“

Ihr könnt mich jetzt für einen blöden Naivling halten, der auch auf jeden peinlichen Anbiederungsversuch hereinfällt, aber wenn ein Unternehmen mir Sachen schreibt, die tatsächlich so klingen, als kämen sie von einem Menschen, dann kann ich einfach nicht anders, als es deshalb gut zu finden.


Being BILDblog für alle

22. Juli 2009

Einmal so medienkritisch sein wie Stefan Niggemeier oder Lukas Heinser. Lange habe ich davon geträumt, heute ist es nun endlich soweit. Genießt mit mir bitte diesen Augenblick stiller Freude, bevor ihr weiterlest.

Bei welt.de steht gerade:

Brüno

Neue Kunstfigur. „Neu“ dann wohl im Sinne von „jetzt erfunden“. Ich habe so auf die Schnelle kein Datum zur Hand, aber Wikipedia bestätigt meinen ersten Verdacht: Brüno ist die älteste von Sacha Baron Cohens Kunstfiguren, und ich jedenfalls kenne ihn schon seit vielen Jahren.


Fremdschämen

21. Juli 2009

Ich habe gestern und heute diese Diskussion über Vodafone, Werbung und Frau Schnutinger bei wirres.net mitgelesen und darüber nachgedacht. Das Klicken auf den Link kann ich übrigens nur bedingt empfehlen, aber wer es sich nicht sowieso schon denken kann, nur zu.

Wie ich das finde, weiß ich gar nicht so genau, dafür kenne ich die Beteiligten vielleicht auch zu wenig, und wer Recht hat, ist eigentlich auch schon die falsche Frage. Ich glaube, ich brauche auch gar kein abschließendes Urteil darüber, aber eine kleine Lektion auch für mich selbst habe ich draus gezogen:

Man sollte vor lauter Fremdschämen auch das gelegentliche Selbstschämen nicht ganz vergessen.


Man kann sich auch anstellen

21. Juli 2009

In letzter Zeit werde ich immer wieder auf den Analogkäse-Skandal angesprochen. Meistens im Tonfall völliger Entrüstung und mit einem Subtext in Richtung von „Jetzt ist es endgültig aus mit unserer Zivilisation“. Auch wenn das alles schon wieder eine Weile her ist, hat meine Irritation über die schiere unreflektierte Repetitivität (Ist das ein Wort?) vieler Äußerungen hierzu ein Niveau erreicht, das einen Blogeintrag erfordert. Folgendes ist mir aufgefallen:

  1. Wenn man den meisten ahnungslosen Käse-Agitatoren zuhört, gewinnt man den Eindruck, das Zeug würde in Saurons Finsterer Festung aus Blausäure, Schwefel und Ziegendung angemischt, bevor dann jeder Ork nochmal reinspucken darf, und wäre im besten Falle total unverdaulich, wahrscheinlich sogar hochgiftig. Man darf die Kirche im Dorf lassen. Analog-Käse wird meines Wissens aus Fett, Eiweiß und Stärke hergestellt. Wahrscheinlich gibt’s auch mal Farb- und Geschmacksstoffe, aber die stören uns doch sonst auch nicht. Man darf es doof finden, dass er nicht aus der Kuh kommt, aber eklig oder gesundheitsschädlich ist daran gar nichts. Wenn ich den Satz noch mal lese, frage ich mich übrigens sowieso, ob ich das mit dem Aus-der-Kuh-Kommen nicht viel ekliger finde.
  2. Keiner will’s gewusst haben. Ich kann das jetzt nicht belegen, aber gefühlt findet diese Es-gibt-keine-echten-Lebensmittel-mehr-Hysterie jedes Jahr statt. Und wem so unglaublich wichtig ist, was in seinem Essen steckt, der kann doch wohl die Angaben auf der Packung mal lesen, da steht das nämlich in der Regel drauf, wenn auch ziemlich klein gedruckt. Interessiert bloß normalerweise niemanden. Wie unehrlich muss man sich selbst gegenüber denn sein, wenn man überrascht sein will, dass Scheibletten und Krebsfleischimitat gar nicht „echt“ sind, was immer das heißt?
  3. Nochmal: Man darf sich gerne ärgern, dass man sich getäuscht hat. Natürlich ist es auch nicht anständig, den Eindruck zu erwecken, es würde Honig verkauft, wenn es nur Zuckerwasser ist. Aber wenn wir den Unterschied nicht schmecken und der Kram auch nicht gesundheitsschädlich ist – wofür ich bisher noch kein Indiz gefunden habe -, wo ist dann der Schaden?
  4. Besonders putzig finde ich’s, wenn jemand mit einer Zigarette in der linken und einem Long Island Iced Tea in der rechten Hand sich über Formfleisch entrüstet und sagt, so einen Dreck wolle er seinem Körper nicht antun.

Verbleibende Zeit

21. Juli 2009

Von der meistens fabelhaften Seite http://www.xkcd.com/, mit Dank für den Hinweis an Peter.