Nimmermehr (23)

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Happy Halloween! Leider kann ich euch heute in Nimmermehr keine thematisch passenden Monster anbieten, bis auf Lenore, aber die ist ja immer dabei. Das Foto da oben ist also reiner Etikettenschwindel. Mit ein bisschen Gewalt kriegen wir aber trotzdem noch eine Überleitung zusammengeschraubt: Sonia bekommt nämlich heute von ihren Kidnappern Süßes serviert, bei Marten und Lenore hingegen gibt es leider nur Saures.

Kurz zusammengefasst haben wir im ersten Teil eine junge Dame kennen gelernt, die an einem norwegischen Fjord wohnt und offenkundig unter ernst zu nehmenden psychischen Beschwerden leidet. Diese junge Dame bekam in der ersten Szene einen Anruf von Clarence und musste sich auf den Weg machen, um etwas für ihn zu erledigen. Sie bekommt später auch einen Namen, aber noch kennen wir den nicht.
Der zweite Teil stellte uns Sonia vor, eine junge Journalistin, die zurzeit nicht ganz freiwillig ihren Bruder bei sich beherbergt und einen geheimnisvollen Anruf bekommen hat, in dem ihr eine große Verschwörungsgeschichte angekündigt wurde.
Im dritten Teil waren wir dabei, als eine junge Frau, die der Fjordbewohnerin des ersten Teils kein bisschen ähnelte, in Oslo ein Flugzeug nach Deutschland bestieg, auf dem Weg nach Hamburg. 
Im vierten Teil kam Sonia ihrer Verschwörung näher, und zum Schluss stellte sie fest, dass die geheimnisvolle Anruferin den Mord an einem ehemaligen Hamburger Bürgermeister und seiner Familie vorhergesagt hatte.
Im fünften Teil sahen wir einer kinderlieben jungen Frau in einem Hamburger Hotelzimmer dabei zu, wie sie erschöpft auf ihrem Bett lag und sich an ihr hartes Tagwerk erinnerte, das ziemlich direkt mit dem vorhin erwähnten Mord zusammenhängt.
Der sechste Teil führt uns nach Afrika, wo wir einen neuen Mitarbeiter des Unternehmens Discordia, Incorporated, beim Beginn seines ersten Arbeitstages begleiten.
Im siebten Teil fährt Sonia zur Arbeit, frohen Mutes und bereit, sich in die Recherche für die Story ihres Lebens zu stürzen.
Die junge Frau hat im achten Teil noch eine PSP zu retten, zwei Überraschungseier zu essen, einen kleinen Auftrag zu erledigen und einen Kater zu beerdigen, bevor sie sich schließlich auf den Weg zu Sonia macht.
Sonia und die junge Frau, die uns nun endlich verrät, dass wir sie Lenore nennen dürfen, treffen im neunten Teil aufeinander, doch als Lenore siche gerade ernsthaft an die Arbeit machen will, taucht ein unterwartetes – und ein wenig absurdes – Hindernis auf.
Im zehnten Teil gibt es ein leider sehr kurzes Wiedersehen mit Kristina und Lenore und Sonia werden aus ihrer prekären Lage befreit.
Sonia gelingt im elften Teil die Flucht – gewissermaßen -, und wir lernen Clarence endlich mal persönlich kennen.
Lenores Tag hat eine ungute Wendung genommen, aber im zwölften Teil sieht sie schon wieder ein bisschen Licht.
Im dreizehnten Teil lernen wir Sonias Chef ein bisschen besser kennen, und er wiederum hat das zweifelhafte Vergnügen, Lenores Bekanntschaft zu machen.
Im vierzehnten Teil nimmt besagte Bekanntschaft ihren Lauf und kein gutes Ende.
Der fünfzehnte Teil führt uns nach Afrika. Wir besuchen Philippe, Kira und Clarence, aber es gibt leider keinen Tee und keine Kekse. Außerdem begleiten wir Sonias Bruder Marten zu seinem Lieblingsdealer.
Im sechzehnten Teil tritt mit Jan Hauptmann ein neuer Mitspieler auf, von dem wir erstmal nicht viel mehr erfahren, als dass er zum Thema Sauberkeit und Ordnung geteilter Meinung ist. Lenore erwacht aus einem langen, tiefen Schlaf, ohne sich besonders erholt zu fühlen. Trotzdem weiß sie nun, was sie zu tun hat.
Im siebzehnten Teil erwacht Sonia aus tiefem Schlaf und beginnt, sich mit dem Raum vertraut zu machen, in dem sie gefangen ist.
Der achtzehnte Teil führt Lenore zunächst in die Wohnung des Müsli essenden Drogendealers Pedro und dann per Taxi zu dem Haus, in dem sie Sonias Bruder Marten vermutet.
Sonia lernt im neunzehnten Teil ihren Entführer kennen und erfährt mehr über die Hintergründe dessen, was ihr widerfahren ist, während Lenore bei der Suche nach Marten die Hölle auf Erden erlebt.
Im zwanzigsten Teil zahlt sich Lenores Leiden aus, und Clarence und Kira führen ein problemorientiertes Gespräch.
Konstantin Klaus und Jan Hauptmann stellen im einundzwanzigsten Teil fest, dass sie nicht gut miteinander auskommen, und Lenore besucht mit Marten und ihrem Taxifahrer das etwas andere Restaurant.
Der zweiundzwanzigste Teil war ein bisschen albern, aber trotzdem lehrreich: Kira und Clarence brachten euch was Spannendes über Leichen bei, und Lenore hat für Marten gekocht.

Die ganze Geschichte steht natürlich auf der Geschichten-Seite, und nachdem das geklärt ist, können wir ja jetzt anfangen:

„Finden Sie es nicht auch entsetzlich, dass ein Buch überall auf der Welt ‚Verbrechen und Strafe’ heißt, aber nur hier ‚Schuld und Sühne’, weil irgendwann vor Jahrzehnten mal irgendwo jemand meinte, das würde besser klingen? Es ist eine gottverdammte Heldentat von Swetlana Geier, das Buch mit dem richtigen Titel neu rauszubringen, wenn Sie mich fragen. Ich meine, wenn ich ein Buch übersetze, dann habe ich doch eine Verpflichtung gegenüber dem Künstler und dem Werk. Und wenn ich dann bewusst schlecht übersetze – und ein Übersetzer, der Schuld und Sühne nicht von Verbrechen und Strafe unterscheiden kann, verdient seinen Namen nicht – dann verrate ich diese Verpflichtung. Oder was meinen Sie?“
„Ähm, ja, sicher.“
Marten hatte überhaupt nicht zugehört.
„Sie haben überhaupt nicht zugehört, oder?“
„Doch, sicher, hab ich.“
Er starrte auf die Straße vor dem Taxi, das Lenore lenkte. Das Bild erinnerte ihn an diese Szene am Ende von Terminator II, wo die Dunkelheit jenseits der Scheinwerfer für die ungewisse Zukunft steht. Sie fuhr sehr vorsichtig und routiniert. Von jemandem, der ohne groß nachzudenken fünf Menschen in einem Restaurant erschießt, hätte er einen anderen Fahrstil erwartet. Wahrscheinlich wollte sie nicht wegen einer Geschwindigkeitsüberschreitung angehalten werden. Er hatte immer noch keine Ahnung, was sie eigentlich vorhatte, aber sicherlich wurde es von der Rechtsordnung missbilligt. Er sollte ihr den Weg zur Wohnung seiner Schwester zeigen. Er hatte nicht lange gezögert. Vielleicht hätte man von einem heldenhaften Bruder erwartet, dass er Schmerzen mannhaft ignorierte und falls nötig auch sein eigenes Leben gab, um sie zu schützen. Marten war kein Held. Trotzdem hatte er darüber nachgedacht, wie er Sonia warnen könnte, aber er hatte das Gefühl, dass Lenore gar nicht damit rechnete, sie dort vorzufinden.
„Weil ich Probleme hab, die keinen intressiehieren…“ sang sie leise. „Ich werde Sie jetzt nicht fragen, was ich gesagt habe.“
„Danke.“
„Hier jetzt rechts?“
„Mhm.“
Würde sie seine Schwester töten? Und was wollte sie von ihm?
Marten wurde klar, dass sie ihn nicht am Leben lassen würde. Natürlich hatte er das im Grunde schon vorher geahnt, aber erst jetzt war ihm die Erkenntnis ganz bewusst geworden, und nun war auch die Konsequenz offensichtlich: Er musste fliehen. Er musste alles daran setzen, denn Flucht war seine einzige Chance.
Nur wie? Seine Hände waren immer noch auf seinem Rücken zusammengebunden, und er war sich auch ohnehin nicht sicher, ob es eine gute Idee wäre, aus dem fahrenden Auto zu springen. Er hatte nicht mitbekommen, wie wenig Matthias sein Fluchtversuch genützt hatte, aber er ahnte dennoch, dass Lenore ihn nicht einfach gehen lassen würde.
Er sah sich um. Ein Taxi eben. Keine herumliegenden Taschenmesser, und Lenore hatte auch ihre Pistole nicht achtlos neben seinen Händen vergessen.
Er konnte die Scheibe zertreten, um dann mit einer Scherbe seine Fessel zu zerschneiden. Dann würde er Lenore entwaffnen, sie aus dem Auto zu Boden werfen und mit ihren eigenen Kunststoffschnüren fesseln, sie über seine Schulter werfen, seine imposanten Schwingen ausbreiten und mit ihr zum nächsten Polizeirevier fliegen. Klar. Vielleicht machte er noch einen kurzen Umweg über Afghanistan und zerschmetterte Osama Bin Laden mit einem Feuerball aus seiner Nase.
„Wir müssten jetzt bald da sein“, sagte sie.
Er schwieg. Er wusste nichts, was er sagen konnte.
„Sie müssen mir dort einen kleinen Gefallen tun, Marten.“
Er lachte auf.
„Gerne doch.“
„Sie müssen für mich in die Plan Ihrer Schwester gehen, Marten.“
Sie stockte und schüttelte ihren Kopf. Der Wagen verlor ein bisschen an Geschwindigkeit, als ihr Fuß vom Pedal glitt.
„In die… Verdammt, ich…“
Sie schüttelte ihren Kopf und fuhr sich mit beiden Händen durch ihr Gesicht. Der Wagen begann, auf die linke Spur zu driften, auf der ihnen gerade in diesem Moment ein LKW entgegenkam. Marten schrie, der LKW hupte und wich auf den glücklicherweise menschenleeren Fußweg aus, und Lenore wurde klar, dass die Situation möglicherweise ein bisschen gefährlich war. Sie ergriff wieder das Lenkrad, verdrehte ihre Augen, fletschte die Zähne – und kreischte, wütend und schrill und beängstigend. Martens Herz wäre beinahe stehen geblieben, so erschrocken war er über den gellenden Schrei. Und dann war es genauso plötzlich wieder vorbei. Lenore fuhr, als wäre nichts gewesen, und sprach – beinahe – als wäre nichts gewesen. Vielleicht zitterte ihre Stimme bei den ersten Worten ein bisschen.
„Sie müssen die Wohnung Ihrer Schwester aufsuchen. Wahrscheinlich werden Sie dort einige Polizisten finden. Falls keine da sind, kommen Sie bitte sofort zurück zu mir, dann kann ich mich selbst um die Sache kümmern. Andernfalls müssen Sie mir Sonias Arbeitsunterlagen bringen. Wissen Sie, wo Sonia das Zeug aufbewahrt?“
„Was ist mit Sonia? Warum sind da Polizisten?“
Er war sicher nicht der beste Bruder der Welt, aber er liebte seine Schwester. Und obwohl ihm wie so oft seine eigenen Probleme zurzeit viel dringlicher erschienen, wurde ihm allmählich klar, dass auch Sonia in Gefahr war.
„Diese Frage beschäftigt mich auch“, antwortete Lenore. „Die erste, meine ich. Ich fürchte, dass es ihr gut geht, machen Sie sich da keine Sorgen. Wissen Sie, wo Sonia ihre Arbeitsunterlagen aufbewahrt?“
„Was ist passiert, verdammt? Ich will jetzt wissen Aaah!“
Ohne ihn anzusehen, hatte Lenore seine Nase mit zwei Fingern ihrer rechten Hand gepackt und verdrehte sie nun so kräftig, dass Tränen in seine Augen stiegen.
„Nicken Sie, wenn Sie bereit sind, mir jetzt zuzuhören“, sagte sie.
Er versuchte es. Seine Nase war ohnehin schon angeschlagen, und er spürte Übelkeit in sich aufsteigen vor Schmerz und Angst.
Marten hatte nie über eine besonders hohe Schmerztoleranz verfügt, und er hatte auch noch nie in seinem Leben echte Schmerzen erlebt. Seine verdrehte Nase kam ihm vor wie die grausamste Foltermethode, die sich je ein wahnsinniger Träger einer kreisrunden Brille im weißen Kittel hatte einfallen lassen.
„Marten, mir ist klar, dass diese Situation für Sie ungewohnt und verwirrend ist. Ich verstehe, dass Sie sich Sorgen um Ihre Schwester machen. Aber wenn Sie noch einmal auf eine Frage von mir mit einer Gegenfrage antworten, oder auch wenn Sie sonst irgendwas tun, was mich verärgert, ich entscheide das dann von Fall zu Fall, dann werde ich Ihnen einen Finger brechen. Das tut gemein weh, glauben Sie mir das, und Sie haben zehn davon. Ich nehme an, dass Sie es spätestens nach der ersten Hand gelernt haben werden. Haben Sie mich verstanden?“
Sie war die ganze Zeit über weiter gefahren. Offenbar lenkte es sie nicht übermäßig ab, Marten zu quälen, zu bedrohen und zu demütigen. Ihr Ton war geschäftsmäßig, wie ein Versicherungsvertreter, der einem Kunden die Einzelheiten seines Vertrags erklärte. Keine Spur mehr von ihrer Verwirrung von vorhin.
Er versuchte zu nicken.
Sie ließ seine Nase wieder los. Mit einem leisen erbärmlichen Wimmern atmete er ein. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er die Luft angehalten hatte. Er wollte reflexartig seine pulsierend schmerzende Nase mit seinen Händen umfassen, aber die Fesseln ließen das nicht zu.
„Achtung Marten, ich stelle jetzt zum dritten Mal meine Frage. Ich habe Kopfschmerzen und fühle mich auch sonst nicht so gut. Sollten Sie jetzt schon wieder nicht vernünftig antworten, kann es sein, dass ich aus Frust überreagiere und erst im Nachhinein dann auch noch wie versprochen den Finger breche, wenn sich der rote Nebel vor meinen Augen gelegt hat und ich wieder zu mir komme. Also aufpassen, jetzt: Wissen Sie, wo Ihre Schwester ihre Arbeitsunterlagen aufbewahrt?“
„Ja, ich glaube schon. Sie hat einen Schreibtisch in ihrem Schlafzimmer, darauf liegen immer ein paar Ordner.“
„Hat sie auch einen Computer?“
„Ja, da könnte auch was drauf sein.“
„Bringen Sie den bitte nicht ganz mit, dann wundern sich die Polizisten. Brennen Sie mir ein bisschen was auf eine CD und dann formatieren Sie die Platte, sehen Sie zu, dass es nicht zu lange dauert, es muss hauptsächlich überzeugend aussehen. Ach ja, und fragen Sie die Polizisten nach ihrer Schwester. Sie wissen bestimmt nichts, aber man kann’s ja versuchen.“
„Gut.“
Seine Nase tat wirklich furchtbar weh. Der Schmerz lenkte ihn ab, er konnte sich gar nicht mehr richtig konzentrieren. Er hoffte, dass ihm nichts Wichtiges entging.
„Darf ich noch etwas fragen?“ fragte er schüchtern und leise.
„Klar.“
Sie fuhr in eine Parklücke am rechten Straßenrand.
„Hier ist es nicht“, sagte er leise.
Er biss sich auf die Zunge, in der sicheren Erwartung einer Strafe. Aber es kam keine.
„Ich weiß“, sagte Lenore. „Aber es ist nicht mehr weit, das schaffen Sie zu Fuß. Beugen Sie sich mal ein bisschen vor.“
Er tat es, und sie zerschnitt seine Handfessel. Sofort fuhren seine Hände zu seiner Nase, um sie mitleidig zu betasten.
„Sie haben wahrscheinlich zurzeit zu viel Angst vor mir, um auf diese Idee zu kommen“, begann sie zu erklären, „Aber wenn Sie dieses Auto verlassen haben, mich nicht mehr sehen können und mit diesen Polizisten reden, dann werden Sie sich wahrscheinlich ziemlich sicher fühlen. Sie werden auf die sonderbarsten Gedanken kommen und sich fragen, warum Sie zu mir zurückkommen sollten. Sie werden denken, dass es doch das Beste wäre, den Polizisten alles zu erzählen und mich verhaften zu lassen. Dass dann ja alles vorbei wäre.“
Sie machte eine dramatische Pause und sah ihm in die Augen. Der Blick ihrer grasgrünen Augen war seltsam, als könnte sie dadurch viel mehr sehen als nur Äußerlichkeiten. Er schüttelte schwach den Kopf, um anzudeuten, dass er so etwas nie tun würde. Obwohl es wirklich sehr vernünftig klang.
„Dem ist nicht so“, fuhr sie fort. „Erstens werde ich nicht hier im Auto warten. Ich werde Ihnen folgen. Ich werde immer irgendwo in Ihrer Nähe sein, auch wenn Sie mich nicht sehen können. Es ist Teil meines Jobs, nicht gesehen zu werden. Auch die Polizisten werden mich nicht finden. Und wenn ich merke, dass Sie mich verraten haben, dann werde ich sehr, sehr nachtragend sein, Marten. Irgendwann werden Sie dieses Haus verlassen müssen. Vielleicht werde ich dann mit einem Gewehr auf einem Dach liegen.“ Sie grinste zahnig. „Ich war immer gut mit dem Scharfschützengewehr. Vielleicht bin ich dann auch noch nicht da. Vielleicht warte ich ein paar Tage, oder ein paar Wochen. Vielleicht warte ich sogar ein paar Monate. Und wenn ich dann plötzlich wieder da bin, fange ich vielleicht nicht mit Ihnen an, Marten. Vielleicht wird eines Tages Ihrer Freundin etwas zustoßen. Ihrer Frau. Ihren Kindern. Und falls ich dann – ich meine, falls ich… das nicht selbst machen kann, dann werden andere da sein und meine Arbeit zu Ende bringen. Ich bin nicht allein, Marten.“
Sie machte noch eine Pause.
„Worauf ich hinaus will, Marten, ist, dass Sie keine ruhige Minute mehr haben werden, wenn Sie jetzt einen Fehler machen. Sie treffen die Entscheidung, ob heute Abend alles vorbei ist und Sie wieder zu diesem entsetzlichen Weib und Ihrem LSD zurückkehren, oder ob Sie sich für den Rest Ihres armseligen Lebens vor mir fürchten müssen.“
Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Ist doch eigentlich ganz leicht, oder?“ fragte sie in aufmunterndem Ton. „Sie schaffen das. Na los, auf geht’s!“

„Wie heißen Sie eigentlich?“ fragte Sonia den langhaarigen Japaner, als er die Tür zu dem Zimmer öffnete, in dem sie festgehalten wurde. Er brachte ein großes Tablett mit ihrem Abendessen. Dafür war es zwar eigentlich ein bisschen zu spät, aber zur eigentlichen Essenszeit war sie bewusstlos gewesen. „Sie können mir auch irgendeinen Fantasienamen sagen, aber ich würde Sie gerne irgendwie anreden.“
Er lächelte und antwortete: „Nennen Sie mich Kouhei.“
Er stellte das große Tablett auf den Tisch am Fenster, legte eine Hand auf die größte der silbernen Kuppeln, die die Teller verdeckten und sah Sonia an.
„Möchten Sie jetzt essen?“ fragte er.
Sie nickte und erhob sich von dem Bett, auf dem sie gesessen und die Tageszeitung gelesen hatte.
„Ich bin hungrig. Aber das hier… sieht so aus, als wäre es trotzdem ein bisschen zu viel. Wollen Sie mitessen?“
Kouhei schüttelte seinen Kopf.
„Danke, nein. Aber ich kann gerne bleiben und Ihnen Gesellschaft leisten.“
Sie setzte sich, er hob die silberne Kuppel von ihrem Teller und gab den Blick auf ein traumhaft dekoriertes Gericht aus einem Lachsfilet mit Kräuterkruste, Blattspinat und gedämpftem Gemüse frei. Es roch traumhaft.
„So leicht könnte ich vergessen, dass ich hier gefangen bin“, murmelte sie, während sie sich setzte und ihr Besteck aufnahm.
„Sehen Sie es nicht als Gefangenschaft. Sehen Sie es als Schutz“, schlug er vor.
Sie lachte Leise, während sie begann, ihren Lachs zu zerschneiden. Eine Alte Kindheitsgewohnheit. Sie zerschnitt ihr Essen immer in mundgerechte Happen, bevor sie anfing.
„Schutz vor wem denn noch?“ fragte sie. „Ich denke, Sie haben Lenore eine Falle gestellt.“
„Lenore ist nicht alleine hinter ihnen her. Sie gehört zu einer Organisation. Außerdem…“ Er zögerte. „Ist sie entkommen.“
Sonia legte die Gabel mit dem Essen drauf auf den Teller zurück und sah zu Kouhei auf.
„Sie ist entkommen“, wiederholte sie.
Er nickte. „Ja. Was Herr Maas vorhin andeutete, hat sich bewahrheitet. Anscheinend hat sie einen unserer Agenten und einige Unbeteiligte getötet und ist nun auf der Flucht, oder auf der Suche nach Ihnen.“
„Fabelhaft…“ Sonia dachte kurz nach. „Wenn sie Ihren, äh, Agenten erwischt hat, dann weiß sie doch bestimmt, wo wir sind, oder?“
Er schüttelte den Kopf.
„Um Gottes Willen, Kouhei, können Sie sich bitte setzen, ich kann so nicht essen!“
Er zog den gegenüber stehenden Stuhl zurück und setzte sich darauf.
„Danke.“
Sonia schob sich den ersten Bissen in den Mund und begann zu kauen. Es schmeckte großartig, aber sie konnte sich nicht darauf konzentrieren.
Er begann zu erklären: „Er wird ihr nichts erzählt haben. Erstens erhalten wir Verhörtraining, und zweitens…“ Er brachte den Satz nicht zu Ende. Stattdessen griff er in eine Innentasche seines Jacketts, langsam, so dass sie es gut sehen konnte, und zog eine kleine weiße Kapsel hervor.
„Was ist das?“ fragte sie.
„Ich weiß es nicht genau. Aber wenn ich sie einnehme, bin ich zehn Sekunden später tot.“
Sonia starrte ihn ein paar Sekunden lang ungläubig an und schüttelte den Kopf. „Noch was, was es doch nicht bloß im Film gibt. Ihr spinnt doch alle… Dann glauben Sie also, ich bin in Sicherheit?“
„Nein“, antwortete er. „Lenore ist eine Legende. Sie wird Sie finden.“
„Und dann haben Sie sie!“
„Nein.“ So allmählich fing er an, ihr auf die Nerven zu gehen. „Sie ist eine Legende. Sie wird uns alle töten, und dann hat sie Sie. Aber es wird eine Ehre sein, im Kampf gegen sie zu sterben.“ Er hob eine der anderen kleinen Silberabdeckungen von einem Teller mit einem großen Stück Key Lime Pie. „Genießen Sie, solange Sie noch können.“
Er grinste und seine Augen funkelten, während er das sagte, aber trotzdem war Sonia sich nicht sicher, ob er scherzte.

Heute lauten die Lesegruppenfragen:

  1. Weiß jemand von euch, wie diese silbernen Kuppeln richtig heißen, mit denen man Essen vor dem Servieren zudeckt?
  2. Am Anfang gibt es diese Ärzte-Referenz von Lenore („Weil ich Probleme hab, die keinen intressiehieren…“). Habt ihr die verstanden und wie findet ihr sie? Ich mag die Ärzte auch nicht, aber es passte da so schön hin.
  3. Findet Ihr Lenores kleinen Pep-Talk für Marten überzeugend?
  4. Ich bin mir unsicher, ob ich den Moment, in dem sie kurz die Kontrolle über das Fahrzeug verliert, noch weiter ausschmücken sollte oder ob der besser so kurz bleibt, wie er ist. Einerseits bin ich da vielleicht ein bisschen zu hastig drüber weggegangen, andererseits will ich die Szene nicht zu sehr unterbrechen. Was meint ihr?

6 Responses to Nimmermehr (23)

  1. pampashase sagt:

    1. Gestern im TV gehört, da haben sie Glocke gesagt. Das war in einem Restaurant in der Küche, denk mal, dass dies dann der korrekte Begriff sein müßte.

    2. Ich find die Ärzte gar nicht so schlecht, aber die Anspielung hab ich nicht erkannt. Das macht aber nichts, da merkt man dass sie immer mehr abdreht.

    3. Pep-Talk? …also falls du den kleinen Motivationsmonolog meinst, bevor er aussteigen soll…dann fand ich das sogar sehr überzeugend!

    4. Ich finde du könntest mehr darauf eingehen, dass sie Probleme beim Sprechen hat…im ersten Moment dachte ich, ich hätte falsch gelesen…oder du falsch geschrieben 🙂

  2. Muriel sagt:

    @pampashase: 1. Glocke also. Klingt auch komisch, aber scheint zu stimmen. Danke!
    4. Das ist ein guter Hinweis, das wird bei nächster Gelegenheit erledigt.

  3. Oliver sagt:

    Ich kann nur sagen, dass ich Marten inzwischen viel sympathischer finde.

  4. Muriel sagt:

    @Oliver: Ähm… Tja… Ich weiß jetzt nicht, wie ich das sagen soll… Aber… Ich hab‘ da eine eher schlechte Nachricht für dich…

  5. madove sagt:

    1. Ich hätte es auch mit „Servierglocke“ probiert.

    2. Ich mag/mochte die Ärzte, habe die Referenz erkannt und seither einen Ohrwurm. Aber ich habe lange an der Stelle gestutzt, erstens weil es in dem Lied ja heißt „Weil DU Probleme hast…“ und ich nicht sicher war, ob das ‚falsche’Zitat Absicht ist oder nicht, und zweitens, weil mir nicht ganz klar ist, ob sie sich auf ihre eigenen oder Martens Probleme bezieht.

    3. Sehr sinnvoll und relativ überzeugend. Ich an Martens Stelle hätte vielleicht noch eine etwas ausführlichere Beteuerung, daß sie ihn laufenlassen wird, gebraucht. Ich finde immer noch plausibler, daß sie ihn hinterher umbringt, und dann sind auch ihre Drohungen nicht schlimmer als der SICHERE Tod. Naja, vielleicht wegen seiner Liebsten, aber… aber… er ist ja kein Held.

    4. Da schließe ich mich Pampashase an. Ich bin ziemlich hängengeblieben, weil ich es für einen Schreibfehler gehalten habe.

  6. Muriel sagt:

    @madove: 2. Das ist Absicht, und sie sollte sich selbst meinen.
    4. Ja, fiktive Charaktere versprechen sich eigentlich nie. Ich habe das in meiner ersten Geschichte auch einfach so mal gemacht, aber da alle meine Probeleser sich einig waren, dass es tierisch nervt, habe ich es mir schnell abgewöhnt.

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