Nimmermehr (10)

Mein kleiner Fortsetzungsroman wird heute zweistellig, mit einem ausgesprochen actionreichen Kapitel – zumindest für meine Verhältnisse. Viel Spaß!

Kurz zusammengefasst haben wir im ersten Teil eine junge Dame kennen gelernt, die an einem norwegischen Fjord wohnt und offenkundig unter ernst zu nehmenden psychischen Beschwerden leidet. Diese junge Dame bekam in der ersten Szene einen Anruf von Clarence und musste sich auf den Weg machen, um etwas für ihn zu erledigen. Sie bekommt später auch einen Namen, aber noch kennen wir den nicht.
Der zweite Teil stellte uns Sonia vor, eine junge Journalistin, die zurzeit nicht ganz freiwillig ihren Bruder bei sich beherbergt und einen geheimnisvollen Anruf bekommen hat, in dem ihr eine große Verschwörungsgeschichte angekündigt wurde.
Im dritten Teil waren wir dabei, als eine junge Frau, die der Fjordbewohnerin des ersten Teils kein bisschen ähnelte, in Oslo ein Flugzeug nach Deutschland bestieg, auf dem Weg nach Hamburg.
Im vierten Teil kam Sonia ihrer Verschwörung näher, und zum Schluss stellte sie fest, dass die geheimnisvolle Anruferin den Mord an einem ehemaligen Hamburger Bürgermeister und seiner Familie vorhergesagt hatte.
Im fünften Teil sahen wir einer kinderlieben jungen Frau in einem Hamburger Hotelzimmer dabei zu, wie sie erschöpft auf ihrem Bett lag und sich an ihr hartes Tagwerk erinnerte, das ziemlich direkt mit dem vorhin erwähnten Mord zusammenhängt.
Der sechste Teil führt uns nach Afrika, wo wir einen neuen Mitarbeiter des Unternehmens Discordia, Incorporated, beim Beginn seines ersten Arbeitstages begleiten.
Im siebten Teil fährt Sonia zur Arbeit, frohen Mutes und bereit, sich in die Recherche für die Story ihres Lebens zu stürzen.
Die junge Frau hat im achten Teil noch eine PSP zu retten, zwei Überraschungseier zu essen, einen kleinen Auftrag zu erledigen und einen Kater zu beerdigen, bevor sie sich schließlich auf den Weg zu Sonia macht.
Sonia und die junge Frau, die uns nun endlich verrät, dass wir sie Lenore nennen dürfen, treffen im neunten Teil aufeinander, doch als Lenore sich gerade ernsthaft an die Arbeit machen will, taucht ein unerwartetes – und ein wenig absurdes – Hindernis auf.

Ausführlich könnt ihr auf der Geschichtenseite nachlesen, was bisher geschah.

„Ey, was heißen die Buttons da, hä?“
„Erstens sind das keine Buttons, sondern Patches, und zweitens fuck off, du Scheißnazi!“
Kristina wäre fast hingefallen, als der Idiot sie schubste. Seine glatzköpfigen Freunde johlten und lachten.
„Au!“ Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er gleich handgreiflich werden würde. „Ich will keinen Ärger, in Ordnung?“
„Auf einmal, ja?“
Er packte ihren Oberarm, so fest, dass es wehtat.
„Wir mögen keine Gruftis, du Grufti!“ johlte einer seiner glatzköpfigen Freunde.
Sie bemerkte, wie die Gruppe anfing, sie einzukreisen. Sie begann sich zu fürchten.
„Lass mich los!“
Jemand schubste sie von hinten, und sie stolperte gegen den Kerl vor ihr.
„Hey, schaut mal, die Gruftischlampe ist scharf auf mich!“
„Lasst mich doch einfach in Ruhe!“
Er legte seine Arme um sie und drückte sie an sich. Er stank nach Bier und Schweiß. Sie stieß ihm ihr Knie zwischen die Beine und riss sich los. Er brüllte auf und fluchte, während sie davon lief. Sie hörte, wie seine Freunde ihr nachliefen.
Sie war sich nicht ganz sicher, aber sie hatte das Gefühl, dass sie mit ihr spielten. Bestimmt konnten die blöden Skins schneller laufen als sie, aber sie blieben hinter ihr. Kristina war nicht besonders gut in Form, aber die Angst gab ihr mehr Ausdauer, als sie sich zugetraut hätte. Das ging zehn Minuten, und dann zwanzig, und sie konnte sich kaum noch auf den Beinen halten, als sie eine offene Tür sah, die in einen beleuchteten Empfangsraum führte. Sie lief hinein.
Sie taumelte zum Rezeptionstisch und keuchte:
„Hilfe“, so leise, dass der Wachmann es nicht mal gehört hätte, wenn er auf seinem Stuhl vor ihr gesessen hätte.
„Hey, seht mal, die Gruftischlampe will sich verstecken!“ rief einer der Glatzköpfe.
„Da hat sie aber Pech, ist keiner hier, der sie beschützt.“
Trotz ihrer tapferen Worte traten sie vorsichtig ein und sahen sich um, als würden sie erwarten, dass sich der Hausmeister mit einem Schrotgewehr hinter den Blumentöpfen versteckte.
„Da ist ne Kamera“, raunte einer.
Das Telefon auf dem Rezeptionsschreibtisch klingelte. Kristina wusste nicht, woher der Impuls kam, aber sie nahm den Hörer auf.
„Hallo?“
Einige Sekunden ungläubigen Schweigens.
„Nein“, sagte eine Stimme.
„Was?“
„Was machst du denn hier?“
„Hören Sie, wer auch immer Sie sind, ich brauche Hilfe!“
Der Satz war ziemlich lang gewesen, und sie war noch immer außer Atem. Sie keuchte.
Die Glatzköpfe standen im Eingang und sahen abwechselnd sie und sich gegenseitig an. Sie wussten nicht, was sie tun sollten.
Die Stimme aus dem Hörer lachte.
„Willkommen im Club.“
„Das ist überhaupt nicht witzig!“ Atempause. „Ich meine sofort!“
Die Glatzköpfe kamen näher.
„Siehst du die Treppe rechts neben den Lifts?“
„Ja! Schneller!“
„Lauf runter ins zweite Kellergeschoss, dann den Gang entlang, es ist die letzte Tür auf der linken Seite. Wenn es wirklich so eilig“
Sie ließ den Hörer fallen und lief. Als wäre ein Bann von ihnen abgefallen, liefen ihre Verfolger ihr nach. Sie lief so schnell, dass sie auf der Treppe dreimal fast stolperte, und als sie die Tür schließlich erreicht hatte, fiel sie davor auf die Knie, brachte mit großer Mühe die Kraft auf, die Klinke herunterzudrücken und rutschte zur Seite, um die Tür zu öffnen. Nichts geschah. Sie sah, dass der Schlüssel steckte. Sie hörte die Schritte hinter sich. Sie drehte den Schlüssel um und griff nach der Klinke. Sie wollte sie gerade herunterdrücken, als jemand ihre Hand packte.
„Hab sie!“ schrie er.
„Nein!“ Sie kreischte, wie die Frauen das in den Filmen manchmal taten.
Er hob sie hoch und grinste sie an. Und dann öffnete sich die Tür.
„Sie hat gar nicht geklemmt, wusst‘ ich’s doch.“
„Janine!“
„Wer ist das?“ fragte eine Frauenstimme.
Die Hooligans waren verwirrt.
„Bist du froh, mich zu sehen?“ fragte Janine mit einem strahlenden Lächeln.
„Oh ja!“
Kristina hatte sich noch nie so gefreut, jemanden zu sehen. Dann sah sie den Lauf der Pistole direkt vor ihren Augen.

Sonia schrie auf, als plötzlich Blut aus dem Kopf des rothaarigen Mädchens spritzte. Ihr Körper fiel wie ein Sack Erbsen zu Boden, während der Glatzkopf in der Bomberjacke, der sie am Arm gepackt hatte, mit weit aufgerissenen Augen zurücktaumelte.
„Scheiße“, sagte irgendjemand draußen im Flur.
Dann hörte sie jemanden davonlaufen. Lenore steckte die Pistole mit dem Schalldämpfer in die rechte Tasche ihres Halfters.
„Was soll das?“ schrie Sonia sie an. „Das Mädchen hat Ihnen nichts getan!“
Lenore wirbelte herum und ging schnell auf sie zu. Sonia war sich ziemlich sicher, dass sie wieder die Waffe in ihr Gesicht stecken würde, aber sie tat es diesmal nicht.
„Sonia. Halten Sie die Klappe. Vielleicht ist es Ihnen nicht aufgefallen, aber hier geschehen Dinge, die absolut gar nicht in meinen Plan gehören. Das macht mir Sorgen. Wenn ich mich sorge, dann ist das nicht gut für Sie. Ich habe den Eindruck, dass Sie stark genug sind, Ihre Hysterie in den Griff zu bekommen. Tun Sie das.“
Sie wirbelte wieder herum, hob ihren Rucksack auf und ging auf den Flur hinaus. Sonia stand dumm da und sah ihr nach und fragte sich, wieso sie sich plötzlich in den Griff kriegen musste, wenn Lenore diejenige war, die gerade völlig grundlos ein unschuldiges Mädchen erschossen hatte.
„Folgen Sie mir, vier Meter hinter mir, keine schnellen Bewegungen.“
Die Freundlichkeit war von ihr abgefallen wie eine Maske. Jetzt trug sie die Maske der eisigen Professionalität. Sie tastete sich durch den Korridor voran wie die Soldaten im Fernsehen, allerdings ohne Waffe in der Hand. Sonia fragte sich, wie viele Masken Lenore trug und was wohl dahinter wartete.
Sie ging zur Tür und blieb stehen. Da lag das Mädchen. Sie war blass, trug schwarze Kleidung im Emo-Stil, und schwarzen Lippenstift. Lenore hatte ihr die Waffe unters Kinn gehalten, die Kugel war über der Stirn wieder ausgetreten. Die Augen des Mädchens waren offen, seine Miene leuchtete noch vor Freude. Lenore hatte sie gekannt, woher auch immer. Sie hatte gehofft, dass Lenore sie beschützen würde.
Sonia wurde schwindelig.
Sie hörte Lenores Schritte näher kommen, aber sie konnte nicht zu ihr aufblicken. Sie war sich nicht sicher, ob das daran lag, dass sie sich nicht vom Anblick des toten Mädchens lösen konnte oder daran, dass sie Lenore jetzt nicht ins Gesicht sehen konnte.
Lenore nahm die Leiche an den Armen und zog sie hinter die Tür, aus dem Weg. Als wäre sie wirklich ein Sack Erbsen.
„Geht’s jetzt?“
„Was sind Sie für ein Mensch?“
„Oh, bitte!“ Lenore winkte ab.
Sonia fragte sich, ob es etwas über sie aussagte, dass es sie viel mehr bestürzte, dass Lenore dieses Mädchen getötet hatte, als dass sie sie selbst ermorden wollte. Sie beschloss, das als Zeichen einer unglaublich noblen Geisteshaltung zu nehmen. Dass sie zu diesem Gedanken noch fähig war, konnte sie sich nur dadurch erklären, dass sie sich immer noch wie in einem Albtraum fühlte und sicher war, dass sie gleich aufwachen würde.
„Sonia!“ zischte Lenore, und ein kurzer Griff nach der Waffe genügte, um Sonia aus ihrer Verwirrung zu wecken.
Diesmal folgte sie ihr.

8 Responses to Nimmermehr (10)

  1. Glückwunsch zum „Zweistelligen“. 🙂
    Ja, tatsächlich actionreich. Die arme Kristina. Diese Lenore macht mir eine Gänsehaut.
    Ist die Geschichte eigentlich schon fertig und Du veröffentlichst sie nach und nach oder sind das immer ganz frisch geschriebene Artikel?

  2. Muriel sagt:

    Die Geschichte ist, naja, „eigentlich“ schon fertig, ja. Ich hab das am Anfang mal erwähnt: 2004 habe ich Nimmermehr geschrieben, und seitdem liegt die Geschichte in der Schublade. Trotzdem ist es aber noch eine ganze Menge Arbeit, jeden einzelnen Teil vorzubereiten, weil mir immer wieder auffällt, dass das Ganze noch nicht richtig stimmig ist, teilweise Wichtiges fehlt oder Abschnitte einfach mies geschrieben sind.

  3. fragmentjunkie sagt:

    Echt gute Verbindung zum vorherigen Kapitel. Sollte man die Kristina kennen oder war sie völlig neu?

  4. Muriel sagt:

    @fragmentjunkie: Sie ist die mit der überfahrenen Katze.

  5. fragmentjunkie sagt:

    Axo…OK, kam mir irgendwie so vor, als ob man die kennen müsste

  6. pampashase sagt:

    Kristina, die mit der Katze, die von Sonia überfahren wurde…netter Bogen 🙂

  7. madove sagt:

    Oh. *schluck*
    Das ist ja mal ein krasser Wiedereinstieg für mich nach ein paar Wochen. Trotzdem passend…
    Mal gucken, wie weit ich komme, bis der Mann das Abendessen fertighat.

  8. Muriel sagt:

    @madove: Oh, wie nett, du liest weiter! Ich warte auch gerade aufs Abendessen. Ähm. Ja. Ist dir aber wahrscheinlich egal.

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