Nimmermehr (19)

Hach, wie die Zeit vergeht. Der Urlaub ist so gut wie zu Ende, und weil ich den morgigen Tag weitgehend im Flugzeug verbringen werde, wird es Zeit, den letzten Beitrag dieser Woche zu veröffentlichen, bevor es dann ab Montag hoffentlich wieder wie gewohnt weitergeht.

Ich wünsche viel Vergnügen mit dem 19. Teil meines Fortsetzungsromans „Nimmermehr“, der Sonia ein bisschen mehr Klarheit und Lenore die Hölle auf Erden bringt.

Kurz zusammengefasst haben wir im ersten Teil eine junge Dame kennen gelernt, die an einem norwegischen Fjord wohnt und offenkundig unter ernst zu nehmenden psychischen Beschwerden leidet. Diese junge Dame bekam in der ersten Szene einen Anruf von Clarence und musste sich auf den Weg machen, um etwas für ihn zu erledigen. Sie bekommt später auch einen Namen, aber noch kennen wir den nicht.
Der zweite Teil stellte uns Sonia vor, eine junge Journalistin, die zurzeit nicht ganz freiwillig ihren Bruder bei sich beherbergt und einen geheimnisvollen Anruf bekommen hat, in dem ihr eine große Verschwörungsgeschichte angekündigt wurde.
Im dritten Teil waren wir dabei, als eine junge Frau, die der Fjordbewohnerin des ersten Teils kein bisschen ähnelte, in Oslo ein Flugzeug nach Deutschland bestieg, auf dem Weg nach Hamburg. 
Im vierten Teil kam Sonia ihrer Verschwörung näher, und zum Schluss stellte sie fest, dass die geheimnisvolle Anruferin den Mord an einem ehemaligen Hamburger Bürgermeister und seiner Familie vorhergesagt hatte.
Im fünften Teil sahen wir einer kinderlieben jungen Frau in einem Hamburger Hotelzimmer dabei zu, wie sie erschöpft auf ihrem Bett lag und sich an ihr hartes Tagwerk erinnerte, das ziemlich direkt mit dem vorhin erwähnten Mord zusammenhängt.
Der sechste Teil führt uns nach Afrika, wo wir einen neuen Mitarbeiter des Unternehmens Discordia, Incorporated, beim Beginn seines ersten Arbeitstages begleiten.
Im siebten Teil fährt Sonia zur Arbeit, frohen Mutes und bereit, sich in die Recherche für die Story ihres Lebens zu stürzen.
Die junge Frau hat im achten Teil noch eine PSP zu retten, zwei Überraschungseier zu essen, einen kleinen Auftrag zu erledigen und einen Kater zu beerdigen, bevor sie sich schließlich auf den Weg zu Sonia macht.
Sonia und die junge Frau, die uns nun endlich verrät, dass wir sie Lenore nennen dürfen, treffen im neunten Teil aufeinander, doch als Lenore siche gerade ernsthaft an die Arbeit machen will, taucht ein unterwartetes – und ein wenig absurdes – Hindernis auf.
Im zehnten Teil gibt es ein leider sehr kurzes Wiedersehen mit Kristina und Lenore und Sonia werden aus ihrer prekären Lage befreit.
Sonia gelingt im elften Teil die Flucht – gewissermaßen -, und wir lernen Clarence endlich mal persönlich kennen.
Lenores Tag hat eine ungute Wendung genommen, aber im zwölften Teil sieht sie schon wieder ein bisschen Licht.
Im dreizehnten Teil lernen wir Sonias Chef ein bisschen besser kennen, und er wiederum hat das zweifelhafte Vergnügen, Lenores Bekanntschaft zu machen.
Im vierzehnten Teil nimmt besagte Bekanntschaft ihren Lauf und kein gutes Ende.
Der fünfzehnte Teil führt uns nach Afrika. Wir besuchen Philippe, Kira und Clarence, aber es gibt leider keinen Tee und keine Kekse. Außerdem begleiten wir Sonias Bruder Marten zu seinem Lieblingsdealer.
Im sechzehnten Teil tritt mit Jan Hauptmann ein neuer Mitspieler auf, von dem wir erstmal nicht viel mehr erfahren, als dass er zum Thema Sauberkeit und Ordnung geteilter Meinung ist. Lenore erwacht aus einem langen, tiefen Schlaf, ohne sich besonders erholt zu fühlen. Trotzdem weiß sie nun, was sie zu tun hat.
Im siebzehnten Teil erwacht Sonia aus tiefem Schlaf und beginnt, sich mit dem Raum vertraut zu machen, in dem sie gefangen ist.
Der achtzehnte Teil führt Lenore zunächst in die Wohnung des Müsli essenden Drogendealers Pedro und dann per Taxi zu dem Haus, in dem sie Sonias Bruder Marten vermutet.

Ausführlicher steht’s natürlich auf der Geschichten-Seite. Am Ende des Textes stelle ich euch noch ein paar Fragen, aber nur hier auf der Seite, nicht im PDF. Jetzt aber los.

Der langhaarige Japaner führte Sonia durch einen schlecht beleuchteten Flur in ein großes Arbeitszimmer. Hinter einem riesigen dunklen Schreibtisch saß ihr Gastgeber.
„Ich fürchte, ich schulde Ihnen eine Entschuldigung“, sagte er, ohne ein Wort zur Begrüßung, „Marcello hat Sie entschieden zu grob behandelt. Ich werde ihn dafür angemessen disziplinieren lassen.“
Der Mann hinter dem Schreibtisch hatte eine Stimme wie ein Toter. Er sprach leise, als wären die Worte nur ein Nebenprodukt seiner Atmung.
Er sah auch ein bisschen so aus. Aber er konnte wohl nichts dafür. Er war leichenblass und dürr und saß in einem Rollstuhl, den er mit einem kleinen Stiel lenkte, der in seinem Mund steckte.
Sonia winkte ab. Sie hatte sich noch nicht ganz von den Drogen erholt, die sie ihr gegeben hatten. Ihr Kopf schwamm, und sie hatte weder Geduld für Höflichkeitsfloskeln noch ein echtes Gefühl für den möglichen Ernst der Lage.
„Das ist nicht nötig. Lassen Sie mich einfach nach Hause gehen, dann bin ich zufrieden. Nein, halt, blöde Idee. Bringen Sie mich zur Polizei. Dann verzeihe ich Ihnen alles.“
Er lächelte.
„Diesen Wunsch kann ich Ihnen leider nicht erfüllen.“
„Hab ich’s doch geahnt.“
„Sie werden freigelassen“, fügte er, für seine Verhältnisse ziemlich eilig, hinzu. „Ich möchte Sie nur bitten, mir zuvor noch ein wenig behilflich zu sein.“
„Bei was?“ fragte sie, obwohl sie schon so eine Ahnung hatte. „Was ist hier eigentlich los?“
„Mein Name ist Sebastian Maas.“
„Maas? Wie in den Maas-Märkten?“
„Das war mein Großvater. Meine Mutter war Mitglied des deutschen Bundestags“, antwortete er.
„Cornelia Maas? Ich erinnere mich, sie wurde vor zwei Jahren… oh.“
Er lächelte wieder sein kaltes kleines Lächeln.
„Genau. Meine Mutter wurde erschossen. Ich war bei dem Vorfall zufällig zugegen und wurde verletzt. Sie sehen die Folgen noch.“ Sein kaltes kleines kraftloses Lächeln wurde ein bisschen breiter. „Ich werde nie wieder Fußball spielen.“
„Ich hatte nichts damit zu tun. Darf ich jetzt gehen?“ Es fiel ihr heute schwer, Mitleid aufzubringen.
„Hören Sie mir ruhig zu Ende zu, so viel Zeit werden Sie doch wohl haben? Was sind Sie für eine Journalistin, wenn Sie kein bisschen neugierig sind?“
Er brauchte mit seiner quälend langsamen und leisen Stimme entsetzlich lange, um diesen Vortrag zu halten. Er fuhr fort:
„Mein Großvater hat ein beträchtliches Vermögen geschaffen, und ein großer Teil davon ist mit dem Tod meiner Mutter auf mich übergegangen.“ Maas machte eine Atempause. „Ich kann nicht viel damit anfangen, aber ich kann mir einen Herzenswunsch erfüllen.“ Pause. „Und gleichzeitig einem guten Zweck dienen.“
„Sie retten das rote mitteleuropäische Eichhörnchen?“ Sie fragte sich, ob es gegen sie sprach, dass sie ihre Schlagfertigkeit gegenüber einer bewaffneten Auftragsmörderin verloren hatte und sie nun vor diesem armen verkrüppelten Mann wieder fand. Tatsächlich hatte sie schon so eine Ahnung, was er ihr erzählen wollte. Aber es war so unwirklich.
„Ich werde die Frau töten, die mir das angetan hat.“
Sie hatte es kommen sehen.
„Dann stecken Sie wahrscheinlich auch hinter meiner geheimnisvollen Informantin?“
„So ist es.“
Das war ja noch spannender als die Sache mit den Profikillern alleine. Ein Krieg im Untergrund. Wie in diesem Film mit den Vampiren und den Werwölfen! War sie hier bei der Versteckten Kamera? Würde gleich Fritz Egner aus irgendeiner Ecke springen und ihr dumm lachend erklären, dass sie voll reingefallen war?
Wenn es doch stimmte und sie noch die Gelegenheit bekommen sollte, darüber zu schreiben, würde es eine Sensation werden. Aber halt. Sie legte die Stirn in Falten, als ihr auffiel, dass das, was Sebastian Maas da tat, auch nicht ganz legal war. Er würde also irgendwie sicherstellen müssen, dass sie niemandem davon erzählte. Wie würde er das wohl tun?
„Ich beginne mit Lenore, aber das muss nicht das Ende sein.“ Atempause. „Wenn ich kann, werde ich die gesamte Organisation zerschlagen.“
Er war offenbar so eine Art Superheld. Er hatte keine psychokinetischen Kräfte, sonst wäre er – halt, es gab sogar eine Comicfigur, die im Rollstuhl saß und eine Organisation anführte, die gegen das Böse kämpfte. Sonia fiel gerade der Name nicht ein, aber Marten hatte da mal so ein Heft bei ihr herumliegen lassen.
„Wie kann ich Ihnen dabei helfen? Und warum brauchen Sie dabei noch Hilfe? Lenore lag hilflos auf dem Boden, als ich sie zuletzt gesehen habe.“ Sie konnte einen gewissen Stolz nicht verbergen. Das war ihr Verdienst gewesen. „Ich nehme doch an, dass Ihre Leute sie…“ Sie bemerkte seinen Gesichtsausdruck. „Naja, vielleicht nicht.“
„Ich habe Schwierigkeiten, gutes Personal zu finden“, bemerkte er trocken. „Die Polizei ist jetzt dort, und sie verraten keine Einzelheiten.“ Atempause. „Aber einer meiner Leute hat sich noch nicht wieder gemeldet. Ich rechne deshalb damit, dass Lenore entkommen ist.“ Eine längere Pause. „Vielleicht würde es uns helfen, wenn wir erfahren könnten, was Sie über sie wissen. Es soll nicht zu Ihrem Schaden sein, wenn Sie mit uns kooperieren.“
Sonia zögerte. Nicht zu ihrem Schaden. Das konnte vieles heißen.
„Was meinen Sie mit kooperieren?“ fragte sie schließlich.
Jetzt zögerte er kurz, bevor er antwortete:
„Sie beantworten zunächst unsere Fragen. Und dann sehen wir weiter.“
Sonia seufzte. Genau das hatte sie befürchtet.
„Es ist nicht so, als hätte ich eine Wahl, oder?“ fragte sie.
Sie wusste nicht, ob das leichte Zittern ein Kopfschütteln war. Aber sie war sich ziemlich sicher, dass um seine Mundwinkel ein kleines überlegenes Lächeln zuckte.

„Let your love fly, like a bird on a wing…“
Lenore sang leise vor sich hin, während sie von ihrem Taxi zur Eingangstür des Mietshauses ging, in den Flur eintrat und die Beschriftungen der Klingelknöpfe studierte. Sie kannte nur etwa die Hälfte des Textes, deswegen war sie zeitweise darauf angewiesen, einfach nur die Melodie zu summen.
Natürlich stand auf keinem der kleinen Schildchen der Name Kalle. Tatsächlich standen überall nur Nachnamen. Zu dumm.
„Just let your love flow, like a mountain stream…“
Lenores Gesang verstummte, als sie sah, dass der Finger, der über den Klingelschildern kreiste, zu beben begonnen hatte. Und dass das leichte Beben langsam zu einem ausgeprägten Zittern wurde, das ihre ganze linke Hand erfasste. Sie biss ihre Zähne zusammen, schloss die Augen fest, atmete tief durch und öffnete ihre Augen wieder. Die Hand zitterte immer noch.
„Verdammt!“ zischte sie, packte die verdammte linke Hand mit ihrer rechten und presste, als gälte es, sie zu erwürgen. Sie steckte die zitternde Hand in die Hosentasche.
Sie klingelte mit dem rechten Zeigefinger bei Manowski, im Erdgeschoss. Nichts. Als nächstes versuchte sie es bei Trautwein.
„Hallooo?“
Frau Trautwein klang alt. Aber vielleicht konnte sie Lenore trotzdem helfen, Kalle zu finden. Irgendwo musste sie ja anfangen.
„Guten Tag Frau Trautwein“, fing sie an, „Ich bin Vanessa Grieger, Polizei Hamburg.“
„Oh weih… Ist doch hoffentlich nichts passiert?“
„Keine Sorge, Frau Trautwein. Ich möchte nur kurz mit Ihnen sprechen. Es geht auch eigentlich gar nicht um sie.“
„Ach so, also gar nichts Schlimmes?“
Sie klang, als hätte sie schon fest damit gerechnet, von einem Mobilen Einsatzkommando überwältigt und direkt in eine Hochsicherheitszelle geschleppt zu werden.
„Nichts Schlimmes, Frau Trautwein. Lassen sie mich bitte rein?“
Der Türöffner summte, und Vanessa trat ein. Frau Trautwein öffnete gerade ihre Tür einen Spalt breit und schaute heraus. Vanessa hatte den Eindruck, dass Frau Trautwein recht geübt darin war, durch ihre halb geöffnete Tür auf den Flur zu spähen. Jetzt öffnete sie sie ganz und kam heraus.
„Ach, Sie haben ja gar keine Uniform an.“
Und keinen Helm, keine Maske und keinen ballistischen Schild. Offenbar war Frau Trautwein erst jetzt endgültig überzeugt, dass sie nicht wegen reichsgefährdender Umtriebe gewaltsam verhaftet und abgeführt werden sollte. Oder jedenfalls weitgehend.
„Jaja, manchmal sind wir auch in zivil unterwegs“, erwiderte Vanessa freundlich.
„Jaja…“
Frau Trautwein hatte vielleicht schon immer gewusst, dass mindestens die Hälfte ihrer Bekannten und etwa drei Viertel der restlichen Menschheit in Wirklichkeit Polizisten in Zivil waren. Vanessa fragte sich kurz, ob es Spaß machen würde, herauszufinden, ob diese alte Frau einfach paranoid war oder wirklich etwas zu verbergen hatte. Leider hatte sie zurzeit Wichtigeres zu tun.
„Darf ich reinkommen?“
„Ach so, ja, selbstverständlich.“
Es musste ja nicht jeder mithören, worüber sie sprachen.
Frau Trautwein führte sie in eine Wohnung, deren in braun und dunkelbeige gehaltene, staubige Einrichtung durch die zugezogenen Vorhänge und ein nur matt glimmendes Lämpchen über dem Couchtisch wundervoll zur Geltung gebracht wurde. Vanessa wurde schon von dem Anblick ein bisschen schwermütig.
„Möchten sie vielleicht ein Tässchen Kaffee?“ fragte Frau Trautwein. „Den müsste ich dann aber erst kochen…“
Es klang wie eine Drohung.
„Nein, danke. Ich möchte wirklich nur kurz ein paar Fragen stellen.“
Vanessa hatte so einen hübschen gefälschten Ausweis dabei, aber offenbar kam sie auch ohne ihn aus..
„Worum geht es denn?“ fragte Frau Trautwein, ohne ihr einen Platz anzubieten.
„Wir suchen eine junge Frau, sie sich Kalle nennt. Der mutmaßliche tatsächliche Name wäre wohl Karla. Wir vermuten, dass Sie hier in diesem Haus wohnt.“
Frau Trautwein sah sie an. Bis Vanessa schließlich nachgab und die Frage stellte.
„Kennen Sie so jemanden?“
Und dann ging es plötzlich los. Frau Trautwein schlug die Hände vor sich zusammen und rang sie, während die Worte aus ihr heraussprudelten.
„Ja, natürlich, die kenne ich! Das wurde aber auch mal Zeit, dass sich da jemand drum kümmert!“
Sie kam ein bisschen näher und beugte sich vor, um Vanessa vertraulich zuzuraunen:
„Wissen Sie, in diesem Haus geschehen Dinge, von denen wir rechtschaffenen Bürger uns nur mit Grausen abwenden können! Mit Grausen! Ich habe ja schon immer gesagt, dass mit der Deitler was nicht stimmt. Wissen Sie, die hat immer so komischen Besuch, und manchmal riecht es da auch so komisch da oben im Flur.“
Vanessa nahm an, dass Frau Trautwein sich einfach rein zufällig von Zeit zu Zeit mal im Flur im zweiten Stock aufhielt, vielleicht um ihr Portemonnaie zu suchen, das sie verloren hatte, oder um einfach mal die Flurfenster zu putzen. Bei diesen Gelegenheiten waren ihr dann wohl die komischen Besucher aufgefallen, und die verdächtigen Gerüche.
„Und diese Musiiik! Obwohl, Musik ist das ja eigentlich gar nicht, dieser Krach, den die heute Musik nennen. Und wenn man dann mal was sagt, dann wird sie aber auch gleich patzig. Das ist ja heute so bei den Kindern. Wenn man alt ist, dann ist man gleich verrückt und…“
Frau Trautwein erzählte ihr noch viel mehr. Viel, viel mehr. Sie blieb auch nicht bei der gesuchten Person. Auch die anderen Mieter führten sich sehr sonderbar auf. Ein schrecklich lasterhaftes Haus war dies, und dabei war das mal so eine ehrenhafte Gegend gewesen.
Sie bat sie nach ein paar Minuten sogar, Platz zu nehmen und brachte ihr doch noch eine Tasse Kaffee, der Himmel wusste, woher. Vanessa hörte ihr zu und warf gelegentlich einen verzweifelt suchenden Blick in das schreckliche Zimmer, während die depressive Stimmung sie umfing und sich mehr und mehr wie ein guter Freund anfühlte. Sie mochte überhaupt keinen Kaffee.
Gelegentlich dachte sie noch daran, Frau Trautweins endlosen Redestrom zu unterbrechen, aber erstens gab es einfach keine Chance, ein Wort dazwischen zu bekommen, und zweitens raubten dieses erbärmliche Zimmer, diese erbärmliche alte Frau und ihr grässliches Geschwätz ihr alle Kraft. Sie verlor nach einer Weile auch ihr Zeitgefühl. Als einziger Trost blieb, dass ihr das Gespräch sicherlich viel länger vorkam, als es tatsächlich war.

Die Lesegruppen-Fragen zum 19. Teil von Nimmermehr lauten:

Kommt Sonia euch in der Szene mit Sebastian Maas zu frech vor, oder könnt ihr noch akzeptieren, dass sie so vorlaut mit ihrem Entführer redet?

Mögt ihr das rote mitteleuropäische Eihhörnchen auch lieber als die fiesen grauen aus den USA?

Leidet ihr mit Lenore, oder versteht ihr den Horror der zweiten Szene nicht? Kennt ihr auch so jemanden wie Frau Trautwein?

11 Responses to Nimmermehr (19)

  1. Scheint mir zu Sonia zu passen — und falls nicht, so ist es doch auf jeden Fall unterhaltsam. 🙂
    Das rote mitteleuropäische Eichhörnchen muss unbedingt gerettet werden, denn es ist puscheliger als das Ami-Hörnchen. Im Traum habe ich sogar schon mal, zusammen mit Blinkfeuer, ein Exemplar gerettet, allerdings nicht vor einem Ami-Hörnchen, sondern vor einem hungrigen Rentnerehepaar… 😉
    Frau Trautwein — brr, ich hatte mal eine Nachbarin; sie war nicht ganz so schlimm, aber immer noch nervig genug. So was von neugierig und vertratscht. Man könnte tatsächlich ein bisschen Mitleid mit der armen Lenore haben… Den Horror kann ich absolut nachvollziehen.

  2. Andi sagt:

    Lesegruppen-Mitglied Andi ist an der Reihe:

    Wie meine Vorrednerin schon anführte, ist die Sonia-Szene sehr unterhaltsam. Eigentlich sind beide Szenen unterhaltsam. Leider leidet darunter etwas die Spannung. Das kann aber auch nur an mir liegen, weil ich nun gerne wissen möchte, wie´s weitergeht und auch die letzten zwei Szenen eher lustig als spannend waren. Also, nicht falsch verstehen – ich lese das sehr gerne so und mein Empfinden wäre vermutlich ein anderes, wenn ich alles hintereinander weg lesen würde. Aber das tu ich ja nicht und deswegen ist mein Eindruck im Moment so, dass sich die Spannung in den letzten 3,4 Szenen ein wenig verflüchtigt hat. Aber die wird ja wohl wiederkommen. Geht ja nicht anders.
    Zurück zum Stück:
    die Szene und alle Sätze passen gut zu Sonia, weil du in der Szene etwas dazu erklärst und weil auch schon ganz am Anfang, als du Sonia eingeführt hast, deutlich wurde, dass sie ganz patent und schlagfertig und auch recht mutig ist. Insofern: passt alles.

    Ja, ich kenne Frau Trautwein. Die wohnte bei mir nebenan. Nicht in einem Mietshaus, sondern in einem Einfamilienhaus, neben meinen Eltern. In der Straße und der Stadt, in der ich groß geworden bin. Allerdings würde die einem keinen Kaffee anbieten. 🙂

    Am allerallerliebsten mag ich Puschel, das Eichhörnchen. 🙂

  3. Oliver sagt:

    Ich vermisse etwas Angst. Ich meine, klar sie ist mutig, aber sie hat es gerade geschafft einer Killerin zu entkommen, ist direkt danach entführt worden.
    Das Eichhörnchen-Ding ist gut-
    Mit-leiden mit Lenore geht bei mir. Die Szene an sich ist aber gut. Es enttarnt den Spießer wie er den Bösen hilft. Das ist doch latente Kritik am Bürgertum, gefällt mir 😀

  4. Muriel sagt:

    @Fellmonsterchen: Danke!
    @Andi: Ja, das mit der Spannung sehe ich auch ein bisschen kritisch. Ich bin gespannt, ob sie im nächsten Abschnitt wieder kommt, daran bastle ich gerade.
    @Oliver: Das (Spieß-)Bürgertum kann man immer schön kritisieren, weil keiner weiß, was das ist und sich eh niemand selbst dazu zählt, oder?

  5. Andi sagt:

    Dann bastel mal schön. Ich bin sicher, es wird dir gelingen. 🙂

  6. Oliver sagt:

    Ach, so schwer ist das nicht, das Spießbürgerturm kann mit CDU- und FDP-Wählern gleichsetzen. Das ist aus meiner Sicht genau und fern genug.

  7. Muriel sagt:

    @Oliver: Na, man wird unter den Spießbürgern aus meiner Sicht auch ein paar SPD-Wähler finden, oder umgekehrt, aber wir wollen jetzt hier keine politische Diskussion anfangen, sondern bei dem bleiben, was im Leben wirklich zählt: Literatur.

  8. Oliver sagt:

    Das ist…ja….aber….doch….genau!!

  9. pampashase sagt:

    zu kurz…das war eindeutig zu kurz…ich bin schon bei 19 und du hast erst die 21 draußen. Ich glaub ich les jetzt nur noch ein Kapitel pro Tag.

    Irgendwie hab ich schon ein wenig mehr Vorsicht bei Sonia vermißt, bzw. auch mehr Neugier. Ich kann aber verstehen, das sie sich relativ sicher dort fühlt und einfach nur noch genervt ist.

    hmmm, die Roten oder die FIESEN Grauen, ich kenn die Grauen nicht, aber ich mag sicher die Roten lieber (eindeutig eine Suggestiv-Frage :-))

    Kaffee trinken mit Frau Trautwein = Horror-Szenario

  10. madove sagt:

    1) Ja, ich fand sie schon ein bißchen zu frech. Ich erkläre es mir damit, daß sie als Nachwirkung der Drogen die Gefahr der situation zwar rational erkennt, nicht aber wirklich spürt, und deshalb nicht ein bißchen vorsichtiger ist.

    2) Ja. Aber im Moment liebe ich noch alle Eichhörnchen. Wenn die fetten grauen dann mal das letzte rote vertrieben haben, werde ich erkennen, daß man sie nicht … ach egal.

    3) Ich fand es sehr passend, daß das die einzige Szene (außer der direkten Pfefferspray-Anwendung) bisher ist, in der Lenore nicht irgendwie halbwegs Herrin der Lage ist. Das sind wirklich Situationen aus der Hölle.

    4) Gute Nacht!

  11. Muriel sagt:

    @madove: 2) Sehe ich wie du.
    3) Die Hölle sind die anderen. Manche mehr, manche weniger. Manche sehr.

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