Why Do All Good Things

Gewiss erinnern sich schon nur noch die Älteren unter euch, dass ich überhaupt mal im Urlaub war, aber ich schulde euch trotzdem noch einen letzten Reisebericht aus der einzigartigen, majestätischen Kapitale des Reiches der Mitte, Beijing.

Symbolträchtig oder was

Und hier isser:

In Beijing gibt es so eine fabelhafte Einrichtung namens Sommerpalast. Und wie jeder asiatische Palast war auch dieser wieder eine ganze Menge Arbeit und Kletterei, die aber durchaus belohnt wurden.

von oben

Nein, das liegt nicht nur an der Perspektive, man musste da wirklich von Stein zu Stein springen.

Das Gelände wird schon seit dem 11. Jahrhundert als Sommerpalast genutzt, richtig eindrucksvoll ausgebaut wurde es aber erst im 18. Jahrhundert. Man kann eigentlich nichts von dem Palast bzw. den Palästen lesen, ohne dass es auch um die „Kaiserwitwe“ Cixi geht, die nichts mit Franz Beckenbauer zu tun hat, der ja bekanntermaßen auch noch lebt, zumindest offiziell, und China von 1861 bis 1908 de facto regierte. Also, Cixi, nicht Beckenbauer. Sie war aber anscheinend keine besonders gute Herrscherin, denn in den Anekdoten kommt sie eigentlich immer ziemlich rücksichtslos sowohl den Staatsfinanzen wie auch anderen Menschen gegenüber rüber. Zum Beispiel gibt es auf dem Gelände eine Höhle, in der sie einen Verwandten mehrere Jahre lang unter vorstellbar unkomfortablen Bedingungen gefangen gehalten haben soll, weil er sie irgendwie beleidigt hatte. Andererseits bin ich nicht sicher, wie weit man sich bei der Beurteilung historischer Figuren auf Reiseführer verlassen sollte. Der Wikipedia-Eintrag, den ich oben verlinkt habe, bietet eine andere Perspektive.

Abgesehen davon war sie auch dafür bekannt, dass sie die chinesische Oper sehr schätzte und gelegentlich sogar in den Stücken mitgespielt haben soll, die im Sommerpalast für sie aufgeführt wurden. Wir hatten das Glück, sogar so eine Aufführung dort sehen zu können – ob Cixi allerdings selbst dabei war, wissen wir nicht, die waren schließlich alle verkleidet.

Cixi war aber jedenfalls nicht die einzige Monarchin mit einem ausgesprochen extravaganten Geschmack, wie zum Beispiel diese – sehr hübsche, aber gewiss nicht billige – Nachbildung einer Einkaufsstraße in der für ihre Kanäle bekannten Stadt Suzhou belegt:

Von dieser hübschen kleinen Kanalstraße fuhren wir mit einem Boot Boot Boot zu dem berühmten Boat of Purity and Ease oder Marble Boat.

Von dort wanderten wir durch den langen Korridor (über 700m), der auf chinesisch Chang Lang heißt, was wir sehr putzig fanden, mit einigen kleineren Umwegen zurück zum Ausgang und freuten uns auf den nächsten Tag, für den wir uns den taoistischen Baiyun-Guan-Tempel vorgenommen hatten.

Baiyun Guan war nicht nur sehr hübsch und sehr interessant, sondern außerdem noch frei von Klettereien und außerdem für eine religiöse Anlage angenehm verspielt. Unser Reiseführer bot drei Spiele für Besucher an. Das erste davon war „Such die drei Affen, die irgendwo im Außenbereich versteckt sind und Glück bringen, wenn man sie alle gestreichelt hat.“ Ein langer Name für so ein simples Spiel, aber es war trotzdem gar nicht so einfach, denn nur der erste Affe war ziemlich offensichtlich.

Die anderen beiden waren ein bisschen besser versteckt, und die Mönche dort helfen einem auch nicht, was ich aber gut finde, denn das würde ja das Spiel kaputt machen. Darüber hinaus kann man dort noch Metallplättchen kaufen, mit denen man dann auf eine Glocke wirft. Wenn man sie trifft, wird man ebenfalls mit Glück überhäuft. Schließlich kann man noch mit geschlossenen Augen von einer Wand zu einem Räucherstäbchenbrenner laufen, was nicht ganz ungefährlich ist. Überhaupt finde ich taoistische Tempel viel unterhaltsamer als unsere Kirchen, aber vielleicht war das auch nur der Reiz des Neuen…

Am Abend des Tempeltages führte unsere chinesische Freundin Louise uns in eine Aufführung der Beijing-Oper, die wider Erwarten kein bisschen langweilig war, sondern sogar sehr unterhaltsam.

Die Handlung ist zwar für Leute wie mich, die mit der westlichen Mythologie aufgewachsen sind, nicht immer ganz verständlich, aber das tut der Freude keinen Abbruch. Sehr schwer zu ertragen fand ich hingegen das hektische und vollkommen amelodische Geknarze und Gegonge, das hier offenbar als musikalische Untermalung durchgeht.

Am letzten Tag war nun endlich – ich weiß, ihr habt langelangelangelange darauf gewartet – die Verbotene Stadt dran! Als wir dort ankamen, hatten wir fast schon wieder Lust, die Übung abzubrechen, denn es sah so aus, als würden wir bis zum Abend warten müssen, bevor wir überhaupt reinkamen. Alles voller Chinesen hier, schlimm schlimm. Nachdem wir uns eine halbe Stunde beraten hatten, was wir nun tun wollten, hatten wir dann aber doch nach zwanzig Minuten unsere Tickets und waren wenig später drin. Können wir uns auch nicht ganz erklären, aber es war irgendwie nicht so schlimm, wie es schien. Ist ja oft so im Leben.

Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass wir schon ein bisschen palastmüde waren, oder an der Hitze, oder daran, dass man sich stellenweise kaum bewegen konnte in dem Gedränge, aber jedenfalls waren wir das endlose Hof-Palast-Thronsaal-Hof-Palast-Thronsaal-Hof-Palast-Thronsaal ziemlich bald Leid und verließen nach knappen drei Stunden die Verbotene Stadt, um stattdessen unserem Lieblinseisdealer Cold Stone noch mal einen Besuch abzustatten.

Und das war leider schon alles. Ende der Reiseberichte. Jetzt bleibt mir nur noch, allen, die mitgelesen haben, für das Interesse zu danken und euch mit ein paar letzten Fotos vom Rückflug in den Rest des Dienstags zu entlassen.

9 Responses to Why Do All Good Things

  1. Na, danke Muriel, jetzt muss ich mich also alt fühlen, ja?! 😉

    Sehr schöner Bericht, ein paar wunderbare Fotos!

  2. Muriel sagt:

    @not quite like beethoven: Nicht alt. Älter.
    Danke schön!

  3. Arctica sagt:

    Tz, jetz schreibt der grad an dem Tag wo ich fleißig sein will seinen Reisebericht, und das wo ich nur mal kurz gucken wollte ob es Kommentare zu meinen Kommentaren gibt…
    Das Marmorboot sieht ja mal genial aus. Wenn ich Geld hätte würd ich mir so eins kaufen, nicht so ne doofe 0815 Yacht…
    Dafür steht das gespiegelte Bild auf dem Kopf (und hat mich verwirrt!)
    Wie genau kann jetzt eine Oper unterhaltsam sein, wenn man die Musik darin schrecklich findet? Also die spielt ja da irgendwie einen sehr zentralen Part…
    Und was ist das auf dem vorletzten Bild? Sieht interessant aus!

  4. Muriel sagt:

    @Arctica: Ich wollte ihn gestern noch schreiben, aber es dauerte doch wieder alles länger, als ich dachte, und irgendwann musste ich dann auch ins Bett.
    Das Marmorboot steht auf einem steinernen Fundament, man ist damit also deutlich weniger mobil als mit einer 0815 Yacht, die also bei aller Gewöhnlichkeit auch ihre Vorteile hätte.
    Was die Oper angeht: Die Musik ist dort nicht so wichtig wie bei uns. Die tanzen und sprechen (Es gab quasi Untertitel auf einer Anzeige am Bühnenrand.) und veranstalten allerlei auf der Bühne, da kann man die quäkige Untermalung ignorieren.
    Das auf dem vorletzten Foto ist so eine Art Vorort von Dubai. Fand ich aufgrund der Gleichmäßigkeit nett.

  5. DeserTStorM sagt:

    Boah da bin ich jetzt aber schon neidisch 😦

    War bestimmt toll dort und ihr habt ja wirklich viel gesehen. 🙂

  6. pampashase sagt:

    Ich finde ja Reiseberichte oft…hmmm…nicht sooo spannend und die dazu gehörigen Fotos schlicht langweilig.

    Aber deine Berichte find ich super, die Texte sind interessant und unterhaltsam und die Fotos find ich richtig super. Danke!

    Ich hoffe ihr verreist bald wieder! 🙂

  7. ruediger sagt:

    *sigh* Ich will da nicht hin, ganz bestimmt nicht. Und wegen Deiner Beschreibung und so schon gleich gar nicht mehr.

  8. Muriel sagt:

    Vielen Dank noch mal! Schön, dass es euch allen so gefällt.
    @pampashase: Das hoffen wir auch.

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