Na diese Dings, Sie wissen schon

Vor einer Weile hat Malte Welding anlässlich der berühmten „Onlinecommunitybenutzer“-Rede einer gewissen Frau Noll einen sehr netten Beitrag geschrieben, in dem er die Frage stellte: „Warum um Gottes Willen ist es […] so unfassbar schwer, über das Internet nicht in teils völlig ungebräuchlichen, teils aber auch grundbeknackten Begriffen zu reden?“

Die Frage ist berechtigt, aber das Problem ist keinesfalls auf das Thema Internet und Computer begrenzt. Ebenfalls sehr verbreitet ist es in den Themenkreisen Physik und Astronomie, wie ich kürzlich wieder am Beispiel einer eigentlich ganz interessanten Sendung des Deutschlandfunks feststellte. (Für die Onlinecommunitybenutzer unter uns: Das ist Radio.)

Es geht knapp zusammengefasst darum, dass die NASA festgestellt hat, dass der Sonnenwind sich von der Sonne aus nicht grob kugelförmig ausbreitet, wie man bisher dachte, sondern ganz anders. Ein bisschen wie eine Erdnuss, von der Form her. Der interviewte Wissenschaftsjournalist Dirk Lorenzen sagte dabei die folgenden Sätze:

„Und dieser Satellit [ibex] kreist um die Erde herum, auf einer ganz skurrilen Bahn, braucht eine Woche dafür und kommt fast bis hinaus in Mondentfernung. Und der hatte ein Messgerät an Bord, das misst neutrale Atome, die in dieses Gerät einschlagen. Und diese neutralen Atome, die entstehen ganz weit draußen, dort am Rand dieser Sonnenblase, dieser erdnussförmigen Sonnenblase. Da wird aus geladenen Teilchen neutrale Atome. Und manche davon fliegen zurück in das Sonnensystem, das kann man messen mit diesem Nasa-Satelliten.“

Wir unterhalten uns hier mal nicht über den Grammatikfehler, der es sogar bis in die transkribierte Internetfassung des Interviews geschafft hat, sondern über den Teil mit den neutralen Atomen. Dirk Lorenzen hat damit anscheinend nicht direkt Unrecht. Aber er hat es meiner Meinung nach trotzdem ausgesprochen irreführend erklärt.

  • Erstens klingt das so, als wären neutrale Atome etwas verdammt Exotisches, was „ganz weit draußen“ entsteht. Das ist natürlich Unsinn. Elektrische Neutralität ist meines Wissens der Normalzustand eines jeden Atoms.
  • Zweitens hat er etwas ganz Wichtiges weggelassen: Es geht nicht um irgendwelche neutralen Atome, sondern um sogenannte „Energetic Neutral Atoms (ENA)„, also energiereiche (vulgo schnelle) neutrale Atome, die tatsächlich im Randbereich der Blase aus magnetisch beschleunigten geladenen Teichen entstehen.
  • Drittens hat diese total irre crazy skurrile Bahn des Satelliten genau dieselbe Form wie jede andere anständige Umlaufbahn, nämlich eine Ellipsenform. Ungefähr so.

Wie seht ihr das: Bin ich einfach kleinlich, oder ärgere ich mich zu Recht darüber, dass ein öffentlich-rechtlicher Kultur- und Informationssender es nicht auf die Reihe kriegt, wissenschaftliche Entdeckungen so zu erklären, dass die Zuhörer hinterher wirklich ein bisschen verstanden haben, was die NASA da gemacht hat?

11 Responses to Na diese Dings, Sie wissen schon

  1. pampashase sagt:

    Hmm, das liest sich irgendwie so, wie für „doof“ erklärt…aber ob jemand der nichts mit Ellipsenform anfangen kann, mehr mit dem Wort skuril anfangen kann?

    Aber „erdnussförmige Sonnenblase“ find ich gut…das versteh ich…Erdnüsse kenn ich! :mrgreen:

  2. Salomea sagt:

    Ja, genau, Erdnüsse kenn ich auch. Sonst hätte ich das jetzt nicht verstanden 😉 (Hätte ich wohl!) Ich glaube, dass sehr unterschiedlichen Leuten aus sehr verschiedenen Bereichen die in sich sehr speziell sind (Wissenschaft, Literatur, Wirtschaft…) deshalb für dieses „Dingsbums, na wie heißt es doch gleich, als das was da so xy ist“-Syndrom anfällig sind weil die Sprache in der sie untereinander sprechen oftmals aus Fachwörtern besteht mit denen sie untereinander gar keine Probleme haben. Aber wenn sie es dann nach „außen“ (und das fängt eventuell schon bei Partner oder Partnerin an) vermitteln sollen kommen sie ins Schleudern.

