Nimmermehr (28)

So, das war eine ganze Menge Arbeit. Zum Ende hin fasern meine Geschichten immer ein bisschen aus, und es war ziemlich mühsam, die 28. Szene wieder ordentlich zu bündeln. Ich hoffe, dass es uns zu eurer Zufriedenheit gelungen ist. (Keoni hat mir sehr geholfen. Dankeschön!)

Kurz zusammengefasst haben wir im ersten Teil eine junge Dame kennen gelernt, die an einem norwegischen Fjord wohnt und offenkundig unter ernst zu nehmenden psychischen Beschwerden leidet. Diese junge Dame bekam in der ersten Szene einen Anruf von Clarence und musste sich auf den Weg machen, um etwas für ihn zu erledigen. Sie bekommt später auch einen Namen, aber noch kennen wir den nicht.
Der zweite Teil stellte uns Sonia vor, eine junge Journalistin, die zurzeit nicht ganz freiwillig ihren Bruder bei sich beherbergt und einen geheimnisvollen Anruf bekommen hat, in dem ihr eine große Verschwörungsgeschichte angekündigt wurde.
Im dritten Teil waren wir dabei, als eine junge Frau, die der Fjordbewohnerin des ersten Teils kein bisschen ähnelte, in Oslo ein Flugzeug nach Deutschland bestieg, auf dem Weg nach Hamburg. 
Im vierten Teil kam Sonia ihrer Verschwörung näher, und zum Schluss stellte sie fest, dass die geheimnisvolle Anruferin den Mord an einem ehemaligen Hamburger Bürgermeister und seiner Familie vorhergesagt hatte.
Im fünften Teil sahen wir einer kinderlieben jungen Frau in einem Hamburger Hotelzimmer dabei zu, wie sie erschöpft auf ihrem Bett lag und sich an ihr hartes Tagwerk erinnerte, das ziemlich direkt mit dem vorhin erwähnten Mord zusammenhängt.
Der sechste Teil führt uns nach Afrika, wo wir einen neuen Mitarbeiter des Unternehmens Discordia, Incorporated, beim Beginn seines ersten Arbeitstages begleiten.
Im siebten Teil fährt Sonia zur Arbeit, frohen Mutes und bereit, sich in die Recherche für die Story ihres Lebens zu stürzen.
Die junge Frau hat im achten Teil noch eine PSP zu retten, zwei Überraschungseier zu essen, einen kleinen Auftrag zu erledigen und einen Kater zu beerdigen, bevor sie sich schließlich auf den Weg zu Sonia macht.
Sonia und die junge Frau, die uns nun endlich verrät, dass wir sie Lenore nennen dürfen, treffen im neunten Teil aufeinander, doch als Lenore siche gerade ernsthaft an die Arbeit machen will, taucht ein unterwartetes – und ein wenig absurdes – Hindernis auf.
Im zehnten Teil gibt es ein leider sehr kurzes Wiedersehen mit Kristina und Lenore und Sonia werden aus ihrer prekären Lage befreit.
Sonia gelingt im elften Teil die Flucht – gewissermaßen -, und wir lernen Clarence endlich mal persönlich kennen.
Lenores Tag hat eine ungute Wendung genommen, aber im zwölften Teil sieht sie schon wieder ein bisschen Licht.
Im dreizehnten Teil lernen wir Sonias Chef ein bisschen besser kennen, und er wiederum hat das zweifelhafte Vergnügen, Lenores Bekanntschaft zu machen.
Im vierzehnten Teil nimmt besagte Bekanntschaft ihren Lauf und kein gutes Ende.
Der fünfzehnte Teil führt uns nach Afrika. Wir besuchen Philippe, Kira und Clarence, aber es gibt leider keinen Tee und keine Kekse. Außerdem begleiten wir Sonias Bruder Marten zu seinem Lieblingsdealer.
Im sechzehnten Teil tritt mit Jan Hauptmann ein neuer Mitspieler auf, von dem wir erstmal nicht viel mehr erfahren, als dass er zum Thema Sauberkeit und Ordnung geteilter Meinung ist. Lenore erwacht aus einem langen, tiefen Schlaf, ohne sich besonders erholt zu fühlen. Trotzdem weiß sie nun, was sie zu tun hat.
Im siebzehnten Teil erwacht Sonia aus tiefem Schlaf und beginnt, sich mit dem Raum vertraut zu machen, in dem sie gefangen ist.
Der achtzehnte Teil führt Lenore zunächst in die Wohnung des Müsli essenden Drogendealers Pedro und dann per Taxi zu dem Haus, in dem sie Sonias Bruder Marten vermutet.
Sonia lernt im neunzehnten Teil ihren Entführer kennen und erfährt mehr über die Hintergründe dessen, was ihr widerfahren ist, während Lenore bei der Suche nach Marten die Hölle auf Erden erlebt.
Im zwanzigsten Teil zahlt sich Lenores Leiden aus, und Clarence und Kira führen ein problemorientiertes Gespräch.
Konstantin Klaus und Jan Hauptmann stellen im einundzwanzigsten Teil fest, dass sie nicht gut miteinander auskommen, und Lenore besucht mit Marten und ihrem Taxifahrer das etwas andere Restaurant.
Der zweiundzwanzigste Teil war ein bisschen albern, aber trotzdem lehrreich: Kira und Clarence brachten euch was Spannendes über Leichen bei, und Lenore hat für Marten gekocht.
Im 23. Teil bekam Sonia ihr Abendessen serviert und plauderte dabei noch ein bisschen mit ihrem Entführer, während Lenore Marten auf dem Weg zu Sonias Wohnung zu motivieren versuchte.
Die Wirkung ihres kleinen Motivationsseminars sehen wir im 24. Teil, außerdem entdeckt Lenore eine Spur, die sie zu Sonia führen könnte.
Im 25. Kapitel besucht Kira Mkoba, und sie bringt ein ungewöhnliches Mordwerkzeug mit, während Jan Hauptmann und Konstantin Klaus Lenores jüngsten Tatort begutachten.
Von dort aus fahren sie zu Frau Trautwein, die sie im 26. Kapitel als Zeugin vernehmen, und Philippe wird von Kira wieder auf freien Fuß gesetzt, nachdem seine Unschuld erwiesen ist. Er bekommt einen Obstkorb und eine Karte.
Im 27. Kapitel besucht Lenore den Waffenhändler ihres Vertrauens, um sich für Sonias Befreiung einzudecken, und überrascht danach ein paar kleine Pfadfinder.

Die ganze Geschichte findet ihr auf der Geschichten-Seite, wo sie ja auch ohne jeden Zweifel hingehört.

Sonia ging die Treppe hinauf zu ihrem Zimmer. Auf der vorletzten Stufe blieb sie stehen, lehnte sich mit geschlossenen Augen an das Geländer und seufzte.
Maas hatte ihr versprochen, dass sie morgen gehen konnte. Sie hatte ihnen alles erzählt, was sie wusste. Morgen um diese Zeit konnte sie wieder zu Hause sein. Konnte sie weiterleben. Dann wäre alles vorbei. Sie lächelte, als sie daran dachte, dass sie ihren Freunden einiges zu erklären hatte. Mesut war sicher verrückt vor Sorge. Und ihre Eltern. Vielleicht fahndete die Polizei nach ihr. Vielleicht hatte sogar Marten mitbekommen, dass irgendwas nicht stimmte. Wahrscheinlich heute morgen, als er versucht hatte, sie wieder anzupumpen. Sie lachte leise. Sie war eine Geisel gewesen, von einem Killer bedroht worden, entkommen, dann wieder entführt worden und hatte einer Gruppe von Untergrundkämpfern geholfen, einen Schlag gegen eine andere zu führen.
Sie hatte ein richtiges Abenteuer erlebt, und in gewisser Weise freute sie sich darauf, davon zu erzählen. Nicht nur weil sie die Gesichter ihrer Freunde sehen wollte, sondern auch, weil sie es kaum erwarten konnte, auf dieses ganze Drama zurückzublicken und darüber zu lachen.
Sie öffnete die Augen wieder und blickte auf die Tapete mit dem dunkelgrünen Blattmuster. Es war ein hübsches Muster.
Eine Explosion erschütterte das Haus. Sonia hörte ein gewaltiges Krachen, das ein schrilles Klingeln in ihren Ohren zurückließ. Der Fußboden bebte unter ihren Füßen und das Geländer an ihrer Hüfte. Durch das Klingeln hindurch hörte sie knallende Geräusche – weitere Explosionen, Schüsse? -, Schreie, Rufe, und ein neues, gemächlicheres Krachen, vielleicht ein Teil des Gebäudes, der zusammenbrach.
Kouhei kam den Flur entlang auf sie zu gelaufen. Er beugte sich vor, nah an ihr rechtes Ohr, und rief:
„Bitte gehen Sie in Ihr Zimmer und schließen Sie die Tür.“
„Was ist denn…“ begann Sonia, aber er kümmerte sich nicht mehr um sie, rannte die Treppe hinunter und verschwand.
Sie blieb einen Moment lang verunsichert stehen, bevor sie mit klopfendem Herzen den Flur entlang zur Tür ihres Zimmers eilte, hineinhuschte und mit zitternden Fingern die Tür hinter sich verschloss. Eine kalte Hand packte Sonias Herz, als sie sich umdrehte und die schwarz vermummte Gestalt auf ihrem Bett sitzen sah. Das einzige, was aus der schwarzen Skimaske hervorschaute, war ein Paar grüner Augen. Lenores Augen.
Sonia wollte schreien, aber die Furcht schnürte ihre Kehle zu. Sie wirbelte herum, um zu fliehen, drückte die Klinke herunter, warf sich gegen die Tür – und erinnerte sich im selben Moment daran, dass sie die gerade eben noch verschlossen hatte. Als sie gerade nach dem Schlüssel greifen wollte, presste sich eine in einen schwarzen Lederhandschuh gekleidete Hand auf ihren Mund, und Lenore verdrehte ihren rechten Arm in einem Polizeihaltegriff hinter ihrem Rücken.
„Hallo Sonia“, sagte sie in fröhlichem Plauderton. „Finden Sie, dass ich in diesem Ding fett aussehe?“
„Mmmm?“ Sonia wusste selbst nicht genau, was sie mit diesem Laut ausdrücken wollte, aber es war ohnehin das einzige, was sie mit Lenores Hand vor ihrem Mund herausbringen konnte.
„Ist aber unglaublich bequem, sollte man gar nicht glauben. Freuen Sie sich, mich zu sehen?“
Sonia erschauerte, als sie sich daran erinnerte, unter welchen Umständen sie diese Frage zuletzt gehört hatte. Lenore hatte das Mädchen im Keller das Gleiche gefragt. Sie schüttelte heftig den Kopf, und Lenore lachte.
„Das ist aber schade; denn wissen Sie, ich bin sehr froh, Sie zu sehen.“
Sie verdrehte den Arm ein Stück weiter, so dass es anfing weh zu tun.
„Sie würden nicht schreien, wenn ich meine Hand da wegnähme, oder?“
Sonia schüttelte den Kopf.
„Gut. Das ist sehr vernünftig von Ihnen.“
Lenore nahm die behandschuhte Hand von ihrem Mund und tastete sie ab.
„Die anderen waren offenbar gründlicher als ich. Gut.“
„Was?“
Die Gedanken rasten in Sonias Kopf. Was war geschehen? Es hatte eine Explosion gegeben, und jetzt war Lenore in ihrem Zimmer. Sie würde also doch sterben. Aber warum war sie noch nicht tot? Warum hatte Lenore sie nicht gleich umgebracht? Sonia bekam gar nicht richtig mit, als Lenore sagte:
„Die Lage ist offenbar komplizierter, als wir ursprünglich angenommen haben.“
„Was?“
Sie hatte die Worte gehört, aber nur als ein Gemurmel im Hintergrund, wie einen fröhlichen Wasserfall oder so.
„Ich werde Sie nicht umbringen“, flüsterte Lenore in ihr Ohr. Sie ließ Sonia los und trat einen Schritt zurück.
Sonia drehte sich um, sodass sie sie sehen konnte. „Was? Aber…“
„Wissen Sie eigentlich, was mit Leuten passiert, die dauernd ‚Was?’ sagen?“
„Wa… Woher weiß ich, dass das stimmt?“
Lenore zuckte ihre Schultern und lächelte.
„Das wissen Sie nicht. Ich weiß das selbst noch nicht so ganz genau, ich muss es mir noch überlegen. Aber es ist Ihre einzige Hoffnung, deswegen sollten Sie’s besser glauben.“
Das Argument hatte einiges für sich. Es war schließlich nicht so, als hätte sie irgendeine Wahl. Vielleicht würde ihr ja später sogar wieder die Flucht gelingen.
Lenore fixierte sie mit ihren grasgrünen Augen. Sonia konnte ihrem Blick nicht lange standhalten. Sie hatte einmal irgendwo gelesen, dass Tiere Menschen nicht in die Augen sehen, weil sie darin etwas sehen, was sie beunruhigt. Etwas Fremdartiges, das sie nicht verstehen. Sie konnte das nachempfinden.
„Bitte versuchen Sie nicht noch mal so einen blöden Scherz wie beim letzten Mal, ja? Ich würde Ihnen das diesmal wirklich übel nehmen.“
Sie fügte keine Drohung hinzu, aber Sonia konnte sie in ihrem Tonfall mitschwingen hören.
Sie nickte.
„Fein. Dann gehen Sie jetzt bitte vor, dort durch das Fenster, und dann die Strickleiter hinab. Wir wollen den anderen nicht zu viel Zeit lassen, mir auf die Schliche zu kommen.“
Sonia kletterte die Strickleiter hinunter in den Garten und ließ sich von Lenore durch Büsche und Bäume zu einem Loch im Zaun zum Nachbargrundstück führen. Ein Zelt stand unter einem Baum, die Klappe verschlossen, aber Sonia war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um darüber nachzudenken.
Kouhei hatte ihr eine der kleinen weißen Kapseln gegeben und sie gewarnt, dass sie sehr gefährlich waren. Das Ding war zu klein, als dass Lenore es beim Abtasten hätte finden können, deswegen steckte es immer noch in der Brusttasche von Sonias Bluse. Es war einerseits eine potentiell sehr mächtige Waffe, aber andererseits brauchte Sonia jetzt eine Gelegenheit, diese Waffe einzusetzen. Ob Lenore sich von ihr einen Cocktail ausgeben lassen würde?
„Geht es ein bisschen schneller?“ fragte Lenore, während sie die Skimaske abnahm und einsteckte. „Ich wäre gerne hier weg, bevor die Polizei auftaucht.“
Sie führte Sonia durch eine kleine Pforte von dem Nachbargrundstück und dann kleine, verschlungene Pfade entlang bis zu einer Nebenstraße, in der ein unauffälliger Kleinwagen parkte. Sie öffnete die Beifahrertür, schob Sonia hinein und setzte sich selbst auf den Fahrersitz.
Sie griff über Sonias Beine ins Handschuhfach, um zwei Milky-Way-Riegel daraus hervorzuziehen. Sie packte den ersten aus und schob ihn sich ganz in den Mund. Sie kaute ein paar Mal und packte währenddessen den zweiten aus. Sie schluckte und verschlang den zweiten Riegel in der gleichen Geschwindigkeit. Sie schien sie gar nicht richtig zu kauen, sondern sie nur schnell so zu deformieren, dass sie durch ihren Hals passten. Sie seufzte zufrieden und ließ den Motor an, blinkte, schaute über ihre linke Schulter und fuhr auf die Straße.
„Ich sollte jetzt wohl allmählich entscheiden, was ich mit Ihnen mache“, sagte sie nach einer Weile.
In der Stille des fahrenden Wagens dachte Sonia kurz daran, Hunger vorzutäuschen und Lenore zu fragen, ob sie nicht irgendwo anhalten konnten, um etwas zu essen. Sie verwarf den Gedanken sofort. Es wäre zu offensichtlich gewesen. Sie musste einfach auf ihre Gelegenheit warten.
Glücklicherweise gab es noch eine andere Frage, die sie fast genauso sehr beschäftigte:
„Was ist denn überhaupt los? Warum wollen Sie mich plötzlich nicht mehr töten?“
Lenore seufzte.
„Ich glaube, ich kann Sie noch gebrauchen. Sie wissen ein paar Dinge. Maas ist mit ein bisschen Glück vielleicht erledigt, aber wir wüssten trotzdem gerne noch ein bisschen mehr darüber, wie es zu diesem ganzen Schlamassel gekommen ist.“
„Maas ist tot?“
„Wahrscheinlich nicht. Ich hätte die ganze Mission riskiert, wenn ich mich mit dem Sprengsatz nah genug an sein Schlafzimmer gewagt hätte, um ihn zu kriegen. Ich bin hungrig, und wir haben sowieso Zeit. Was mögen Sie?“
Was sie mochte. Es fiel Sonia auch in alltäglichen Situationen nicht besonders leicht, ein Restaurant auszuwählen. Entführt zu werden und mit einer offenkundig Wahnsinnigen über Gründe für und gegen einen Mord an ihr selbst zu parlieren steigerte ihre Entschlussfreude nicht besonders. Im Gegenteil. Andererseits spürte sie eine irrationale Angst, sie würde eine Chance verpassen, wenn sie nicht zügig antwortete. Als würde Lenore sich plötzlich doch noch dagegen entscheiden, essen zu gehen, bloß weil ihr nicht auf Anhieb ein Restaurant einfiel.
„Wer zahlt denn?“ eröffnete sie die Verhandlungen schließlich mit einem tapferen Versuch zu scherzen.
Lenore ging darauf ein.
„Clarence“, erwiderte sie mit einem breiten, zahnigen Grinsen. „Wir haben eine Abmachung; ich nörgle nicht an seinen Abschusslisten herum, und er nicht an meinen Spesenabrechnungen.“
„Dann vielleicht im Jacob? Da war ich noch nie.“
Ein bekanntes teures Restaurant an der Elbchaussee. War für Sonia immer der Inbegriff des unbezahlbaren Luxus gewesen.
Lenore seufzte, allerdings ohne echte Schwermut.
„Eigentlich nicht mein Stil. Aber ich habe gefragt.“
Nach einigen Sekunden des Schweigens murmelte sie, möglicherweise nur an sich selbst gerichtet: „Andererseits ist es nicht besonders anonym. Vielleicht versprechen Sie sich etwas von Ihrer Auswahl?“
„Nur ein Essen, das ich mir sonst nicht leisten könnte“, erwiderte Sonia beinahe aufrichtig.
Lenore zauderte noch ein bisschen, aber wenig später betraten sie das Restaurant Jacob. Das Grundstück, auf dem Maas Sonia gefangen gehalten hatte, war nicht weit entfernt gewesen. Vielleicht hatte Lenore deshalb so schnell zugestimmt. Sie hatte nicht einmal ihre Kleidung gewechselt. Lediglich ihre sichtbaren Waffen hatte sie abgelegt. Mit dem schwarzen Rollkragenpullover und der passenden schwarzen Hose konnte sie genauso gut als depressive Künstlerin durchgehen wie als nächtliche Fassadenkletterin.
Obwohl die Kellner sie mit tadelloser professioneller Höflichkeit begrüßten, zu einem Tisch führten und ihnen die Karten überreichten, fühlte Sonia sich ein wenig unwohl in der elitären Atmosphäre des Spitzenrestaurants. Sie rechnete fortwährend mit schiefen Blicken, die nicht kamen, und obwohl die meisten anderen Gäste zwar teurer aber nicht unbedingt geschmackvoller gekleidet waren als sie selbst, befreite sie nicht von dem Gefühl, dass man heimlich über sie lachte.
Während sie die Karte las, musste sie wegen der Preise immer wieder unangebrachte Überreaktionen wie Hustenanfälle und Gelächter unterdrücken, und schließlich orderte sie das Abendmenü einschließlich passenden Weins für 180 Euro. Lenore bestellte à la carte und rasselte ziemlich routiniert die teils deutschen, teils französischen Namen ihrer acht Gänge herunter, ohne nur ein einziges Wort ablesen zu müssen. Ein gutes Gedächtnis war in ihrem Beruf sicher wichtig. Ebenso wie soziale Anpassungsfähigkeit.
Zwischen Sonias konfierter Vierländer Entenkeule und dem Hirschkalbsrücken mit Pfefferjus beziehungsweise unmittelbar nach Lenores Bretonischem Rochenflügel begann sie, ernsthaft an ihrem Plan zu zweifeln. Im Auto war es ihr noch durchaus erstrebenswert erschienen, aber je weiter sich die Situation dahingehend entwickelte, dass sie Lenore tatsächlich töten würde, desto mehr schwand ihre Mordlust. Es lag vielleicht an dem leckeren Essen und der beruhigenden Musik, aber wahrscheinlich war sie einfach ein Feigling.
Leise hörte Sonia das Summen eines Vibrationsalarms. Lenore zog ein Mobiltelefon aus ihrer Tasche – und ließ es fallen. Sie starrte kurz auf die krampfartig zuckenden Finger ihrer rechten Hand, um sie dann hastig in ihrer Tasche zu verstecken.
„Fuck!“ zischte sie, während sie sich unter den Tisch beugte, um mit der Linken das Telefon aufzuheben, das dort immer noch vor sich hin vibrierte.
Sonia schluckte. Ihr wurde heiß. Und dann kalt. Schweiß trat auf ihre Stirn, und ihre Handflächen wurden feucht. Dennoch glitt ihre Hand, als wäre sie gar nicht unter ihrer bewussten Kontrolle, in ihre Hosentasche und zog die kleine weiße Tablette hervor, die Kouhei ihr gegeben hatte. Sonia spürte, wie ihr Atem schneller ging und ihre Kehle sich zuschnürte. Es konnte schief gehen. Aber dies war ihre Gelegenheit, und es war eine viel bessere, als sie zu hoffen gewagt hatte. Es war keine Zeit, darüber nachzudenken.
Sie ließ die Kapsel in Lenores Glas fallen. Lenore trank Bitter Lemon. Noch so ein glücklicher Zufall. In der trüben Brühe konnte man unmöglich das feine Pulver ausmachen, zu dem die kleine Tablette sofort zerfiel. Als Lenore wenige Sekunden später wieder auftauchte, hätte auch Sherlock Holmes keinen Unterschied mehr bemerkt.

„Ja?“, meldete sie sich. „Äh… Das ist jetzt schlecht.“ „Wie, eilig? Hat sie denn gesagt, worum es geht?“
Einige der anderen Gäste begannen, ihr tadelnde Blicke zuzuwerfen.
Lenore verdrehte die Augen und seufzte.
„Es geht gerade wirklich nicht, Philippe. Sagen Sie ihr bitte, dass ich zurückrufe, sobald ich kann.“
Sie legte ihr Telefon auf den Tisch, betrachtete es kurz lächelnd und sagte, halb an Sonia gewandt: „Meine Mutter. Sie wird immer völlig überdreht, wenn sie einen Geburtstag plant.“
Sie griff nach ihrem Glas und nahm einen tiefen Schluck. Sonia sog scharf Luft ein und spürte, wie sie zu zittern begann.
Ihr wurde klar, dass sie Lenore mit bebenden Lippen und geweiteten Augen anstarrte. Und noch viel schlimmer, dass Lenore es im selben Augenblick auch bemerkte. Ihre grünen Augen verweilten einige Sekunden in Sonias Gesicht, um dann zu ihrem Teller zu zucken, dann zu ihrem Glas.
„Sie haben mich vergiftet, oder?“ hauchte sie.
Ihre Stimme zitterte ebenfalls, und aus ihrem Tonfall wie aus ihrer Mimik sprach entsetzliche Angst, die Sonia auf absurde Art berührte. Sie nickte sehr langsam.
Ein Schauer durchlief sichtbar Lenores ganzen Körper. Sonia stand langsam auf. Ihr Blick fiel auf Lenores Telefon auf dem Tisch. Ein kleines Motorola Razr V3. Sie hob es auf und steckte es ein. Sie konnte damit die Polizei rufen. Und vielleicht würde das Adressbuch wertvolle Informationen beinhalten. Selbst verwundert von ihrer Geistesgegenwart verharrte sie einen Moment am Tisch. Lenores linke Hand zuckte mit schlangenhafter Erst-hier-dann-dort-Geschwindigkeit zu Sonias Kragen. Mit überraschender Kraft zog Lenore sie am Stoff ihrer Bluse auf die Tischplatte hinab, sodass Sonias Kinn die weiße Tischdecke berührte. Sie konnte Lenores Gesicht aus dieser Position nicht erkennen.
„Sie denken, Sie haben es geschafft“, sagte Lenore mit ungewohnt müder Stimme.
Erst jetzt fiel Sonia auf, dass im Restaurant völlige Stille herrschte, gewiss weil alle gebannt das merkwürdige Schauspiel an ihrem Tisch beobachteten.
Lenore hatte einen Tisch in einer etwas abgelegenen Ecke ausgewählt, wo sie ein bisschen für sich waren, aber dennoch entging natürlich niemandem, was sich gerade abspielte.
„Sie denken, Sie sind entkommen“, raunte Lenore, noch immer leise aber mit immer mehr Dringlichkeit in der Stimme. „Sie denken, Sie werden einfach in Ihr Leben zurückkehren und das hier bald vergessen. Sie denken, Sie können jetzt einfach gehen und mich hier sterben lassen…“
Für drei Sekunden schwieg Lenore, und das einzige, was Sonia hören konnte, war das leise Husten eines anderen Gastes und ihr eigenes angestrengtes Atmen, weil Lenore sie noch immer in eine sehr schmerzhafte und völlig unnatürliche Haltung zwang.
„Sie haben NICHT!“ schrie Lenore plötzlich in die Stille hinein, jedes einzelne Wort betonend, mit so viel Leidenschaft und – Hass? Wut? Angst? – in der Stimme, dass Sonia sich fühlte, als hätte sie ihr in den Magen geboxt. Sie hörte andere Menschen im Restaurant erschrecken, hörte, wie jemand erschrocken nach Luft schnappte und wie ein Besteckteil zu Boden fiel.
„Sie sind NICHT!“ schrie Lenore, „Sie werden NICHT! Sie können NICHT!“
Eine kurze Pause, Sonia konnte nun auch Lenore keuchen hören, so sehr hatte sie sich mit ihren Worten verausgabt. Sie fragte sich, wann das verdammte Zeug endlich zu wirken anfangen würde, und ob Lenore genug getrunken hatte. Sie hätte sich selbst dafür in den Hintern treten können, dass sie ihre Mimik nicht besser kontrolliert hatte.
„Sie werden nicht“, sagte Lenore, jetzt wieder in normaler Gesprächslautstärke, aber noch immer jedes einzelne Wort betonend. „Sie sind nicht.“
Lenores Griff löste sich von Sonias Kragen so plötzlich wie er gekommen war. Sie umfasste die Tischplatte, stemmte sich nach oben und sah sich hilfesuchend um. Keine Spur von der Kraft und der Entschlossenheit, die sie gerade noch in der Stimme der Mörderin gehört hatte. Anscheinend war ihr zumindest klar geworden, dass sie dringendere Dinge zu tun hatte, als sich mit Sonia zu streiten.
Sonia drehte sich um und ging zum Ausgang. Hinter sich hörte sie das Klirren eines auf dem Boden zerspringenden Glases und dann Lenores mühsam beherrschte Stimme, die rief:
„Sonia, das wird Ihnen Leid tun!“ Dann nach einer Pause: „Ein Arzt! Ist ein Arzt hier? Ich brauche einen Arzt. Bitte, ich brauche dringend einen Arzt!“
Sonia öffnete die Tür und verließ das Restaurant Jacob. Mit einer äußeren Ruhe, die sie sich selbst nicht erklären konnte, stieg sie in eines der wartenden Taxis und ließ sich auf die Rückbank fallen.

Lesegruppenfragen:

  1. Hand auf’s Herz: Ist die Sache mit der Giftkapsel zu konstruiert, oder habt ihr mir das abgekauft?
  2. Fandet ihr Sonias Reaktionen glaubhaft, oder war sie zu unbeteiligt, oder vielleicht sogar zu emotional?
  3. War jemand von euch zufällig mal im Jacob? Ich noch nicht. Habe ich was falsch gemacht?
  4. Wie kommt euch Lenores Reaktion vor, als ihr klar wird, dass Sonia sie vergiftet hat? Übertrieben? Passend? Unsinnig, weil sie sich doch erst mal darum kümmern sollte, ihr Leben zu retten?

5 Responses to Nimmermehr (28)

  1. pampashase sagt:

    1. Das könnte ich mir so vorstellen.
    2. Das sie ihre Mimik nicht im Griff hat, ist in dieser stressigen Situation auch glaubhaft.
    3. Kenn ich überhaupt nicht.
    4. Ich hätte eher gedacht, sie versucht sie noch schnell mit ihrem Eßbesteck umzubringen vor Wut.

  2. fragmentjunkie sagt:

    Ich hoffe natürlich, dass Lenore jetzt wirklich tot ist. Ich merke gerade, um wie viel sich der Geschmack der Mandarine, die ich gerade esse, verbessert hat, allein schon beim Gedanken, dass es mit diesem /&%%&$stück zu Ende gehen könnte.

  3. Muriel sagt:

    @pampashase: Schön, dass du noch mitliest und jetzt sogar noch alle offenen Lesegruppenfragen quasi auf einmal beantwortet hast. Danke!
    @fragmentjunkie: Meine Güte, sie hat es dir aber wirklich angetan, was? Tut mir Leid, dass ich dich enttäuschen musste.

  4. madove sagt:

    1. Der ganze Vorgang ist glaubwürdig. Ich hätte eher Erklärungsbedarf, wie Sonias Entführer auf die Idee gekommen sind, ihr so ein Ding zu geben. Oder kam das irgendwo vor und ich hab nicht aufgepaßt?

    2. Fand ich sehr plausibel.

    3. Falsche Zielgruppe…

    4. Könnte ich mir schon vorstellen. Erst Wut und Entsetzen, dann eine sinnvole Reaktion. Ich hätte auch eher noch sowas wie Rache erwartet, aber das schmälert natürlich ihre Chancen, daß man ihr zu Hilfe kommt. Auf jeden Fall hoffe ich inständig und im Gegensatz zu fragmentjunkie, daß sie überlebt.

  5. Muriel sagt:

    @madove: 1. In der ersten Fassung hat sie die Kapsel einem toten Entführer abgenommen, das passte aber in diese Version nicht mehr. Wie es bei der nächsten Überarbeitung wird, weiß ich noch nicht genau. Deine Skepsis halte ich aber für berechtigt.

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