Nimmermehr (14)

Heute erscheint der 14. Teil meines kleinen Fortsetzungsromans „Nimmermehr“. Ich hoffe, dass noch jemand mitliest und wünsche euch viel Spaß damit!

Kurz zusammengefasst haben wir im ersten Teil eine junge Dame kennen gelernt, die an einem norwegischen Fjord wohnt und offenkundig unter ernst zu nehmenden psychischen Beschwerden leidet. Diese junge Dame bekam in der ersten Szene einen Anruf von Clarence und musste sich auf den Weg machen, um etwas für ihn zu erledigen. Sie bekommt später auch einen Namen, aber noch kennen wir den nicht.
Der zweite Teil stellte uns Sonia vor, eine junge Journalistin, die zurzeit nicht ganz freiwillig ihren Bruder bei sich beherbergt und einen geheimnisvollen Anruf bekommen hat, in dem ihr eine große Verschwörungsgeschichte angekündigt wurde.
Im dritten Teil waren wir dabei, als eine junge Frau, die der Fjordbewohnerin des ersten Teils kein bisschen ähnelte, in Oslo ein Flugzeug nach Deutschland bestieg, auf dem Weg nach Hamburg.
Im vierten Teil kam Sonia ihrer Verschwörung näher, und zum Schluss stellte sie fest, dass die geheimnisvolle Anruferin den Mord an einem ehemaligen Hamburger Bürgermeister und seiner Familie vorhergesagt hatte.
Im fünften Teil sahen wir einer kinderlieben jungen Frau in einem Hamburger Hotelzimmer dabei zu, wie sie erschöpft auf ihrem Bett lag und sich an ihr hartes Tagwerk erinnerte, das ziemlich direkt mit dem vorhin erwähnten Mord zusammenhängt.
Der sechste Teil führt uns nach Afrika, wo wir einen neuen Mitarbeiter des Unternehmens Discordia, Incorporated, beim Beginn seines ersten Arbeitstages begleiten.
Im siebten Teil fährt Sonia zur Arbeit, frohen Mutes und bereit, sich in die Recherche für die Story ihres Lebens zu stürzen.
Die junge Frau hat im achten Teil noch eine PSP zu retten, zwei Überraschungseier zu essen, einen kleinen Auftrag zu erledigen und einen Kater zu beerdigen, bevor sie sich schließlich auf den Weg zu Sonia macht.
Sonia und die junge Frau, die uns nun endlich verrät, dass wir sie Lenore nennen dürfen, treffen im neunten Teil aufeinander, doch als Lenore siche gerade ernsthaft an die Arbeit machen will, taucht ein unterwartetes – und ein wenig absurdes – Hindernis auf.
Im zehnten Teil gibt es ein leider sehr kurzes Wiedersehen mit Kristina und Lenore und Sonia werden aus ihrer prekären Lage befreit.
Sonia gelingt im elften Teil die Flucht – gewissermaßen -, und wir lernen Clarence endlich mal persönlich kennen.
Lenores Tag hat eine ungute Wendung genommen, aber im zwölften Teil sieht sie schon wieder ein bisschen Licht.
Im dreizehnten Teil lernen wir Sonias Chef ein bisschen besser kennen, und er wiederum hat das zweifelhafte Vergnügen, Lenores Bekanntschaft zu machen.

Wer es genauer wissen will, wird natürlich auf der Geschichten-Seite fündig. Und jetzt geht’s wirklich los:

Das Telefon klingelte schon wieder. Clara war gerade eben wieder eingeschlafen, und jetzt klingelte das blöde Ding schon wieder. Durch den Schleier ihrer Müdigkeit begann die Erinnerung hindurch zu scheinen, dass Christian gesagt hatte, er würde anrufen, sobald er Näheres wusste.
„Hallo?“ sagte sie in den Hörer und versuchte dabei, so freundlich wie möglich zu klingen. Er meinte es ja gut.
„Guten Morgen“, sagte eine ruhige, sachliche Stimme. „Ich bin Kriminaloberkommissar Konstantin Klaus. Es tut mir leid, dass ich Sie so früh stören muss, ich würde gerne mit Herrn Dr. Christian Meiller sprechen.“
„Was… Aber… Wie…? Konstantin? Ich bins.“
„Clara? Ach, das ist dein… Ich habe vorhin schon an dich gedacht, als ich den Namen gelesen habe.“
„Was ist denn da los bei euch?“
„Hier beim Herold hat’s eine ziemliche Schweinerei gegeben. Einbruch, vier Tote, anscheinend Profis.“
Profis. Clara war wieder hellwach.
„Konstantin, hat einer von euch schon hier angerufen?“
„Hier, du meinst bei euch? Nein, auf keinen Fall. Glaub ich jedenfalls, du weißt ja, wie das läuft. Hier hat im Moment noch niemand so richtig den Überblick.“
„Mit wem hat Christian dann vorhin gesprochen? Konstantin, du musst unbedingt rausfinden, ob einer von euch meinen Mann angerufen hat.“
„Du meinst, er ist nicht mehr bei dir?“
„Nein. Wisst ihr schon, was die wollten?“
„Wir sind nicht sicher, aber sie scheinen die Redaktionsräume durchsucht zu haben. Hat dein Mann an was Gefährlichem gearbeitet?“
„Äh… Ja, hat er, glaub ich. Oder jedenfalls eine Mitarbeiterin. Ich bin in zwanzig Minuten bei euch. Gib eine Fahndung nach Christian raus.“
„Wir kümmern uns drum.“
Sie legte auf, sprang aus dem Bett, zog sich hastig an, suchte dreieinhalb Minuten lang leise fluchend ihre Autoschlüssel, und dann wurde ihr klar, dass niemand auf die Kinder aufpasste, während sie weg war. Sie konnte um diese Uhrzeit auch niemanden anrufen. Aber sie musste los. Sie konnte nicht einfach hier warten, wenn Christian vielleicht entführt worden war. Erik war 13. Außerdem schliefen die beiden sowieso. Bis zum Morgen wäre sie wieder da. Es hatte keinen Sinn, sie jetzt deshalb zu wecken. Sie schrieb einen Zettel mit einem gelben Textmarker und klebte ihn so an die Innenseite von Eriks Tür, dass er ihn nicht übersehen konnte. Hallo Schatz, dein Vater und ich haben noch schnell was Wichtiges zu erledigen, wir sind zum Frühstück wieder da. Liebe, Mama.
Sie war sicher, dass sie rechtzeitig zurück sein würde, um den Zettel abzunehmen, bevor Erik ihn gelesen hatte.
Sie hastete die Treppe hinunter, stürzte wieder hinauf, um ihr Mobiltelefon zu holen, kehrte zurück und sprang in ihr Auto. Sie hatte inzwischen genug Bedenkzeit gehabt, um zu erkennen, dass es sich nicht lohnte, mit halsbrecherischer Geschwindigkeit zum Herold zu rasen. Es gab eigentlich keinen Grund, anzunehmen, dass Christian dort sein würde. Sie hielt sich an alle wichtigen Verkehrsvorschriften und kam trotzdem zügig voran, weil die Straßen der Stadt um diese Zeit noch menschenleer waren. Das Telefon klingelte. Konstantins Nummer.
„Was gibt’s?“
„Clara, er ist jetzt hier. Er sagt, es ist alles in Ordnung. Aber niemand von uns hat ihn angerufen, das weiß ich genau.“
„Lass mich mit ihm sprechen.“
„Clara?“ hörte sie die Stimme ihres Mannes.
„Christian. Was ist los? Mit wem hast du vorhin gesprochen?“
„Ich hab keine Ahnung, Clara, aber hier ist jetzt alles in Ordnung. Alles ist hier voll mit Einsatzwagen und Polizisten. Der Bundeskanzler wird weniger gut geschützt als ich, mach dir keine Sorgen. Herr Klaus hier sagte mir, dass du herkommen wolltest, das ist nicht nötig. Bitte fahr wieder nach Hause.“
Er klang überhaupt nicht, als wäre alles in Ordnung. Sie sagte es ihm.
„Ich bin nicht ausgeschlafen und in der Redaktion herrscht ein ziemliches Chaos, Schatz. Ich bin schlecht drauf, aber du musst dir wirklich keine Sorgen machen. Bitte fahr nach Hause. Bitte.“
„Ich will doch nur mal selbst sehen“
„Schatz. Vertrau mir bitte. Du musst jetzt nach Hause fahren. Wirklich. Tu es für mich, es ist wichtig. Ich bin in Sicherheit. Ich bleibe hier bei deinen Kollegen.“
Er legte auf. Wer ihn weniger gut kannte als sie, hätte ihm nicht angemerkt, dass er versuchte, nicht zu weinen. Sie wollte bei ihm sein und ihm helfen, und sie wollte wissen, was wirklich los war. Aber sie vertraute ihm, und er meinte es eindeutig ernst mit seiner Bitte. Sie war schon fast da, aber sie wäre wahrscheinlich tatsächlich umgekehrt, wenn sie nicht gerade in diesem Moment einen Wagen am Straßenrand erkannt hätte, der genau wie Christians aussah. Sie machte sich nicht die Mühe ordentlich zu parken, sie hielt einfach, stieg aus und ging zu dem Wagen. Das Kennzeichen stimmte auch.
Sie zog ihre Dienstwaffe und ging vorsichtig näher heran. Der Wagen war leer. Wenn Christian entführt worden war, musste der Geiselnehmer doch hier irgendwo sein. Er war sicher nicht mitgegangen. Sie wurde blass, als ihr klar wurde, womit er Christian gedroht haben musste, um sicherzugehen, dass er zurückkehrte.
Sie hörte ein leises Klicken hinter sich und unterdrückte einen Fluch. Warum hatte sie ihn nicht gesehen? Sie hatte sich gründlich umgesehen. Natürlich gab es immer irgendwo ein Versteck, wenn es dunkel war.
„Weiß Ihr Mann, dass Sie heimlich nachts fremden Frauen nachsteigen?“ sagte eine heisere Stimme. Dann fügte die Stimme hinzu: „Drehen Sie sich nicht um.“
„Tun Sie unseren Kindern nichts, bitte“, sagte Clara.
Sie verstand nicht, wieso sie die Frau nicht vorher gehört hatte. Ihr rasselnder unsteter Atem schien ihr jetzt so schrecklich laut zu sein.
„Werd ich nicht, wenn Ihr Mann sich anständig benimmt. Sie hingegen haben Ihren Kindern heute Nacht etwas ziemlich Furchtbares angetan.“
„Was“
„Mother“, unterbrach die Frau sie in einem rauen Flüstern, „Is the name for God on the lips and hearts of all children.“
Und dann verstand Clara, was die Frau meinte. Sie wollte Clara töten und ihr die Schuld dafür geben, dass die Kinder dann ohne Mutter Mutter aufwachsen würden.
Sie fasste ihre Dienstwaffe fester und wirbelte herum. Sie schaffte eine halbe Drehung. Ihr letzter Gedanke war die Vorstellung, dass Christian ihren Kindern würde erklären müssen, dass sie ihre Mutter nie wieder sehen würden.
Vielleicht war es eine Gnade, dass ihr nicht genug Zeit blieb, um die Situation in ihrer ganzen Entsetzlichkeit zu verstehen.

Der Polizist, der sich als Konstantin Klaus vorgestellt hatte, legte Christian eine Hand auf die Schulter und sah ihm eindringlich in die Augen.
„Herr Dr. Meiller. Sie können jetzt gehen, wenn Sie wollen. Für den Fall, dass Sie das jedoch gar nicht wollen, können Sie mir das jetzt sagen. Sie müssten nicht sprechen, falls das nicht möglich ist. Sie können mir irgendein anderes Zeichen geben. Falls irgendetwas nicht in Ordnung ist, können wir Ihnen damit helfen. Sie können dieses Problem, falls es eins gibt, ganz sicher nicht alleine lösen. Was Sie im Kino sehen, ist nicht richtig. Man sollte immer die Polizei einschalten, egal, womit man bedroht wird. Wir können Ihnen helfen.“
Er lächelte den Polizisten verlegen an und zuckte die Schultern.
„Das war eine sehr gute Ansprache. Leider gibt es nichts, was ich Ihnen sagen könnte. Ich habe keine Ahnung, was das für ein Witzbold war, der mich da angerufen hat, aber er hat offenbar seine Portion Humor für heute gehabt und…“ Er bemerkte, dass er plapperte. „Ich muss dann jetzt gehen.“
„Ich würde Sie gerne zu Ihrem Wagen begleiten, Herr Dr. Meiller. Wäre Ihnen das recht?“
Er atmete tief durch.
„Nein, das wäre mir überhaupt nicht recht. Machen Sie hier Ihre Arbeit und lassen Sie mich meine machen“, sagte er in seinem arrogantesten Die-Presse-ist-die-vierte-Gewalt-Tonfall, den er sich normalerweise für Leute aufhob, die ihn wegen Verletzung ihres Persönlichkeitsrechts verklagen wollten.
„Darf ich fragen, was Sie mit den Unterlagen vorhaben, die Sie mitgenommen haben?“
„Sie dürfen nicht.“
Er drehte sich um und ging, ohne die Visitenkarte auch nur anzusehen, die der Mann ihm geben wollte.
Die Frau, die sich Sascha nannte, lehnte an einer Straßenlaterne, als er zu seinem Wagen zurückkehrte.
„Das ging schnell. Gut.“
Er gab ihr die kleine Aktentasche, die er im Büro gepackt hatte.
„Das ist alles. Sonia hatte noch nicht viel zusammen.“
„Sie würden mich nicht anlügen, oder? Weil sie wissen, was ich dann tun würde.“
Er nickte.
Sie sah einige Sekunden nachdenklich Meillers Wagen an und sagte schließlich:
„Wir sollten jetzt einen Spaziergang machen.“
„Ist es soweit?“
Jetzt kam wieder die Angst. Er wollte nicht sterben. Er wollte leben. Er wollte sehen, wie seine Kinder aufwuchsen. Er wollte es Clara nicht antun, sie allein zu lassen.
„So allmählich“, antwortete Sascha.
Er beschloss, weiter mit ihr zu reden. Wenn es schon nicht sein Leben rettete, würde er wenigstens noch etwas über den Menschen erfahren, der seinen Kindern den Vater nehmen würde.
„Was empfinden Sie dabei, Sascha? Fällt es Ihnen manchmal schwer? Gibt es Ihnen ein Gefühl von Macht? Macht es Ihnen Spaß?“ Es gelang ihm nicht ganz, die Worte ohne ein gewisse Bitterkeit auszusprechen.
„Meine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Lie-hiebe“, sang sie vor sich hin. „Was soll die Frage?“
„Es interessiert mich eben. Aber wenn Sie“
„Ja“, unterbrach ihn Sascha. „Auf alle drei Fragen.“
Ihr Tonfall war so beiläufig und ungeduldig, dass er keinen Zweifel daran hatte, dass sie einfach nur das Thema wechseln wollte.
„Aber… Ist denn Ihr Leben erfüllt? Was bleibt denn von Ihnen? Wer wird sich an Sie erinnern? Was werden Sie geschaffen haben?“
„Jetzt werden Sie ein bisschen melodramatisch, finden Sie nicht auch?“
„Belastet es Sie nicht, Menschen umzubringen, die Sie überhaupt nicht kennen?“
„In diesem Film antwortet der Mörder auf diese Frage: Darf ich Menschen nur umbringen, nachdem ich sie kennen gelernt habe? Ich fand das ziemlich lustig, aber ich stehle meine Bonmots nicht gerne von anderen.“ Sie machte eine dramatische Pause und sah Meiller an. „Sie wären überrascht, wie gut man einen Menschen kennen lernt, bevor man ihn tötet.“
„Sehen Sie viel fern?“
Er hatte keine Ahnung, warum er diese Frage gestellt hatte. Wahrscheinlich wollte er nur alles tun, um es hinauszuzögern.
„Ich habe keinen Fernseher. Kino.“
Wenn jetzt jemand vorbeigegangen wäre, hätte er gedacht, zwei Arbeitskollegen zu sehen, die sich nett unterhielten. Vielleicht hätte er sich über die Uhrzeit gewundert.
„Haben Sie Freunde, mit denen Sie ins Kino gehen?“
„Ja. Aber meistens bringe ich sie danach um.“ Sascha lächelte, als sie das sagte, aber Meiller war sich nicht sicher, wie viel Wahrheit darin steckte. „Wann waren Sie zuletzt ihm Kino?“
„Findet Nemo, mit Clara und den Kindern.“ Der Gedanke an seine Familie machte ihn traurig.
„Ja, der war gut. Gehen wir.“
Sascha wandte sich ab und winkte Meiller, ihr zu folgen.
„Wohin wollen Sie?“
„Ich bin wirklich gespannt, wie Sie reagieren.“
Er folgte ihr. Bis er den Wagen am Straßenrand sah. Und das Nummernschild erkannte. Und ihm klar wurde, was geschehen sein musste.
„Nein…“
Diesmal benutzte Sascha die Pistole ohne Schalldämpfer. Der Knall hallte von den Wänden der Hochhäuser wieder und schien in der Stille der Nacht so gewaltig, als wäre eine Bombe explodiert.
Auch Christian Meillers letzter Gedanke galt seinen Kindern.
Nachdem sie einige Kreuzungen weiter gelaufen war, um sicher zu gehen, dass die Polizisten sie nicht kriegen würden, die möglicherweise von dem Krach angelockt worden waren, fiel Sascha in einen bequemeren Gang zurück. Verärgert stellte sie fest, dass die zehn Minuten Dauerlauf sie ziemlich außer Atem gebracht hatten und dass der Streifschuss unter ihrer Schulter aufgebrochen war. Bisher sah ihre Bilanz für diesen Hit nicht besonders gut aus. Sie blutete, sie konnte nicht richtig atmen, ihr Gesicht sah aus als hätte es jemand als Topfhandschuh benutzt, sie sah immer noch unscharf, jemand war hinter ihr her, und sie hatte keine Ahnung, wohin ihre Zielperson verschwunden sein mochte. Sie würde sich ein Hotelzimmer nehmen und sämtliche Schokoladenriegel aus der Minibar verspeisen. Nein, das waren immer viel zu wenige, sie würde vorher an einer Tankstelle einen gigantischen Twixvorrat kaufen. Vielleicht auch noch einen Milky-Way, oder zwei.
Die Frau, die sich Sascha genannt hatte, machte einen Schritt in’s Leere. Ihr rechtes Bein war nicht mehr da. Sie spürte, wie ihr Gesicht sich in eine Grimasse verständnisloser Furcht verzerrte und ging ausgesprochen unelegant zu Boden, konnte sich aber mit den Händen abstützen und so Schlimmeres verhindern. Verblüfft saß sie auf dem kalten Gehwegpflaster und massierte ihr rechtes Bein, das sich jetzt bereits wieder fast normal anfühlte, nur noch ein bisschen zitterig.
Sie war sich ziemlich sicher zu wissen, was gerade passiert war. Sie wollte nicht darüber nachdenken.
Sie hörte Schritte, war beinahe dankbar für die Ablenkung, drehte sich um und sah einen komischen kleinen Kerl in fleckiger Jeansjacke und durchlöcherter verwaschen hellbrauner Cordhose auf sich zukommen. Seine ganze Haltung strahlte eine erzwungene Aggression aus, die er wahrscheinlich brauchte, um seine Angst zu überwinden. Eine Hand hielt etwas unter seiner Jacke fest.
Sascha wusste schon ziemlich genau, was das war, und sie verdrehte die Augen und stöhnte. Ein kleiner Augenblick der Schwäche, und schon versammeln sich die Geier. Allmählich hatte sie wirklich genug gehabt für heute. Sie stand vorsichtig auf.
„Hey, gib mia deine Brieftasche odä ich schlitz disch auf!“
Er zog ein albernes kleines Messer hervor. Sie lachte auf.
„Nicht doch.“
Das Ding wäre sogar zum Nägelreinigen lächerlich gewesen.
„Los Mann, mach schon!“
Mann? Sie lächelte ihn an und schüttelte langsam ihren Kopf.
„Sie sollten so was nicht tun“, sagte sie.
„Hä?“
Er fuchtelte weiter mit seinem Messer. Seiner Mimik nach tat er das nicht, weil er noch immer dachte, sie damit beeindrucken zu können, sondern einfach nur, weil ihm nichts Besseres einfiel.
„Erstens“, begann sie, „Weil Sie offensichtlich nicht besonders klug sind und deshalb früher oder später gefasst werden. Und zweitens – das ist eigentlich kein besonders guter Grund, aber durch einen total verrückten Zufall ist es das heute der Wichtigere- weil Sie eines Tages auf so jemanden wie mich treffen könnten.“
Sie nahm ihm das Messer weg und rammte die Pistole ohne Schalldämpfer in seinen Mund. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihm dabei einige Zähne ausgeschlagen hatte. Wahrscheinlich schon. Er blickte sie aus weit aufgerissenen, verständnislosen Augen an, die Lippen um den Lauf geschlossen wie um einen riesigen Schnuller aus Stahl. Er fürchtete sich offenkundig so sehr, dass er nicht einmal zu zittern wagte.
Sie tippte mit der freien Hand gegen ihre Schläfe.
„Berühren sich unsere Gedanken? Sind wir eines Geistes?“
Speichel lief aus seinem vom Lauf der Pistole aufgehebelten Mund, während sein Kopf ein merkwürdiges Zittern vollführte, das wahrscheinlich anzeigen sollte, dass er nicken wollte, es aber nicht wagte.
Sie zog die Waffe unsanft aus seinem Mund, nahm ein Taschentuch zur Hand und begann, sie zu reinigen. Einige Sekunden stand er noch fassungslos da, dann drehte er sich um und rannte weg.
Sie sah ihm versonnen nach und murmelte: „Jeden Tag eine gute Tat.“
Als sie ihn nicht mehr sehen konnte, zog sie ihr Portemonnaie aus der Tasche und warf es in einen Abfalleimer. Es wurde Zeit, die Kreditkarten zu wechseln. Kreditkarten hinterließen eine Spur.
Sascha schüttelte den Kopf und ging weiter. Ihr Telefon klingelte.
„Ja?“
„Wie läuft’s, Lenore?“
„Abgesehen davon, dass ich kurz vor der Dekompensation stehe?“
„Was?“
„Vergiss es. Ich fürchte, dass ich noch ein bisschen Zeit brauche. Das Problem, von dem ich dir vorhin erzählt habe. Aber das kriege ich in den Griff. Ich melde mich. Halt du mich bitte auch auf dem laufenden, wenn es bei dir was Neues gibt. Aber es ist gut, dass du anrufst. Ich brauche ein neues Basiskit. In zwanzig Minuten am Hauptbahnhof?“
„Das schaffen wir, ja.“
„Du bist der Beste.“
„Lenore, ist wirklich alles in Ordnung bei dir? Verschweigst du mir irgendwas?“
„Ich weiß ja selbst noch nichts. Vielleicht kannst du mir ja helfen. Find was raus, mach mich stolz.“
Er gab auf. „Ich bemühe mich. Viel Glück.“
„Kiss-kiss.“
Sie warf das Telefon in einen Abfalleimer auf der anderen Gehwegseite und stieg in den nächsten U-Bahn-Zugang hinab. Glücklicherweise hatte sie noch ein bisschen Kleingeld in ihrer Hosentasche, um ein Ticket zu kaufen. Schwarzfahren machte sie immer so nervös.

