Nimmermehr (9)

Heute erscheint der neunte Teil meines Fortsetzungsromans „Nimmermehr“, und diesmal wird es schon ziemlich spannend. Ich wünsche euch viel Vergnügen.

Kurz zusammengefasst haben wir im ersten Teil eine junge Dame kennen gelernt, die an einem norwegischen Fjord wohnt und offenkundig unter ernst zu nehmenden psychischen Beschwerden leidet. Diese junge Dame bekam in der ersten Szene einen Anruf von Clarence und musste sich auf den Weg machen, um etwas für ihn zu erledigen. Sie bekommt später auch einen Namen, aber noch kennen wir den nicht.
Der zweite Teil stellte uns Sonia vor, eine junge Journalistin, die zurzeit nicht ganz freiwillig ihren Bruder bei sich beherbergt und einen geheimnisvollen Anruf bekommen hat, in dem ihr eine große Verschwörungsgeschichte angekündigt wurde.
Im dritten Teil waren wir dabei, als eine junge Frau, die der Fjordbewohnerin des ersten Teils kein bisschen ähnelte, in Oslo ein Flugzeug nach Deutschland bestieg, auf dem Weg nach Hamburg.
Im vierten Teil kam Sonia ihrer Verschwörung näher, und zum Schluss stellte sie fest, dass die geheimnisvolle Anruferin den Mord an einem ehemaligen Hamburger Bürgermeister und seiner Familie vorhergesagt hatte.
Im fünften Teil sahen wir einer kinderlieben jungen Frau in einem Hamburger Hotelzimmer dabei zu, wie sie erschöpft auf ihrem Bett lag und sich an ihr hartes Tagwerk erinnerte, das ziemlich direkt mit dem vorhin erwähnten Mord zusammenhängt.
Der sechste Teil führt uns nach Afrika, wo wir einen neuen Mitarbeiter des Unternehmens Discordia, Incorporated, beim Beginn seines ersten Arbeitstages begleiten.
Im siebten Teil fährt Sonia zur Arbeit, frohen Mutes und bereit, sich in die Recherche für die Story ihres Lebens zu stürzen.
Die junge Frau hat im achten Teil noch eine PSP zu retten, zwei Überraschungseier zu essen, einen kleinen Auftrag zu erledigen und einen Kater zu beerdigen, bevor sie sich schließlich auf den Weg zu Sonia macht.

Wer genauer wissen will, was bisher geschah, der findet die Antwort hier oder auf der Geschichten-Seite.

