Nimmermehr (12)

Mein Fortsetzungsromen Nimmermehr  macht das Dutzend voll (Hier als pdf.), und heute passiert auch noch mal richtig viel. Das nächste Kapitel wird wieder ein bisschen ruhiger, denke ich.

Kurz zusammengefasst haben wir im ersten Teil eine junge Dame kennen gelernt, die an einem norwegischen Fjord wohnt und offenkundig unter ernst zu nehmenden psychischen Beschwerden leidet. Diese junge Dame bekam in der ersten Szene einen Anruf von Clarence und musste sich auf den Weg machen, um etwas für ihn zu erledigen. Sie bekommt später auch einen Namen, aber noch kennen wir den nicht.
Der zweite Teil stellte uns Sonia vor, eine junge Journalistin, die zurzeit nicht ganz freiwillig ihren Bruder bei sich beherbergt und einen geheimnisvollen Anruf bekommen hat, in dem ihr eine große Verschwörungsgeschichte angekündigt wurde.
Im dritten Teil waren wir dabei, als eine junge Frau, die der Fjordbewohnerin des ersten Teils kein bisschen ähnelte, in Oslo ein Flugzeug nach Deutschland bestieg, auf dem Weg nach Hamburg. 
Im vierten Teil kam Sonia ihrer Verschwörung näher, und zum Schluss stellte sie fest, dass die geheimnisvolle Anruferin den Mord an einem ehemaligen Hamburger Bürgermeister und seiner Familie vorhergesagt hatte.
Im fünften Teil sahen wir einer kinderlieben jungen Frau in einem Hamburger Hotelzimmer dabei zu, wie sie erschöpft auf ihrem Bett lag und sich an ihr hartes Tagwerk erinnerte, das ziemlich direkt mit dem vorhin erwähnten Mord zusammenhängt.
Der sechste Teil führt uns nach Afrika, wo wir einen neuen Mitarbeiter des Unternehmens Discordia, Incorporated, beim Beginn seines ersten Arbeitstages begleiten.
Im siebten Teil fährt Sonia zur Arbeit, frohen Mutes und bereit, sich in die Recherche für die Story ihres Lebens zu stürzen.
Die junge Frau hat im achten Teil noch eine PSP zu retten, zwei Überraschungseier zu essen, einen kleinen Auftrag zu erledigen und einen Kater zu beerdigen, bevor sie sich schließlich auf den Weg zu Sonia macht.
Sonia und die junge Frau, die uns nun endlich verrät, dass wir sie Lenore nennen dürfen, treffen im neunten Teil aufeinander, doch als Lenore siche gerade ernsthaft an die Arbeit machen will, taucht ein unterwartetes – und ein wenig absurdes – Hindernis auf.
Im zehnten Teil gibt es ein leider sehr kurzes Wiedersehen mit Kristina und Lenore und Sonia werden aus ihrer prekären Lage befreit.
Sonia gelingt im elften Teil die Flucht – gewissermaßen -, und wir lernen Clarence endlich mal persönlich kennen. 

Wer noch genauer wissen will, was bisher geschah, klickt bitte auf die Geschichten-Seite.

Lenore hatte sich lange nicht mehr so schlecht gefühlt. Sie lag zusammengekrümmt am Boden, ihre Handballen gegen die zusammengekniffenen Augen gepresst und brauchte ihre ganze Konzentrationsfähigkeit und Willensstärke, um zu atmen.
Der instinktgesteuerte Teil ihres Gehirns schnürte ihre Luftröhre zu und wollte sie dazu bringen, sich zu erbrechen. Dieser Teil bestand darauf, dass sie jetzt nicht atmen konnte, weil dadurch gefährliche Stoffe in ihren Körper geraten konnten und dass es dringend nötig war, alle gefährlichen Stoffe, die bereits drin waren, wieder hinauszuspülen. Sie wusste aber, dass alles Gefährliche bereits drin war, dass sie sich jetzt wirklich zur Genüge übergeben hatte und dass es an der Zeit war, wieder mit der geregelten Atmung anzufangen. Immerhin spürte sie ihre Kopfschmerzen kaum noch.
Sie hörte ein ersticktes Schluchzen und brauchte einige Augenblicke, um zu erkennen, dass es von ihr selbst stammte.
Irgendwo in ihrem vor Schmerzen und Wut heulenden Bewusstsein war sogar noch eine Stimme, die sie daran erinnerte, dass wahrscheinlich irgendjemand die Polizei gerufen hatte und dass es deswegen überhaupt nicht gut war, noch viel länger hier zu bleiben.
Nach einer Weile – sie hatte keine Vorstellung davon, wie lange genau es gedauert hatte – schaffte sie es, die Hände aus dem Gesicht zu nehmen, die letzten Reste der scheußlichen Flüssigkeit mit den Ärmeln aus ihrem Gesicht zu wischen und vorsichtig ihre Augen zu öffnen. Sie sah hell und dunkel. Lenore verfluchte sich selbst dafür, dass sie Sonias Bewegung gespürt und deshalb ihre Augen geöffnet hatte, kurz bevor sie das Pfefferspray getroffen hatte. Sie hatte noch nie davon gehört, dass jemand von dem Zeug erblindet war, aber permanente Augenverletzungen waren nicht sehr ungewöhnlich. Pfefferspray war ein Glücksspiel. Es gab sehr starke Chargen und eher ungefährliche; manche Menschen reagierten sehr empfindlich darauf, andere weniger. Lenore gehörte leider zu ersteren.
Sie musste einfach das Beste hoffen. Sie stützte sich umständlich am Treppengeländer ab, während sie wieder aufstand.
Ihr war schlecht und schwindelig, als sie fertig war. Das war gut, denn das hieß, dass der Schmerz so weit nachgelassen hatte, dass sie ihre Übelkeit zu spüren begann.
Sie tastete sich an der Wand entlang in den Waschraum. Sie legte umständlich den Rucksack und das Halfter ab, zog sich den Pullover aus und wusch sich Gesicht und Hände. Ihre Augen pulsierten, und sie sah jetzt außer Licht und Schatten noch sonderbare Formen und Figuren, von denen sie inständig hoffte, dass sie Trugbilder waren. Ihr ganzes Gesicht strahlte einen ekelhaft klopfenden Schmerz aus, der von dort aus durch ihren ganzen Körper zog und nach und nach ihren Hals, ihre Schultern und ihre Arme zu erfassen schien, obwohl diese Körperteile eigentlich nicht betroffen waren. Ihre Nase fühlte sich taub an, als hätte sie sie heftig gestoßen. Sie musste sich beständig anstrengen, um den Würgereflex zu unterdrücken und sich nicht zu übergeben. Das Atmen fiel ihr immer noch schwer. Sie hatte keine Zeit, zu warten, bis sie wieder komplett in Form war.
Mindestens ebenso sehr wie ihr Gesicht quälte sie ihr Stolz. Lenore hatte sich von einem Opfer mit Pfefferspray besprühen lassen wie die allerletzte Anfängerin. Sie hatte einen Fehler gemacht, der für gewöhnlich zu Recht mit dem Tod bestraft wurde, und sie schämte sich dafür. Sie war wütend auf Sonia und auf sich selbst, sie war so frustriert, dass sie kreischen wollte, bis sie wieder keine Luft mehr bekam, und sie wollte irgendetwas zerschlagen, aber sie hatte dafür jetzt keine Zeit. Sie wusste, dass jemand mit einer Waffe in diesem Gebäude war, und wenn derjenige nicht sein Gehör verloren hatte, wusste er, wo sie steckte.
Dies war einfach keine gute Gelegenheit, um sich von verletztem Stolz verführen zu lassen. Lenore atmete tief durch und legte ihre Ausrüstung und Kleidung wieder an. Den Pullover zog sie nicht an, der enthielt noch Reste von dem Spray, die ihren Atem stocken ließen.
Trotzdem nahm sie ihn mit, als sie sich vorsichtig zur Tür tastete. Tränen liefen über ihr Gesicht, ihren Hals hinab und in ihr Shirt. Es fühlte sich ekelhaft an, und Lenore hätte es trotz all ihrer Erfahrung nie für möglich gehalten, dass ein Mensch so viel Tränenflüssigkeit in so kurzer Zeit vergießen konnte. Verdammt, warum konnte sie immer noch nicht richtig sehen? Sie öffnete leise die Tür und versuchte aus Gewohnheit, in den Flur zu spähen, konnte aber nur erkennen, dass die Beleuchtung noch aktiv war. Sie hielt ihren Pullover zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand und streckte ihn vorsichtig in den Flur.
Obwohl sie halbwegs damit gerechnet hatte, erschrak sie doch ein wenig über das ohrenbetäubende Dröhnen. Um Gottes Willen, womit beschoss dieser Depp sie denn, hatte der seine Flak mitgebracht?
Sie hatte keine Patronenhülse zu Boden fallen gehört. Er benutzte also einen Revolver. Höchstens noch fünf Schuss. Es sei denn, er trug zwei.
Sie schloss die Tür nicht, bezog dahinter Position, zog ihre eigene Waffe und wartete. Die Tür konnte nur nach innen geöffnet werden, und dem Schussgeräusch nach hatte der Angreifer irgendwo bei der Treppe gestanden. Er konnte sie also nicht sehen Sie hörte Schritte. Wenn er tatsächlich ein so gewaltiges Stück Eisen hatte, wie der Krach vermuten ließ, bestand die Gefahr, dass er sie einfach durch die Tür erschoss. Nicht zu ändern.
Er kam näher. Lenore hielt den Atem an.
Vor der Tür blieb er stehen. Es machte sie wahnsinnig, dass sie nichts sehen konnte. Außerdem würde sie bald wieder atmen müssen, wenn sie nicht einfach bewusstlos zusammenbrechen wollte. Das hier war ein Albtraum. Dabei hatte der Tag ziemlich gut angefangen.
„Lenore?“ sagte ein Mann mit einem eindeutig asiatischen Akzent. Japaner, vermutete sie. „Ich weiß, dass Sie hier drin sind.“
Ach.
„Zeigen Sie sich, Lenore.“
Moment, bin gleich da.
Er trat einen Schritt vor. Nur noch ein ganz kleines Stück näher. Ihre Lunge begann zu brennen. Es wurde Zeit zu atmen. Einen Schritt noch. Er tat ihn.
Es war ein wundervolles Gefühl, nach so langer Zeit wieder atmen zu können, während sie hinter der Tür hervorsprang. Er war ein verschwommener dunkler Fleck in ihrem Auge. Kein Problem. Es ging hier nicht um Präzision. Es ging darum, wer schneller war. Wenn er gut war, hatte sie jetzt verloren. Er war besser, als sie erwartet hätte. Die meisten Menschen zögern für den Bruchteil einer Sekunde, selbst wenn sie fest entschlossen sind, zu schießen; es war ihr egal, was Soziologen meinten, sie glaubte an die menschliche Tötungshemmung, sie hatte ihr oft genug das Leben gerettet. Nicht heute. Der Japaner zögerte nicht. Sie hörte das gewaltige Krachen seiner Flak gleichzeitig mit den zwei Schüssen, die sie in die Gegend gefeuert hatte, wo seine Schultern sein mussten. Er taumelte und fiel dann rücklings zu Boden. Sie hörte seine Flak zu Boden fallen und über die Fliesen rutschen. Sie trat zwei Schritte näher an ihn heran und hielt ihre Pistole auf seine Stirn gerichtet.
Ein stetig zunehmender Schmerz unter ihrer linken Schulter legte den Schluss nahe, dass sie getroffen worden war. Sie fühlte kurz ihr Shirt und spürte warme Nässe. Ausgezeichnet. Es musste ein Streifschuss gewesen sein. Ein richtiger Treffer mit diesem Artilleriegeschütz hätte wahrscheinlich ihren Arm abgetrennt.
„Bitte bewegen Sie sich jetzt nicht.“ Lenore sprach Japanisch, um sich das alte Nix-Verstehn-Spiel zu ersparen. „Ich möchte Ihnen nämlich noch ein paar Fragen stellen, bevor ich Sie zu Ihren Ahnen schicke.“
Sie konnte seine Mimik nicht erkennen, aber seine Stimme klang völlig ungerührt, als er erwiderte:
„Sie können mir nichts anhaben.“
„Was?“
Lenore war nicht oft verblüfft. Aber jetzt gerade war sie es.
„Sie können mir nichts anhaben, Gaijin“, er spuckte das Wort aus, wie nur ein Japaner es konnte. „Auch wenn ich sterbe, wird die Gemeinschaft weiter leben.“
Die Gemeinschaft.
„Ja, kann schon sein, aber Sie doch nicht“, sagte Lenore, als würde sie hoffen, dass er dieses Detail einfach nur übersehen hatte. Was sie natürlich nicht ernsthaft tat.
Er lachte nur, wenn auch ohne besondere Fröhlichkeit. Er führte einen Arm zu seinem Gesicht. Sie konnte nicht scharf sehen und wusste nicht genau, was er da tat. Vielleicht kratzte er sich an der Nase.
„Was ist denn heute bloß los?“ murmelte sie.
Sie beschloss, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Sie nahm ihre Waffe von seiner Stirn, drehte sich um und schoss in seinen rechten Ellbogen. Er lachte weiter. Japaner. Sie hatte vor Asiaten im Allgemeinen und Japanern im Speziellen einen ganz besonderen Respekt. Sie erinnerte sich noch an einen alten Mann, der Vorstand irgendeines Unternehmens im Toyota-Konzern gewesen war. Er hatte einfach nur da gesessen und genickt, als sie ihre Waffe zog. Als sie ihn fragte, ob das alles war, hatte er wieder genickt und geantwortet: „Ich bin bereit.“
Lenore empfand große Verunsicherung gegenüber Menschen, denen der Tod gleichgültig war, denn der Tod war alles, was sie hatte.
Sie setzte den Lauf wieder an die Stirn des Japaners.
„Sie wollen mir sagen, dass Sie nicht bereit sind, meine Fragen zu beantworten, ganz gleich, womit ich Ihnen drohe.“
„Sie können mir nichts anhaben“, erwiderte der Japaner mit schwacher Stimme.
Sie wunderte sich kurz, warum er so leise sprach. Dann wurde ihr klar, was die Hand in seinem Gesicht gemacht hatte – oder genauer, in seinem Mund.
Lenore stöhnte und verdrehte ihre Augen. Sie versetzte dem toten Japaner einen halbherzigen Tritt, wischte die Tränen aus ihren Augen – und bereute es sofort. Offensichtlich hatte sie ihre Hände nicht genug gereinigt, denn sofort flammte der Schmerz frisch auf und sie konnte die Lider nicht mehr offen halten. Mit einem unterdrückten Wimmern taumelte sie zurück zu den Waschbecken.
Sie war gespannt, wie sie hier rauskommen würde. Sie hoffte, dass der tote Japaner nicht zu viele seiner Freunde mitgebracht hatte.

10 Responses to Nimmermehr (12)

  1. Glückwunsch zum Dutzend!
    Sehr spannend, nun auch noch die geheimnisvolle „Gemeinschaft“. Was das wohl für Leute sind? Eine konkurrierende Auftragskiller-Gilde? Die Zukunft wird es zeigen.
    Auch die Schmerzen und Folgen der Pfeffersprayattacke hast Du sehr gut beschrieben, da brennen dem Leser beinahe ebenfalls die Augen.

  2. Muriel sagt:

    @Fellmonsterchen: Danke für die freundlichen Worte. Mit den Pfefferspraywirkungen habe ich mich auch ziemlich intensiv auseinandergesetzt.
    Wer wirklich für die Kunst lebt, hätte sich vielleicht einfach selbst mal besprüht, aber ich habe mich dann doch lieber auf Literaturrecherchen beschränkt.

  3. shibumi sagt:

    auch von mir glüchwunsch zum vollen dutzend.

  4. Muriel sagt:

    Vielen Dank und viel Spaß weiterhin mit meinem Blog!

  5. pampashase sagt:

    sehr interessant, ich hab mich schon oft gefragt, wie Pfefferspray wohl wirkt

  6. madove sagt:

    Wenn da keine Leserfragen sind, ist es schwierig, die Disziplin zu halten, zu jedem Teil was zu schreiben, obwohl ich es netter finde. aber es ist so spannend, daß ich sofort weiterlesen will.
    Ich fange an, Lenore zu mögen. Nein, mögen ist vielleicht das falsche Wort. Aber ich mag ihre Art, mit der Situation umzugehen.

  7. Muriel sagt:

    @madove: Ich hatte ja angeboten, dir welche zu schreiben, aber du hast nicht geantwortet.
    .
    .
    .
    [Lange Zeit passiv aggressiven Schweigens und vorwurfsvoller Blicke.]
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    .
    Ab 21 gehen sie los.
    .
    .
    .
    Wenn du willst, kannst du auch vorher schon welche haben.

  8. madove sagt:

    Aber Schatz, sei doch nicht gleich beledigt…! Wenn Du vorhast, bei allem beleidigt zu sein, was ich irgendwie verpeile, haben wir lustige Zeiten vor uns…..;-)

    Im Ernst, das würdest Du machen?
    Auja!!!!!

  9. Muriel sagt:

    @madove: Schriftsteller sind in einem Zustand permanenter Beleidigung. Das gehört dazu.
    Ich würde das total im Ernst machen. Fange gleich mit 14 an. Also schön abwarten.

  10. madove sagt:

    Okay, ich warte, auch wenns schwerfällt…

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