    Aber lustig ist es immer wieder. Erinnert mich manchmal an Rüdiger Hoffmann (ich hoffe, dass ich den Nachnamen korrekt im Kopf habe). Dieser „Hallo erstmal, ich weiß ja nicht ob Sie’s schon wussten…“ Na, ihr wisst schon wer gemeint ist, oder? Wenn man dann so Fachleute mit der Reaktion auf ihren Jargon konfrontiert kriegt man manchmal auch ne Vince Ebert-Reaktion: der hat in jeder Live-Show ein und den selben Joke über den anscheinend niemand lacht und das lässt er dann an seiner gewählten Publikums-Nicht-Mitdenke-Person aus: „Ihnen muss das nicht gefallen, XY lacht sich tot“.

    Den Fachleuten muss ihr Gestammel nicht gefallen, das Fußvolk lacht sich tot 🙂

    Liebe Grüße

    Salomea

  3. Muriel sagt:

    @Salomea: Rüdiger Hoffmann stimmt. Für mich klang Herr Lorenzen allerdings weniger wie ein Fachmann, dem die richtigen Worte für die Laien fehlen, sondern eher schlicht so, als hätte er selbst keine Ahnung. Natürlich kann ich mich da auch täuschen.

  4. Salomea sagt:

    Zwischen Fachleuten und „Keine Ahnung Habern“ ist der Unterschied nicht SO groß 😉

  5. Muriel sagt:

    Weise Worte, aber was soll man von jemandem mit einem Namen wie „Salomea“ auch anderes erwarten?

  6. Salomea sagt:

    Wie bitte soll ich das verstehen? (Derzeit geneigt es positiv zu werten)

  7. Muriel sagt:

    @Salomea: (Das ist auch ganz richtig so.)

  8. Salomea sagt:

    Das freut mich. 🙂 Werde ich dann mal entsprechend weiterleiten an die „Katastrophenstelle“ (Zitat von meiner Mutter über die Person, die dafür verantwortlich ist dass ich diesen Namen habe)

  9. Citizen Kane sagt:

    Doch, es ist schlimm, wenn selbsternannte Fachjournalisten es nicht schaffen, eine komplexe Thematik verständlich und dennoch (zumindest halbwegs) korrekt darzustellen. Ich bin durch meine Universitätsstudien in bestimmten Geistes- und Gesellschaftswissenschaften nicht ganz unfirm und ärgere mich deshalb habituell über diesbezügliche Lapsus in den medialen Darstellungen.
    Könnte man sich nicht Anleihen bei der angelsächsischen (insbesondere amerikanischen) Gelehrtenprosa nehmen? Die ist in der Regel stilistisch leicht lesbar und gefällig, aber dennoch in der Sache zutreffend und präzise.

  10. Citizen Kane sagt:

    Ceterum censeo, dass zumindest die öffentlich-rechtlichen Medien insbesondere im wissenschaftsfeindlichen bzw. -skeptischen Deutschland die Pflicht hätten, auf die Bedeutung und allgemeine Nutzbarkeit von Forschungsleistungen hinzuweisen.
    Beispiel: Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der menschlichen Geschichte mag vielen Zeitgenossen als eine brot- und sinnlose Kunst erscheinen. Doch wer alles ahistorisch betrachtet, versteht nichts. Die jüngst wieder aufgeflammte Debatte um die Integration von Migranten hat mir nur ein müdes Lächeln entlockt: Denn ich weiß, dass die gegensätzlichen Standpunkte eine mindestens zweitausendjährige Geschichte haben.
    Siehe einerseits z.B.: den Begriff (und seine Entwicklung) des bárbaros (bzw. barbarus) bei den Griechen und Römern oder aber Benjamin Franklins Tiraden gegen deutsche Einwanderer; und andererseits: die „Germania“ des Tacitus oder das Konzept des „bon sauvage“ bei Rousseau.

  11. Citizen Kane sagt:

    Und noch etwas: Ich würde es sehr begrüßen, wenn Blogs die von den traditionellen Medien sträflich vernachlässigte Aufgabe übernähmen, wissenschaftliche Fragestellungen einem Laienpublikum zu erklären. Im Internet kann sich jeder zu Wort melden: Das gilt zwar gleichermaßen für die Heerschar der Ahnungslosen, eröffnet jedoch auch dem Fachmann ein Forum jenseits der gängigen, meist allzu verfilzten Publikationswege.
    Doch wer sind die Alphablogger in Deutschland? Etwa Physiker, Biologen, Juristen oder Historiker? Nein, es sind Journalisten oder bewusste Antijournalisten, die ihre linke, rechte oder wie auch immer geartete Gesinnung als Hochamt zelebrieren.

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