Nimmermehr (11)

Hier ist für euch der elfte Teil meines Fortsetzungsromans Nimmermehr. Viel Spaß!

Kurz zusammengefasst haben wir im ersten Teil eine junge Dame kennen gelernt, die an einem norwegischen Fjord wohnt und offenkundig unter ernst zu nehmenden psychischen Beschwerden leidet. Diese junge Dame bekam in der ersten Szene einen Anruf von Clarence und musste sich auf den Weg machen, um etwas für ihn zu erledigen. Sie bekommt später auch einen Namen, aber noch kennen wir den nicht.
Der zweite Teil stellte uns Sonia vor, eine junge Journalistin, die zurzeit nicht ganz freiwillig ihren Bruder bei sich beherbergt und einen geheimnisvollen Anruf bekommen hat, in dem ihr eine große Verschwörungsgeschichte angekündigt wurde.
Im dritten Teil waren wir dabei, als eine junge Frau, die der Fjordbewohnerin des ersten Teils kein bisschen ähnelte, in Oslo ein Flugzeug nach Deutschland bestieg, auf dem Weg nach Hamburg. 
Im vierten Teil kam Sonia ihrer Verschwörung näher, und zum Schluss stellte sie fest, dass die geheimnisvolle Anruferin den Mord an einem ehemaligen Hamburger Bürgermeister und seiner Familie vorhergesagt hatte.
Im fünften Teil sahen wir einer kinderlieben jungen Frau in einem Hamburger Hotelzimmer dabei zu, wie sie erschöpft auf ihrem Bett lag und sich an ihr hartes Tagwerk erinnerte, das ziemlich direkt mit dem vorhin erwähnten Mord zusammenhängt.
Der sechste Teil führt uns nach Afrika, wo wir einen neuen Mitarbeiter des Unternehmens Discordia, Incorporated, beim Beginn seines ersten Arbeitstages begleiten.
Im siebten Teil fährt Sonia zur Arbeit, frohen Mutes und bereit, sich in die Recherche für die Story ihres Lebens zu stürzen.
Die junge Frau hat im achten Teil noch eine PSP zu retten, zwei Überraschungseier zu essen, einen kleinen Auftrag zu erledigen und einen Kater zu beerdigen, bevor sie sich schließlich auf den Weg zu Sonia macht.
Sonia und die junge Frau, die uns nun endlich verrät, dass wir sie Lenore nennen dürfen, treffen im neunten Teil aufeinander, doch als Lenore siche gerade ernsthaft an die Arbeit machen will, taucht ein unterwartetes – und ein wenig absurdes – Hindernis auf.
Im zehnten Teil gibt es ein leider sehr kurzes Wiedersehen mit Kristina und Lenore und Sonia werden aus ihrer prekären Lage befreit.

Die ganze Geschichte noch mal zum Nachlesen findet ihr natürlich auf der Geschichten-Seite. 