 

Lesegruppenfragen nur für madove, weil sie mich Schatz genannt hat und ich immer ganz flatterig werde, wenn Frauen das machen

  1. Kommt Claras Reaktion glaubwürdig rüber?
  2. Kannst du mit dem „Mother“-Zitat was anfangen? Ich habe dazu bisher fast nur verwirrte Reaktionen bekommen.
  3. Wirkt der Überfall zu gewollt? Er war ziemlich gewollt, aber ich habe natürlich versucht, ihn irgendwie natürlich einzuflechten.
  4. Wie stehen Lenores Sympathiewerte zurzeit?
Advertisements

10 Responses to Nimmermehr (14)

  1. Hier, hier! Ich lese noch mit und das sicher auch bis zum Schluss.
    Eine traurige Folge. Die armen Kinder…

  2. Muriel sagt:

    Und das freut mich auch sehr. (Dass du dabei bist.)
    Ja, du hast Recht, diese Folge war ziemlich hart. Die nächsten werden wieder ein bisschen entspannter. Gewissermaßen.

  3. Andi sagt:

    Ich lese nach, sozusagen… Ich hab mir vorgenommen, Ende der Woche einzusteigen. Will mir ja auch angemessen Zeit nehmen für die Geschichte – und hab ja nunmehr 14 Teile nachzuholen.

  4. Muriel sagt:

    @Andi: Wie schön! Ich wünsch dir viel Spaß und freue mich über jeden Kommentar.

  5. fragmentjunkie sagt:

    Also ist ja, klar…Lenore muss bald sterben…

  6. Muriel sagt:

    @fragmentjunkie: Muss sie?

  7. pampashase sagt:

    Ich frage mich, wie alt das andere Kind oder die Kinder sind, du hast nur Erik erwähnt…

    Bei dem einen Satz, sieht es aus, als ob ein Stück fehlt: Vielleicht auch noch einen Milky-

    Super spannend!

  8. Muriel sagt:

    @pampashase: Ja, da hast du mich wieder erwischt. Ab und zu scheine ich während der Bearbeitung der Texte zwischendurch mal einzuschlafen. Hab’s korrigiert, nur für das pdf war ich noch zu faul.

  9. madove sagt:

    Oh, das ging ja schnell, danke!
    Also:
    1) Absolut. Ich habe schon in Gedanken einen Kommentar gebastelt à la „Was ich besonders mag, sind Deine Frauengestalten, weil die nicht so bescheuert sind“, aber als ich den Satz fertig hatte, war sie leider schon tot. Aber er gilt trotzdem.
    2) Ich fand es sehr …ergreifend, habe danach geg00gelt und mich gewundert, daß es mir nicht aufgefallen war, als ich den Film gesehen habe.
    3) Vielleicht ein bißchen gewollt, aber gut eingebaut, und einfach zu schön, um das bemängeln zu wollen.
    4) Ich gehe ein bißchen auf Distanz, weil sie mir wieder mehr Angst macht. Allerdings hatte ich kein anderes Verhalten von ihr erwartet. Eigentlich wundert mich, wie wenig abstoßend ich sie finde, im Gegenteil.

  10. Muriel sagt:

    @madove: 2) Das Zitat ist übrigens ursprünglich von Jane Austen. Sense and Sensibility, wenn ich mich richtig erinnere. Aber es verunsichert mich schrecklich, dass Google mir das nicht bestätigt. Irgendwann muss ich das Buch wohl einfach noch mal lesen.
    4) So ungefähr hatte ich mir das erhofft.

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: