Yes, Virginia

„Lieber Muriel,
ich bin 8 Jahre alt.
Einige meiner kleinen Freunde sagen, es gebe keinen Weihnachtsmann.
Papa sagt: „Wenn es bei überschaubare Relevanz steht, dann ist es auch so.“
Bitte sag mir die Wahrheit: Gibt es einen Weihnachtsmann?“
Virginia O’Hanlon

Virginia, deine kleinen Freunde haben Unrecht. Sie haben sich beeinflussen lassen von pseudokonsumkritischem Gefasel und religiösem Firlefanz. Sie sehen nicht, was sie nicht glauben.

Manche Menschen können sich nicht vorstellen, etwas Gutes zu finden in dem, was nicht zu ihren kleingeistigen Überzeugungen passt. Ihnen gefällt nicht, wie andere das Weihnachtsfest feiern, und ihnen fällt darauf keine bessere Antwort ein, als an einem Namen und einem Symbol herumzumäkeln. Sie stören sich daran, dass Weihnachten ein Fest des Konsums sei, und glauben im Ernst, daran etwas ändern zu können, wenn sie einen jovialen, dicken Mann im rotweißen Mantel gegen einen etwas weniger jovialen und etwas weniger dicken Mann im Bischofsgewand eintauschen.

‚Wieso tauschen?‘ magst du dich jetzt vielleicht fragen, ‚Der Weihnachtsmann und der Nikolaus sind doch eigentlich das Gleiche, oder nicht?‘ Vielleicht ist es an der Zeit für eine kleine Begriffsklärung, um den Unterschied zwischen den beiden zu erläutern:

Der eine von ihnen ist eine Kunstfigur, ein Hohlkörper, der von profitgierigen Ausbeutern erfunden wurde, die vor nichts zurückschrecken, um ihrer rücksichtslosen Geschäftemacherei ein menschliches Antlitz zu verleihen. Er dient keinem anderen Zweck, als ahnungslosen Leuten ihr Geld aus den Taschen zu ziehen. Der andere ist der Weihnachtsmann.

Der Nikolaus zieht sich außerdem anders an. Das liegt daran, dass er einem mächtigen Funktionär einer Organisation nachempfunden ist, die den Menschen seit Jahrtausenden [Edit, 24. 11. 2009 um 23:20 mit Dank an theomix für den Hinweis] rund 2000 Jahren Lügen und falsche Hoffnung teuer verkauft. Diese Organisation stellt ihn heute gerne als Wohltäter dar, weil er einen kleinen Teil des ergaunerten Reichtums verschenkt haben soll.

Der wesentliche Unterschied besteht also darin, dass der Weihnachtsmann kein Kirchenmitglied ist und nicht danach strebt, Kinder näher zu Gott zu bringen. Das ist in Ordnung so. Wenn du nicht näher zu Gott willst, Virginia, dann hat niemand das Recht, dir etwas anderes einzureden.

Ja, Virginia, es gibt den Weihnachtsmann. Es gibt ihn so sicher, wie es Liebe, Großzügigkeit und Hingabe ganz ohne Religion gibt. Du weißt, dass es sie gibt, und dass man keinen Gott braucht, um sie zu fühlen, und sich von ihnen bereichern zu lassen.

Wie traurig wäre diese Welt ohne den Weihnachtsmann? Eine Welt, in der hübsche Ideen abgelehnt werden, weil sie nicht in die kirchliche Mythologie passen? Diese Welt wäre genauso trostlos wie eine Welt ohne Virginias.

Kein Weihnachtsmann! Pah! Er lebt, und er lebt für immer! Tausend Jahre, ach was, zehn mal zehntausend Jahre von heute an, wird er noch immer die Herzen von Kindern mit Freude füllen, und ihre Gläser mit einem süßen Erfrischungsgetränk.

Eine frohe Weihnacht, Virginia, feiere sie so kommerziell oder so romantisch, wie es dir gefällt.

Virginia? Hörst du noch zu? Nicht? Gut. Die Tante hier und ich haben nämlich gerade noch mal was zu besprechen: Frau Ruge, diesen Satz meinen Sie doch wohl nicht ernst, oder?

Wer einmal die glänzenden Augen von Kindern gesehen hat, wenn sie einen „echten“ Nikolaus mit Mitra und Bischofsstab erleben, der kann immerhin hoffen, dass diese Kinder sich nicht mehr mit dem Geschenkeonkel der Konsumindustrie zufrieden geben mögen.

Wollen Sie uns wirklich weismachen, Kinder ließen sich von einer Mitra und einem Bischofsstab begeistern, und das hätte dann irgendwas mit „innerem Reichtum“ zu tun? Machen Sie sich doch nicht lächerlich. Ach ja. Zu spät.

Advertisements

12 Responses to Yes, Virginia

  1. […] Hinterlasse einen Kommentar » Herr Muriel hat sich was zu Weihnachten überlegt. […]

  2. Tim sagt:

    Der Beitrag von Frau Ruge ist wirklich wunderbar. Noch glänzendere Augen bekommen Kinder übrigens beim Wort „Transsubstantiationslehre“.

  3. rundumkiel sagt:

    Äh, jetzt bin ich unsicher… gibt es IHN nun oder nicht? Konsum hin oder her, ich finde, was die Herzen der Menschen erreicht, das gibt es auch. Und das gilt für auch in Sachen Weihnachtsmann. Heidnisch oder nicht, wer jemals in die Augen von Eltern und Großeltern gesehen hat, wenn der Weihnachtsmann ihre Kinder und Enkel besucht, der weiß, was ich meine. Und der schöne Satz „Geben ist seeliger als Nehmen“ muss ja nicht gleich über Bord geworfen werden – er ist nämlich auch wichtig… findet rundumkiel…

  4. Arctica sagt:

    Oh Gott, wie ich diese Cola Werbung liebe ❤ und dieses Jahr seh ich sie garnicht, weil ich keinen Fernseher habe =(. Auf YouTube gucken ist ja irgendwie arm.
    Ich mochte übrigens den Nikolaus schon immer lieber als den Weihnachtsmann und bei mir gibts auch nur den Nikolaus. Der hat übrigens die gleichen Hausschuhe wie mein Vater. Nein, aber auch jetzt wo ich mit der Kirche nichts mehr am Hut habe finde ich es trotzdem wichtig die Ursprünge unserer Traditionen zu kennen (und komm mir jetzt keiner damit, dass Weihnachten eigentlich ein heidnisches Fest ist… ja, aber das ist nicht mehr weswegen es bei uns in Europa gefeiert wird!). Und es ist doch immer gut so einen Autoritätsmenschen, der die verzogenen Fratzen wenigstens die erste Dezemberwoche über mal ruhigstellt aus Respekt vor dem was da kommen mag. Ich fand die Idee immer nett, dass da einer sitzt und alles beobachtet was man tut und dann die braven belohnt. Der Weihnachtsmann schreit nur dumm hohoho und wirft jedem was hin. So ein richtig traditionelles Nikolaus mit Standpauke und Sack ist doch wenigstens ein Erlebnis. Und man darf gute Werte, die der Bischof versucht zu fördern, auch nicht mit der Kirche als Institution gleichsetzen. Was ist falsch daran Werte (bzw gutes Benehmen) vermitteln zu wollen? Ich glaube in den wenigsten Familien sagt der Nikolaus "und bete auch immer brav vor dem essen und schlafengehen und vergiss nicht dein Taschengeld Misereor zu spenden!"

  5. theomix sagt:

    Virginias Brief und die klassische Antwort aufzugreifen finde ich gelungen.
    Aber ob der Weihnachtsmann als Symbolfigur religionskritischer Aufklärung taugt?

    Ich bin beruhigt, dass Niki einer Organisation angehört, die „seit Jahrtausenden“ ihr Unwesen treibt. Dann kann ich mich ja beruhigt zurücklehnen, ich dachte du meintest den Verband, mit dem ich auch beruflich verbandelt bin, aber der fehlen zum Plural noch ein paar Jahrzehnte 😉
    Nein, du meinst den natürlich, weiß ich doch. Aber wenn du polemisiert oder maulst, machst du das Schwert der Argumentation stumpf, wenn du nicht exakt bist.
    „Lügen und falsche Hoffnng“ – na ja, letzteres ist noch nicht entschieden, und ersteres – na ja, ist dein Blog…

    Meine ernste Meinung ist: Ich habe nichts gegen Väter und andere Angehörige, die sich in den roten Mantel schmeißen und sich jahraus jahrein große Mühe geben, den Kindern eine Freude zu machen. Aber ähnlich wie Stollen und Lebkuchen im September geht mir die Kommerzialisierung auf die Nerven. Rührseligkeit religiöser Art ist jedoch auch nicht mein Ding.
    Da der Weihnachtsmann aus Nordamerika kommt, wird er sicher christlicher Herkunft sein. Da ich einen atheistischen Großvater mein Eigen nenne, kann ich dir zu entsprechender Festgestaltung sagen: Kein roter Mantel, keine Rentiere, erst recht kein Christkind. Schon gar nicht in den Liedern. Der Tannenbaum wurde besungen, und es gab Teller mit Süßigkeiten, und das Knickebein mochte niemand, aber es gab ihn jedes Jahr.
    Wobei ich meine, das Pampzeug hat ursächlich nichts mit der Weltanschauung zu tun.

  6. Muriel sagt:

    @rundumkiel: Die Antwort ist in der Überschrift.
    @Arctica: Mit diesem Problem hatte ich schon gerechnet. Natürlich hat jeder sein eigenes Bild vom Nikolaus und vom Weihnachtsmann. Ich kenne den Weihnachtsmann durchaus auch als einen Mann klarer Positionen. He’s making a list and checking it twice.
    @theomix: Danke für deinen Kommentar, der mir wieder sehr sympathisch ist und viel Wahres enthält.
    Über die Jahrtausende habe ich natürlich auch nachgedacht, fand sie aber in Anbetracht der Unsicherheit über den historischen Beginn der katholischen Kirche akzeptabel. Gut, die herrschende Meinung geht wohl von einer Kirchengründung um das Jahr 30 herum aus, aber das ist doch eigentlich auch nur eine Schätzung, oder?
    Was die falsche Hoffnung angeht: Da werden wir uns nicht einig. Aus meiner Sicht ist das eine Tatsache, wenn es überhaupt welche gibt.
    Dass der Weihnachtsmann keine atheistische Ikone ist, ist mir klar. Natürlich hat er einen christlichen Hintergrund. Aber immerhin gehört er nicht zur Kirche. Ich wäre wirklich dankbar, wenn jemand noch einen anderen Kritikpunkt nennen würde, den das Bonifatiuswerk an ihm findet. Mir ist keiner aufgefallen.
    Knickebein finde ich auch extrem eklig.

  7. Muriel sagt:

    @theomix: Manchmal ist es vielleicht besser, ein bisschen nachzudenken, bevor man antwortet. Ich habe die Jahrtausende jetzt doch geändert. Danke für die Korrektur!

  8. theomix sagt:

    😦 Das sieht natürlich jetzt so aus, als ob ich auch „Lügen usw.“ vorgeschlagen hätte. Aber wer lesen (UND interpretieren) kann, ist klar im Vorteil.

    Vor 20 oder 30 Jahren machte das Wortspiel die Runde: „Die Ware Weihnacht ist nicht die wahre Weihnacht“. Um das zu bejahen, ist eine religiöse Bindung nicht nötig.
    Aber das ist auch ein Anliegen der Niko-Aktion. Und in der Richtung unterstütze ich es.

    Danke für die Änderung. Jesus ist so um das Jahr 30 gestorben, danach setzt man die Gründunge einer „Kirche“ an. (Anfangs ja wohl eher einer „Fangruppe“…)
    Daher fände ich es ab 2030 legitim, wieder den ursprünglichen Text einzusetzen 😉 Auch wenn ich die Fortsetzung …, aber ich will mich nicht wiederholen.

  9. Muriel sagt:

    @theomix: Diese Missverständnismöglichkeit war mir gar nicht aufgefallen. Ich habe „rund 2000 Jahren“ jetzt verfettet, um es deutlicher zu machen.
    Vielleicht nehme ich auch noch mal zu dem Thema der „Ware Weihnacht“ Stellung. Mir geht es hier nicht darum, dass ich finde, Weihnachten müsse unbedingt ein kommerzielles Konsumfest sein, obwohl ich nichts dagegen habe, wenn jemand es nun mal so feiern will, ich muss ja nicht dabei sein.
    Ich finde aber die Idee absurd, dass man an der Kommerzialisierung von Weihnachten etwas ändern könnte, indem man den Weihnachtsmann abschafft. Und mich stört einfach dieses oft anzutreffende unreflektierte Gleichsetzen von Religion und Werten. Es gibt Werte ohne Religion, und wenn jemand Weihnachten gerne mit Batman als der Hauptfigur feiern will, dann ist das in meinen Augen auch nichts Schlechtes.

  10. Arctica sagt:

    Klar gibt es Werte ohne Religion. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass eine Religion eigentlich nur für die Menschen nötig ist, die ansonsten anscheinend keine Werte mitbekommen haben, sondern dafür Ge- und Verbote brauchen statt einen gesunden Menschenverstand über Dinge, die man lieber nicht tun sollte.
    Aber die Kirche hat nun mal die ältesten Rechte auf eine „gute“ Figur, die die Kinder mit Süßigkeiten belohnt, deshalb finde ich es doch etwas…doof die plötzlich durch Batman zu ersetzen (oder eben durch den Weihnachtsmann). Das ist dann irgendwie wie eine Coverversion. Und sowas finde ich in der Musik schon immer ziemlich langweilig.

  11. Muriel sagt:

    @Arctica: Naja, ich bin da nicht stolz drauf, aber ich mag „Unforgiven“ von Frau Heinzmann sehr gerne, wohingegen ich das von Metallica nicht hören kann.

  12. sayadin sagt:

    Ich habe meine Kinder seit Jahren nicht gesehen und wenn ich Weihnachtsgeschenke hinbringe lösst das einen Polizeieinsatz aus.
    Und ich liebe meine Kinder.
    Weihnachten ist für mich eine traurige Angelegenheit.

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: