Nimmermehr (13)

Es ist Freitag, der 13. Teil meines Fortsetzungsromans Nimmermehr erscheint, aber es kommt trotzdem keine  einzige Machete vor, und verglichen mit den letzten Teilen ist dieser hier mal eher was entspannt Nachdenkliches. Viel Spaß!

Kurz zusammengefasst haben wir im ersten Teil eine junge Dame kennen gelernt, die an einem norwegischen Fjord wohnt und offenkundig unter ernst zu nehmenden psychischen Beschwerden leidet. Diese junge Dame bekam in der ersten Szene einen Anruf von Clarence und musste sich auf den Weg machen, um etwas für ihn zu erledigen. Sie bekommt später auch einen Namen, aber noch kennen wir den nicht.
Der zweite Teil stellte uns Sonia vor, eine junge Journalistin, die zurzeit nicht ganz freiwillig ihren Bruder bei sich beherbergt und einen geheimnisvollen Anruf bekommen hat, in dem ihr eine große Verschwörungsgeschichte angekündigt wurde.
Im dritten Teil waren wir dabei, als eine junge Frau, die der Fjordbewohnerin des ersten Teils kein bisschen ähnelte, in Oslo ein Flugzeug nach Deutschland bestieg, auf dem Weg nach Hamburg. 
Im vierten Teil kam Sonia ihrer Verschwörung näher, und zum Schluss stellte sie fest, dass die geheimnisvolle Anruferin den Mord an einem ehemaligen Hamburger Bürgermeister und seiner Familie vorhergesagt hatte.
Im fünften Teil sahen wir einer kinderlieben jungen Frau in einem Hamburger Hotelzimmer dabei zu, wie sie erschöpft auf ihrem Bett lag und sich an ihr hartes Tagwerk erinnerte, das ziemlich direkt mit dem vorhin erwähnten Mord zusammenhängt.
Der sechste Teil führt uns nach Afrika, wo wir einen neuen Mitarbeiter des Unternehmens Discordia, Incorporated, beim Beginn seines ersten Arbeitstages begleiten.
Im siebten Teil fährt Sonia zur Arbeit, frohen Mutes und bereit, sich in die Recherche für die Story ihres Lebens zu stürzen.
Die junge Frau hat im achten Teil noch eine PSP zu retten, zwei Überraschungseier zu essen, einen kleinen Auftrag zu erledigen und einen Kater zu beerdigen, bevor sie sich schließlich auf den Weg zu Sonia macht.
Sonia und die junge Frau, die uns nun endlich verrät, dass wir sie Lenore nennen dürfen, treffen im neunten Teil aufeinander, doch als Lenore siche gerade ernsthaft an die Arbeit machen will, taucht ein unterwartetes – und ein wenig absurdes – Hindernis auf.
Im zehnten Teil gibt es ein leider sehr kurzes Wiedersehen mit Kristina und Lenore und Sonia werden aus ihrer prekären Lage befreit.
Sonia gelingt im elften Teil die Flucht – gewissermaßen -, und wir lernen Clarence endlich mal persönlich kennen.
Lenores Tag hat eine ungute Wendung genommen, aber im zwölften Teil sieht sie schon wieder ein bisschen Licht.

Wer noch genauer wissen will, was bisher geschah, wird auf der Geschichten-Seite fündig.