Auf der zweiten Plattform der Treppe nach oben blieb Lenore schon wieder stehen, um ihr Telefon aus der Tasche zu ziehen. Sie drückte eine Taste.
„Hier ist Lenore“, sagte sie, und dann: „Hier laufen ein paar Sachen ziemlich schief. Wisst ihr was davon?“
Sie hörte zu.
„Warum nicht?“
Kurze Pause.
„Clarence, seht zu, dass ihr dahinter kommt, ich arbeite nicht gern im Dunkeln. Ich glaube, jemand wusste, dass ich hier bin, und ich glaube, hier sind Leute im Gebäude, die…“
Von oben erklangen mehrere Schüsse.
„Was hab‘ ich gesagt? Ich muss weiter.“
Lenore klappte das Telefon zusammen und steckte es wieder ein.
„Verdammt“, murmelte sie und blickte einige Sekunden nachdenklich ins Leere.
„Was ist los?“ fragte Sonia.
„Haben Sie nicht zugehört?“ Sie drehte sich nicht um beim Sprechen und blickte gespannt die Treppe hinauf. Vielleicht rechnete sie damit, dass der Schütze zu ihnen kommen würde.
Sonia wurde klar, dass das hier eine Gelegenheit war. Ihre Hand glitt langsam in ihre Tasche und umfasste die kleine Dose darin.
„Ich will ja nur wissen, was das für mich bedeutet.“
Jetzt drehte Lenore sich um und sah sie an. Sonia zog schnell die Hand aus ihrer Tasche, bevor ihr klar wurde, dass das erst recht Lenores Aufmerksamkeit wecken würde. Verdammt. Aber sie schien die Bewegung gar nicht bemerkt zu haben.Lenore kniff ihre Augen zusammen und sog scharf die Luft zwischen ihren Zähnen ein, während ihre Hand zu ihrer Schläfe fuhr.
„Ahh, verdammt…“
Was war das denn? Sonia beschloss, dass dies nicht die Zeit war, dumme Fragen zu stellen und sich um die Gesundheit von Auftragsmördern zu sorgen. Sie nahm die Pfefferspray-Dose aus ihrer Handtasche und sprühte das rötlich-braune Zeug in Lenores Gesicht.
Lenore gab ein unartikuliertes Röcheln und Keuchen von sich, fiel auf die Knie und schlug beide Hände vor’s Gesicht. Sonia ließ die Dose fallen und rannte die Treppe hinauf. Hinter sich hörte sie ein Heulen wie von einem verletzten Tier, das dann in einem erstickten Krächzen verklang. Sie hatte das Zeug noch nie benutzt und hatte insgeheim befürchtet, dass es Lenore einfach nur wütend machen würde. Jetzt fragte sie sich, ob sie es überleben würde.
Die Tatsache, dass Lenore keine Bedrohung mehr war, schuf Raum für die Sorge, ob sie hier besser aufgehoben war als unten mit der Mörderin. Andererseits konnte es kaum schlimmer werden.
Dann sah sie die beiden toten Hooligans auf dem Boden liegen und einen großen Kerl mit Skimaske in einer schusssicheren Weste neben Karls Schreibtisch stehen. Er hielt einen riesigen chromglänzenden Revolver in der rechten Hand, den er nun auf sie richtete. Einige sehr lange Sekunden sah er sie nachdenklich an, dann schüttelte er den Kopf.
„Sie sind es nicht. Verschwinden Sie“, sagte er, etwas gedämpft durch die Maske.
Das klang eigentlich nach einer guten Idee, fand sie. Sie lief aus der Tür hinaus auf die Straße. Dann blieb sie stehen, um die Polizei zu rufen. Sie zog ihr Handy aus der Tasche und steckte es dann wieder ein. Wer wusste schon, was da drinnen jetzt passieren würde? Es war vielleicht keine gute Idee, einfach hier draußen stehen zu bleiben und zu warten. Sie rannte noch ein paar Straßen weiter, bis sie sich sicher genug fühlte, dann blieb sie stehen und stützte sich auf ein geparktes Auto, um wieder zu Atem zu kommen. Jemand packte sie von hinten und drückte ihr einen feuchten Lappen ins Gesicht. Sie dachte noch, dass sie jetzt nicht atmen sollte, aber das war viel leichter gedacht als getan, nachdem sie einen neuen Rekord für den achthundert-Meter-Sprint aufgestellt hatte.

Clarence war ein sehr großer Mann. Er war so breitschultrig und muskulös, dass er wahrscheinlich gute Chancen gehabt hätte, als professioneller Wrestler reich zu werden, wenn er nicht einen anderen Weg eingeschlagen hätte. Walking Mountain hätte er sich vielleicht genannt, oder The Rock, wenn der Name nicht schon vergeben gewesen wäre.
Clarence war 2,27m groß und er wog 142 Kilogramm. Nur ein sehr geringer Anteil davon war Fett. Haare trugen gar nichts zu seinem Gewicht bei, denn er hatte keine, nicht einmal Augenbrauen. Seine Augen waren von einem leuchtenden Blau, seine Zähne strahlend weiß und seine Haut ebenholzschwarz.
Clarence stand auf einem Balkon seines palastartigen Anwesens im Südwesten von Kamerun, nahe bei Ebolawa. Das war Kiras Idee gewesen. Als sie die Stadt auf der Karte gesehen hatte, hatte sie gelacht und gesagt, dass es doch lustig wäre, in einem Ort zu wohnen, der nach einer furchtbaren Krankheit benannt war. Damit war die Sache entschieden gewesen.
Was seiner Karriere als Wrestler vielleicht geschadet hätte, war sein sehr zurückhaltendes Temperament. Clarence legte das Telefon, das in seiner riesigen Pranke durchaus hätte verloren gehen können, wenn er nicht aufgepasst hätte, sanft auf den kleinen Tisch neben sich zurück und blickte nachdenklich in die endlose Savanne, die sich vor ihm ausbreitete. Von Walking Mountain hätte man erwartet, dass er vor Wut brüllte, sein Shirt zerriss und das kleine tragbare Telefon zwischen seinen Kiefern in kleine Stücke zermalmte.
Der aufstrebende Unternehmer Clarence empfand keine brodelnde Wut, er war zunächst einfach neugierig. Irgendetwas musste tatsächlich schief gelaufen sein, und zwar wahrscheinlich auf seiner Seite. Irgendjemand hatte geredet. Oder nicht genug aufgepasst.
„Du siehst unzufrieden aus, Liebling.“
Kira stellte sich dichter hinter ihn, legte ihre Arme um ihn und betastete seine stählernen Bauchmuskeln. Sie war mit 1,92m eine sehr große Frau, aber verglichen mit Clarence wirkte sie wie ein Kind. Sie hatte ihren Kopf geschoren, allerdings waren ihr ihre Augenbrauen geblieben.
„Lenore hat Probleme. Offenbar hat jemand herausgefunden, wo sie ist. Mehr hat sie mir nicht erzählt, sie hatte keine Zeit, aber wenn sie mich anruft, muss es was Ernstes sein. Wir müssen rauskriegen, wer geredet hat, und was er wem erzählt hat.“
„Hm. So viele Leute wissen es ja nicht. Wenn du es nicht warst – da bin ich mir sicher – und ich es nicht war, – ich lebe noch, du glaubst mir das also wohl – dann kann es doch eigentlich nur der Dispatcher gewesen sein.“
Er schwieg eine Weile, und dachte nach. Kira durchleuchtete jeden Dispatcher sehr gründlich, bevor sie ihn einstellte. Vergangenheit, Familie, Vermögensverhältnisse, Referenzen, sonstige Tests, sie war da äußerst einfallsreich. Natürlich konnte einer von ihnen Lenore verraten haben. Aber auch Kira hätte es getan haben können. Er liebte sie, aber deswegen musste er ihr ja nicht blind vertrauen. Es hätte jedenfalls keinen Sinn, ihr das zu sagen.
„Ganz so einfach ist es nicht“, murmelte er. „Die Leute, die die Kreditkarten besorgen, und das Telefon. Über das Telefon kann man sie finden. Über die Karten ist es schwieriger, aber das geht auch. Außerdem gibt es mindestens noch eine Person, die weiß, wo sie ist.“
„Wer?“
„Die Person, die uns den Hinweis gegeben hat, wegen der Sache in Hamburg.“
„Vielleicht hat sie’s auch selbst versaut“, schlug Kira vor. „Sie ist ein bisschen wunderlich, das weißt du besser als ich.“
Einige der anderen Mitarbeiter lud Clarence gelegentlich nach Kamerun ein, wenn es sich ergab. Dann konnte er persönlich mit ihnen sprechen, was immer besser war als telefonisch, konnte sie kennen lernen und besser einschätzen. Bei Lenore war das nicht nötig, sagte er immer, die kannte er schon sehr gut, er wusste, dass er ihr vertrauen konnte und wo ihre Talente waren.
Aber es gab noch einen anderen Grund. Clarence fürchtete sich vor Lenore. Früher war sie anders gewesen, aber mit der Zeit kam sie ihm immer labiler vor.
Natürlich, jeder Auftragsmörder musste irgendwie anders sein als gewöhnliche Menschen, sonst konnte er es nicht ertragen, einen Beruf auszuüben, der ihn völlig außerhalb der menschlichen Gemeinschaft stellte. Sie fanden aber alle einen Weg, damit zurecht zu kommen. Einer oder zwei von Clarences Leuten waren sogar eigentlich in jeder Beziehung völlig vernünftige Männer (Fast alle waren Männer, Lenore war eine von drei Frauen.), abgesehen davon eben, dass sie für Geld Menschen töteten. Bei Lenore aber sprach alles dafür, dass die kleinen Risse in ihrem Charakter sich mit der Zeit immer weiter ausdehnten und dass sie im Begriff war, völlig den Verstand zu verlieren. Wenn es nicht sogar schon geschehen war.
Die Wahrheit war, dass Clarence sich nicht zutraute, einzuschätzen, wie weit ihr Verfall schon fortgeschritten war, und ob sie ihn vielleicht aus einer Laune heraus umbringen würde, wenn sie einander noch einmal begegnen sollten.
Genau so wenig konnte er ausschließen, dass sie aus einer Laune heraus irgendetwas Dummes angestellt hatte, das ihren Auftrag kompromittiert hatte.
„Oder es ist eben alles von vornherein eine Falle gewesen“, murmelte er.
Er sprach mit niemandem über Lenores Geisteszustand, nicht einmal mit Kira. Er wusste selbst nicht genau, warum. Vielleicht aus einer sonderbaren Loyalität heraus. Ohne Lenore wäre sein Leben in vieler Hinsicht anders verlaufen.
„Du denkst manchmal einfach zu kompliziert, wenn du mich fragst. Hier, nimm ein paar Skittles?“
„Bah Kira, du bist eklig.“
Sie grinste und zuckte die Schultern.
„Believe the rainbow. Taste the rainbow.“

8 Responses to Nimmermehr (11)

  1. fragmentjunkie sagt:

    Es bleibt spannend. Nur beim letzten Satz, da schaltet bei mir nichts.

  2. Muriel sagt:

    @fragmentjunkie: Ich muss auch zugeben, dass dieser letzte Satz ein ziemlicher Insider ist. Das ist der Werbeslogan für Skittles, den und die hierzulande eigentlich kaum jemand kennt. Als ich das schrieb, hatte ich gerade ein paar Spots von denen gesehen und fand die sehr lustig.

  3. pampashase sagt:

    Ich amüsier mich grade bestimmt seit 10 Minuten über die Skittles Werbung…kannte ich nämlich auch nicht…die Werbung hat mich echt überzeugt. Hab sogar schon was gefunden, wo man das bestellen kann :mrgreen:

    …ach ja, die Story wird immer spannender…könnte man gut ein paar Skittles bei knabbern…

  4. Muriel sagt:

    @pampashase: Die Werbung fand ich auch toll, leider schmecken die Dinger mir einfach nicht, nichts zu machen.

  5. Skittles Community-Team sagt:

    Hallo zusammen,
    der Regenbogen landet jetzt in Deutschland. Ab September könnt ihr Skittles auch ganz regulär in Deutschland kaufen.

    Auf den Regenbogen in Deutschland! Auf Skittles!

    Viele Grüße,
    das Skittles Community-Team

  6. Muriel sagt:

    Ja, natürlich ist das irgendwie Werbung, aber ich bringe es nicht übers Herz, einen Kommentar der Skittles Community zu löschen, wenn sie schon mal bei mir kommentiert. Und sie waren immerhin so anständig, keinen kommerziellen Link dazuzulegen.

  7. madove sagt:

    Okay, es bleibt spannend…..
    Ich mag Clarence und Kira.
    Und ich habe gerade einige sehr seltsame Minuten auf youtube mit skittles-Werbung verbracht.

    Ein Detail noch: Nach dem überraschend erfolgreichen Einsatz des Pfeffersprays hätte ich es glaubich nicht fallengelassen, es stört ja nicht besonders beim Rennen. Ob es Sonia was genützt hätte, ist die andere Frage.

  8. Muriel sagt:

    @madove: Ich verstehe, was du meinst. Auch mit der Skittles-Werbung, aber ich meine eigentlich das Spray.
    Falls es dich interessiert: Ich habe das nicht aus Gründen der Plotbequemlichkeit geschrieben (Es hätte ihr ja wirklich nichts genützt.), sondern mir kam es tatsächlich plausibel vor, dass sie es sozusagen aus Schreck fallen lässt.

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