Mein Vater

Warnhinweis: Die folgende Geschichte ist etwas speziell und ziemlich persönlich. Trotzdem ist es mir ein inneres Anliegen, sie zu erzählen. Ich bitte um Verständnis.

Seit Jahren sprach mein Vater davon, ein kleineres Auto zu kaufen. Ich dachte immer, klar, du und Kleinwagen, aber er meinte eben, er fahre ja nicht mehr so viel, er brauche auch nicht viel Platz, und so ein Kleinwagen verbrauche viel weniger und sei auch wegen Steuern und Versicherung günstiger als seine große Limousine.

Ich war einigermaßen überrascht, als er schließlich tatsächlich ankam und mich um ein paar Unterschriften bat, weil er seinen neuen Nissan Micra aus verschiedenen Gründen auf mich zulassen wollte. Zwei Wochen später war es so weit, und er bekam den Wagen. Er mochte ihn, und obwohl ich mich bereits darauf eingestellt hatte, dass nach ein paar Tagen die Nörgelei losgehen würde, er könne darin nicht vernünftig sitzen, außerdem wäre das mickrige Ding auch nicht schnell genug, und selber Schalten wäre auch doof, kam nie ein unfreundliches Wort über das kleine Auto über seine Lippen.

Vor zwei Jahren und fünf Tagen trafen wir uns beim Amtsgericht. Das Ordnungsamt prozessierte gegen mich, und der zuständige Beamte war sich so sicher, im Recht zu sein, dass er ein paar erforderliche Fakten einfach erfunden hatte. Mein Vater war Zeuge. Er konnte die Beamten der fraglichen Behörde, mit denen er öfter zu tun gehabt hatte, allesamt nicht leiden, und er genoss es sichtlich, sich möglichst dumm zu stellen, seine Schwerhörigkeit vorzuschieben, um auch noch ein drittes Mal nachzufragen, jede Frage des Behördenvertreters völlig misszuverstehen und dessen Namen permanent falsch auszusprechen. Als der Beamte sich frustriert zu einer unbedachten Bemerkung hinreißen ließ und der Richter ihn ermahnte, er verkenne offenbar seine Rolle im Verfahren und möge doch bitte die Füße stillhalten, war das für meinen Vater, wie er es später selbst formulierte, ein innerer Reichsparteitag. Wir bekamen Recht, unter anderem, weil auch der Kollege des fraglichen Beamten aussagte, bei der gemeinsam durchgeführten Kontrolle nichts von dem gesehen zu haben, was sein Kollege mir vorwarf. Alles in allem stand das Ordnungsamt reichlich dumm da.
Nach der Verhandlung fuhr mein Vater mich noch zum Bahnhof. Nachdem er damit fertig war, sich über das Ordnungsamt lustig zu machen, begeisterte er sich noch ein bisschen über den winzigen Wendekreis seines neuen Autos, und wir verabschiedeten uns.

Am folgenden Montag, also heute vor genau zwei Jahren, rief mich eine Mitarbeiterin aus einer Besprechung mit unserer QM-Beraterin und zwei Auditoren. Es seien zwei Polizisten da, die mit mir sprechen wollten. Ohje, dachte ich, was denn nun, und entschuldigte mich.

Die beiden Polizisten fragten mich, ob der Wagen mit dem Kennzeichen mir gehöre. Ja, sagte ich. Ob ich wisse, wer den Wagen gestern Nacht gefahren sei. Ich zögerte. Mein Vater fuhr sein Leben lang unfallfrei, aber weder beim Autofahren noch sonst wo ließ er sich gerne Vorschriften machen. Er hatte so viele Punkte angesammelt, dass er vor einiger Zeit ein Aufbauseminar hatte absolvieren müssen. Ich wollte nicht voreilig etwas sagen, was seinen Führerschein gefährdete und mauerte deshalb. Ich wisse das nicht so genau, da müsse ich nachfragen, der Wagen stehe zurzeit zu Hause bei meiner Familie. Worum es denn gehe, fragte ich.
„Der Fahrer des Wagens ist in der letzten Nacht tödlich verunglückt“, sagte einer der Polizisten.
„Oh“, sagte ich.

Mein Verhältnis zu meinem Vater war ziemlich schwierig. Na gut, wessen nicht. Aber es war wirklich ziemlich schwierig. Ich will hier darauf verzichten, in Details zu gehen, de mortuis und so, aber zeitweise führte er sich auf wie der letzte Mensch. Insofern ist es vielleicht gut, dass meine letzte Erinnerung an ihn eine angenehme ist, auch wenn man sich gewiss bedeutungsvollere letzte Begegnungen mit seinem Vater vorstellen kann.

Ich habe seitdem ein paar Mal von ihm geträumt. Merkwürdigerweise weiß ich in den Träumen immer, dass er eigentlich tot ist, und merkwürdigerweise spreche ich mit ihm immer nur über geschäftliche Dinge. Ich erzähle ihm etwas, und er gibt mir seinen Rat dazu. Er macht das ziemlich gut, und es sind nette Gespräche, aber manchmal wünschte ich, wir könnten uns genauso gut über die wirklich wichtigen Dinge unterhalten. In der Hinsicht hat sich eigentlich nicht viel geändert.

14 Responses to Mein Vater

  1. ruediger sagt:

    Auch wenn das Verhältnis zum Vater schwierig war, bringe ich mein Beileid zum Ausdruck.

    OT: Es ist für mich mit das Schlimmst überhaupt, sich mit seinen Eltern so zu verkrachen, wie ich es mit meinem Erzeuger habe. Lange und böse Geschichte. Wir haben uns seit 25 Jahren nicht mehr gesehen. Nun ja, hoffentlich mache ich es bei der besten Tochter von allen am Ende besser.

  2. DennyCrane sagt:

    Ich schließe mich ruediger an: Mein Beileid Muriel.
    In der Hinsicht scheine ich Glück zu haben. Das Verhältnis zu meinem Vater ist sehr gut. Sicher wird hin und wieder kritisiert, und auch noch in einer Art und Weise, die man schnell falsch verstehen kann. Aber einige intensivere Gespräche, vorallem bei feuchtfröhlichen Feiern, zeigten mir, was wirklich in ihm vorgeht. Daher weiß ich, dass er im Grunde immer nur das Beste für mich wollte. Und ich denke – oder hoffe – dass das der Großteil aller Väter gemeinsam haben.

  3. axeage sagt:

    Einen Sohn-Vater-Content, den ich Anfang dieses Jahres geschrieben habe, darf ich an dieser Stelle auch beisteuern.
    Hier nachzulesen.
    Mein alter Herr lebt zwar noch, aber ich fürchte, es geht langsam mit ihm zu Ende. Übernächste Woche muss er operiert werden und ich weiß nicht, ob er das gut überstehen wird. Operiert wird er an der Prostata, die Ärzte vermuten aber aufgrund seiner Blutarmut Magen- oder Darmkrebs. Aber Vater lässt sich diesbezüglich nicht untersuchen. „Ich will es gar nicht wissen“, hat er gesagt und „diese Sache“ für beendet erklärt.
    Ich stell‘ mich jedenfalls auf einen äußerst schwierigen Abschied ein und auch wenn es hart klingt, ein Überraschungstod wie Du ihn erlebt hast, ist zwar im ersten Moment schockierend, aber es bleibt doch für immer diese letzte, angenehme Erinnerung an ihn.

  4. makro sagt:

    wow. Sehr persönlich. Gefällt mir sehr.

  5. Oliver sagt:

    Ich kann dieses Bedürfnis als Restsehnsucht nachvollziehen. Ich kenne auch wenige, die damit abgeschlossen haben. Selbst wenn man den Kontakt abbricht, erreicht man im Grunde nichts.
    Mein Vater und ich haben mal geredet, auf meine Initiative hin. Mal geredet, sage ich bewusst, weil wir es ca. 28 Jahre wirklich nicht gemacht hatten. Das Glück war, dass es irgendwie doch ging.

  6. Ein rührender Text, danke.

  7. quadratmeter sagt:

    Ein sehr persönlicher und berührender Text. Danke.

  8. Salomea sagt:

    Danke. Ich kann emotional ein Stück mitgehen und bin dankbar, dass ich das darf. Vieles was in meiner Familie dafür gesorgt hat, dass alles gekommen ist wie es kam hatte zu tun mit: einen Auto – einem Unfall mit diesem Auto – meinem Vater in diesem Auto bei diesem Unfall.

    Danke.

  9. Muriel sagt:

    Euch allen vielen Dank für die freundlichen und offenen Kommentare. Ich freue mich, dass der Text euch offenbar ein bisschen angesprochen hat.

  10. theomix sagt:

    Der Text geht nicht mit den Gefühlen hausieren, gerade deshalb berührt er mich sehr. Er ist sehr ehrlich, was dann die letzten beiden Absätze belegen.

  11. Citizen Kane sagt:

    Das war mit meinem Vater genauso: Auf einer sachlichen Basis funktionierte unser Verhältnis sehr gut. Er hat auch immer alles getan, um mich materiell zu unterstützen. Ich weiß das sehr zu schätzen, obwohl ich die meist nur angedeutete Erwartung, mich dafür erkenntlich zu zeigen, als große Bürde empfand.
    Eine emotional-persönliche Ebene war dagegen nicht vorhanden. Das habe ich bisweilen bedauert, mich im Laufe der Zeit aber ganz gut damit arrangiert und nicht mehr versucht, es zu ändern.
    Ich glaube, dass viele Männer der nunmehr mittleren Generation diese Erfahrung gemacht haben.

  12. K sagt:

    Auch von meiner Seite: vielen Dank, dass ich an dieser Geschichte teilhaben durfte.

    Sie laesst mit offenen Fragen zurueck und es bleibt ein wehmuetiges Schmunzeln. Darueber, wie sehr er Dir euer letztes Treffen versuesst hat.

    Mensch-sein ist manchmal so menschlich komisch.

  13. […] Mein Vater hat sich gelegentlich gewünscht, dass in seiner Todesanzeige stehen sollte: „Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er mit dem Graben von unterirdischen Gängen.“ Im Nachhinein finde ich es ein bisschen schade, dass ihm niemand diesen Wunsch erfüllt hat. […]

  14. […] schraube seit längerer Zeit immer mal wieder an einem Beitrag über meinen verstorbenen Vater, aber das ist gar nicht so einfach. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich jedenfalls hatte […]

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: