Nimmermehr (8)

Diesmal ziemlich zügig nach dem letzten Stück: Hier ist für euch der achte Teil meines Fortsetzungsromans Nimmermehr! Heute ist es ein eher langes Stück, aber es ist ja auch Wochenende. Viel Spaß!

Kurz zusammengefasst haben wir im ersten Teil eine junge Dame kennen gelernt, die an einem norwegischen Fjord wohnt und offenkundig unter ernst zu nehmenden psychischen Beschwerden leidet. Diese junge Dame bekam in der ersten Szene einen Anruf von Clarence und musste sich auf den Weg machen, um etwas für ihn zu erledigen. Sie bekommt später auch einen Namen, aber noch kennen wir den nicht.
Der zweite Teil stellte uns Sonia vor, eine junge Journalistin, die zurzeit nicht ganz freiwillig ihren Bruder bei sich beherbergt und einen geheimnisvollen Anruf bekommen hat, in dem ihr eine große Verschwörungsgeschichte angekündigt wurde.
Im dritten Teil waren wir dabei, als eine junge Frau, die der Fjordbewohnerin des ersten Teils kein bisschen ähnelte, in Oslo ein Flugzeug nach Deutschland bestieg, auf dem Weg nach Hamburg. 
Im vierten Teil kam Sonia ihrer Verschwörung näher, und zum Schluss stellte sie fest, dass die geheimnisvolle Anruferin den Mord an einem ehemaligen Hamburger Bürgermeister und seiner Familie vorhergesagt hatte.
Im fünften Teil sahen wir einer kinderlieben jungen Frau in einem Hamburger Hotelzimmer dabei zu, wie sie erschöpft auf ihrem Bett lag und sich an ihr hartes Tagwerk erinnerte, das ziemlich direkt mit dem vorhin erwähnten Mord zusammenhängt.
Der sechste Teil führt uns nach Afrika, wo wir einen neuen Mitarbeiter des Unternehmens Discordia, Incorporated, beim Beginn seines ersten Arbeitstages begleiten.
Im siebten Teil fährt Sonia zur Arbeit, frohen Mutes und bereit, sich in die Recherche für die Story ihres Lebens zu stürzen.

Ausführlicher könnt ihr hier nachlesen, was bisher geschah, oder natürlich auf der Geschichten-Seite, die ihr über den Link oben mittig erreicht.

„Hey Richie Rich, was hast du denn da?“
„Ja, lass mal sehen!“
„Hey, kommt schon, gebt mir das zurück!“
Julian kannte die beiden größeren Jungs. Sie gingen mit ihm zur Schule, und zogen ihn oft auf, wenn sie zusammen in der unterirdischen Station auf die S-Bahn warteten. Das störte ihn nicht; er war da nicht so empfindlich. Heute schienen sie allerdings einen schlechten Tag gehabt zu haben. Patrick hatte ihm den Karton mit seiner neuen PSP weg genommen, den Julian sich gerade gekauft hatte. Jetzt drehten die beiden ihm den Rücken zu.
„Mit ‚Lego Batman’? Och Gott, ist das süß, der Kleine spielt mit Bauklötzen!“ rief Patrick.
„Ja, Schwuchtel!“ stimmte Ronny ein.
„Das Spiel ist da eben dabei“, antwortete Julian, und fand die Antwort selbst ziemlich lahm. „Kommt schon, gebt’s mir wieder!“
„Hol’s dir!“ rief Patrick, und hielt es so hoch, dass Julian es nicht erreichen konnte.
Julian sah das, und dachte gar nicht daran, sich hier am Bahnhof vor allen anderen lächerlich zu machen,
„Na los, gib’s mir zurück“, sagte er so ruhig er konnte.
Patrick schien ziemlich enttäuscht, dass er nicht mitspielte.
„Willst du sie gar nicht wiederhaben?“
„Doch, aber ich komm ja eh nicht ran“, stellte Julian fest. „Außerdem gebt ihr es mir ja am Ende doch zurück.“
„So, meinst du?“ fragte Patrick mit einem breiten Grinsen.
Er drehte sich um und ging, mit dem Karton in der Hand. Ronny folgte ihm. Beide lachten.
„Hey, spinnst du?“ rief Julian.
„Hoffentlich wirft er nicht seinen Batterang nach uns“, spottete Ronny.
„Heiliger Konsolendiebstahl!“ rief Patrick.
Julian sah den beiden nach. Die meisten der anderen Leute taten so, als wäre gar nichts passiert. Einige versuchten, nicht so auszusehen, als würden sie zuschauen. Ein älterer Mann sah so aus, als ränge er mit sich, irgendetwas zu tun, und wüsste nur noch nicht recht, was.
„Ihr könnt doch nicht einfach…“ begann Julian den beiden hinterher zu rufen. Er verstummte.
Eine junge Frau mit einem blauen Campingrucksack und großen Kopfhörern lief an Patrick vorbei auf Julian zu und nahm ganz beiläufig die PSP aus seiner Hand.
Patrick schrie spitz auf, wie ein Mädchen, und fiel zu Boden, wo er dann kurz sitzen blieb und sich verwirrt umsah. Julian schüttelte verwirrt den Kopf. Wie war das denn passiert? Die Frau hatte Patrick gar nicht berührt.
Sie blieb vor Ronny stehen und lächelte ihn an.
„Lass es dir nicht wieder wegnehmen, hm?“ sagte sie, und zwinkerte ihm zu, während die S-Bahn in den Bahnhof einfuhr.
Sie hielt Julian den Karton hin. Er nahm ihn. Sein Blick flackerte zwischen ihr und Patrick hin und her, der sich von Ronny aufhelfen ließ und eine Stelle knapp unter seinem Brustbein hielt, als hätte er Schmerzen.
„Äh… Danke“, sagte er, aber sie kümmerte sich schon gar nicht mehr um ihn.
Einige der Wartenden starrten sie an und begannen aufgebracht zu tuscheln, aber sie beachtete das nicht weiter und stieg einfach ein.
Julian, Patrick und Ronny waren so verblüfft, dass der Zug abfuhr, bevor sie auf die Idee gekommen waren, auch einzusteigen.

Die junge Frau mit dem Rucksack setzte sich nicht, sie stellte sich direkt neben die Tür. Ihr rechter Fuß wippte im Rhythmus eines Punkrocksongs, den die umstehenden Fahrgäste leise mithören konnten.
Sie trug eine leichte Jacke, Jeans und ein weißes Trägershirt. Sie zog viele Blicke auf sich, weil viele der Mitfahrenden mit angesehen hatten, wie sie die PSP gerettet hatte. Einige alte Frauen sahen sie mit offener Ablehnung an und schüttelten den Kopf.
Konstantin Claus musterte sie mit offenem Interesse. Auch er hatte es gesehen, und obwohl auch er nicht leugnen konnte, dass es eigentlich ziemlich merkwürdig gewesen war, was sie mit dem größeren Jungen gemacht hatte, hatte er es doch andererseits irgendwie richtig gefunden. Er bemerkte, dass sie seinen Blick erwiderte, und lächelte ihr zu. Sie erwiderte auch das Lächeln.
Sie hatte ein sympathisches Gesicht und leuchtend grüne Augen. Sie war ein paar Jahre jünger als er, aber er fragte sich, ob er sie vielleicht ansprechen sollte. Während er noch überlegte, was er sagen konnte, verlangsamte die S-Bahn bereits wieder ihre Fahrt, als sie sich der nächsten Station näherte. Schließlich öffnete Konstantin Claus den Mund, um so etwas zu sagen wie: ‚Sie haben ein starkes Gerechtigkeitsempfinden, was?’
Dann schloss er ihn wieder. Das würde nicht gut klingen. Er fürchtete, dass sie es als Tadel auffassen könnte.
Sie stieg aus. Die Tür glitt zu hinter ihr, und Konstantin sah aus der abfahrenden S-Bahn seiner verpassten Gelegenheit nach.

Sie hielt an einem Kiosk an und kaufte zwei Überraschungseier und eine Flasche Evian. Dann ging sie weiter. Sie war noch nie in Hamburg gewesen, aber sie wusste genau, wohin sie ging. Sie öffnete das erste Überraschungsei, während sie ging. Sie schob sich die beiden Schokoladenschalenhälften auf einmal in den Mund, dann öffnete sie den Innenbehälter. Ein Rennwagen zum Zusammenbauen. Sie warf den ganzen Kram in einen nahe gelegenen Mülleiner.
Das zweite Überraschungsei enthielt ein Nilpferd mit einem großen gelben Schwimmring. Sie warf es mit der Verpackung in einen anderen Abfalleimer und schob sich dann die Schokolade in den Mund.
Sie dachte kurz darüber nach, ob sie schon einmal etwas in so einem Ei gefunden hatte, das sie behalten wollte. Es kam ihr merkwürdig sinnlos vor, dass sie immer wieder Überraschungseier kaufte, wenn sie mit dem Inhalt nie etwas anfangen konnte. Andererseits schien ihr das ein ganz treffendes Gleichnis für das ganze Leben.
Ihr Telefon klingelte, sie klappte es auf, schob den rechten Kopfhörer zur Seite und hielt es sich ans Ohr.
„Ja?“
„Ihre Mutter möchte Sie sprechen“, sagte die Stimme am Telefon. „Passt es gerade?“
„Klar, für seine Mutter sollte man immer Zeit haben. Stellen Sie sie durch. Ach warten Sie mal, sind Sie neu?“
„Äh.. Ja.“
„Wusste doch, dass ich Sie nicht kenne. Wie heißen Sie?“
„Ich bin Philippe.“
„Wie groß sind Sie und was wiegen Sie?“
„Ähh…“ Er zögerte kurz, aber er antwortete: „1,73m und 65 Kilo, ungefähr.“
„Und haben Sie Kira aufgefangen?“
Wieder zögerte er einige Sekunden. „Zieht sie das manchmal wirklich durch?“
„Ab und zu“, antwortete die junge Frau. „Aber sie hat sich einmal furchtbar weh getan dabei, seitdem nicht mehr so oft.“
Er lachte. „Sie sind gar nicht so schwierig, wie ich befürchtet hatte“, sagte er.
„Und Sie sind viel mutiger, als Ihnen gut täte“, antwortete sie ihm sehr, sehr leise und sehr, sehr ernst.
Sie konnte ihn richtig schlucken hören.
„Äh… Entschuldigen Sie bitte, ich habe das nicht…“
Sie lachte.
„Schon gut. Kira ist nicht die Einzige mit einem komischen Humor. Stellen sie bitte meine Mutter durch, sie mag unsere Wartemelodie nicht.“
Die Leitung klickte, er hatte wohl beschlossen, lieger gar nichts mehr zu sagen.
„Hej, Schatz?“ fragte eine Frauenstimme auf Schwedisch.
„Hejsan Mam“, antwortete die junge Frau, „Ich bin gerade bei der Arbeit, was gibt’s?“
„Oh, entschuldige, ich wollte dich nicht stören.“
„Kein Problem, hab gerade nichts zu tun.“
„Ich wollte dich fragen, ob du daran denkst, dass dein Großvater nächsten Mittwoch Geburtstag hat.“
„Was? Äh… Ja… Äh, ja… Ja natürlich. Nächste Woche schon? Wann ist die Feier?“
„Auch am Mittwoch. Hast du meine Karte nicht bekommen?“
„Ich bin doch so selten zu Hause, Mam. Aber ich schaff das ganz bestimmt.“
„Was willst du ihm denn schenken?“
„… Das weiß ich noch nicht so genau, Mam, aber ich finde bestimmt noch etwas Tolles.“
„Ach, Schatz, aber schenk ihm nicht wieder so was Komisches wie deinem Onkel Ingvar letztes Jahr.“
„Was heißt denn komisch? Er hat sich gefreut, Mam!“
„Ach… Er ist immer so nett, er wollte dich nicht beleidigen.“
„Also…“ Sie begann den Satz neu. „Keine Sorge, ich find schon was.“
„Oder soll ich was für dich besorgen?“
„Bloß nicht, er glaubt uns dann nie, dass das von mir ist.“
„Wieso?“
„Weil ich keine Gartenzwerge verschenke, Mam!“
„Das war nur das eine Mal!“
„Einmal reicht“, sagte die junge Frau.
„Bringst du vielleicht auch wieder diesen bezaubernden Freund von dir mit? Jaque? Ihr wart so ein zauberhaftes Paar!“
Sie verdrehte die Augen.
„Oh, Mam, ich fürchte, das wird nicht gehen. Jaque kann dieses Jahr nicht kommen.“
„Das ist aber schade, warum nicht?“
„Ich habe ihn mit einem Hammer erschlagen und seine Leiche in einem See versenkt, Mam. Ich habe Ketten um seine Beine gewickelt, damit er unten bleibt, weil ich nicht warten konnte, bis der Beton trocknet.“
Lachen kam aus dem Hörer, in diesem etwas vorwurfsvollen Tonfall, der einer Tochter signalisiert, dass ihre Mutter nur aus Nachsicht und Resignation ihre wahre Meinung zurückhält.
„Du hast manchmal so einen furchtbaren Humor, Schatz!“
„Tut mir Leid, Mam. Aber ich muss jetzt allmählich wieder an meine Arbeit gehen.“
„Na gut. Ich freu mich auf dich. Ich soll dich von Henrik grüßen.“
„Danke schön. Hej då, Mam.“
Sie klappte das Telefon zu und sah auf die Uhr. Es war 0712. Gut.
Um 0718 klingelte sie an der Tür zu dem Haus, in dem sich Professor Doktor Peter Kalpers Wohnung befand.
„Ja, was denn?“
Kalper stand jeden Morgen um 0600 auf, duschte, sah die Nachrichten und frühstückte und ging um 0730 in sein Büro. Sie mochte Menschen mit einem zuverlässigen Tagesablauf.
„Ich bin’s, Janine, mach mal auf“, sagte die junge Frau.
„Was gibt’s denn? Ich wär’ doch eh’ gleich da gewesen.“
„Will vorher noch was besprechen.“
Der Öffner summte, und die junge Frau öffnete die Tür. Sie hörte Jazz, während sie die Treppen empor lief. Sie hasste Jazz.
Sie klopfte an Kalpers Tür. Ein glatzköpfiger Mann mit Oberlippenbart und einem recht abgetragenen Anzug öffnete.
„Wer sind Sie?“ fragte der Mann verblüfft.
„Sind Sie Peter Kalper?“ fragte die junge Frau.
Kalper nickte.
„Was wollen Sie denn?“
„Sie sind Astronom, oder?“
Wieder nickte Kalper.
Sie schüttelte verständnislos den Kopf. „Wer hat was gegen Astronomen, was soll das wohl?“
Die junge Frau stieß zwei Finger gegen seine Luftröhre, sodass sie kollabierte. Dann schubste sie ihn in seine Wohnung, trat selbst ein und schloss die Tür hinter sich.
Während Kalper am Boden lag und verzweifelt versuchte zu atmen, sah seine Besucherin sich um.
„Alles sehr spartanisch“, bemerkte sie, während sie eine Schublade seines Schreibtisches öffnete und die Papiere darin durchblätterte „Sie leben für die Wissenschaft, nehme ich an. Finde ich gut.“
Dann sah sie den Wellensittich in seinem Schlafzimmer.
„Hm“, machte sie mit zusammengepressten Lippen. „Das ist nicht gut. Es gibt nichts Traurigeres in der Welt als einen Vogel in einem Käfig. Oder fast nichts“, fügte sie hinzu, und dachte dabei vielleicht an eine gute Freundin, die jetzt nicht mehr lebte. Für einen Augenblick zerfiel ihre beschwingt-joviale Fassade, ihre Lippen begannen zu beben und ihre Augen starrten ins Nichts. Für einen Augenblick war die junge Frau, die ganz beiläufig einen fremden Menschen getötet hatte, um dann mit ihm zu plaudern, während er starb, vollkommen verloren und schutzlos.
Kalper röchelte leise und versuchte, zum Telefon zu kriechen. Etwas fügte sich in ihr wieder an den rechten Platz, und die Fassade war wieder da, als wäre sie niemals zerfallen.
„Ach kommen Sie schon“, sagte die junge Frau. „Was glauben Sie, was Sie denen erzählen werden, hm?“
Kalper drehte sich zu ihr um und starrte sie mit blutunterlaufenen Augen an.
„Es ist leichter, wenn Sie sich nicht dagegen wehren.“
Es schien, als versuchte er, ihr etwas mitzuteilen. Aussichtslos.
„Sie machen einen ziemlich netten Eindruck, Herr Kalper, aber die Sache mit dem Vogel verstehe ich nicht. Ich frage mich…“
Ihr Telefon vibrierte. Sie schob den rechten Teil des Kopfhörers hinter ihr Ohr.
„Ja?“ sagte sie.
„Haben Sie ihn?“
„Ja“, sagte sie wieder.
„Gut. Wir brauchen Sie für eine größere Sache. Rufen Sie bitte zurück, wenn Sie soweit sind.“
Sie nickte.
„Ich bin unterwegs.“
Der Mann am Fußboden blickte flehend zu ihr auf. Sie kniete sich neben ihn.
„Sie wollen wissen, warum, stimmt’s?“
Kalper nickte.
„Würde mich auch interessieren. An Ihrer Stelle, meine ich. Ich hab ja schon gesagt, dass ich’s auch selbst nicht verstehe. Tut mir Leid.“
Sie zuckte die Schultern, zog in einer fließenden Bewegung einen japanischen Dolch unter ihrer Jacke hervor – und ließ ihn fallen. Es klang merkwürdig laut, als der schwere stählerne Griff auf den Parkettboden schlug, und der Vogel flatterte erschrocken in seinem Käfig herum. Wieder brach für einen Moment ihre Fassade, und ein Ausdruck wie Angst huschte über ihr Gesicht. Ihre Lippen formten ein kurzes schwedisches Schimpfwort, während sie sich bückte um den Dolch wieder aufzuheben. Sie stieß ihn Kalper ins Herz, zog ihn wieder heraus, wischte ihn an einem weißen Stofftaschentuch ab und steckte ihn wieder ein. Das Taschentuch ließ sie liegen.

Ihr MP3-Player spielte einen Hiphop-Song, während sie die Treppe hinunter eilte. Sie mochte den Song, aber die Musik fing trotzdem an, ihr auf den Geist zu gehen. Sie nahm die Kopfhörer ab und verstaute sie in ihrem Rucksack, bevor sie das Haus verließ.
Vor dem Mietshaus auf der Straße stand ein Mädchen, 17 Jahre alt, ca. 1,70m groß, Gewicht ca. 65kg, rot gefärbte Haare, natürliche Haarfarbe dunkelbraun, etwas über schulterlang, leicht lockig, ein kleiner Leberfleck links am Kinn, schwarz gekleidet mit einem dunklen Ledermantel. Auf ihrem klobigen Bundeswehrrucksack hatte sie Aufnäher angebracht. „Bring out your Dead!”, “Guns for the Poor, Bullets for the Rich” und „Anarchy No Rules OK“ stand da zum Beispiel. Ihre Schultern bebten, und Janine hörte sie schluchzten. Sie wollte wirklich gerne wissen, warum das Mädchen weinte.
Dann drehte das Mädchen sich zu ihr um und die junge Frau, die sich als Janine ausgegeben hatte, sah den blutverschmierten schwarzen Kater in ihren Armen und wusste es. Das Mädchen hatte einen silbernen Ring im rechten Nasenflügel.
„Haben – haben Sie es gesehen?“ schluchzte sie und sah sie flehentlich an, als würde es das Tier wieder lebendig machen, wenn Janine den Unfall beobachtet hätte. „Ich war – ich war nur kurz – ich wollte – und als ich wiederkam…“
„Ah, nein“, sagte sie leise und ging einen Schritt auf das Mädchen zu. „Das tut mir leid“, sagte sie.
„Sie können ja gar nichts – gar nichts dafür.“
Die falsche Janine kam näher und legte eine Hand beruhigend auf ihre Schulter.
„Es tut mir trotzdem leid. Willst du mit mir einen Eisbecher essen?“
Das Mädchen sah sie verwirrt an. Und ein bisschen misstrauisch.
„Seh ich aus, als wär ich fünf?“
Sie schluchzte nicht mehr.
„Naja, mir hilft ein Eisbecher immer“, sagte Janine, ungerührt von der Zurückweisung.
„Überhaupt, was haben Sie mit der Sache zu tun? Ich kenn Sie doch gar nicht.“
Janine grinste.
„Und bestimmt haben deine Eltern dir verboten, mit fremden Leuten Eis zu essen.“
Das rang ihr ein bitteres Lächeln ab.
„Na, wer weiß, was Sie für ein perverses altes Weib sind.“
Ihre Worte waren ein bisschen provokativ, aber Janine erkannte an ihrem Tonfall, dass sie gewonnen hatte. Das Mädchen hatte für sich beschlossen, dass sie nett war. Janine hatte ein Talent für so was.
„Ich hatte mal einen Hund, den ich sehr geliebt habe“, sagte Janine.
Damit war die letzte Spur von Misstrauen beseitigt.
„Wirklich? Was… Was ist mit ihm passiert?“
Janine blickte zu Boden.
„Ich musste ihn töten. Es war furchtbar.“
„War er krank?“
Das Mädchen sah sie mit großen Augen an, im frohen Bewusstsein, jemanden gefunden zu haben, der ihr Leiden wirklich verstehen konnte.
„So ähnlich, ja“, sagte Janine.
Sie gingen zusammen zu einem Tierfriedhof und ließen den Kater beerdigen. Eigentlich war dafür eine Voranmeldung nötig, aber die falsche Janine bat und lächelte und erklärte, und irgendwie gelang es niemandem so recht, ihr ihren Wunsch abzuschlagen.
Sie konnten so kurzfristig keinen Grabredner bekommen, das hätten sie sowieso beide albern gefunden, aber das Mädchen sprach ein paar Worte. Es sagte, es hieße Kristina. Sie weinten beide ein bisschen. Danach ging Janine mit ihr tatsächlich einen Eisbecher essen, und es schien ihr dabei wirklich schon besser zu gehen. Janine fragte sich, was sie dachte, warum sie das alles tat.
„Ich frag mich, ob es Josef gut geht, wo er jetzt ist“, sagte sie.
Josef war der Kater gewesen.
„Wo er jetzt ist?“
„Naja…“ Kristina zuckte mit den Schultern und grinste unsicher. „Im Himmel, oder so…“
„Glaubst du…“
Ihr Telefon klingelte. Sie seufzte und nahm den Anruf an.
„Ja?“
„Lenore, wo bleiben Sie? Was ist los bei Ihnen?“ sagte Philippe.
„Es ist etwas dazwischen gekommen.“
„Wann können Sie Ihr Briefing empfangen? Es ist sehr eilig, wir haben einen Tipp bekommen, dem wir dringend nachgehen müssen.“
„Was für einen Tipp? Ich habe schon zwei Sachen erledigt, ich will eine Pause, ich mag nicht mehr!“
Kristina betrachtete sie nachdenklich. Janine war jetzt plötzlich ein ganz anderer Mensch als vor dem Anruf, kein Wunder, dass sie das neugierig machte.
Er zögerte. „Es sieht so aus, als hätten wir einen Verräter“, antwortete er schließlich. „Jemand hat Informationen an eine Zeitung in Hamburg weitergegeben, auch persönliche Daten von Ihnen, Lenore.“
„Vierzig Minuten“, sagte sie, dann legte sie auf.
„Was machen Sie beruflich?“ fragte Kristina.
Janine stand auf.
„Ich muss gehen.“
Sie zog einen Geldschein aus ihrer Jackentasche und legte ihn auf den Tisch, Dann nahm sie ihren Rucksack und ging. Kristina sah ihr nach. Es dauerte eine Weile, bis sie den Blick wieder dem Tisch zuwandte. Janine hatte einen 100-Euro-Schein dagelassen. Kristina steckte ihn ein. Dann stand sie auf und ging ebenfalls.

5 Responses to Nimmermehr (8)

  1. Atemberaubendes Tempo, ich komm gar nicht mehr hinterher mit Kommentieren. 🙂 Gut so, weil es nämlich immer spannender wird. Bin gespannt, wie die ganzen Handlungsstränge zum Schluss zueinander finden werden. Jetzt also auch noch ein Astronom.
    Irgendetwas sagt mir, dass „Janine“ den armen Jaques wirklich im See versenkt hat…

  2. fragmentjunkie sagt:

    Bisher das beste Kapitel. Ohne Wenn und Aber.

  3. Muriel sagt:

    @fragmentjunkie: Na sowas. Dieses Kapitel mochte ich gar nicht so besonders.

  4. madove sagt:

    Ich würde mich hier fragmentjunkie anschließen.
    Spannend, verwirrend, persönlich und so abgefahren, daß ich mir gar nicht vorstellen kann, wie man sich sowas ausdenkt.
    Das Überraschungseiergleichnis ist grandios.
    So. Eins noch, und dann ist aber Schluß für heute,verdammt nochmal!

  5. Muriel sagt:

    @madove: Schön. Hier ringe ich bei der Überholung mit der Geschichte. Ich weiß noch nicht, wie viel ich zum Beispiel von der Katzenbeerdigung drin lasse. Wahrscheinlich das meiste… Hat irgendwie was.
    (Falls es dich interessiert: Ich denke mir sowas nicht im eigentlichen Sinne aus, glaube ich. Meistens ist es mehr so, dass es mir einfällt. Nein, das stimmt auch nicht ganz. Es fließt irgendwie aus den Charakteren. Das klingt jetzt komisch. Ist aber so.)

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