Jetzt wird’s richtig peinlich

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber selbst geschriebene Gedichte stehen für mich auf der Liste der Dinge, für die ich mich schrecklich schäme, ganz weit oben. Um die kathartische Funktion dieses Blogs zu optimieren, und weil mich die Kommentare unter meinen anderen beiden literarischen Experimenten ermutigt haben, veröffentliche ich heute mal eines:

Schwer und matt des Zaub’rers Beine, schon lange ist er grau und alt.
Mächtig ist er, er weiß alles – Er ist einsam, ihm ist kalt.

Kaiser hat man ihn geheißen, Herrscher über Land und Meer,
Teufel, Schlächter und Zerstörer – ehrenvoll, bedeutungsleer.

Müde ist der Magier heute, nichts in der Welt, was er nicht kennt.
Und das Volk trägt ihn nicht länger: Aigema, seine Hauptstadt, brennt.

Kann er nicht von vorn beginnen, kann denn nichts die Zeit erweichen?
Ein and’rer will das Reich regieren, und die Flammen sind sein Zeichen.

In der Ferne hört er Schreie, in der Ferne sieht er Rauch.
Verraten hat ihn seine Garde, verraten hat sein Sohn ihn auch.

Mit einem Wort könnt‘ er’s beenden, ein Wink von ihm wäre genug,
Doch der Zauberer ist müde, der so lang‘ die Krone trug.

Er will gegen das Volk nicht herrschen, er will kein Unterdrücker sein,
Er hat lang genug erobert, er hat genug von Prunk und Schein.

So sitzt er tatenlos am Fenster, blickt hinab auf seine Stadt,
Blickt hinab auf das Reich Kalla, das er selbst erschaffen hat,

Das er mit starker Hand regierte, viele Tausend Jahre schon,
Das er nun vergehen lässt. Nichts mehr bedeutet ihm der Thron.

Niemand wagte sich bislang ins Schloss in dem verwunsch’nen Park,
Denn jeder kennt den Herrn von Kalla, und alle wissen, er ist stark.

Doch schon bald wird jemand kommen, um Kalla endlich zu befrei’n,
um den Tyrannen zu erschlagen – um dann selbst Tyrann zu sein.

Doch mag der Zaub’rer müde sein, sterben will er doch noch nicht.
Er sagt ein Wort, schafft ein Portal und tritt in das astrale Licht.

Er hat sich ein Versteck geschaffen, schon bevor das Reich entstand,
denn er wusste nach Millennien erschlafft der Griff selbst seiner Hand.

Ein Versteck in einer fernen Welt, fern von Aigema, fern von hier,
Denn er hat genug von Höfen, von Intrigen, und von Gier.

Er war der Magier von Kalla. Vielleicht lebt er in deiner Stadt,
Ein alter Mann in einer Wohnung, nur drei Zimmer, Küche, Bad.

Vielleicht ist er dir schon begegnet, im Bus oder im Supermarkt,
Vielleicht hast du ihn mal gegrüßt, oder nach dem Weg gefragt.

Schwer und matt des Zaub’rers Beine, schon lange ist er grau und alt.
Mächtig ist er, er weiß alles – Er ist einsam, ihm ist kalt.

3 Responses to Jetzt wird’s richtig peinlich

  1. Arctica sagt:

    Also ich habe jetzt nur kurz drübergelesen und kann deshalb zu Versmaß, Rhythmus und dergleichen nichts sagen, aber es gefällt mir sehr gut. Eine sehr schöne, melancholische Geschichte (ich habs mich ja kaum lesen trauen, nachdem ich vom Onkel Simon nervlich recht angegriffen bin… das war zu grausam für meine zarten Augen).

  2. Muriel sagt:

    @Arctica: Danke schön, das freut mich.
    Und bei Onkel Simon ist es dann ja zumindest für dich ganz gut, dass ich nicht Olivers Vorschlag gefolgt bin, die Sache etwas blutiger zu schreiben, was?

  3. Andi sagt:

    Jetzt versteh ich was nicht… Nämlich, warum dir das peinlich ist… Mir gefällt das Gedicht sehr, sehr gut. Wobei es ja, wie hier schon treffender geschrieben wurde, eine Geschichte ist.

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