„Geh nicht ran“, murmelte Clara unter ihrem Kopfkissen hervor, und erst in diesem Moment wurde Christian Meiller richtig bewusst, dass das Telefon klingelte.
Er hatte gelernt, sich an Anrufe zu ungewöhnlichen Zeiten zu gewöhnen. Auch seine Frau hatte sich damit abgefunden, dass manchmal ein Notfall die Aufmerksamkeit ihres Mannes erforderte, auch wenn es ihr gerade nicht passte. Ihr selbst ging es da ja auch nicht besser.
Trotzdem waren sie beide ein wenig verstimmt, als um vier Uhr morgens das Telefon auf seinem Nachttisch klingelte.
„Es ist bestimmt wichtig“, sagte er.
„Natürlich…“
Er tastete nach dem Hörer und fand ihn schließlich. Er ließ ihn einmal fallen, bevor er ihn schließlich am Ohr hatte und wischte sich über die Augen, obwohl er genau wusste, dass das nicht half.
„Meiller?“
„Dr. Christian Meiller?“ sagte eine Stimme in einem routinierten Tonfall, der ihn gleich hellwach werden ließ.
Solche Stimmen brachten keine guten Nachrichten.
„Ich bin Kriminalkommissarin Sascha Kreusler. Heute Nacht wurde in das Gebäude eingebrochen, in dem sich die Redaktion Ihrer Zeitung befindet.“
Nach dem längeren Satz fiel ihm auf, dass die Stimme der Polizistin seltsam heiser und außer Atem klang.
„Oh. Ja… Ist was Schlimmes passiert?“
„Ich fürchte, ja. Herr Meiller, es würde uns sehr helfen, wenn Sie herkommen könnten. Jemand ist getötet worden.“
Vielleicht hatte sie einen der Einbrecher gejagt, oder sie war Kettenraucherin.
„Getö… Ich bin unterwegs.“
Er legte auf. Seine Frau schaltete ihre Nachttischlampe ein und sah ihn an.
„Was ist passiert?“
„Ein Einbruch beim Herold… Offenbar schlimm… Ich muss los. Wenn ich Genaueres weiß, rufe ich an!“
Er wusch sich kurz, zog den Anzug vom Vortag an und eilte dann die Treppe hinunter zu seinem Wagen. Der VW blinkte freunlich, als er ihn beim Näherkommen aufschloss. Er legte eine Hand auf den Griff der Fahrertür – und hielt inne.
„Guten Abend, Dr. Meiller. Schön, dass Sie sich so beeilt haben.“
Dr. Meillers Kopf ruckte herum. Neben seinem Wagen stand eine furchtbar zugerichtete Gestalt. Die Frau sah im grellen Licht der Straßenlampen aus, als wäre sie schon tot und begraben gewesen und hätte sich in dieser wunderschönen Vollmondnacht stilgerecht ins Freie gewühlt. Ihre Augen waren blutunterlaufen und tränten, das recht geschwollen, ihr Blick war glasig, ihre gesamte Gesichtshaut war rot wie von einem Sonnenbrand. Sie trug ein weißes T-Shirt mit einem dunkelroten Fleck unter der linken Schulter. Ihr Atem ging schwer, Ihre Stimme klang heiser. Sie trug einen Rucksack und ein Pistolenhalfter mit zwei Taschen. Eine Pistole steckte noch darin, die andere hielt sie in der Hand.
„Wer sind Sie?“ fragte Meiller.
„Bleiben wir ruhig bei Sascha. Ich hätte gerne darauf verzichtet, Sie heute Nacht noch zu belästigen, aber widrige Umstände zwingen mich dazu. Ich möchte, dass das hier gut klappt, und wenn Sie vernünftig mitarbeiten, wird Ihrer Familie nichts zustoßen.“
„Was wollen Sie?“
„Sind Sie mit der Arbeit Ihrer Redakteurin Sonia Schopp vertraut?“
„Was? Sie meinen doch nicht etwa…“
„Doch doch, das meine ich.“
Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, während er zu begreifen begann, was hier geschah. Sie hatte seine Familie bedroht. Sie stand direkt hier vor seinem Haus, in dem seine Kinder schliefen, und seine Frau.
„Was soll ich tun?“
„Ich fahre jetzt mit Ihnen in Ihre Redaktion. Der Einbruch hat tatsächlich stattgefunden, Sie werden dort deshalb einige Polizisten vorfinden. Aus genau diesem Grund kann ich Sie auch nicht begleiten. Ich werde im Wagen warten, während Sie reingehen und die Unterlagen von Frau Schopp suchen. Sie werden vielleicht nicht mehr viel finden, denn es war schon jemand da. Was noch da ist, bringen Sie mir mit raus. Sollten Sie dafür ungewöhnlich lange brauchen, sollte ich einen Polizisten sehen, der mich sucht oder sollte ich irgendwann in der auch fernen Zukunft feststellen, dass Sie irgendwas liegengelassen haben, werde ich Ihre Frau und Ihre Kinder lebendig häuten, direkt nacheinander im selben Raum, und Sie sehen zu. Sie werden staunen, wie lange ein Mensch ohne Haut weiterleben kann, wenn er auf die richtige Art gepellt wird. Alles klar?“
Meiller schluckte. Ihm wurde kalt und er konnte fühlen, wie er erblasste.
„Das – das ist doch nicht“
„Doch doch. Zweifeln Sie nicht, das wird Ihnen schaden. Wenn Sie zweifeln, zwingen Sie mich, Dinge zu tun, um Ihnen zu beweisen, dass ich es ernst meine. Sie wollen nicht, dass ich Ihnen irgendetwas beweise.“
Er war sprachlos. Das kam nicht oft vor.
„Darf ich kurz darüber nachdenken?“ fragte er schließlich und fühlte sich dabei recht elend.
„Nein“, antwortete Sascha sofort. „Ihre Entscheidung ist jetzt fahren oder jetzt sterben.“
„Fahren wir.“
Er machte Anstalten, einzusteigen.
„Halt! Eins noch. Treten Sie einen Schritt zurück, nehmen Sie Ihre Beine weiter auseinander, lehnen Sie sich mit ausgestreckten Armen an das Auto.“
„Was – ach so.“
Er tat es. Sascha trat hinter ihn.
„Wenn jetzt Ihre Nase juckt: nicht kratzen.“
Dann begann sie, ihn abzutasten. Knöchel, Waden, Knie, Oberschenkel. Ein entschlossener Griff zwischen die Beine, dann Jacke und Oberkörper. Er war in seiner Zeit als Reporter schon einige Male abgetastet worden, wenn er von bestimmten Veranstaltungen berichtete. Noch nie so gründlich.
„Gut, geben Sie mir Ihre Jacke, dann steigen Sie ein.“
Sascha legte den Rucksack ab, zog die Jacke über und setzte sich auf den Rücksitz hinter ihm. Natürlich war Meillers Jacke ihr viel zu groß, aber sie war sicher weniger auffällig als das Halfter mit den Pistolen und das blutige Shirt.
„Halten Sie sich allgemein mit schnellen Bewegungen zurück. Ich könnte überreagieren.“
„Verstehe.“
Einige Minuten herrschte Schweigen.
Meiller dachte über seine Situation und sich selbst nach. Es war absurd. Es war unglaublich. Es war wie in einem Film. Gab es nicht sogar einen Film, in dem etwas sehr Ähnliches passierte? Mit Tom Cruise? Michael hatte eine Kritik drüber geschrieben, die war gut gewesen.
Auf seinem Rücksitz saß eine bewaffnete Frau, die ihn umbringen wollte. Für den Fall, dass er versuchte, zu entkommen oder sie zu hintergehen, hatte sie ihm gedroht, seine Familie zu töten.
Meiller hatte schreckliche Angst, und er konnte sein Herz deutlich spüren, aber er dachte noch klar. Zumindest kam es ihm so vor.
Er hatte mal gelesen, dass es bei Geiselnahmen eine gute Idee war, sich mit den Geiselnehmern zu unterhalten. Man konnte dadurch zeigen, dass man ein echter Mensch war, genau wie sie, und dadurch fiel es ihnen schwerer, einen zu töten.
Während er vor einer Ampel hielt, sagte er:
„Sie sind also ein Profikiller? Das ist… interessant.“
„Ich mag den Ausdruck nicht. Aber ich töte für Geld, ja. Ist das Ihre journalistische Neugierde oder ein Psychotrick?“
„Ein bisschen von beidem vielleicht.“
Sascha wollte wohl lachen, aber es kam nur ein gurgelndes Husten heraus. Die Atmosphäre entspannte sich trotzdem spürbar.
Meiller fuhr fort: „Der Beruf übt eine gewisse Faszination aus. Ist es… schwer?“
„Ja.“
„Heute ist was schief gegangen, hm?“
„Ich glaube nicht an die magische Wirkung des Mondes, aber heute bringt er mir jedenfalls kein Glück.“
Wieder so ein gurgelnd würgendes Lachen.
„Ist es nur ein Beruf, oder töten Sie manchmal auch zu privaten Zwecken?“ fragte er.
„Nein, niemals“, antwortete sie sofort und viel zu schnell.
Sie log. Aber warum log sie? Welchen Grund konnte sie haben? Vielleicht ist es einmal wahr gewesen, dachte Meiller. Die Lügen, von denen wir am verzweifelten wünschen, sie wären wahr, sind oft die schwersten.
„Werden Sie mich umbringen?“ fragte er, plötzlich wieder ernst.
Sascha sprach in normalem Konversationston weiter.
„Wenn alles erledigt ist? Ja.“
