Nimmermehr (17)

Heute erscheint der 17. Teil von Nimmermehr. Sonia ist wieder da! Es hat ein bisschen gedauert seit dem letzten, aber es kam einfach immer wieder etwas dazwischen. Zur Abwechslung habe ich diesmal nicht nur eine diffuse Bitte um Kommentare, sondern zwei ganz konkrete Fragen:

Findet ihr es befremdlich, wenn so wie in diesem Kapitel brutale und bedrohliche Szenen mit Humor und Albernheit gemischt werden, oder gefällt euch das eher?

Ich finde, dass diese Szene ein bisschen langatmig geraten ist. Ich erzähle viel, aber eigentlich passiert kaum etwas. Seht ihr das auch so?

Und da ich gerade dabei bin, stelle ich noch eine Bonus-Frage: Was haltet ihr davon, wenn ich in Zukunft zu jedem neuen Teil ein bisschen was frage? Eventuell würden ja einige von euch mir gerne weiterhelfen beim Verbessern meiner Geschichte und wissen nur nicht, wie. Was meint ihr?

Kurz zusammengefasst haben wir im ersten Teil eine junge Dame kennen gelernt, die an einem norwegischen Fjord wohnt und offenkundig unter ernst zu nehmenden psychischen Beschwerden leidet. Diese junge Dame bekam in der ersten Szene einen Anruf von Clarence und musste sich auf den Weg machen, um etwas für ihn zu erledigen. Sie bekommt später auch einen Namen, aber noch kennen wir den nicht.
Der zweite Teil stellte uns Sonia vor, eine junge Journalistin, die zurzeit nicht ganz freiwillig ihren Bruder bei sich beherbergt und einen geheimnisvollen Anruf bekommen hat, in dem ihr eine große Verschwörungsgeschichte angekündigt wurde.
Im dritten Teil waren wir dabei, als eine junge Frau, die der Fjordbewohnerin des ersten Teils kein bisschen ähnelte, in Oslo ein Flugzeug nach Deutschland bestieg, auf dem Weg nach Hamburg.
Im vierten Teil kam Sonia ihrer Verschwörung näher, und zum Schluss stellte sie fest, dass die geheimnisvolle Anruferin den Mord an einem ehemaligen Hamburger Bürgermeister und seiner Familie vorhergesagt hatte.
Im fünften Teil sahen wir einer kinderlieben jungen Frau in einem Hamburger Hotelzimmer dabei zu, wie sie erschöpft auf ihrem Bett lag und sich an ihr hartes Tagwerk erinnerte, das ziemlich direkt mit dem vorhin erwähnten Mord zusammenhängt.
Der sechste Teil führt uns nach Afrika, wo wir einen neuen Mitarbeiter des Unternehmens Discordia, Incorporated, beim Beginn seines ersten Arbeitstages begleiten.
Im siebten Teil fährt Sonia zur Arbeit, frohen Mutes und bereit, sich in die Recherche für die Story ihres Lebens zu stürzen.
Die junge Frau hat im achten Teil noch eine PSP zu retten, zwei Überraschungseier zu essen, einen kleinen Auftrag zu erledigen und einen Kater zu beerdigen, bevor sie sich schließlich auf den Weg zu Sonia macht.
Sonia und die junge Frau, die uns nun endlich verrät, dass wir sie Lenore nennen dürfen, treffen im neunten Teil aufeinander, doch als Lenore siche gerade ernsthaft an die Arbeit machen will, taucht ein unterwartetes – und ein wenig absurdes – Hindernis auf.
Im zehnten Teil gibt es ein leider sehr kurzes Wiedersehen mit Kristina und Lenore und Sonia werden aus ihrer prekären Lage befreit.
Sonia gelingt im elften Teil die Flucht – gewissermaßen -, und wir lernen Clarence endlich mal persönlich kennen.
Lenores Tag hat eine ungute Wendung genommen, aber im zwölften Teil sieht sie schon wieder ein bisschen Licht.
Im dreizehnten Teil lernen wir Sonias Chef ein bisschen besser kennen, und er wiederum hat das zweifelhafte Vergnügen, Lenores Bekanntschaft zu machen.
Im vierzehnten Teil nimmt besagte Bekanntschaft ihren Lauf und kein gutes Ende.
Der fünfzehnte Teil führt uns nach Afrika. Wir besuchen Philippe, Kira und Clarence, aber es gibt leider keinen Tee und keine Kekse. Außerdem begleiten wir Sonias Bruder Marten zu seinem Lieblingsdealer.
Im sechzehnten Teil tritt mit Jan Hauptmann ein neuer Mitspieler auf, von dem wir erstmal nicht viel mehr erfahren, als dass er zum Thema Sauberkeit und Ordnung geteilter Meinung ist. Lenore erwacht aus einem langen, tiefen Schlaf, ohne sich besonders erholt zu fühlen. Trotzdem weiß sie nun, was sie zu tun hat.

Die ganze Geschichte von Anfang an gibt es natürlich auf der Geschichten-Seite, die ihr oben anklicken könnt. Jetzt aber genug der Vorrede, und ab in Sonias Albtraum:

Sonia rannte barfuß auf einer steinigen Straße durch eine surreale blutrote Wüstenlandschaft. Die Wüste erstreckte sich rechts und links von ihr bis zum Horizont, ebenso wie die Straße vor und hinter ihr. Die Straße war nicht asphaltiert, nicht mehr als ein besserer Feldweg. Steine schnitten in ihre Fußsohlen, und die kleinen Kiesel bohrten sich in die Haut und blieben stecken. Es schmerzte furchtbar, aber sie konnte nicht stehen bleiben.
Sie durfte nicht. Weil sie verfolgt wurde. Sonderbarerweise von Karl. Der freundliche alte Wachmann hatte sich nach seinem Tod in einen gierigen Zombie verwandelt, der ihr mit schauderhaftem unartikuliertem Gebrüll nachlief. Ihn störten die kleinen Steinchen sicherlich nicht. Karl war ja tot, der Glückliche.
Sie lief einfach weiter, trotz der Steinchen. Sie musste ja. Sie lief eine sehr lange Zeit, ohne dass damit die überwältigende Furcht nachgelassen hätte, bis schließlich vor ihr eine menschliche Gestalt auftauchte. Die Gestalt stand mitten auf der Straße, ganz entspannt, locker an eine Wand gelehnt, obwohl da gar keine Wand war. Sonia erkannte, zunächst an der Frisur, die sich gegen den blutrot strahlenden Himmel klar abzeichnete, dann auch an Kleidung, Körperbau und Gesicht, Lenore.
Als Sonia noch etwa fünfzehn Meter von ihr entfernt war, zog die Mörderin ihre Pistole, die in diesem Traum auf die Größe einer mittleren Haubitze angewachsen war, und wies Sonia mit einer Kopfbewegung, an ihr vorbeizulaufen.
Sonia lief vorbei, und sah hinter sich, wie Lenore den Zombiekarl erschoss. Das Geräusch war ohrenbetäubend, und der Kopf des untoten Wachmanns explodierte wie eine reife Melone.
Sie betrachtete die Szene nicht ganz aus der Ich-Perspektive. Sie sah zwar einerseits, was die Sonia in dem Traum sah, aber sie war auch gleichzeitig weit entfernt und in Sicherheit. Die Ereignisse hatten nichts Bedrohliches an sich, sondern wirkten auf eine slapstickhafte Art komisch.
Sonia stürzte und spürte, wie etwas Klebriges auf ihren Rücken und Hinterkopf spritzte.
„Ha-ha!“ rief Lenore triumphierend, „Der ist weg!“
Sonia drehte sich um und blickte zu der blonden Mörderin auf. Lenores grasgrüne Augen fixierten sie und schienen immer näher zu kommen.
„Sie schulden mir was, Sonia“, sagte sie kichernd, „Ich darf Sie doch Sonia nennen, oder?“
„Ich… bin… Wieso?“ nuschelte Sonia, und stellte fest, dass sie wirklich sprach.
Der Traum wich langsam der Realität, die sich aber kaum weniger weit entfernt und kaum weniger merkwürdig anfühlte. Sie hörte ihre eigene Stimme, die ein bisschen wie die einer Betrunkenen klang. Das war ihr peinlich, und sie beschloss, vorerst zu schweigen.
Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie bewusstlos gewesen war. Chlorophorm aus einem Lappen reichte nur für ein paar Minuten, das wusste sie. Aber natürlich konnte trotzdem mehr Zeit seit ihrer Gefangennahme vergangen sein, bis sie schließlich wieder zu sich kam. Ihr Mund war so trocken, dass sie ihre Lippen kaum auseinander bekam, und ihre Zunge fühlte sich an wie ein alter Tafelschwamm. Sie war nass geschwitzt, und ihr Herz raste. Die Angst aus dem Traum war noch nicht ganz verschwunden.
Sie hob ihren Kopf, um sich umzusehen, und ließ ihn sofort wieder auf das Kissen sinken. Offenbar lag sie auf einem Bett.
Der Raum drehte sich um sie, und sie spürte Übelkeit in sich aufsteigen. Es war ein Gefühl, als hätte sie sich sehr lange sehr schnell mit einem Bürostuhl gedreht, nur viel schlimmer. Sie hatte das als Kind manchmal getan und es hinterher immer bereut. Sie war sich sicher, dass sie es nie wieder tun würde. Hier war sowieso nirgends ein Drehstuhl zu sehen.
Ihr war auf eine sehr, sehr abstrakte Art klar, dass sie sich möglicherweise in Gefahr befand, aber ihr Kopf war wie in Watte gepackt, und ihr kam es ein bisschen so vor, als würde sie nur spielen, von irgendeinem Wahnsinnigen betäubt und entführt worden zu sein, nachdem sie knapp einer anderen Wahnsinnigen entkommen war, die sie töten wollte.
Wenn nur der Raum sich nicht so um sie drehen würde. Sie unterdrückte ein Würgen und schloss die Augen. Das war ja furchtbar. Was war das? Nach ihrer Blinddarmoperation hatte sie sich nicht so gefühlt. Natürlich hatte nicht jeder Kidnapper einen Anästhesisten zur Hand. Waren das irgendwelche verbotenen Drogen? Das konnte doch aber nichts sein, was jemand freiwillig einnahm. Sie stellte sich vor, wie jemand mit einem Trichter Kokain in ihre Nasenlöcher schüttete, und das brachte sie zum Lachen. Dann wurde ihr klar, dass es überhaupt keinen Sinn ergab. Kokain war ein Aufputschmittel, und eigentlich war das nicht mal besonders komisch. Ihre Gedanken waren nicht ganz klar.
Sonia öffnete ihre Augen wieder. Sogleich wurde die Übelkeit wieder schlimmer. Sie fixierte einen Punkt an der Decke und versuchte, möglichst ruhig zu amten. Es wurde ein bisschen besser. Sie versuchte noch einmal, den Kopf zu heben. Sofort überkam sie wieder das überwältigende Schwindelgefühl, aber sie blieb standhaft und blickte nach vorne auf ihre Zehenspitzen. Sie hatte das merkwürdige Gefühl, dass sie ziemlich schnell um ihre Füße herum rotierte.
Langsam ließ sie ihren Kopf wieder auf das Kissen sinken und schloss die Augen. Sie seufzte leise. Viel besser. Aber natürlich auf lange Sicht keine Lösung.
Augen wieder auf. Sie versuchte, sehr, sehr langsam, sich aufzusetzen. Zuerst stemmte sie ihre Ellenbogen auf die Matratze und begann dann vorsichtig, sich mit den Füßen zurückzuschieben. Ihr war schwindlig, aber es ging. Die Wirkung der Droge ließ sehr langsam nach.
Sie befand sich in einem Himmelbett in einer luxuriösen Suite, die durchaus ein bisschen größer sein mochte als ihre eigene Wohnung. Jedenfalls waren die Möbel teurer gewesen.
Die roten Samtvorhänge ihres Bettes waren zurückgezogen. Der rote Samt war ihrer Meinung nach ein böser Schnitzer; ansonsten war das Zimmer einigermaßen geschmackvoll eingerichtet, mit einer Biedermeiersitzecke unter den großen Fenstern, einer passenden Tapete, hellem Parkett und einer Kassettendecke. Die Bilder an den Wänden waren hübsch, wenn auch nichts dabei war, was einen Kunstexperten in Ekstase versetzt hätte. Das Ganze sah ein bisschen so aus, als hätte jemand ein Schöner-Wohnen-Foto einfach nachgestellt. Sie bemerkte die Gitter vor den Fenstern und dachte, dass es sehr rücksichtsvoll von dem Hauseigentümer war, sich so um ihre Sicherheit zu sorgen.
Von dem Raum, in dem sie sich gerade befand, führten zwei Türen in andere Räume der Suite, eine davon vermutlich ins Badezimmer.
Badezimmer wäre jetzt gut. Da gab es Wasser.
Ohne Warnung kippte der Raum plötzlich nach rechts, und sie kippte seitlich auf die Matratze. Sie fragte sich kurz, ob sie vielleicht in einem Flugzeug war, bevor sie wieder das Bewusstsein verlor.
Diesmal dauerte es nicht sehr lange, bis sie wieder zu sich kam, oder zumindest kam es ihr nicht lange vor.
Ihr war noch immer schwindlig, aber es war nicht mehr ganz so schlimm wie vorhin.
Sie wandte sich um, um sich auf die Bettkante zu setzen. Dabei musste sie sich an einer der Säulen des Himmelbetts festhalten, aber es klappte immerhin.
Dann versuchte sie aufzustehen. Es war ihr peinlich, dass sie sich dabei mit beiden Armen an der Säule hochziehen und dann weiter festhalten musste, um nicht umzufallen. Glücklicherweise beobachtete sie niemand.
Sie stand ein paar Minuten lang so da, dann nahm sie allen ihren Mut zusammen und begann in Richtung der mutmaßlichen Badezimmertür zu taumeln. Sie schlug einen weiten Bogen, um die Bewegungen des Raums zu kompensieren, verfehlte die Tür aber schließlich doch um ein paar Meter. Sie beschloss, diese letzten paar Meter zu krabbeln. Was bedeutete schon ein bisschen Würde, verglichen mit einem Schluck Wasser?
Sonia kroch zu der Tür und öffnete sie. Tatsächlich verbarg sich dahinter das Badezimmer. Da der Boden immer noch schief war und sich drehte, krabbelte sie bis zum Waschbecken und stemmte sich daran hoch. Der Wasserhahn war zu dicht über dem Becken, als dass sie direkt ihren Kopf hätte darunter halten können. Außerdem war sie sich nicht sicher, ob es eine gute Idee war, sich vorzubeugen und den Kopf zu verdrehen. Andererseits würde sie das Becken loslassen müssen, wenn sie das Wasser mit den Händen schöpfen wollte. Wahrscheinlich würde sie dann umfallen.
Dann sah sie das Zahnputzglas in einer Halterung an der Wand neben dem Spiegel. Das konnte sie erreichen, wenn sie nur eine Hand vom Becken nahm. Das traute sie sich zu, immerhin war sie zuvor ja sogar ein gutes Stück ganz frei durch das Schlafzimmer gegangen. Aufrecht und ohne Festhalten!
Sie nahm eine Hand vom Waschbecken, wartete einen Augenblick, stellte fest, dass sie sich auch mit einer noch gut festhalten konnte, und nahm das Glas aus der Halterung.
Sie musste kurz nachdenken, um sich daran zu erinnern, was sie jetzt als nächstes tun musste. Wasser musste in das Glas. Dafür musste sie den Hahn drehen. Ihr Verstand war immer noch langsam und wirr, als würde er durch tiefen Schlamm stolpern.
Sonia hatte noch nie etwas so Gutes getrunken. Ihr Hals schmerzte ein wenig beim Schlucken, aber das war es wert. Sie seufzte und trank mehr.
Nachdem ihr Durst gestillt war, war es an der Zeit, über die nachrangigen Probleme nachzudenken. Zum Beispiel, dass ihre letzte Erinnerung war, vor einer wahnsinnigen Mörderin wegzulaufen, und dass sie keinen Grund zu der Annahme hatte, hier vor ihr sicher zu sein.
Tatsächlich musste sie damit rechnen, dass Lenore jeden Moment aus einem Schrank gesprungen kam und in ihrer sonderbar mädchenhaften Stimme „Überraschung!“ schrie.
Unglücklicherweise war es nicht besonders leicht zu fliehen, solange die Fenster vergittert waren, sie keine Vorstellung davon hatte, wo sie war, die Wände auf sie zukamen und der Fußboden unter ihr schwankte, rotierte und sich wellte.
Sie tastete sich aus dem Badezimmer und versuchte den Abstand zum Bett abzuschätzen, und die ungefähre Richtung, in die sie gehen musste, wenn sie es erreichen wollte.
Sie saß eine ganze Weile auf dem Bett und dachte darüber nach, wann der richtige Zeitpunkt zu entkommen wäre. Sie war sich ziemlich sicher, dass er jetzt noch nicht da war.
Dann klopfte jemand an die Tür. Kurz dachte sie, dass das ein gutes Zeichen war, denn jemand, der sie erschießen wollte, würde vorher nicht darauf warten, hereingebeten zu werden. Dann erinnerte sie sich daran, dass sie Lenore noch ganz andere Späße zutrauen konnte.
Es klopfte noch einmal. Wer immer da draußen stand, wollte tatsächlich hereingebeten werden. Nun, nach allem, was sie bisher wusste, war es durchaus nicht ausgeschlossen, dass Lenore ein Vampir war. Immerhin war sie ihr in bei Nacht erschienen, und es war noch nicht endgültig geklärt, wie sie in das Archiv gekommen war. Vampire konnten sich in Nebel verwandeln und dann durch Schlüssellöcher nebeln.
Sonia würde den Teufel tun, einen Vampir in ihr Schlafzimmer einzuladen. Sie warf der Tür feindselige Blicke zu. Komm doch und hol mich.
Es klopfte zum dritten Mal.
„Frau Schopp?“ fragte eine Männerstimme.
Konnten Männer auch Vampire sein? Sie bemerkte, dass sie noch immer wirres Zeug dachte.
„Kommen Sie rein!“ rief sie.
Sie lallte immer noch. Als die Tür sich öffnete, fügte sie hinzu:
„Sehen Sie’s mir nach, wenn ich nicht aufstehe.“
„Ich nehme den Willen für die Tat.“
Die Stimme hatte einen belustigten Unterton und einen leichten Akzent, den Sonia nicht sofort zuordnen konnte. Die Stimme klang nett. Sie blickte auf.
In ihrem Zimmer stand eine Figur aus einer Animeserie: ein Japaner mit langen schwarzen, eindrucksvoll glänzenden Haaren, die bis weit über seine Schultern hinab fielen. Er trug einen dunkelblauen Anzug mit weißem Hemd und weißer Krawatte, an seinem Gürtel zwei riesige chromglänzende Revolver mit weißen Griffen, die nach vorne gerichtet waren, sodass er sie über Kreuz ziehen konnte.
„Was sind Sie denn für einer?“ fragte sie mit einem glucksenden Lachen.
Vielleicht ein Vampirjäger dachte sie, und merkte, wie sie begann, sich vor Lachen zu schütteln. Ein großer langhaariger japanischer Revolvermann, der Vampire jagte, wie in einer Coproduktion von John Carpenter, Quentin Tarantino und Jackie Chan.
Der Mann kam auf sie zu. Sie bewunderte die Sicherheit seiner Schritte auf dem wankenden Boden.
„Geht es Ihnen gut?“ fragt er mit ehrlicher Anteilnahme.
Er sprach Deutsch mit schwachem japanischem Akzent.
„Nicht besonders“, antwortete sie, obwohl sie zurzeit eine sonderbare Euphorie spürte. Trotzdem war ihr noch schlecht. „Wissen Sie, wann dieser sonderbare Trip zu Ende ist?“
Er lächelte.
„Wenn Sie das Morphin meinen, dessen Wirkung müsste sehr bald abklingen. Wenn Sie dieses ganze Abenteuer hier meinen, so fürchte ich, dass es noch lange nicht vorbei ist.“
„Abenteuer? So hab ich das noch gar nicht gesehen.“
Sein Lächeln wurde breiter.
„Versuchen Sie’s. Das wird Ihnen helfen.“
Sie seufzte, schloss ihre Augen und ließ sich rücklings auf das Bett fallen. Sollte der Kerl vorhaben, ihr etwas anzutun, würde ihn jemand anderes davon abhalten müssen. Ein Abenteuer. Vielleicht hatte er Recht. Es war ein Abenteuer. Ihrem Leben würde ein kleines Abenteuer ganz gut tun, fand sie, aber es hätte nicht gleich so eins sein müssen. Ein paar kleinere vorher, zum Eingewöhnen, wären gut gewesen.
„Hilft ein bisschen.“
Er lachte leise.
„Können Sie aufstehen?“
Jetzt war es an Sonia, zu lachen.
„Ich kann aufstehen. Aber wenn ich dann noch irgendwo anders hin soll, müssen Sie mich vielleicht tragen.“
„Sie scheinen nicht viel zu wiegen, aber Sie machen den Eindruck einer Frau, die gerne auf eigenen Füßen steht. Wir warten.“
„Einverstanden. Worauf eigentlich?“
„Ihr Gastgeber würde sich Ihnen gerne vorstellen.“

Lesemadovefragen:

  1. Träume sind ja immer so eine Sachhe, gerade in Geschichten. Was hältst du von diesem?
  2. Ich habe selbst keine Erfahrung mit Drogen. Kommt rüber, was ich über Sonias Zustand sagen möchte?
  3. Stört die etwas comichafte Erscheinung des Japaners?
  4. Für heute ist jetzt leider erst mal Schluss. Ich habe noch eine etwas längere Autofahrt vor mir.
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23 Responses to Nimmermehr (17)

  1. Fragen sind gut, das gefällt mir.
    Ich mag die Mischung zwischen brutalen Szenen und Humor; zumindest in diesem Kapitel passt das gut, da Sonia auf dem „Morphin-Trip“ ist. Keine Ahnung, wie sich das anfühlt, aber für mich passt die Szene. 🙂
    Zu langatmig finde ich das Kapitel nicht. Es muss nicht jedes Kapitel voller Action und Blut sein, ein bisschen „Durchatmen“ ist auch mal gut; und hier dient es dazu, dass man sich besser in Sonia reindenken kann. Was ich als langatmig empfinde, sind z. B. einige Szenen aus Stieg Larssons Romanen (ich weiß nicht, ob Du die kennst), wenn geschildert wird, mit welchen Ikeamöbeln die Heldin ihre neue Wohnung möbliert (quasi Aufzählung jedes einzelnen Möbels mit Namen u. ä. Wobei mir die Romane von ihm trotzdem sehr gut gefallen haben, aber dieses Detailverliebte scheinen viele Krimiautoren zu mögen, auch wenn es für die Story und die Stimmung teilweise nicht wichtig ist, also anders als hier.
    Was ich ein bisschen schneller überflogen habe, war die Traumsequenz. Sie ist gut geschrieben und passt zur Szene, aber — warum auch immer — habe ich es mit Traumszenen nicht so.
    Letzte Frage: Ja, ich finde es gut, wenn Du konkrete Fragen stellst, dann weiß man auch mal, was Dich so beschäftigt.
    Ist glaub ich ein ziemlich wirrer Kommentar geworden, bin schon etwas müde, aber bevor ich es morgen womöglich vergesse (das Alter :-)), wollte ich das noch schnell geschrieben haben.

  2. Muriel sagt:

    Vielen Dank schon mal für die ausführlichen Antworten. Dann mache ich das mit den Fragen jetzt immer so, vielleicht finden wir ja sogar noch einen zweiten Antworter, mit der Zeit. Bis dahin kannst du dir gerne einen Tätschel-Award von mir verliehen denken, oder etwas Ähnliches, wofür ich leider zu unkreativ bin, um es tatsächlich zu gestalten.
    Ich freue mich natürlich sehr, dass es dir gefallen hat, und zu wirr war dein Kommentar auch nicht. Auch wenn ich Stieg Larsson tatsächlich nicht kenne, hast du mir weitergeholfen.
    Bei der Gelegenheit auch noch mal herzlichen Glückwunsch zu deinem gestrigen (?) Geburtstag. Den habe ich ganz vergessen, entschudige bitte.

  3. @Muriel: Danke für den symbolischen Tätschelaward und die Gratulation. Hatte die letzten Tage nicht so viel Zeit zum Kommentieren, darum erst jetzt die Antwort. Böses Monster. 😉

  4. Andi sagt:

    Ich will mir auch einen Tätschel-Award verdienen… 🙂

    Im großen Ganzen kann ich mich dem Fellmonsterchen anschließen. Mir ist die Szene auch nicht zu lang, weil sie in sich von Anfang bis Ende stimmig ist. Man kann sich die Suite, in der sich Sonia befindet, vorstellen. Und man kann sich auch Sonia darin vorstellen. Vielleicht war es schon das, was mir in den vorherigen Kapiteln fehlte… ein paar längere Passagen, um Sonia besser kennenzulernen – oder eben ein paar andere Protagonisten. Die Passagen, in denen du, wie du selbst sagst, viel schreibst, aber nix passiert, hätten ruhig noch ein paar mehr sein dürfen – weil du ja nicht schwafelst. Du hast einen Stil, dass man dir auch dann zuhört, wenn einen das Thema nicht interessiert.
    Was genau ich meine, ist jetzt schwer zu erklären, weil ich ja auch nicht weiß, was noch kommt. Und vielleicht kommt ja noch exakt das, worauf ich warte.
    Mit Traumszenen hab ich´s übrigens auch nicht so. Ich lese die und denke immer, dass dort doch irgendwas symbolhaftes für die Geschichte oder so drinstecken muss. Und dann ist das Buch irgendwann durchgelesen und ich stelle einmal mehr fest, dass die Traumsequenz keinerlei Bedeutung hatte. Aber hier passt eine Traumsequenz schon rein. Vor allem, weil es ja eigentlich kein Traum ist, sondern ein Trip.
    Das Lustige passt hervorragend – weil sich das ja durchaus wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht. Es wirkt nicht störend, im Gegenteil. Störend wäre es für mich, wenn ich nix zum Schmunzeln hätte. Und solche Stellen haste ja auch in Dialogen immer mal wieder drin. Wie ich schonmal schrieb: mich erinnert das ein wenig an Harlan Coben.

    Jetzt hab ich aber noch eine Frage:
    äußert sich ein Morphin-Schub/-Trip wirklich so, dass man wirre lustige Gedanken hat? Ich war der festen Überzeugung, dass man dann komplett durchdreht und Angstattacken bekommt. Aber das mag ja von Mensch zu Mensch auch unterschiedlich sein.

  5. Muriel sagt:

    @Andi: Den Award darfst du hiermit als verliehen betrachten. Ich bin ganz gerührt von so viel Aufmerksamkeit. Schön, dass dir der Humor auch gefällt. Wäre schlimm, wenn ich überwiegen andere Antworten bekommen hätte, denn ich wüsste nicht so recht, wie ich anders schreiben sollte.
    Harlan Coben habe ich noch nie gehört. Vielleicht sollte ich mich mit dem mal befassen.
    Zu deiner Frage: Ich kenne mich da nicht bis in’s letzte Detail aus, aber mir scheint es so, als könnte Morphin so ziemlich alles bewirken.

  6. Andi sagt:

    Harlan Coben könnte dir gefallen. Ist zwar nicht Fantasy, aber trotzdem ziemlich gelungen. 🙂

    Danke für den Award. Ich danke meinen Eltern und meinem Freund. Ohne die wäre ich nicht da, wo ich… egal. 🙂

  7. Muriel sagt:

    @Andi: Ergreifende Rede. Ich hab mir deinen Tipp bei Amazon mal kurz angesehen. Klingt nicht schlecht; ich glaube, da bestelle ich mal was.

  8. Andi sagt:

    Fein. Kleiner anschließender Tipp: bestell kein Buch aus der Myron-Bolitar-Reihe. Die sind alle nicht so gut. Das ganz Neue hat mir auch nicht gefallen. Den Rest kann man bedenkenlos kaufen.

  9. Andi sagt:

    Wo wir grad über die Herren King und Koontz sprachen:
    haste dir eigentlich mal Harlan Coben zugelegt?
    Ansonsten würd ich hier gern noch die fantastische Elisabeth Herrmann empfehlen („Das Kindermädchen“, „Die siebte Stunde“, „Die letzte Instanz“). Eine Reihe, die in Berlin spielt – und die dir auch gefallen dürfte, schätz ich.

  10. Muriel sagt:

    @Andi: Hold Tight ist schon heruntergeladen und das nächste Buch, das ich mir anhöre. Aber noch nicht.
    Über Elisabeth Herrmann werde ich mich auch mal informieren, danke!

  11. Andi sagt:

    Aha, du hörst. Dafür fehlt mir ja die Aufmerksamkeit. 🙂
    Was ist denn „Hold Tight“ im Deutschen? Ich lese ja nur deutsch. 🙂

  12. Muriel sagt:

    @Andi: Aufmerksamkeit kann ich ganz gut partitionieren, und eine längere Autofahrt ohne Hörbuch kann ich mir kaum noch vorstellen.
    Laut Google heißt „Hold Tight“ auf Deutsch „Sie sehen dich“.

  13. Andi sagt:

    „Sie sehen dich“ ist das neue. Das hat mir nicht so gut gefallen wie andere von Coben. Trotzdem viel Spaß. 🙂

  14. pampashase sagt:

    Ich mag die Mischung total gerne. Und dieses Kapitel hatte für mich überhaupt nichts langatmiges, eher eine kurze und knackige Beschreibung der Lage. Ich finde es ganz gut, wenn beim lesen die Spannung ab und an nachläßt und diese Sequenzen dann auch noch unterhaltsam sind. In dem Traum seh ich meine Bestätigung darin, dass jemand mit gras-grünen Augen nicht bis ins Innerste böse sein kann, okay…sie hat schon einen gewaltigen Schaden…aber zu dem Katzen-Mädchen war sie ja auch nett, die ist ja sogar recht zufrieden gestorben. 😎

    Ich freu mich übrigens, dass ich helfen darf!

  15. Muriel sagt:

    @pampashase: Sollte Lenore mal geschnappt werden, kannst du ja als Entlastungszeugin auftreten. Die Verteidigung wird für jede(n) dankbar sein.

  16. madove sagt:

    1) Erstaunlich erträglich. Aber eben in der Tat „so eine Sache“. Ein bißchen wie Kinder in Filmen, man denkt immer: so sind die doch gar nicht,
    2) Mit Morphin kenne ich mich nicht aus, aber wenn ich meine wenigen Erfahrungen mit wirklich zuviel Alkohol und einen versehentlichen Absturz mit …Keksen hochrechne, dann fand ich das sehr, sehr treffend beschrieben. Ehrlich gesagt sogar SO sehr, daß ich beim Lesen gedacht hab: Ich hätte dich gar nicht so eingeschätzt, daß Du das so genau weißt.
    3) Nein, ich finds noch tragbar. Und schön, daß mal wieder jemand nett ist ;-). Generell fand ich, um mich den anderen anzuschließen, „Langatmigkeit“ und Humor sehr angenehm und wohldosiert in dieser Szene.
    4) Jetzt bin ich verwirrt, hast Du jetzt eine Autofahrt vor oder hattest du damals? Aber die anderen gehen doch auch auf irgendwelche Fragen ein? Aber das sind ja jetzt Lesermadovefragen?! Und wo fährst du Sonntag nachts noch „lang“ hin? Geht mich aber ja nix an.
    Wunder über Wunder… ich lese jedenfalls einfach noch ein bißchen weiter. 🙂

  17. Muriel sagt:

    @madove: 1. Vielleicht sollte ich ihn weglassen. Ich wollte das damals mal ausprobieren, aber das war unnötig.
    2. Mit Keksen stürze ich auch manchmal ab. Oh. Ach so. Ich glaube, du hast das anders gemeint…
    4.

    Aber die anderen gehen doch auch auf irgendwelche Fragen ein?

    Ja, die stehen in der Einleitung. Hatte ich übersehen. Trotzdem danke für die Antworten auf die neuen.

    Und wo fährst du Sonntag nachts noch „lang“ hin?

    Du weißt doch, wie wir Neoliberalen sind. Ich habe das Wochenende auf meinem Landsitz verbracht und bin gestern in meine Stadtwohnung zurückgekehrt, um heute zeitig aufstehen zu können, damit ich pünktlich einen neuen Tag voller vernichteter Arbeitsplätze und rücksichtsloser Ausbeutung beginnen kann.
    Oder so ähnlich.

  18. madove sagt:

    1. Ich dachte auch hinterher, daß „mein Absturz mit Keksen“ auch für mich bei weitem nicht so ein singuläres Ereignis ist, wie ich eigentlich meinte.
    4. Oh, ich auch. Ich habe es dann immer so eilig, die Geschichte weiterzulesen, daß ich die Einleitungen gelegentlich überspringe, was sich hier rächt.
    Oh, das hätte ich mir ja denken können. Also eigentlich hab ich das ja immer schon gewußt! Dann erst recht vielen Dank für die raschen Antworten am Montagmorgen. Ist das jetzt während Deiner Arbeitszeit, also hast Du das Arbeitsplatzvernichten zwecks Kommentieren zurückgestellt, oder beutest Du erst nach halb zehn aus? 😉

  19. Muriel sagt:

    @madove: Ich hatte gerade eine kurze Vernichtungspause.

  20. madove sagt:

    @Muriel Ja, das is ja auch anstrengend, das ganze Vernichten und so.

  21. Muriel sagt:

    Ausbeuten wird auch unterschätzt. Das ist kein Kinderspiel. Und es ist auch echt schwer, immer das richtige Maß zu finden. Schließlich kann man umso weniger Leute ausbeuten, je mehr Arbeitsplätze man vernichtet. Da muss man echt aufpassen.

  22. madove sagt:

    Oh stimmt, ich seh schon, ich hatte bisher eine ganz oberflächliche Vorstellung, die der Komplexität und Kunstfertigkeit fachgerechten Ausbeutens irgendwie gar nicht gerecht wurde!!

  23. Muriel sagt:

    Was soll ich sagen?
    Wir neoliberalen Heuschrecken sind die stillen, unbesungenen Helden dieser Gesellschaft.

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