Nimmermehr (15)

Es ist Samstag, da müssen die meisten von uns nicht arbeiten und haben deshalb Zeit, sich den 15. Teil von „Nimmermehr“ durchzulesen. Ich wünsche viel Vergnügen.

Kurz zusammengefasst haben wir im ersten Teil eine junge Dame kennen gelernt, die an einem norwegischen Fjord wohnt und offenkundig unter ernst zu nehmenden psychischen Beschwerden leidet. Diese junge Dame bekam in der ersten Szene einen Anruf von Clarence und musste sich auf den Weg machen, um etwas für ihn zu erledigen. Sie bekommt später auch einen Namen, aber noch kennen wir den nicht.
Der zweite Teil stellte uns Sonia vor, eine junge Journalistin, die zurzeit nicht ganz freiwillig ihren Bruder bei sich beherbergt und einen geheimnisvollen Anruf bekommen hat, in dem ihr eine große Verschwörungsgeschichte angekündigt wurde.
Im dritten Teil waren wir dabei, als eine junge Frau, die der Fjordbewohnerin des ersten Teils kein bisschen ähnelte, in Oslo ein Flugzeug nach Deutschland bestieg, auf dem Weg nach Hamburg.
Im vierten Teil kam Sonia ihrer Verschwörung näher, und zum Schluss stellte sie fest, dass die geheimnisvolle Anruferin den Mord an einem ehemaligen Hamburger Bürgermeister und seiner Familie vorhergesagt hatte.
Im fünften Teil sahen wir einer kinderlieben jungen Frau in einem Hamburger Hotelzimmer dabei zu, wie sie erschöpft auf ihrem Bett lag und sich an ihr hartes Tagwerk erinnerte, das ziemlich direkt mit dem vorhin erwähnten Mord zusammenhängt.
Der sechste Teil führt uns nach Afrika, wo wir einen neuen Mitarbeiter des Unternehmens Discordia, Incorporated, beim Beginn seines ersten Arbeitstages begleiten.
Im siebten Teil fährt Sonia zur Arbeit, frohen Mutes und bereit, sich in die Recherche für die Story ihres Lebens zu stürzen.
Die junge Frau hat im achten Teil noch eine PSP zu retten, zwei Überraschungseier zu essen, einen kleinen Auftrag zu erledigen und einen Kater zu beerdigen, bevor sie sich schließlich auf den Weg zu Sonia macht.
Sonia und die junge Frau, die uns nun endlich verrät, dass wir sie Lenore nennen dürfen, treffen im neunten Teil aufeinander, doch als Lenore siche gerade ernsthaft an die Arbeit machen will, taucht ein unterwartetes – und ein wenig absurdes – Hindernis auf.
Im zehnten Teil gibt es ein leider sehr kurzes Wiedersehen mit Kristina und Lenore und Sonia werden aus ihrer prekären Lage befreit.
Sonia gelingt im elften Teil die Flucht – gewissermaßen -, und wir lernen Clarence endlich mal persönlich kennen.
Lenores Tag hat eine ungute Wendung genommen, aber im zwölften Teil sieht sie schon wieder ein bisschen Licht.
Im dreizehnten Teil lernen wir Sonias Chef ein bisschen besser kennen, und er wiederum hat das zweifelhafte Vergnügen, Lenores Bekanntschaft zu machen.
Im vierzehnten Teil nimmt besagte Bekanntschaft ihren Lauf und kein gutes Ende.

Die ganze bisherige Geschichte steht natürlich auf der Geschichten-Seite. Und jetzt geht’s los:

Philippe schwitzte vor Angst. Er zitterte. Die beiden Wachen hatten ihn in einen Raum gebracht, in dem er noch nie gewesen war. Es war trotzdem nicht schwer, zu erkennen, dass es sich um einen Verhörraum handelte. Außer mit dem Stuhl, auf dem Philippe saß, war er eingerichtet mit einem großen Metalltisch, an dem Hand- und Fußschellen angeschraubt waren, sowie einem weiteren kleineren Metalltisch, auf dem eine Anzahl scheußlicher metallener Werkzeuge lagen, die meisten davon in irgendeiner Weise mit Klingen oder Spitzen versehen. In einer Ecke stand ein fahrbares Schränkchen mit einem Gerät, das Philippe noch nie gesehen hatte, das ihm aber verdächtig danach aussah, als würde es zur Verabreichung von elektrischen Schocks verwendet.
„Warum bin ich hier?“ fragte er den rechten der beiden Wachleute.
Der Mann antwortete nicht. Er erwiderte nicht einmal seinen Blick. Als Philippe ihm heute beim Mittagessen begegnet war, hatten sie noch gemeinsam über das Hühnerragout gescherzt. Er beschloss, es nicht weiter zu versuchen. Nachdem er einige Minuten so da gesessen und sich die Folterwerkzeuge angesehen hatte, hörte er von außerhalb des Raums laute Stimmen. Zunächst konnte er keine einzelnen Worte verstehen, sondern nur die Stimmen von Clarence und Kira erkennen. Sie schienen sich gegenseitig anzuschreien. Als sie näher kamen, wurden die Worte deutlicher.
„…dieses dumme Schwein eigentlich!“ brüllte Clarence. „Ich gebe ihm einen Job! Ich vertraue ihm! Ich bezahle ihn gut! Verdammt, meine Leute leben besser als die meisten Shell-Expatriots hier im Land! Und diese RATTE wagt es, mich zu hintergehen! Und du verteidigst ihn auch noch?“
„Wir wissen doch nicht mal, ob er es war“, erwiderte Kira, fast ebenso laut. „Du hast vorhin noch selbst gesagt, dass es genauso gut“
„Auf wessen Seite stehst du eigentlich, hä? Natürlich war er das! Du hast doch das gleiche gesehen wie ich!“
Philippe war so starr vor Angst, dass er nicht auf die Idee kam, sich darüber zu wundern, dass die Folterkammer nicht schalldicht war. Sein Herz schlug immer schneller und immer lauter. Er versuchte, es in den Griff zu bekommen, indem er tief und langsam atmete, aber es half nicht.
„Das beweist noch gar nichts. Clarence, wir müssen ihm eine Chance geben, es uns zu erklären!“
Sie schienen jetzt direkt vor der Tür zu stehen.
„Willst du mich VERARSCHEN?“ donnerte Clarence, „Wir sind doch hier nicht in den beschissenen USA! Der Sausack ist SCHULDIG, darauf verwette ich deinen süßen ARSCH!“
Philippe hatte das alles nicht gewollt. Er hatte nie darum gebeten, für eine kriminelle Organisation zu arbeiten. Er hatte einfach nur von einem Freund gehört, dass es da ein Unternehmen gab, dass seine Leute verdammt gut bezahlte, und er hatte sich dort beworben. Er hatte gehofft, damit das Studium seiner Schwester bezahlen zu und vielleicht noch seine Eltern ein wenig unterstützen zu können.
Dann hatten sie ihn zu einem Gespräch eingeladen, und er hatte erfahren wie gut er wirklich bezahlt werden würde, und er hatte sich Mühe geben müssen, nicht aufzuspringen und zu schreien, als sie ihm sagten, dass er die Stelle haben konnte. Als sie ihm dann sagten, worum es ging, hatte er einfach nicht ablehnen können.
„Clarence, reiß dich zusammen, verdammt!“ schrie sie. „Ich WILL, dass wir mit ihm reden. Du bist nicht der König von Kamerun, verdammt, das hier ist genauso meine Sache!“
„Immer müsst ihr Weiber erst drüber reden, was? Dann red doch mit ihm!“
Es folgte noch ein kurzer, weniger lautstarker Austausch, dem Philippe nicht mehr folgen konnte, dann öffnete sich die Tür und Kira kam herein. Sie trug diesmal keinen Bademantel, sondern ein Tanktop, Jeans und braune Wanderschuhe. Hinter ihr her stapfte wie ein drohender Schatten die riesige Gestalt von Clarence. Er musste sich tief bücken, um durch die Tür zu kommen.
„Warum habt ihr ihn noch nicht angekettet?“ knurrte er. Seine Stimme war ein tiefes Brummen wie von einem großen Raubtier.
Philippe hatte Clarence bisher noch nicht näher kennengelernt, ihn nur ein paar Mal von weitem gesehen. Da hatte er immer freundlich gelächelt und trotzdem sehr einschüchternd gewirkt. Ohne das Lächeln war er ein Ungeheuer aus einem Albtraum. Glücklicherweise kam er nicht so nah heran wie Kira.
„Weil ich ihnen gesagt habe, dass ich erst vernünftig mit ihm reden will“, antwortete Kira spitz. „Ob du’s glaubst oder nicht, manchmal muss man Leute nicht in Stücke reißen, damit sie kooperieren.“
„Pff!“
Clarence verschränkte die Arme vor seiner Brust und verdrehte die Augen. Kira ging auf Philippe zu und streckte ihm ihre Hand entgegen.
„Philippe“, sagte sie, ziemlich freundlich, während Clarence ihn mit Blicken durchbohrte. „Behalten Sie Platz“, bat sie, als er zur Begrüßung aufstehen wollte.
„Hallo, Kira.“ Seine Stimme zitterte, ebenso wie seine Hand, die sich kalt und feucht anfühlte.
Sie nickte ihm aufmunternd zu.
„Philippe, wir haben ein kleines Problem.“
„Kleines Problem…“ knurrte Clarence.
„Ja… Worum geht’s denn?“ fragte Philippe, so ruhig, wie es ihm unter den Umständen möglich war.
„Siehst du… Du hast den letzten Hit für Lenore dispatcht.“
Er nickte, und ihm wurde noch ein bisschen kälter.
„Der Auftrag ist kompromittiert. Jemand ist ihr zum Ziel gefolgt. Wir müssen jetzt herausfinden, wer sie verraten hat.“
„Als ob wir das noch nicht wüssten!“ rief Clarence und machte ein paar Schritte auf Philippe zu. Kira drehte sich zu ihm um, um ihn zurückzuhalten. Sie zischte ihm etwas in einer fremden Sprache zu, woraufhin er wieder „Pfff!“ machte und die Arme vor der Brust kreuzte.
„Philippe, hast du irgendjemandem von dem Hit erzählt?“
Er atmete ein und öffnete den Mund, aber sie kam ihm zuvor.
„Denk nach. Lüg uns nicht an, das wäre ein Fehler. Es ist egal, ob du mit jemandem innerhalb oder außerhalb der Organisation gesprochen hast. Erzähl es mir einfach. Du bist noch neu hier. Es könnte ja sein, dass du es nicht besser wusstest. Ich bin sicher, dass du es uns vernünftig erklären kannst, und dann finden wir auch eine Lösung, die für uns alle fair ist. Erinnerst du dich, Vertrauen? Wir haben dir Vertrauen gezeigt, indem wir dich hier aufgenommen und dir Lenore anvertraut haben.“ Sie zeigte ihm ein perlenweißes Lächeln voller Zähne. „Du hast uns Vertrauen gezeigt, indem du zu uns gekommen bist und uns erzählt hast, wo deine Familie und deine Freunde wohnen. Das war ein guter Anfang. Ich bin sicher, dass wir darauf aufbauen können. Vertrau mir und erzähl mir, was passiert ist. Du vertraust uns, oder?“
Philippe warf Clarence einen Blick zu und bereute es sofort. Der bedrohliche Riese schnaufte und sah ihn immer noch an, als wollte er ihn auffressen. Ohne dass er es wollte, flackerte sein Blick hilfesuchend zurück zu Kira.
„Wenn du es mir sagst, halte ich ihn zurück, Philippe. Es wäre für uns sehr wichtig zu erfahren, mit wem du gesprochen hast. Aber du solltest es uns bald sagen. Clarence hat eine sehr niedrige Frustrationstoleranz, und sogar meine Geduld hat Grenzen, und außerdem ist er ein bisschen größer und stärker als ich, wie dir vielleicht aufgefallen ist.“
Es tat Philippe fast ein bisschen Leid, dass er vollkommen unschuldig war und deshalb keine Ahnung hatte, wovon sie sprach.

Marten stand unentschlossen am Ausgang des Hauptbahnhofs und blickte zu Pedro hinüber. Er wollte Acid, aber er hatte keine Lust, sich dafür von Pedro demütigen zu lassen. Vielleicht sollte er einfach gehen. Vielleicht sollte er den ganzen Dreck einfach sein lassen, vielleicht sollte er jemanden um Hilfe bitten und endlich sein Leben in den Griff kriegen. Vielleicht. Aber das ging auch morgen noch.
Er stieß sich von der Wand ab, an der er lehnte, und sah, wie Pedro eine Grimasse der Verachtung schnitt, als er ihn auf sich zukommen sah.
Marten hasste diesen widerlichen Drecksack. Die Art, wie er mit ihm redete. Die Art, wie er ihn ansah. Die Art, wie er es sich gefallen ließ. Es war noch viel schlimmer, weil er diesmal wirklich gedacht hatte, er würde es schaffen.
„Es gibt nichts auf Kredit“, sagte Pedro, noch bevor er den Mund geöffnet hatte.
„Ich will nichts auf Kredit“, erwiderte er. „Ich hab Geld.“
Pedro grinste ihn breit an und kniff ihn kräftig in den Oberarm.
„Wen hast du beklaut, hä? Oder hast du wieder deine Schwester angepumpt, du Opfer?“
„Das geht dich gar nichts an. Was krieg ich dafür?“
Er hielt Pedro zwei Zwanziger hin. Die Geste war schrecklich unterwürfig, das wusste er. Wie ein Kind im Süßigkeitenladen, das nicht ganz sicher war, wie viel die Hand voll Kleingeld von seinen Eltern eigentlich wert war.
Pedro rümpfte seine Nase.
„Dafür kann ich dich mal richtig in den Arsch treten, sonst gibt’s dafür nix. Wenn du Kleinkram willst, geh zu den Typen auf dem Hauptschulhof. Bei mir geht unter ’nem Hunderter gar nichts mehr.“
Marten sah zu ihm auf mit einem Blick, der so widerwärtig unterwürfig und flehentlich war, dass ihm selbst fast schlecht wurde.
„Bitte, Pedro? Ich… Ich kann auch… Du kannst mir doch…“
„Gar nichts kann ich, das ist alles schon fertig verpackt. Piss off du Opfer.“
„Ich kann ja nächstes Mal den Rest-“
„Hörst du schlecht?“
Er hob die rechte Hand wie zu einer Ohrfeige. Dann klingelte sein Telefon.
„Bist dus, Marco? Ich hab-“ Er verstummte.
„Ja. Ja. Ja, klar. Was… Ja. Wer ist es denn? WAS? Nein. Ja, aber… Ich werd doch, warte mal, ich weiß was. Wir kriegen das hin. In zehn Minuten, alles klar. Danke Cl- Danke Mann, immer wieder gern. Ja, ach und wenn ich dich schon mal dran hab… Hallo? Bist du noch…? Scheiße!“
Pedro rammte einen Fuß auf den Boden, als wollte er ihn wie Rumpelstilzchen zehn Klafter tief in die Erde stoßen.
„Du willst das Zeug wirklich? Du kannst es haben, und behalt meinetwegen noch die beiden Blauen, mit so was wisch ich mir nicht mal den Arsch.“
„Ehrlich?“ Marten konnte es nicht so recht fassen und wusste nicht, ob er sich freuen oder misstrauisch sein sollte. Er war gerade in einem Zustand, in dem er sowieso nicht besonders viel wusste.
„Klar. Du musst nur ’ne Kleinigkeit für mich erledigen.“
Pedros schlaues Grinsen war so offensichtlich wie das von Elmer Fudd, wenn er Bugs Bunny eine Dynamitstange in die Hand drückt. Sogar Marten konnte nicht übersehen, dass er Übles im Schilde führte. Aber Marten brauchte das Zeug, deswegen war es egal.
„Was? Sag’s mir, ich mach’s.“
Pedro zog eine DIN-A5 Kunstledermappe aus seinem Mantel und hielt sie ihm hin. Fast ein bisschen wie er vorhin die Scheine, dachte er mit Genugtuung. Allerdings sah Pedro nicht halb so unterwürfig aus, das war ihm klar. Nun, man nimmt, was man kriegt.
„Das hier ist für jemanden, den du gleich am Hauptbahnhof treffen wirst. Du öffnest es nicht, du siehst nicht rein, klar?“
Marten nickte mit einem devoten Eifer, der ihn zum Weinen gebracht hätte, wenn er nicht damit beschäftigt gewesen wäre, Pedro aufmerksam zuzuhören und sich jedes Wort gut einzuprägen. Er wollte nichts falsch machen. Erst jetzt wurde ihm richtig bewusst, wie dringend, wie unbedingt er das Acid wollte.
„Wie finde ich sie?“ fragte Marten.
„Mach dir keine Sorgen. Du gehst zum Hauptbahnhof und hältst dieses Ding, sie findet dich. Eva wird die Mappe nehmen, und das wars. Du sprichst nicht mit Eva, du siehst sie nicht an. Wenn sie dich etwas fragt, antwortest du, aber mach’s kurz. Ja, nein, weiß nicht. Und komm bloß nicht auf die Idee, mich zu bescheißen, du Opfer. Capiche?“
Wieder nickte er. Er hielt es für ziemlich blöd, keinen genauen Treffpunkt festzulegen, aber das hier war nicht sein Spiel. Er wollte nur das Acid.
„Du fängst am besten in der Wandelhalle an und läufst dann solang rum, bis Eva dich gefunden hat. Los jetzt, lauf du Opfer, Eva ist in Eile.“
Marten lief tatsächlich. Es war nicht weit bis zum Hauptbahnhof. Vor dem Eingang blieb er stehen. Es war Viertel nach fünf. Die ersten Frühaufsteher trieben sich schon herum, aber die Wandelhallen waren fast leer. Er ließ seinen Blick kurz schweifen, aber es war natürlich sinnlos, jemanden zu suchen, von dem er nur wusste, dass Pedro sie ihm gegenüber Eva nannte. Er tat also, was Pedro gesagt hatte und schlenderte durch die Wandelhallen, als würde er sich für die Schaufenster der geschlossenen Geschäfte interessieren. Sein Herz raste. Vor allem, weil er das hier hinter sich bringen und seinen Schuss nehmen wollte. Auch ein wenig, weil er nicht wusste, was er von Eva zu erwarten hatte. Pedro hatte versucht, es nicht zu zeigen, aber er schien Angst vor Eva zu haben. Es gab nicht besonders viele Leute, vor denen Pedro Angst hatte, und jetzt, da er darüber nachdachte, war Marten sich ziemlich sicher, dass er keinen von ihnen kennen lernen wollte. Er war schon fast so weit, dass die Angst vor Eva seine Sucht überragte, als sie ihn schließlich fand.
„Wenn Clarence das wüsste, wäre er sehr verärgert“, sagte eine Stimme neben ihm.
Er drehte sich um und sah sie an, dann fiel ihm ein, dass Pedro ihm das verboten hatte. Eva hatte offensichtlich eine harte Nacht hinter sich, aber ihre leuchtenden Augen ließen einen das vergessen. Ihre Kleidung war gewöhnlich, ihre Jacke sogar ein bisschen lächerlich, als hätte sie sie von ihrem Vater geliehen. Sie war ziemlich groß, bestimmt über 1,75. Unter anderen Umständen, unter völlig anderen Umständen, hätte er sie vielleicht gefragt, ob sie mit ihm was trinken gehen wollte. Er fragte sich, wie er auf diesen völlig dämlichen Gedanken kam.
Er blickte zu Boden und hielt Eva die Ledermappe hin wie eine Opfergabe für einen zornigen Gott. Seine Hände zitterten sogar, aber das lag am Entzug. Wahrscheinlich. Acid verursacht keine körperliche Abhängigkeit, aber wenn man das Zeug eben braucht, ist einem das egal.
„Tatsächlich könnte sehr verärgert nicht der richtige Ausdruck sein“, fuhr Eva fort, ohne Anstalten zu machen, die Mappe entgegen zu nehmen. „Ich vermute, dass er ein sehr schmerzhaftes, unwürdiges Ende für den Kurier arrangieren würde, wenn er es auch nur für möglich hielte, dass so was passiert.“
Marten öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Dann fiel ihm erstens ein, dass er gar nichts zu sagen hatte, und zweitens, dass er gar nicht mit Eva reden sollte. Sie hatte ihn nichts gefragt.
Sie nahm die Mappe und klemmte sie sich unter den Arm. Und blieb stehen. Was war denn noch? Er sah nicht zu ihr auf. Er sah auf seine Füße. Ihre sah er auch. Sie trug dunkle Nike-Turnschuhe. Er sah wieder nur noch auf seine Füße. Sie stand einfach nur da. Was wollte sie denn noch? Er wurde allmählich nervös. Er unterdrückte den Impuls, auf die Uhr zu sehen.
Sah sie ihn an? Er verstand gar nicht, warum er solche Angst vor dem Mädchen hatte. Aber er hatte Angst. Weil er Pedros Angst gespürt hatte. Pedro fürchtete diese Frau, und das hieß nichts Gutes.
Ihm konnte doch hier gar nichts passieren. Der Bahnhof war nicht so voll wie tagsüber, aber es waren eine Menge Leute da. Und Kameras. Er konnte sich einfach umdrehen und weggehen, oder? Er hatte die Mappe abgegeben. Er konnte jetzt gehen und sich sein Acid abholen, damit nach Hause fahren und sich eine schöne Nacht machen. Vielleicht wartete sie ja auch einfach nur darauf, dass er wegging. Vielleicht gehörte das zur Etikette der Upper-Class-Kriminellen, dass der wertlose kleine Kurier zuerst wegwieselte. Er war kurz davor, sich umzudrehen, als sie es tat. Sie ging einen Schritt und blieb dann stehen, um sich wieder umzudrehen. Weil er immer noch auf den Boden starrte, sah er nur, wie Evas Füße sich bewegten. Er wusste nicht, wohin sie schaute.
„Sehen Sie mich an“, sagte sie ungeduldig, als hätte sie die ganze Zeit darauf gewartet und wäre verärgert, dass er nicht von selbst drauf gekommen war.
Er tat es. Evas grasgrüne Augen musterten ihn mit einer Intensität, als würde sie irgendetwas in ihm suchen. Ihre Frisur war merkwürdig. Die kurzen Spikes wirkten viel zu heiter für jemanden, den er nicht einmal ansehen durfte. Und sie wirkten ganz entschieden zu heiter für ihr ramponiertes Gesicht.
„Irgendwas stimmt nicht mit Ihnen“, sagte sie im gleichen ungeduldigen Ton. Ihre linke Hand glitt unter die Jacke. „Aber ich komme nicht drauf, was es ist.“
Sie hatte ihn immer noch nichts gefragt, aber so langsam begann er zu zweifeln, ob Pedros Ratschläge wirklich besonders gut gewesen waren. Andererseits fiel ihm noch immer nicht ein, was er eigentlich sagen sollte. Sollte er sich entschuldigen? Wenn ja, wofür?
Er begann zu schwitzen. Die Hand in ihrer Jacke sah nicht so aus, als würde sie sich bloß kratzen. Und er rechnete auch nicht mit einem Trinkgeld. Die Art, wie ihre Augen sich ein wenig verengten und ihr Blick sich auf ihn fixierte, verursachte ihm eine Gänsehaut.
Dann war der Moment vorbei. Sie kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. Die Hand sank hinunter und hing locker neben ihrer Hüfte. Eva drehte sich um und ging. Mit hängenden Schultern schlurfte sie durch die Wandelhallen davon. Sie musste wirklich eine lange Nacht gehabt haben

Lesegruppenfragen [Nachtrag]

  1. Ist Clarences und Kiras Auftritt zu over the top? Es soll ja ein bisschen. Aber ist es zu viel zu viel?
  2. Was denkst du so von Marten?
  3. Ist seine Reaktion auf Eva verständlich?
  4. Und ist der Dealer zu klischeehaft?
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7 Responses to Nimmermehr (15)

  1. Andi sagt:

    Die meisten vielleicht, aber eben nicht Andi… Jetzt muss ich morgen 15 Teile nachholen. 🙂

  2. Muriel sagt:

    Keine Angst, die Geschichte bleibt so lange online, wie es dieses Blog gibt. Du hast also reichlich Zeit.
    Frohes Schaffen dann noch!

  3. Andi sagt:

    Danke Danke! 🙂
    Ist auch gut so, dass ich noch reichlich Zeit habe – weil ich morgen nämlich vermutlich auch nicht zum Lesen komme, da ich nämlich morgen in Hannover zum Fußball gucken bin, so wie es derzeit aussieht.

  4. madove sagt:

    1) Er ist aus Lesersicht nicht völlig glaubwürdig, also ich halte es für ein GoodCopBadCop-Setting, aber nur, weil man mir Clarence als ruhig beschrieben hat und weil Du uns gegenüber die seltsam schallundichte Tür erwähnst. Ich geh aber davon aus, daß die Szene für Philippe funktioniert.
    2) Eine ziemliche Flasche, zumindest in dem Zustand, in dem er grade ist (wär ich wahrscheinlich auch). Trotzdem hab ich mich gefreut, daß er die Szene überlebt hat.
    3) Absolut. Wenn er Pedros Angst gespürt hat, ist das glaubich ziemlich einschüchternd.
    Ich frage mich jetzt allerdings auch, was mit ihm nicht stimmt. Hoffentlich kommt das noch.
    4) Er ist schrecklich klischeehaft, aber da er nur Dekoration ist und man ihm nicht näherkommt, ist das okay. Vielleicht ist er ja ein total netter, vielschichtiger Charakter, und wir haben das in den zwei Minuten nicht kapiert….

  5. madove sagt:

    Cool, wordpress formatiert die ersten drei Punkte feiner, als „drei Punkte“ und den letzten dann dicker, als Satzende-Punkt. Sehr elegant. (am Ende meines Posts)

  6. madove sagt:

    Oh. Ich kapiere jetzt erst, daß das Sonias Bruder war. Stimmt.

  7. Muriel sagt:

    @madove: WordPress ist eben voller Überraschungen.

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