Meiller schluckte. Er konnte immer noch keine Angst empfinden, aber deswegen fühlte er sich noch lange nicht wohl mit dieser Soziopathin.
„Warum sagen Sie mir das? Ich meine, welchen Grund habe ich denn jetzt noch, zu tun, was Sie mir sagen? Womit können Sie mir drohen?“
„Sie haben Familie, hab ich doch schon gesagt. Das zieht eigentlich immer. Wollte ich erst gar nicht glauben.“
Meiller wusste nicht, wo der Gedanke herkam, aber er war plötzlich da. Also fragte er.
„Haben Sie eigentlich selbst noch Angst vor dem Tod?“
Einige Sekunden Pause.
„Das hat mich noch nie jemand gefragt. Sie sind gut. Haben Sie mal davon gehört, was Soldaten bei einem Angriff empfinden?“
„Ja.“ Er nickte langsam.
„Dieser seltsame Abstand von sich selbst. Alle Gefahr völlig zu vergessen und nur noch an die Mission zu denken. Sich selbst und die eigenen Schmerzen zurück zu stellen. Vielleicht haben Sie es mal irgendwo gelesen.“
„Ich kenne einen ehemaligen Offizier. Er hat mir davon erzählt. Ich konnte mir das nie so recht vorstellen…“ sinnierte er, in der Hoffnung, ihr eine Erklärung zu entlocken.
„Ich auch nicht“, sagte sie unvermittelt. Dann fügte sie mit vollkommen unerwarteter Ehrlichkeit hinzu: „Ich habe schreckliche Angst vor dem Tod. Weil ich ihn so gut kenne. Weil ich ihn so gut verstehe.“ Ihre Stimme wurde wieder leichter und ihre Worte verloren Gewicht, als sie weitersprach. „Aber ich weiß, wann ich Angst haben muss und wann nicht. Sie zum Beispiel sind…“ Sie suchte nach den richtigen Worten. Meiller tat etwas, was er in einem Interview nie getan hätte. Aber er war zurzeit nicht an der Stimmung, an den Leser zu denken und achtete mehr auf das, was ihn selbst interessierte. Er unterbrach sie.
„Harmlos?“
Sie neigte den Kopf unschlüssig von links nach rechts.
„Harmlos, meinetwegen. Ich weiß, dass ich Ihnen meine Waffe geben könnte, und nichts würde sich an der Situation ändern. Sie würden das Opfer bleiben. Obwohl ich natürlich nicht so dämlich wäre, das wirklich-“
„Haben Sie Sonia umgebracht?“ unterbrach er sie schon wieder.
„Noch nicht“, antwortete sie, ohne sich daran zu stören.
„Hat sie das etwa mit Ihnen gemacht?“
Sonia gab sich gerne als starke Frau, fast schon ein bisschen überzogen. Manchmal ging ihm das ziemlich auf den Geist. Er konnte sich kaum vorstellen, dass sie einfach friedlich wie ein Lamm hinter ihrer Mörderin hertrotten würde.
„Der Streifschuss ist nicht von ihr. Was ist mit Ihnen, Dr. Meiller? Lieben Sie Ihre Frau?“
„Was?“
Sein Adrenalinspiegel war zu hoch, als dass er dem plötzlichen Themenwechsel sofort hätte folgen können.
„Ich bin Junggesellin, wie Sie sich wahrscheinlich denken können. Ich frage mich manchmal, wie es ist, eine Familie zu haben.“
Jetzt lachte Meiller. Gerade weil die Situation so unfassbar war, schien ihm ihre Bemerkung wahnsinnig komisch.
„Und tun Sie manchmal vor dem Spiegel heimlich so, als wären Sie eine gelangweilte Hausfrau und Mutter?“
„Warum? Ist Clara so?“
Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. Dass sie den Namen seiner Frau kannte, brachte ihm die Realität wieder zu Bewusstsein.
„Sind alle… Killer so wie Sie, Sascha?“
„Wie bin ich denn?“
„Ich habe sicher nicht den Anspruch, Sie nach einer Viertelstunde komplett analysiert zu haben, aber Sie wirken intelligent, suchend, einsam. Sie spielen mit mir. Ich hätte mehr Keule und weniger Florett erwartet.“
„Mehr Keule… Sie meinen wie Joe Pesci?“
„Genau!“
Diesmal klang Saschas Lachen schon ziemlich normal, nur noch ein bisschen wie von einer Kettenraucherin. Ihre Stimme aber klang erschreckend humorlos, als sie erwiderte:
„Vielleicht gehen wir nachher in einen Aufzug, und dann prügle ich Sie mit dem Griff meiner Pistole tot.“
Die gute Gesprächsatmosphäre verflog wieder.

One Response to Nimmermehr (13)

  1. madove sagt:

    Dieser Dialog ist einfach grandios.

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