Nimmermehr (21)

Endlich ist es wieder so weit, ein neuer Nimmermehr-Teil erscheint, und ich bitte alle um Entschuldigung, die jetzt eine ganze Woche lang drauf warten mussten. Erstens war in der letzten Woche so viel anderes los, dass ich nicht genug Zeit für Nimmermehr hatte, zweitens ist dieser Teil außerdem noch ausgesprochen lang und ausgesprochen schwierig. Es war viel daran zu ändern, und ich hoffe, dass ich ihn am Ende in eine Form gebracht habe, in der er Sinn ergibt und euch anspricht. Viel Vergnügen.

Kurz zusammengefasst haben wir im ersten Teil eine junge Dame kennen gelernt, die an einem norwegischen Fjord wohnt und offenkundig unter ernst zu nehmenden psychischen Beschwerden leidet. Diese junge Dame bekam in der ersten Szene einen Anruf von Clarence und musste sich auf den Weg machen, um etwas für ihn zu erledigen. Sie bekommt später auch einen Namen, aber noch kennen wir den nicht.
Der zweite Teil stellte uns Sonia vor, eine junge Journalistin, die zurzeit nicht ganz freiwillig ihren Bruder bei sich beherbergt und einen geheimnisvollen Anruf bekommen hat, in dem ihr eine große Verschwörungsgeschichte angekündigt wurde.
Im dritten Teil waren wir dabei, als eine junge Frau, die der Fjordbewohnerin des ersten Teils kein bisschen ähnelte, in Oslo ein Flugzeug nach Deutschland bestieg, auf dem Weg nach Hamburg. 
Im vierten Teil kam Sonia ihrer Verschwörung näher, und zum Schluss stellte sie fest, dass die geheimnisvolle Anruferin den Mord an einem ehemaligen Hamburger Bürgermeister und seiner Familie vorhergesagt hatte.
Im fünften Teil sahen wir einer kinderlieben jungen Frau in einem Hamburger Hotelzimmer dabei zu, wie sie erschöpft auf ihrem Bett lag und sich an ihr hartes Tagwerk erinnerte, das ziemlich direkt mit dem vorhin erwähnten Mord zusammenhängt.
Der sechste Teil führt uns nach Afrika, wo wir einen neuen Mitarbeiter des Unternehmens Discordia, Incorporated, beim Beginn seines ersten Arbeitstages begleiten.
Im siebten Teil fährt Sonia zur Arbeit, frohen Mutes und bereit, sich in die Recherche für die Story ihres Lebens zu stürzen.
Die junge Frau hat im achten Teil noch eine PSP zu retten, zwei Überraschungseier zu essen, einen kleinen Auftrag zu erledigen und einen Kater zu beerdigen, bevor sie sich schließlich auf den Weg zu Sonia macht.
Sonia und die junge Frau, die uns nun endlich verrät, dass wir sie Lenore nennen dürfen, treffen im neunten Teil aufeinander, doch als Lenore siche gerade ernsthaft an die Arbeit machen will, taucht ein unterwartetes – und ein wenig absurdes – Hindernis auf.
Im zehnten Teil gibt es ein leider sehr kurzes Wiedersehen mit Kristina und Lenore und Sonia werden aus ihrer prekären Lage befreit.
Sonia gelingt im elften Teil die Flucht – gewissermaßen -, und wir lernen Clarence endlich mal persönlich kennen.
Lenores Tag hat eine ungute Wendung genommen, aber im zwölften Teil sieht sie schon wieder ein bisschen Licht.
Im dreizehnten Teil lernen wir Sonias Chef ein bisschen besser kennen, und er wiederum hat das zweifelhafte Vergnügen, Lenores Bekanntschaft zu machen.
Im vierzehnten Teil nimmt besagte Bekanntschaft ihren Lauf und kein gutes Ende.
Der fünfzehnte Teil führt uns nach Afrika. Wir besuchen Philippe, Kira und Clarence, aber es gibt leider keinen Tee und keine Kekse. Außerdem begleiten wir Sonias Bruder Marten zu seinem Lieblingsdealer.
Im sechzehnten Teil tritt mit Jan Hauptmann ein neuer Mitspieler auf, von dem wir erstmal nicht viel mehr erfahren, als dass er zum Thema Sauberkeit und Ordnung geteilter Meinung ist. Lenore erwacht aus einem langen, tiefen Schlaf, ohne sich besonders erholt zu fühlen. Trotzdem weiß sie nun, was sie zu tun hat.
Im siebzehnten Teil erwacht Sonia aus tiefem Schlaf und beginnt, sich mit dem Raum vertraut zu machen, in dem sie gefangen ist.
Der achtzehnte Teil führt Lenore zunächst in die Wohnung des Müsli essenden Drogendealers Pedro und dann per Taxi zu dem Haus, in dem sie Sonias Bruder Marten vermutet.
Sonia lernt im neunzehnten Teil ihren Entführer kennen und erfährt mehr über die Hintergründe dessen, was ihr widerfahren ist, während Lenore bei der Suche nach Marten die Hölle auf Erden erlebt.
Im zwanzigsten Teil zahlt sich Lenores Leiden aus, und Clarence und Kira führen ein problemorientiertes Gespräch.

Ganz ausführlich könnt ihr das noch auf der Geschichten-Seite nachlesen, und mit dem 21. Teil beginnen wir gleich jetzt und hier:

Normalerweise hatte Konstantin Klaus keine Schwierigkeiten, mit dem BKA zusammenzuarbeiten, aber er hatte den Eindruck, dass er diesmal eine Ausnahme machen könnte.
Jan Hauptmann hatte eine Stimme wie ein unsympathischer Priester, so leise und salbungsvoll und irgendwie schmierig. Sein Gesicht war auf irritierende Weise feminin, wie auch seine Bewegungen. Er hatte kleine, zarte Hände, einen Händedruck wie ein toter Fisch und einen Teint wie ein Vampir. Er machte Konstantin Klaus nervös.
Er war kurz nach dem Anruf wegen des Mordes an Professor Kalper hier auf dem Revier aufgetaucht und hatte ihm erklärt, dass er zur Beratung und Unterstützung ‚entsandt’ worden war und für einige Zeit eng mit ihm zusammenarbeiten würde. Während der gesamten Fahrt hierher hatte er kein Wort gesagt. Allerdings hatte er sich während der Fahrt immer wieder mit leicht angehobener Oberlippe und angedeutet kraus gezogener Nase in Klaus’ Auto umgesehen, was seiner Meinung nach vielleicht schon alles ausdrückte, was er zu sagen hatte.
Andererseits betrachtete er den Tatort nun mit ungefähr der gleichen Miene. Vielleicht hatte er einfach nicht so viele Gesichtsausdrücke zur Auswahl. Solche Menschen gab es ja, und manche davon wurden sogar erfolgreiche Schauspieler.
„Warum glauben Sie, dass es derselbe Täter sein soll wie bei Junker?“ fragte er den BKA-Mann.
„Dieselbe Täterin“, korrigierte Hauptmann ihn beiläufig, ohne seine Frage zu beantworten oder auch nur in seine Richtung zu sehen.
„Täterin?“ wiederholte er.
„Wir kennen sie. Sie wird in vielen Ländern gesucht, Herr Klaus. Vom FBI, dem israelischen und dem russischen Geheimdienst, dem französischen, und von vielen anderen auch. Ihr Spitzname ist May.“
„May, in Ordnung. Und woran erkennen Sie denn nun Mays Arbeit, wenn Sie sie sehen?“
„Es gibt verschiedene Hinweise. Sie ist offensichtlich vom Fach, aber sie benimmt sich nicht so. Üblicherweise schießen Fachleute zweimal ins Herz und einmal in den Kopf, oder einfach zweimal in den Kopf. Solche Regeln hat sie nicht. Sie spielt gerne mit ihren Opfern, zögert das Ende hinaus. Sie zeigt viele Merkmale eines psychotischen Serienmörders, was sehr ungewöhnlich für Auftragsmörder ist.“
„Wenn das alles so ist“, unterbrach Klaus ihn, „Woher wissen Sie dann überhaupt sicher, dass sie ein Profi ist?“
„Ihre Opfer sind über die ganze Welt verteilt, und immer wichtige Menschen, auf die eine oder andere Art“, säuselte Hauptmann. „Wir können nicht völlig ausschließen, dass sie rein intrinsische Motive hat, aber zu vieles spricht dagegen.“ Er zögerte ein paar Sekunden, in denen sich der Hauch eines Lächelns um seine Mundwinkel bildete. „Wir haben zwei Bilder von ihr.“
„Was? Das sagen Sie mir erst jetzt?“
„Sie sind nutzlos.“
Er zog mit seinen zarten weißen Fingern zwei Stücke Papier aus seiner Jackentasche und hielt sie Klaus hin. Er nahm sie.
Das erste war ein Phantombild von einer blassen Frau mit langen, lockigen schwarzen Haaren und blauen Augen. Sie hatte eine Hakennase und schmale Lippen, die den strengen Ausdruck ihres Gesichts noch betonten.
Das zweite war ein Foto von einer Überwachungskamera auf einem Flughafen. Es war sehr unscharf, wahrscheinlich stark vergrößert, und zeigte eine Frau mit schwarzen Haaren und Hakennase im Profil. Ihr Körper war hinter anderen Menschen verborgen, nur ihr Kopf war zu erkennen.
„Ich glaube nicht, dass sie es ist“, seufzte Hauptmann. „Wir haben zwei Dutzend völlig andere Beschreibungen, und keine Erklärung dafür, dass das FBI ausgerechnet dieses Bild hier für die offizielle Fahndung benutzt. Wahrscheinlich brauchte der zuständige Beamte irgendeinen Ermittlungserfolg für seine nächste Beförderung.“
„Sie ist gefährlich?“
Das Lächeln wurde für einen Moment fast real, bevor es wieder zur Andeutung verblasste. Gott, der Kerl war eine Karikatur seiner selbst.
„Natürlich. Alle Soziopathen sind gefährlich, weil wir sie nicht verstehen können.“
„Und Sie glauben, dass sie Sonia Schopp getötet hat?“
„Nein, das hat sie mit Sicherheit nicht“, raunte Hauptmann, als hätte Klaus ihn gerade gefragt, ob es den Weihnachtsmann wirklich gab.
Klaus wartete ein paar Sekunden, in der Hoffnung, dass er das noch näher erklären würde. Natürlich wartete er vergeblich.
„Warum nicht?“ kapitulierte er schließlich.
Hauptmann atmete leise aus. Es klang ein bisschen nach einem resignierten Seufzen, wie von einem Lehrer, der ernsthaft gehofft hatte, dass es jetzt alle verstanden haben müssten. Aber es klang gerade nicht genug nach einem resignierten Seufzen, dass Klaus einen vernünftigen Grund gehabt hätte, beleidigt zu sein. Der BKA-Mann faltete seine Hände, blickte eine Weile ins Leere und begann dann zu erklären:
„Sie haben ihre Leiche nicht gefunden. May lässt ihre Opfer einfach liegen. Es gibt vereinzelte Fälle, wie diesen, in denen die Leichen aus pragmatischen Gründen ein kleines Stück bewegt werden, aber wir wissen von keinem Fall, in dem sie eine Leiche regelrecht versteckt hätte.“
Vielleicht, weil in diesem Fall keine Leiche gefunden wird und es deshalb auch gar keinen Fall gibt, dachte Klaus, aber er schwieg. Er hatte ja auch nicht geglaubt, dass Sonia Schopp tot war, und er hatte keine Lust, mit Hauptmann Streit anzufangen.
Doch. Er hatte Lust. Aber er wusste, dass es keine gute Idee wäre.

Matthias hatte immer ein Buch dabei – zurzeit las er der Fremde Freund – und langweilte sich deshalb in seinem Taxi vor dem Mietshaus nicht allzu sehr. Und immerhin bekam er die Zeit bezahlt. Aber er wunderte sich doch ein bisschen, als Lenore nach einer Stunde immer noch nicht wieder da war. Hatte sie ihn vergessen? Auf seinem Taxameter standen schon über 120 Euro.
Es war schon vorgekommen, dass ihn jemand zwei Stunden warten lassen und dann bezahlt hatte. Etwas öfter war es allerdings passiert, dass sein Fahrgast einfach nicht wieder gekommen war, oder sich furchtbar über den Preis aufgeregt hatte. In der letzten Woche zwei Mal.
Er dachte schon darüber nach, ob er vielleicht wieder losfahren sollte, als sie wieder aus dem Haus kam. Als sie rein gegangen war, hatte er ihr nachgesehen. Ihr Gang war irgendwie sexy, wenn auch nicht besonders feminin. Diesmal war das allerdings nicht zu erkennen, sie hatte nämlich einen Kerl dabei, der sich schwer auf ihre Schulter stützte. Betrunken, wahrscheinlich. Vielleicht hatte sie ihren Mann abgeholt. Sie hatte diesen Blick, als ginge ihr die Situation furchtbar auf den Geist. Er stieg aus.
„Kann ich Ihnen helfen?“ rief er ihr entgegen.
„Danke, geht schon“, antwortete sie.
Sie schien tatsächlich keine großen Schwierigkeiten zu haben. Matthias war ein bisschen überrascht, dass sie den Kerl auf den Beifahrersitz bugsierte. Normalerweise wurden Betrunkene in den Fond gesetzt. Er war sich nicht ganz sicher, ob er damit einverstanden war. Der Kerl sah wirklich ziemlich fertig aus.
Er blinzelte Matthias aus zusammengekniffenen Augen an und murmelte:
„Ich glaube… Ich werd’ gerade… entführt?“
„Nicht, dass der mir in den Wagen kotzt“, sagte Matthias. „Ich muss das selbst sauber machen.“
„Nein… Ehrlich“, sagte der Kerl.
„Keine Sorge, wird er nicht“, erwiderte Lenore.
„Ich… kenne…“
„Und wenn doch?“ fragte Matthias.
„Diese Frau… gar nicht.“
„Großes Ehrenwort.“ Sie hob zwei Finger und legte ihre linke Hand auf ihre linke Brust.
„Helfen Sie mir!“
„Was hat er denn?“
Sie machte eine abwinkende Handbewegung.
„Mein Bruder steht ein bisschen neben sich. Das gibt sich.“
Sie stieg hinten ein.
„Wo soll’s denn hingehen? Nach Hause?“
Sie lachte kurz auf.
„Ich bin hungrig. Fahren Sie zu McDonald’s. Nicht der nächste, ruhig ein bisschen weiter weg, damit er sich vorher etwas erholen kann. Ein bisschen abgelegen.“
„Sie… Was hat sie mit mir vor? Kennen Sie sie?“ frage Marten. „Sie heißt Eva, glaub ich.“
„Hören Sie einfach nicht auf ihn.“
„Sind Sie sicher, dass Sie zu McDonald’s wollen? Vielleicht sollte er sich erst mal ausschlafen“, schlug Matthias vor.
„Machen Sie sich keine Sorgen um ihn“, erwiderte Lenore. „Eine halbe Stunde oder so, dann ist er wieder auf dem Damm. Sie werden sehen.“
Matthias zuckte die Schultern und fuhr los.
Eine Zeit lang herrschte Schweigen. Dann drehte Marten sich langsam zu ihr um und fragte:
„Was haben Sie mit mir vor?“
Als er keine Antwort bekam, sagte er:
„Sie… Sie kriegen für mich kein, na… Kein Lösegeld. Äh, wenn Sie das glauben.“
Matthias lächelte. So sah er auch nicht aus. Der Kerl war wirklich am Ende, der wusste gar nicht mehr, was los war. Er bemitleidete Lenore ein bisschen, dass sie sich mit dem rumschlagen musste.
„Ich kenne da diesen Kerl. Der mir das Zeug verkauft, ja? Der“, fuhr Marten nach einer Pause fort. „Der ist echt ein gefährlicher Typ, weißt du, dem schulde ich noch Geld.“
Was redete der denn für einen Unsinn?
„Jaja… Ich könnte mir vorstellen, dass er sowieso schon nicht besonders gut drauf ist“, sagte Lenore.
„Der… Der wird echt sauer, wenn ich… Oh…“
Für einen Moment klang es so, als würde er sich gleich übergeben, und Matthias schaute kurz besorgt zu ihm rüber, aber er hatte anscheinend bloß vergessen, was er sagen wollte.
Lenore antwortete trotzdem: „Ihm ist das mit dem Geld jetzt wahrscheinlich nicht mehr so wichtig. Nicht diese Filiale, da stehen zu viele Autos vor der Tür. Ich mag ein bisschen Ruhe beim Essen.“
„Hmhm…“
Matthias machte den Blinker wieder aus und fuhr weiter. Er entschied sich für einen McDonald’s am Rand von Norderstedt, von dem er annahm, dass er um diese Uhrzeit nicht allzu gut besucht sein dürfte. Und er hatte Recht. Nur zwei Wagen standen auf dem Parkplatz, und eine dreiköpfige Familie verließ gerade den Laden.
„Wissen Sie was, Matthias, ich würde Sie gern einladen, mit uns zu essen.“
„Äh… Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist.“
Matthias war hungrig, das war es nicht. Er war seit Stunden mit Lenore unterwegs und hatte auch kein besonders üppiges Mittagessen gehabt. Er fand es nur erstens seltsam, sich von einer Kundin einladen zu lassen, auch wenn es eine sehr attraktive Kundin war. Zweitens, und das war eigentlich sein Hauptgrund, mochte er den Gedanken nicht besonders, mit diesem kaputten Typen zusammen zu essen, der ihm dauernd erzählte, dass er entführt wurde und Hilfe brauchte und wahrscheinlich nach ein paar Minuten seinen Burger auf sein Tablett spucken würde. Mit Pommes.
„Ach, kommen Sie schon. Oder mögen Sie keine Burger? Wissen Sie, ich würde Sie gerne in dem Laden erschießen, damit ich das Taxi nicht verschmutze.“
Sie bestand offenbar darauf. Er würde es schon überleben. Außerdem fand er sie wirklich süß, und sie flirtete schließlich mit ihm, oder? Marten war nicht ihr Mann. Ihr Bruder, hatte sie gesagt. Und wer weiß, vielleicht ergab sich ja was.
„Na gut, ich… nehm’ dann einen Salat.“
„Na sehen Sie.“
Sie lächelte. Er lächelte zurück. Er stieg aus und half Marten aus seinem Sitz, zusammen mit Lenore.
„Warum sollten Sie mich denn eigentlich jetzt schon erschießen? Ich muss Sie doch erst zu Ihren Opfern fahren, Sie haben noch überhaupt niemanden umgebracht!“
„Das wissen Sie bloß nicht. Und von hier aus finde ich meinen Weg selbst. Außerdem befürchte ich, dass Sie irgendwann anfangen könnten, Marten hier zu glauben, wenn er Ihnen oft genug sagt, dass ich ihn entführe.“
Matthias lachte auf. „Da müssen Sie sich aber keine Sorgen machen.“
„Man kann nicht vorsichtig genug sein, oder?“
Er zuckte die Schultern. „Wie Sie meinen.“
Auf dem Schild an der Tür konnte Matthias lesen, dass der Laden in zwanzig Minuten schließen würde. Die Belegschaft bestand offenbar zurzeit nur noch aus zwei Personen, von denen eine nach vorne an den Tresen kam, als sie eintraten. An einem Tisch in einer Ecke des Raums saß ein bärtiger dicker Mann, der eine so gewaltige Menge Essen vor sich hatte, dass Matthias sich nicht vorstellen konnte, dass er das alles in zwanzig Minuten schaffen würde. Andererseits, an der Art gemessen, wie er das Zeug in sich hinein stopfte, bestand durchaus die Möglichkeit, dass er noch Zeit für einen Nachschlag finden würde.
Es dauerte einige Sekunden, bis es Matthias gelungen war, den Zusammenhang zu erkennen zwischen dem durchdringenden Krachen, das plötzlich den Raum erfüllte, und dem dunkelroten Fleck, der ebenso plötzlich auf dem T-Shirt des dicken Mannes erblühte.
„Pistolen mit Schalldämpfer sind auf größere Distanz völlig unbrauchbar“, erklärte Lenore ihm in vertraulich leisem Tonfall.
Als er sie ansah, hatte sie keine Waffe in der Hand. Der dicke Mann fiel vornüber mit dem Gesicht auf das überladene Tablett Sein Colabecher fiel dabei um und begann, die Pommes Frites durchzusuppen.
Dann fügte sie laut für alle Anwesenden hinzu: „Niemand läuft weg, niemand ruft die Polizei, dann werden wir uns alle wunderbar verstehen.“ Wieder ein bisschen leiser sagte sie zu Marten und Matthias: „Mir nach.“
Er trottete hinter ihr und Marten her zum Tresen. Er sah sich um. Die Welt hatte sich verändert. Er hatte das Gefühl, alles bewege sich in Zeitlupe, und ihm fielen die sonderbarsten Details auf, die ihn normalerweise gar nicht interessiert hätten.
Der Behälter mit den Strohhalmen war leer. Unter einem Stuhl lag ein leerer offener Pappbehälter für einen FishMäc. Der dicke Mann mit dem Bart trug offenbar ein Toupet. Das Haar oben auf seinem Kopf hatte eine viel kräftigere Farbe als das am Rand.
Lenore stützte sich mit den Handflächen auf den Tresen und begann, die Karte zu studieren.
„Kommen Sie bitte mal nach vorne, wo ich Sie sehen kann? Das wäre sehr nett“, rief sie dem Mann in der Küche zu. Er kam. Er war blass und wirkte, als müsste er sich gleich übergeben. Mit seinen strähnigen blonden Haaren und seinem grässlichen Ziegenbart sah er aus wie einer von den Rednex, oder wie diese Leute hießen, die Cotton Eye Joe sangen.
„Setzen Sie sich da drüben hin, ja?“
Lenore zeigte auf einen Tisch in der Nähe des Tresens. Wie von einer unsichtbaren Kraft gezogen, stolperte er zu einem der Stühle und ließ sich darauf fallen.
Die junge Frau in der schlecht sitzenden McDonald’s-Uniform war ein paar Schritte zurückgetaumelt und lehnte zitternd an dem großen McFlurry-Automaten. Sie hatte mit der Schulter den Behälter mit den Daim-Splittern zu Boden geworfen. Auf ihrer Uniform war ein Kaffeefleck, und Kaffee tropfte neben ihr auf den Boden herunter.
„B-bitte bringen Sie mich nicht um!“
M. Schweittzer stand auf ihrem Namensschild. Matthias fragte sich, ob das ein Fehler war, oder ob ihre Name wirklich mit zwei t geschrieben wurde.
„B-bitte, ich, ich tu alles, was Sie w-wollen. Wollen Sie Geld? Ich kann Ihnen das Geld aus der Kasse geben!“
M. Schweittzer war sehr jung, vielleicht eine Schülerin oder Studentin, die sich hier in der Spätschicht ein bisschen Geld dazu verdiente. Sie war übergewichtig, und ihr Gesicht erinnerte durch das Fett und die leicht nach oben gebogene Nase ein wenig an das eines Schweins. Wahrscheinlich machte man sich oft über sie lustig. Zumal sie ausgerechnet in einem Fast-Food-Restaurant arbeitete.
„B-bitte tun Sie mir nichts!“
Lenore stand eine ganze Weile stumm da und sah M. Schweittzer an. Matthias kam es so vor, als wären es mindestens fünf Minuten gewesen, aber wahrscheinlich war es viel weniger.
„Wen muss ich umbringen, um hier einen Burger zu kriegen?“ fragte Lenore in heiterem Ton.
„W-was?“ stammelte M. Schweitzer.
„Ich bin doch hier in einem Restaurant, oder? Ich stehe hier vor Ihnen, oder? Ich habe mir Ihre dämliche Speisekarte durchgelesen, oder? Vielleicht will ich ja was essen, hm? Sagen Sie Ihren Spruch, na los!“
„Was?“
Lenore lachte leise.
„Versuchen Sie mal, so zu tun, als hätte ich nicht gerade Ihren zurzeit einzigen Gast und wahrscheinlich treuesten Stammkunden erschossen. Ich gebe zu, dass das nicht sehr nett von mir war. Behandeln Sie mich, als wäre ich einfach rein gekommen, um was zu essen, das bin ich nämlich zum großen Teil auch.“
„W-w-was?“
Sie hatte gesagt, dass sie ihn töten wollte. Hier. Das war gar kein Scherz gewesen. Das wurde ihm jetzt erst klar. Allem zum Trotz konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen. Es gab wohl doch einen Grund dafür, dass er Taxifahrer war, während dieser blöde selbstgerechte Arsch und sein Sitznachbar zu Unizeiten Timo Bothmann eine Stelle im Management der Deutschen Bank gefunden hatte.
Lenore drehte sich zu ihm und Marten um, mit einem Blick als wollte sie sagen: ‚Was ist denn mit der los?’
Dann wandte sie sich wieder M. Schweitzer zu.
„Ist heute Slow-Food-Abend, ja? Sprechen Sie mir nach: Guten Abend, Ihre Bestellung bitte?“
„G-guten Abend, Ihre B-b-bestellung b-bitte?“
„Wissen Sie, was immer ein Problem für mich ist, wenn ich bei Ihnen esse?“ fragte Lenore sehr leise.
„W-was?“
Matthias sah sich noch einmal in dem großen Raum um. Der dicke Mann lag immer noch tot auf seinem Essen. Der dünne Blonde hockte immer noch an seinem Tisch und hoffte inständig, dass man ihn einfach vergessen würde. Der Behälter mit den Strohhalmen war immer noch leer. Aber- Matthias hätte fast aufgeschrieen vor Überraschung. In dem Zugang zu den Waschräumen stand ein Mann. Er hätte der Bruder des Toten sein können, und vielleicht war er es sogar. Die beiden mussten zusammen gekommen sein. Er machte zwei Schritte auf den Toten zu und starrte ihn mit offenem Mund an.
„Ich mag kein Ketchup auf meinem Burger.“
„Was?“
„Wissen Sie, was in Pulp Fiction mit dem Kerl passiert, der das dauernd sagt?“
Der dicke Mann aus dem Waschraum hatte sich Lenore zugewandt, und seinem Gesichtsausdruck nach hatte er erraten, was passiert war, falls er es nicht sogar selbst gesehen hatte. Er starrte Lenore mit einem Blick an, der allen Hass und alle Wut der Welt ausdrückte.
Und dann fing er an, langsam auf sie zuzugehen.
„Halten Sie es für möglich, dass Sie mir…“
Lenore verstummte und wirbelte herum.
„Wo kommen Sie denn jetzt auf einmal her?“
Er antwortete nicht. Er ging einfach weiter auf sie zu, mit diesem irren Blick, und steckte eine Hand in seine Jackentasche.
„Matthias und Marten, geht weg von mir. Da hinten zu diesem Magazinständer, und haltet die Füße still“, sagte sie aus dem Mundwinkel.
Matthias griff nach Martens Ärmel, um ihn mit sich zu ziehen, aber der schien sich inzwischen ein bisschen gefangen zu haben. Er ging von selbst.
„Du wolltest mir ja nicht glauben…“ murmelte er.
„Kommt nicht wieder vor, Kumpel.“
„Sie sollten jetzt wirklich stehen bleiben“, sagte Lenore.
Wie die Tauben in der Hand eines Zauberers erschien plötzlich wieder die Pistole, schneller, als Matthias’ Auge der Bewegung folgen konnte. Aber diesmal war etwas nicht in Ordnung, das konnte er schon sehen, bevor die Waffe aus Lenores Hand fiel und über den Boden rutschte, bis sie auf einen Stuhl traf und liegen blieb.
Lenore starrte mit einer Mischung aus Verwirrung und Wut auf ihre rechte Hand, die heftig zitterte, als wäre da ein Fremdkörper am Ende ihres Armes, den sie noch nie gesehen hatte.
Der Dicke ging einfach weiter. Er war nur noch drei oder vier Meter von ihr entfernt. Matthias wollte Marten gerade noch weiterziehen, als es plötzlich losging. Alles schien gleichzeitig zu passieren. Matthias bekam es kaum richtig mit.
Der Dicke zog die Hand aus seiner Tasche. Er trug einen Schlagring. Mit einem dröhnenden Brüllen sprang er auf Lenore zu, die noch immer fassungslos auf ihre zuckende Hand starrte. Erst im letzten Augenblick sah sie auf und versuchte, auszuweichen. Dennoch streifte der Schlagring sie seitlich am Kopf. Ihr Gesicht nahm einen entrückten Ausdruck an, der unter anderen Umständen vielleicht komisch gewirkt hätte, und sie fiel mit einem dumpfen Geräusch auf die Knie.
Der Dicke stand vor ihr, und zuerst dachte Matthias, dass er auf Lenore herab blickte und wunderte sich über die Fassungslosigkeit in seiner Miene. Dann wurde ihm klar, dass der dicke Mann auf einen Dolch starrte, der in seiner Brust steckte. Matthias hatte keinerlei Vorstellung, wann und wie Lenore den dicken Mann erstochen hatte. Wo war der Dolch überhaupt hergekommen? Hatte sie mehr als zwei Hände?
Während der dicke Mann hintenüber kippte und sein Kopf mit einem unangenehmen Laut auf den Boden schlug, fiel Lenore vorwärts auf ihre ausgestreckten Handflächen. Sie kniff die Augen zusammen, blinzelte, zitterte, schüttelte den Kopf und bewegte langsam die Lippen.
Seit alles angefangen hatte, waren vielleicht eine oder zwei Sekunden vergangen.
In diesem Augenblick dachte Matthias zum ersten Mal daran, dass er auch etwas tun konnte und dass dies möglicherweise seine letzte Chance war, sein Leben zu retten, und das der anderen. Er suchte die Pistole. Sie lag noch immer vor dem Stuhl auf dem Boden, einen knappen Meter von Marten entfernt.
Matthias hätte fast laut aufgeschrieen vor Freude, als er sah, wie Marten aufblickte, seine Hand nach der Waffe ausstreckte und sie ergriff.
Als Marten wankend mit der Waffe aufstand und Lenore zur Seite umfiel und auf den Rücken rollte, stieß er wirklich einen Triumphschrei aus. Ihr blick war starr auf die Decke gerichtet, ihr Gesichtsausdruck noch immer stumpf und leer.
Seit alles angefangen hatte, waren jetzt etwa zwei Sekunden vergangen.
Für einen Moment dachte Matthias, jetzt würde alles gut werden. Dann sah er Martens Gesichtsausdruck. Und dann kreischte Marten mit sich überschlagender Stimme:
„LASST MICH ALLE IN RUHE IHR BLÖDEN SCHEIßER!“
Er taumelte ein paar Schritte rückwärts, stieß gegen einen Stuhl, taumelte in eine andere Richtung, schoss, und eine Fensterscheibe zersprang. Matthias warf sich zu Boden, weil die Leute im Fernsehen das in solchen Momenten auch immer taten.
„NIEMAND BEWEGT SICH IHR SCHEIßSCHWEINE!“
Matthias sah, dass auch der Hinterwäldler am Boden lag, mit über dem Kopf gefalteten Händen.
„Was ist dein Problem, Mann?“ rief Matthias Marten zu.
„WAS WOLLT IHR DENN ALLE VON MIR?“ kreischte Marten.
Matthias sah zu Lenore hinüber, als er sie etwas sagen hörte. Sie sprach undeutlich und ziemlich schnell, deswegen verstand er sie nicht. Er hatte den sehr besorgniserregenden Eindruck, dass er der Einzige hier war, der noch wusste, was er tat.
Nicht, dass ihm das viel genützt hätte, denn er hatte keine Ahnung, was er überhaupt tun konnte.
Plötzlich kam Bewegung in Lenore. Sie hob ihren Kopf und sah sich um.
„Ergois philous gignoske, mä monon logois fuck fuck fuck fuck FUCK!”
Sie sprang in einer akrobatischen Bewegung auf die Füße. Matthias hob seinen Kopf ein wenig, um sehen zu können, was sie tat. Sie schwankte ein wenig, schien sich aber ansonsten gut von dem Schlag erholt zu haben.
„Was glaubst du, was du da machst, hm?“ keifte sie, während sie auf Marten zueilte.
„Du wirst jetzt augenblick…“ Dann sah sie den Ausdruck in seinem Gesicht, ihre Stimme verklang und sie blieb ruckartig stehen, die Hand noch ausgestreckt, weil sie vorgehabt hatte, ihm die Waffe wegzunehmen.
„Haluzinogeninduzierte akute Paranoia“, murmelte sie.
Marten schoss, und der leere Strohhalmbehälter explodierte ziemlich knapp neben Lenore. Sie war wohl die einzige im Raum, die nicht erschrocken zusammenzuckte, Marten selbst eingeschlossen.
Matthias konnte ihr Gesicht nicht besonders gut sehen, aber er meinte doch, darin einen Ausdruck zu erkennen, der nicht besonders gut zu ihr passte. Sie schien Angst zu haben.
„Marten“, sagte sie, jetzt in einem ganz anderen, freundlich beschwichtigenden Ton. „Marten, was machen Sie denn da mit der Pistole?“
„GEH WEG! GEHT ALLE WEG!“ kreischte er, und schoss noch einmal und traf diesmal den Fußboden links von sich.
„Marten, Sie müssen sich beruhigen, hören Sie?“
Sie ging so vollkommen in ihrer neuen Rolle auf, dass Matthias sich bewusst daran erinnern musste dass sie die Wahnsinnige hier war und auf keinen Fall die Waffe zurückbekommen durfte.
„Vorsicht, Marten, lass sie nicht zu nah heran kommen!“ rief er.
„Lasst mich doch alle in Ruhe!“ bat Marten, viel leiser als vorher.
„Das werden wir“, versprach Lenore ihm leise, “ Niemand hier will Ihnen etwas tun. Sie müssen nur aufhören, uns mit der Waffe zu bedrohen. Lassen Sie sie einfach fallen, ja? Niemand will Ihnen wehtun.“
Matthias war sich nicht sicher, ob er damit etwas Gutes tat oder überhaupt etwas änderte, aber er rief:
„Doch, das will sie! Sie wird uns alle umbringen! Gib sie ihr nicht, Marten! “
Nicht, dass er sich wesentlich sicherer fühlte, solange Marten die Waffe noch hatte.
Lenore beachtete ihn gar nicht, und Marten ließ durch nichts erkennen, dass er ihn gehört hatte. Was machten eigentlich die beiden Burgerbrater? Waren die eingeschlafen?
„Marten, lassen Sie die Pistole fallen, bitte.“
Er dachte kurz darüber nach, zu ihr hinzulaufen und sie zu überwältigen. Dann fiel ihm wieder ein, wie sie den dicken Mann erstochen hatte, ohne dass er auch nur mitbekommen hätte, was geschah. Abgesehen davon würde Marten vielleicht auf ihn schießen, wenn er jetzt plötzlich aufsprang.
„Was willst du denn von mir?“ Marten klang jetzt nicht mehr, als wäre er von haltloser Panik erfasst. Er klang weinerlich.
Matthias befürchtete, dass Lenore früher oder später wieder an die Pistole kommen würde, wenn er nichts unternahm. Aber was sollte er unternehmen?
„Ich will gar nichts von Ihnen, Marten. Legen Sie einfach die Waffe weg, und dann können Sie gehen. Ihnen wird nichts passieren.“
„Wirklich?“ Eine Träne lief über seine rechte Wange. „Ich will doch nur nach Hause… Ich hab doch niemandem was getan. Ich kenn euch doch alle gar nicht.“
Lenore ging ein paar Schritte auf ihn zu, noch immer mit ausgestreckter Hand.
„Das weiß ich doch, Marten. Alles wird gut werden. Geben Sie mir einfach die Waffe, ja? Dann wird alles gut.“
Marten begann zu schluchzen. Spätestens jetzt war Matthias davon überzeugt, dass sie es schaffen würde. Er überlegte immer noch, was er tun sollte. Vielleicht war Flucht die beste Möglichkeit. Er sah eine Notausgangstür neben der Theke.
„Wirklich? Kann ich dann nach Hause gehen? Ich will doch bloß nach Hause“, schluchzte er.
Er müsste es schaffen. Lenore war zu sehr mit Marten beschäftigt, um ihn aufzuhalten. Sogar wenn sie es bemerkte, was sollte sie tun? Sie konnte ihm nicht nachlaufen, das wäre zu riskant.
Er begann, auf die Notausgangstür zuzukrabbeln.
„ICH HABE GESAGT NIEMAND BEWEGT SICH!“ kreischte Marten plötzlich.
Matthias hörte das Krachen eines weiteren Schusses, etwas hinter der Theke platzte, und eine Flüssigkeit lief aus.
Als er sich umdrehte, kniete Lenore bereits auf Martens Rücken und war gerade dabei, seine Arme mit einer Kunststofffessel aneinander zu binden.
„Das war Ihr letzter Schuss, Marten“, murmelte sie dabei, „Machen Sie sich nichts daraus, Sie konnten das nicht wissen. Sie waren ja nicht immer dabei, wenn ich sie benutzt habe.“
Von der Pistole war nichts mehr zu sehen. Jetzt wurde es aber Zeit. Er beschloss, alles auf eine Karte zu setzen, stand auf und lief zur Tür. Er kam nicht besonders weit. Ein hilfloses Röcheln entrang sich seinem Hals, als Lenore seinen Kragen packte und er rücklings umfiel. Sie trat mit dem rechten Fuß kräftig auf seine Brust, presste ihn zu Boden und hielt ihre Waffe in sein Gesicht.
„Warum?“ fragte er mit einem Blick in den Raum. „Was soll das alles?“
Für einen Moment flackerte wieder die Furcht durch ihr Gesicht, die er vorhin gesehen hatte. Oder war dies eine andere Furcht? Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder, ein paar Mal, fast, als würde sie auf etwas herumkauen.
„Ich weiß nicht“, antworte sie schließlich. „Ich – ich weiß – ich meine…“ Sie blinzelte und schüttelte ihren Kopf. „Ich hatte einen Grund, hierherzukommen, aber…“
Sie stockte, ihre hellgrünen Augen sahen für kurze Zeit direkt in seine, und es fühlte sich beinahe an, als würde in diesem Moment eine besondere Verbindung zwischen ihnen entstehen, als sähe sie in seine Seele und er in ihre. Aber natürlich geschah in Wirklichkeit nichts dergleichen.
„Warum erzähle ich Ihnen das?“ fragte sie, und erschoss ihn.

Lesegruppenfragen:

  1. Weiß jemand Genaueres darüber, wie die Zusammenarbeit zwischen Länderpolizeien und dem BKA in solchen großen Mordfällen praktisch läuft? Ich habe mich in meinen Recherchen zugegebenermaßen auf die Homepage des BKA und meine eigene Vorstellungskraft beschränkt. Die zählt doch als Recherche, oder?
  2. Wie kommt das Verhältnis zwischen Hauptmann und Klaus bei euch an? Versteht ihr Klaus‘ Antipathie, oder findet ihr ihn unfair?
  3. Ich habe versucht, einerseits Martens benebelten Zustand zu illustrieren, wollte ihn aber gleichzeitig auch noch ein bisschen an der Handlung teilhaben lassen. Kommt er euch zu klar vor, oder passt das für euer Gefühl?
  4. Fandet ihr Matthias sympathisch? War es euch egal, dass er am Ende stirbt? Warum oder warum nicht?

10 Responses to Nimmermehr (21)

  1. Andi sagt:

    Juchhuu, endlich wieder „Nimmermehr“… 🙂

    1. Ich hab keine Ahnung, wie sowas läuft und müsste mich auch auf mein Basiswissen aus diversen Romanen beschränken und verlassen. Insofern würd ich durchaus sagen, dass deine Vorstellungskraft als Recherche reicht. Wobei ich nicht ausschließen würde, dass professionelle bzw. erfahrene Autoren dir etwas anderes sagen würden. 🙂

    2. Es ist ja so das typische Verhältnis zwischen einem Kriminalbeamten, der plötzlich auf einen BKA-Mann trifft, der ihm bei der Ermittlung helfen soll und ihm dann auch noch 2-27 Schritte voraus zu sein scheint. Nein, unfair ist das nicht, sondern eher menschlich.
    Hauptmann find ich nachwievor gut geschildert. Wirkt auch leicht psychopathisch. 🙂

    3. Nein, Martens Verhalten passt für mich. Er wirkt auf mich auch gar nicht klar. Genau wie Lenore. Die dreht ja immer mehr durch…

    4. Der war zumindest nicht unsympathisch. Aber mir war schon nach der letzten Szene eigentlich klar, dass er bald Geschichte ist. Insofern hat mich das Ende dieses Teiles nicht erstaunt.

    Mal eine kurze Frage zum Verständnis:
    Lenore sagt ja, dass sie einen Grund hatte, in den Burgerladen zu kommen. Vorher steht aber geschrieben, dass Matthias sich dafür entscheidet, diesen Laden in Norderstedt anzusteuern. Hab ich da jetzt was überlesen oder einen Denkfehler drin?

  2. Muriel sagt:

    @Andi: Danke für die Antworten und schön, dass unsere Einschätzungen da ungefähr zusammenpassen.
    Was das Restaurant angeht: Du hast nichts überlesen, sondern du warst im Gegenteil sogar sehr aufmerksam. Lenore meinte vielleicht nicht, dass sie einen Grund hatte, genau dieses aufzusuchen. Sie hat ihn ja aber gebeten, zu einem McDonald’s zu fahren und auch ein bisschen beschrieben, wie sie sich das vorstellt.

  3. fragmentjunkie sagt:

    Wieso stellst Du die fragen, nachdem alles bereits tot ist 😉
    Oder kannst Du Matthias noch auferstehen lassen?
    Sonderlich sympathisch fand ich ihn nicht.
    Jan Hauptmann ist kein BKA-Typ oder? Egal, aus eigener Erfahrung mit dem LKA Hessen und der Polizei Köln weiß ich, dass sich die Herren nicht allzu gut kennen. Aber die Polizisten, die ich mal kennen gelernt habe, hatten schon viel Respekt vor den Kollegen. Ich glaube es kommt auch gar nicht so sehr darauf an, dass es realistisch ist, vielmehr muss es passen und glaubhaft sein.
    Der Satz….Für einen Moment dachte Matthias, jetzt würde alles gut werden….verrät vielleicht zu viel?
    ….ansonsten habe ich noch einen ALternativ-Titel für den Roman….Killing Lenore… 🙂

  4. Muriel sagt:

    @fragmentjunkie: Danke für die Antworten!
    Wenn ich die Fragen vorher stellen würde, wären sie ja Spoiler.
    Was deinen Alternativtitel angeht: War da vielleicht eher der Wunsch der Vater des Gedankens?

  5. fragmentjunkie sagt:

    hehe, ich wusste, dass du das fragst, aber der Titel ist auch mit „Mordende Lenore“ übersetzbar

  6. Muriel sagt:

    @fragmentjunkie: Das wäre dann aber ein doofer Titel. Nein, die andere Übersetzung gefällt mir besser, und sie passt irgendwie auch. Gewissermaßen.

  7. pampashase sagt:

    1. da hab ich keine Ahnung und nehme das gelesene einfach mal so hin

    2. so wie du ihn beschreibst MUSS man den ja unsympathisch finden, übrigens finde ich den Namen Konstantin Klaus blöd, mich irritiert immer wieder der Nachname Klaus

    3. Ich finde Marten nicht zu klar, find ich so okay, man vergißt nicht, dass er da ist…ich kenn mich damit nicht so aus, aber ist das richtig dargestellt, dass er sich so wenig zur Wehr setzt, also körperlich?

    4. Ich fand ihn nicht unsympathisch, bzw. er wurde mir grad sympathisch und …plopp…isser tot! Das war eine Überraschung, nicht schlecht 🙂

    Ich habe eine Frage zu der Stelle …Dann fiel ihm wieder ein, wie sie gleichzeitig Marten abgewehrt und den dicken Mann erstochen hatte,… ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie Marten irgendwann abgewehrt hat und schon gar nicht gleichzeitig beim Kampf mit dem Mann. Ich hab noch mal nachgelesen, aber nichts gefunden. Hab ich was überlesen?

    Ihm das mit dem Geld jetzt wahrscheinlich nicht mehr so wichtig. …Fehlt da ein ist?

  8. Muriel sagt:

    @pampashase: Was würde ich ohne dich machen? Natürlich hast du nichts überlesen. Die Szene lief nur früher mal ein bisschen anders. Ich korrigier das dann jetzt mal.

  9. pampashase sagt:

    …hat ich bei der ganzen Spannung vergessen…dass sie rein intrinsische Motive hat…also, das mußte ich erstmal googeln 😎

  10. madove sagt:

    1. Darüber weiß ich auch nicht mehr als man so in Krimis sieht, also Nichts.

    2. Antipathie gibts halt. Ich weiß nicht, ob es „fair“ ist, jemanden wegen seines reinen Aussehens nicht zu mögen, aber schon die Art zu sprechen sagt ja was über die Person aus, und wenn einem das zuwider ist… Ich hätte ja trotzdem vermutet, daß auch die Konstellation es nicht einfacher macht und es unterschwellige Eifersüchteleien und Kompetenzgerangel sind, aber wenn der Autor sagt, normalerweise hat er keine Probleme mit dem BKA, dann wirds wohl tasächlich eine persönliche Antipathie sein. Kommt vor…

    3. Marten ist prima so. Überhaupt mochte ich die ganze Szene, sie ist gleichzeitig absurd und lustig und beängstigend, und — very very intense.

    4. Ja, einigermaßen sympathisch, also insofern, daß er mir nicht unsympathisch war. Und er ist mir auf den paar Seiten schon so nahegekommen, daß mir sein Tod nicht egal war. Prinzipiell find ich das aber ein nettes Stilmittel, eine Person ausführlich vorzustellen und ihr vielleicht sogar die Erzählperspektive zu geben, nur damit sie dann stirbt. Das ist ein bißchen realistischer und nimmt einem diese absurde Sicherheit, die man sonst in Fiction oft hat, daß eine Sprechrolle nicht sterben kann.

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