„Guten Abend, Karl.“
„N’Abend Frau Schopp. Nichts vor heute Abend?“
„Sie kennen mich.“
„Keine Angst vor der Geisterstunde?“
„Doch, und wie. Schließen Sie bloß ab hinter mir.“
Beide lachten. Karl schloss Sonia das Archiv auf, öffnete die laut quietschende Tür und schaltete das Licht ein. Das Archiv war eine lange, ungemütliche Halle im Keller des Gebäudes. Von der Decke hingen nackte Leuchtstoffröhren, an den Wänden standen verschlossene Metallschränke, in der Mitte des schlauchförmigen Raums zwei lange Holztische mit Bänken, wie man sie in Bierzelten findet. Sie zog ihr Schlüsselbund aus ihrer Handtasche hervor, öffnete einen der Aktenschränke und nahm zwei Ordner heraus. Ihr hatte niemand vernünftig erklären können, warum die Mitarbeiter zwar Schlüssel zu den Schränken, nicht aber zum Keller selbst bekamen, aber es war eben schon immer so gewesen.
Sie setzte sich damit an einen der Holztische und begann zu lesen. So saß sie ungefähr eineinhalb Stunden, bis sie die Stimme hörte.
„Sie sind hübsch, das sieht man auf dem Foto gar nicht so deutlich.“
Sonia sprang erschrocken auf und suchte nach der Quelle der Stimme. Sie spürte, wie sie erblasste, als sie die Frau auf einem der Schränke neben der Eingangstür sitzen sah.
„Was… Was machen Sie hier?“ fragte sie sie.
Sie konnte sich nicht erklären, wie sie da hingekommen war. Sie war doch ganz bestimmt vorhin noch nicht da gewesen? Sonia hätte sie gesehen. Es gab im Archiv natürlich ein paar Möglichkeiten, sich zu verstecken. Aber Sonia hätte doch etwas mitbekommen, wenn sie auf das Regal geklettert wäre. Sie hätte doch etwas hören müssen. Oder?
Sonia entschied, dass sie sich irgendwo versteckt haben musste, hinter einem der Schränke oder so. Sie hatte hier nichts zu suchen, da war sie sich ziemlich sicher. Sie arbeitete nicht beim Herold. Natürlich hätte sie eine Studentin oder so etwas sein können, aber eine Studentin wäre bestimmt so spät nicht mehr hier und würde außerdem sicher nicht so mit ihr sprechen.
„Wollen sie mal raten?“ fragte die Fremde grinsend.
Ihre Beine baumelten vor dem Schrank herab. Sie war etwa so alt wie Sonia, vielleicht fünfundzwanzig, höchstens dreißig. Sie war selbst auf etwas herbe Art gut aussehend, fand sie. Kurze blonde Haare, mit Gel zu Spikes geformt, grasgrüne Augen, ein fein geschnittenes Gesicht, schlank, ein nettes Lächeln. Sie trug eine schwarze Hose und einen schwarzen Rollkragenpullover. Ihre Stimme klang angenehm sanft und hell, beinahe mädchenhaft.
„Nein, ich will nicht raten“, sagte sie bestimmt.
Der erste Schreck war abgeklungen, und ihre gewohnte Selbstsicherheit war wieder da. Die hatte hier nichts zu suchen.
Die Fremde ließ sich in einer flüssigen Bewegung von dem Schrank fallen, ohne einen Laut, und ging auf sie zu. Sie trug schwarze Turnschuhe.
„Es wird Ihnen nicht gefallen“, sagte sie.
„Was soll das? Na los, raus damit.“
Die Fremde seufzte und blieb drei Meter vor ihr stehen.
„Der Artikel, den Sie da gerade schreiben, der ist wichtig, oder?“
Sonia nickte. Und überlegte, ob sie Karl rufen sollte, aber sie wollte nicht die schwache, hilflose Frau sein. Außerdem schien die Fremde ihr trotz ihres unverschämten Auftretens nicht sehr bedrohlich.
„Sie haben was ganz Aufregendes rausgefunden über einen Ring von Auftragsmördern und eine Reihe von Anschlägen.“
Sie spürte wieder, wie das Blut aus ihrem Gesicht rann.
„Woher wissen Sie…?“
Die Fremde zuckte die Schultern.
„Na woher wohl? Wie haben Sie sich das Ganze denn vorgestellt? Sie berichten über eine geheime Verbrecherorganisation, die für zahllose Morde verantwortlich ist, ohne auf die Idee zu kommen, mal über die Konsequenzen nachzudenken?“
Sonia öffnete den Mund, um nach Karl zu rufen. Sie hörte ein leises Klicken, und plötzlich hielt die Frau eine schwarz lackierte Pistole in der Hand. Sie starrte direkt in den Lauf, und die Mündung sah riesig aus, als würde das Ding Pfirsichkerne verschießen statt Neunmillimeterprojektile. Sonia keuchte.
„Ich verstehe euch Leute von den Medien nicht“, sagte die fremde Frau. „Voller Stolz darauf, dass ihr euren Lebensunterhalt mit Tratsch und Verrat verdient. Und unerschütterlich im Glauben an eure eigene Unverwundbarkeit und moralische Überlegenheit.“ Ein kleines Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. „Ihr seid ja nur Zuschauer, was?“
Ihre Schultern bebten unter einem leisen Lachen. Die Pistole bewegte sich dabei keinen Millimeter, als wäre sie auf ein Stativ montiert.
„Aber wahrscheinlich ist es nicht fair, so was zu Ihnen zu sagen, ohne Sie überhaupt zu kennen.“ Sie entblößte eine Reihe makellos weißer Zähne in einem breiten Grinsen. „Hey, wer weiß, vielleicht sind Sie richtig nett.“
„Heißt das etwa…?“ fragte Sonia. Sie brachte es nicht ganz über sich, den Satz zu beenden.
„Denken Sie mal nach!“
Als sie nur vor Angst erstarrt da stand, grinste die Frau schließlich und zuckte die Schultern.
„Tja, Überraschung, mordende Verbrecherorganisationen glauben nicht dran, dass jede PR gute PR ist. Wir sehen das eigentlich… genau anders herum. No news is good news, Sie wissen schon.“
„Sie meinen… Die haben Sie geschickt?“
Die Frau zuckte mit den Schultern. „Wie haben Sie das erraten?“
„Und jetzt erschießen Sie mich?“ Zu ihrer Überraschung stellte Sonia fest, dass sie keine Angst hatte. Vielleicht, weil die ganze Situation zu unwirklich schien. Sie hatte sich über die Story gefreut, aber jetzt gerade wurde ihr klar, dass sie im Grunde ihres Herzens nie ganz geglaubt hatte, dass es da ein mächtiges Verbrechersyndikat gab, das ein weltweites Netz von Profikillern kontrollierte.
Vielleicht lag es auch daran, dass diese sonderbare Frau, die die ganze Zeit davon sprach, dass sie Sonia töten würde, dabei freundlich wie ein Engel lächelte. Es war tatsächlich nicht leicht, sie nicht irgendwie ein bisschen zu mögen – trotz der ungünstigen Umstände.
„Wenn es so einfach wäre, hätte ich Sie doch schon längst erschossen, oder?“
Es dauerte eine Weile, bis Sonia klar wurde, dass sie eine Antwort erwartete.
„Die Waffe macht Sie nervös, stimmt’s?“ fragte die Frau. „Sie sollte Ihnen sowieso nur klar machen, dass ich es ernst meine.“
Sie steckte ihre Pistole wieder ein, in ein Halfter unter ihrer rechten Achsel. Sonia bemerkte, dass unter der linken noch eine Waffe war. So konnte sie doch nicht in der Öffentlichkeit rumlaufen, oder?
„Und nun?“ fragte Sonia.
Die Frau grinste sie an.
„Werden Sie ungeduldig mit mir? Ich glaube, ich mag Sie. Die meisten Leute knien in diesem Moment vor mir und flehen und weinen und betteln.“
Sonia atmete tief durch. Mit Unbehagen spürte sie, dass sie sich über das Lob ein wenig freute.
„Damit fange ich auch gleich an. Was bleibt mir denn übrig? Ich meine – habe ich eine Chance hier lebend raus zu kommen?“
Die Frau blickte zu Boden und schüttelte langsam den Kopf, als täte es ihr aufrichtig Leid.
„Ich fürchte nicht, Sonia. Ist es okay, wenn ich Sie Sonia nenne? Ihr Nachname ist so… stumpf.“
Jetzt fühlte sie sich wirklich den Tränen nahe.
„Sie können mich Rapunzel nennen, wenn Sie mich dafür“
„Nanana, fangen Sie nicht doch noch mit dem Betteln an, das mag ich nicht. Es läuft so: Sie sagen mir, welche dieser Ordner wichtig für Ihren Artikel sind, damit ich sie vernichten kann. Anschließend gehen wir hier raus und in Ihr Büro und vernichten die übrigen Unterlagen. Dann suchen wir Ihre Informanten auf, und alle anderen, die mit dieser Sache zu tun hatten, und töten die. Ob ich Sie vorher umbringe oder Sie mitnehme, hängt davon ab, wie Sie sich bis dahin führen.“
„Warum sollte ich Ihnen dabei helfen?“
Die Frau grinste sie wieder an.
„Das hab ich mich auch schon so oft gefragt. Aber am Ende helfen mir eigentlich alle. Ich nehme an, dass ein paar Stunden Leben Einiges wert sind, wenn man weiß, dass man nicht mehr hat. Ich nehme an, dass Sie lieber morgen früh sterben wollen als jetzt gleich. Ich nehme an, dass Sie noch einen Sonnenaufgang sehen wollen, und ich nehme an, dass Ihnen klar ist, dass man auf relativ angenehme Weise sterben kann. Oder eben nicht.“
Sie dachte kurz nach.
„Es sind nur diese beiden Ordner hier.“
„Sie würden mich nicht anlügen, oder?“
„Wie soll ich Sie nennen?“
„Die Frage wird seltener gestellt, als man meinen sollte. Nennen Sie mich Lenore.“
„Lenore. Wie die Geliebte aus Der Rabe?“
„Oder wie das Waschmittel. Ich mache sauber.“ Lenores Grinsen wich einem nachdenklichen Lächeln und verschwand dann ganz. Sie trat näher an Sonia heran. „Eigentlich bin ich mehr wie der Rabe aus dem Gedicht.“ Lenore beugte sich vor, führte ihren Mund unmittelbar neben Sonias Ohr und legte die Hände auf ihre Schultern. „Irgendwann sitze ich plötzlich in Ihrem Zimmer auf dem Sims und sage… Nimmermehr.“
Das letzte Wort war nur ein Hauch. Lenores warmer Atem kitzelte in Sonias Ohr und ließ sie zurückzucken. Mit dem gewonnenen Abstand konnte sie wieder das Lächeln auf Lenores Gesicht sehen, das sie einlud, sich mit ihr über ihre Berufswahl zu freuen, als hätte sie ihr gerade stolz erzählt, dass sie einen tollen Job bei Google hatte und den ganzen Tag so viel Gratisgummibärchen essen durfte, wie sie wollte.
„Ich finde, es hatte eine poetische Schönheit“, sagte Lenore. „Die Macht des Todes über das Leben. Die Endgültigkeit. Wessen Werk hat für immer Bestand, außer meinem? Welcher Bildhauer…“ Sie lächelte ein bisschen verschämt, und Sonia staune fassungslos über dieses sonderbare Gespräch. „Entschuldigen Sie bitte“, sagte Lenore, „Sie haben jetzt bestimmt ganz andere Sorgen.“
Sie ließ Sonia los, wandte sich halb von ihr ab und blickte nachdenklich auf die beiden Ordner.
„Das ist jetzt der Teil, auf den ich überhaupt keine Lust habe.“ Sie seufzte. „Aber es muss ja sein. Dann schau ich mir mal an, was Sie hier haben.“
Sonia sah sie mit offenem Mund an.
„Das heißt, Sie lesen das jetzt alles durch, und ich sitze währenddessen hier und warte, bis Sie mich umbringen?“
Die Vorstellung schien ihr entsetzlich. Sie hasste es zu warten, und eine ganze Nacht auf ihren eigenen Tod zu warten, war wohl das Schrecklichste, was sie sich denken konnte. Ihre widerwillige Sympathie für Lenore begann nun doch zu schwinden.
Lenore nickte einfach.
„Es wird nicht so lange dauern. Ich lese es nicht richtig durch, ich verschaffe mir nur einen Überblick. Was Sie solange machen, ist mir egal. Sie können sitzen, stehen, hin und her laufen, Sie können liegen, schlafen, jonglieren oder Kreuzworträtsel lösen. Vielleicht denken Sie über all die schönen Dinge nach, die Sie nie wieder tun werden, und an all die lieben Menschen, die Sie nie wieder lesen werden.“
„Was?“
Lenore blickte für eine Sekunde ins Leere und schüttelte langsam ihren Kopf. „Die… die Sie nie wieder lesen…“ Sie schüttelte wieder den Kopf, und für einen Moment flackerte etwas wie Verwirrung und Angst über ihre Gesichtszüge. „Sehen meine ich.“
„Geht es Ihnen gut?“ fragte Sonia, nicht ohne sich der Absurdität der Frage bewusst zu sein.
„Nein, überhaupt nicht“, antwortete Lenore bissig. „Wenn ich wieder zu Hause bin und nicht mehr in dieser Aktengruft, dann geht es mir gut.“
Lenore zog den ersten Ordner zu sich heran und schlug ihn auf. Sonia stöhnte.
„Vergessen Sie die Ordner. Das ist nur Hintergrundmaterial, das betrifft Sie alles gar nicht.“
„Nennen Sie mir einen Grund, aus dem ich Ihnen glauben sollte.“
„Ich weiß sogar zwei, stecken beide in Ihrem Halfter.“
Lenore schüttelte langsam den Kopf.
„Ich will Ihnen glauben. Wirklich. Aber mein Ruf baut auf Perfektion, und ich hab ihm versprochen, dass ich nichts übrig lasse. Unser Geheimnis ist uns ziemlich wichtig.“
„Sie können doch sowieso nicht alle Unterlagen hier durchsehen!“
„Aber ich kann diese beiden Ordner hier durchsehen, und das werde ich tun. Sonia.“
Lenore blickte auf und sah in ihre Augen. Ihr Blick war faszinierend, auf eine fremdartige Weise. Fast als würde man in die Augen eines außerirdischen Wesens sehen. Und trotzdem war da noch etwas Einnehmendes in ihrer Mimik. Egal, was Lenore tat, irgendetwas an ihr schien ständig auszustrahlen: „Richtig nettes Mädchen“
„Sonia, vielleicht habe ich das nicht deutlich genug rübergebracht“, sagte Lenore. „Ich brauche Ihre Hilfe, aber wir sind deshalb keine Partner. Ich habe einen Auftrag, und Sie sind Bestandteil davon, aber ich werde genau so wenig mit Ihnen über meinen Plan diskutieren wie ein Schlachter von einem Schwein Vorschläge dazu annimmt, wie er die Koteletts schneiden soll. Also hören Sie auf zu quengeln, bevor ich die Geduld verliere. Verstehen Sie das?“
Sonia nickte und wandte sich ab. Lenore blickte wieder in den Ordner.
Eine knappe Stunde später schloss sie den zweiten Ordner, massierte mit angespanntem Ausdruck ihre Schläfen und seufzte tief. Sie hatte einen Rucksack aus einer dunklen Ecke hervorgezogen und Notizblock und Kugelschreiber herausgenommen. Sie hatte sich nicht viele Notizen gemacht, aber jedes Mal, wenn sie etwas aufschrieb und Sonia gerade hinsah, las sie etwas, das Sonia für wichtig hielt. Lenore war nicht dumm. Sonia nahm sich vor, das nicht zu vergessen.
„Sie haben einen schrecklichen Job, Sonia. Ich könnte so was nicht. Wie ertragen Sie das nur?“
Sonia lächelte schwach und verzichtete auf eine Antwort.
„Hier ist gar nichts drin“, sagte Lenore mit einer wegwerfenden Geste.
Sie hatte Recht.
„Ich erwarte oben in Ihrem Büro deshalb die richtigen Beweise. Ich bin wirklich gespannt.“
„Da ist auch nichts“, sagte Sonia leise, es spielte ja eh keine Rolle, was sie sagte.
Lenore stand auf und ging zur Tür. Sie drückte die Klinke nach unten.
„Was ist das denn? Hat der Kerl tatsächlich abgeschlossen?“
„Nein, bestimmt nicht.“ Sonia musste fast lachen. „Die Tür klemmt nur manchmal.“
„Was macht die Tür?“ fragte Lenore mit rührender Fassungslosigkeit in der Stimme.
„Sie klemmt. Sie geht nicht auf. Lassen Sie mich mal versuchen.“
Lenore zögerte kurz, dann trat sie zur Seite.
„Denken Sie dran, ich werde nicht lachen, wenn Sie was Komisches versuchen, ich werde Sie einfach erschießen.“
Sonia versuchte alles, was normalerweise half, wenn die Tür klemmte. Sie zog sie ein bisschen zu sich heran, während sie auf die Klinke drückte, sie hob sie ein bisschen oder drückte die Klinke gegen die Tür, aber nichts passierte. Irgendwann gab sie dann auf.
„Wir müssen Karl anrufen“, sagte sie.
Lenore murmelte: „Das darf doch alles nicht wahr sein, ist das hier die Benny-Hill-Show, oder was?“ Dann dachte sie kurz nach.
„Sie sind nicht der Illusion verfallen, dass er Sie retten könnte, oder?“
Sonia fiel keine passende Antwort ein.
„Wie erreiche ich ihn?“ fragte Lenore, während sie schon zu dem Telefon an der Wand ging.
„23 ist das Telefon auf seinem Tisch. Es kann aber sein, dass er gerade einen Rundgang macht. Er hat ein tragbares dabei, aber da kenn ich die Nummer nicht.“
Lenore nahm den Hörer ab und drückte zwei Tasten. Dann wartete sie.
„Ist nicht wahr“, murmelte sie, während sie wieder auflegte. Sie seufzte. „Wir haben keine Zeit für diesen Quatsch. Kann ich von hier aus auch nach draußen telefonieren?“
Sonia nickte. Als Lenore sich nicht zu ihr umdrehte, sagte sie „Ja.“
Lenore nahm den Hörer wieder ab und wählte. Dann fiel ihr Kopf vornüber und sie sank sichtlich in sich zusammen. Sie ließ den Hörer einfach fallen.
„Ist nicht wahr“, murmelte sie.
Dann kehrte plötzlich die Spannung in ihren Körper zurück und sie ging zu Sonia und sah sie an. Ihr Blick war wirklich sonderbar. Fast hypnotisch. Sonia konnte sich vorstellen, dass ihre Opfer einfach dastanden und sie anstarrten, während sie die Waffe zu ihrem Kopf hob und schoss.
„Was haben Sie gemacht?“ fragte Lenore.
„Was?“
„Die Tür geht nicht auf. Der Wachmann geht nicht ans Telefon. Die Leitung nach draußen ist tot. Das ist doch kein Zufall!“
Sonia konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Sie glauben, ich hab Sie ausgetrickst?“
Da war plötzlich wieder die schwarze Pistole in ihrer Hand. Wie machte sie das bloß? Sie drückte sie von unten gegen Sonias Nase.
„Machen Sie sich frei von der Vorstellung, dass Sie das hier überleben könnten“, zischte Lenore. „Das einzige, worauf sie zurzeit noch Einfluss haben, ist meine Laune, wenn ich sie töte, und der Zeitpunkt. Ich kann es jetzt gleich tun oder erst morgen früh. Ich kann es Ihnen leicht machen oder schwer. Ich frage Sie, Sonia, und ich rate Ihnen gründlich nachzudenken, bevor Sie antworten: Haben Sie etwas mit unserer Situation zu tun? Wie kommen wir hier raus?“
Sie dachte tatsächlich nach. Das Grinsen war verschwunden.
„Ich habe nichts damit zu tun.“
Lenore sah sie kurz nachdenklich an, bevor sie sagte: „Ich glaube Ihnen, obwohl es viel einfacher wäre, das nicht zu tun.“
„Können Sie die Tür nicht aufschießen? Ansonsten müssen wir wohl auf Karl warten.“
Lenore nickte und steckte die Pistole wieder ein.
„OK, das ist eine Idee. Ich kann natürlich auf das Schloss schießen, aber dies ist eine einbruchhemmende Brandschutztür aus Stahl. Sie schließt nicht nur am Schloss selbst, sie hat auch Bolzen, die oben und unten ins Mauerwerk fahren. Die Chancen stehen ziemlich gut, dass ich den Öffnungsmechanismus nur endgültig blockiere und eine von uns mit einem Querschläger verletze.“
„Was ist mit den Lüftungsschächten?“ fragte sie.
Im Fernsehen funktionierte das doch immer, wenn sonst nichts mehr half. Lenore schüttelte den Kopf.
„Die sind in diesem Gebäude zu eng, da kommen wir nicht durch.“
Sie seufzte, lehnte sich an die Wand, ließ sich daran herabsinken und setzte sich schließlich mit verschränkten Beinen auf den Boden. Sie schloss die Augen und legte ihren Kopf zurück.
„Was jetzt?“ fragte Sonia.
Lenore sah mit leicht zusammengekniffenen Augen zu ihr auf. „Wir versuchen es weiter, bis Karl ans Telefon geht.“
„Was?“
Lenore hob warnend eine Hand.
„Seien Sie still, ich muss nachdenken.“

3 Responses to Nimmermehr (9)

  1. fragmentjunkie sagt:

    Jetzt wird’s spannend.

  2. madove sagt:

    Das ist gemein. Ich muß jetzt ECHT noch ein bißchen in den Garten. Und es ist wirklich spannend und im Moment wirklich jedes Kapitel eine Steigerung. Lenore gibt natürlich als Person schon viel her, aber in Kombination sind die beiden echt klasse.

    Ich – werde – JETZT – den Rechner runterfahren. Wenn ich in 10 Minuten beim nächsten Kapitel kommentiere, wirf mich raus 😉

  3. Muriel sagt:

    @madove: Kann ich das? Hm… Mal sehen. Aber ich kann dir zumindest versprechen, dass die Geschichte nirgendwo hin geht. Die ist jetzt seit fast zwei Jahren hier, die hält es auch noch ein paar Tage ohne dich aus.
    Obwohl ich mich natürlich sehr auf deinen nächsten Kommentar freue.

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