BILD dir dein Interview

Kai Diekmann hat der FAZ ein Interview gegeben, in dem es vorrangig um die taz und seine Beziehung zu ihr geht. Auf den ersten Blick kommt er dabei einigermaßen sympathisch rüber und sagt eigentlich nichts, auf das ich direkt mit dem Finger zeigen und das ich mit „Da! Typisch BILD! Ich hab’s ja gewusst!“ kommentieren könnte.

Völlig in Ordnung ist sein Auftritt aber trotzdem nicht, und ich sehe auch gar nicht ein, dass Kai Diekmann irgendwas sagen darf, ohne dass ein Aufschrei der Empörung durch die deutschen Blogs geht. Seine Behauptung

„Statt wie geplant bis zum Jahresende den 9000. [taz-]Genossen gewinnen zu können, gibt es die ersten Abo-Kündigungen.“

klingt für mich erst einmal nach einer Verdrehung der Wahrheit und damit doch wieder BILD-typisch, mal ganz davon agesehen, dass sie grammatikalisch bis an die Grenze der Unverständlichkeit verhunzt ist. Leider habe ich nicht genug journalistische Ambition auf die Schnelle keine Möglichkeit gefunden, die Abonnentenzahlen der taz zu überprüfen, aber ganz unabhängig davon, wie die sich entwickeln, finde ich diesen Satz vergleichbar mit der These:

„Statt wie geplant bis zum Jahresende den CO2-Ausstoß um 10% reduzieren zu können, war der Sommer schon wieder ziemlich warm.“

Das Erste hängt nur lose mit dem Zweiten zusammen, und außerdem ist das Zweite völlig normal und eigentlich immer so.

Ebenfalls gewagt kommt mir die folgende Behauptung von Diekmann vor:

„Boulevard ist erfolgreich – wenn man ihn betreibt wie wir. Was die taz macht, ist allerdings Boulevard der siebziger Jahre, sozusagen die Eis-am-Stil-Phase: Sex und Zoten.“

Ähm… Ja. Bei BILD gibt es eben noch Angst, Hass und den Wetterbericht dazu. Dass man damit erfolgreicher ist, lässt sich wohl nicht bestreiten, aber noch so zu tun, als spiele man auf höherem Niveau, ist dreist. Und übrigens: Kann mir jemand mal sagen, warum Diekmann immer „Eis am Stil“ schreibt? Ist das ein Insider-Witz, den ich nicht verstehe?

Ich finde es verstörend, dass die FAZ sich für so ein plumpes Gefälligkeitsinterview hergibt. Nennt mich paranoid, aber nachdem ich das Interview nun dreimal gelesen habe, ist mir immer noch keine Möglichkeit aufgefallen, wie Diekmann es hätte besser machen können, wenn er das ganze Interview einfach alleine geschrieben hätte. Er hat damit Übung. Ich würde den entsprechenden Beitrag in seinem Blog verlinken, kann das aber nicht mit meinem Gewissen vereinbaren.

9 Responses to BILD dir dein Interview

  1. Salomea sagt:

    Ich habe das Interview nicht gelesen, das wäre für mich Zeitverschwendung, aber deinen letzten Satz würde ich unterschreiben. Gut, dass ich kein Salomea-als-Privatperson-Blog habe, da brauche mir das gar nicht zu überlegen. 😉

    Liebe Grüße

    PS. Mir fällt auf: Ich komme aus den Workshops, Lesungen und Seminaren und was hier nicht alles gerade abgeht – habe ungezählte Leute aus meiner Vergangenheit wieder getroffen -, bin totmüde, gucke nur damit ich sichergehen kann, dass ich definitiv nicht irgendwas Wichtiges verpasse in mein Postfach und bevor ich mich offline begebe gucke ich auf ein einziges Blog, und es ist nicht Sprach Werk Hand (was noch logisch wäre), sondern es ist deins. Was will mir mein Unterbewusstsein damit sagen???

  2. DeserTStorM sagt:

    Haha das klingt nach beleidigter Junge.

    Und von wegen Genossen – das ist ebenfalls eine Frechheit.

    Aber als Chef der Unterschichtenzeitung kann man wohl nicht anders.

    Kennst du die Werbespots die vergleichend zwischen Taz und Bild sind? Mal richtig geil, echt!

  3. rauskucker sagt:

    (Nur für Insider:)
    Er ist halt ein Mann ohne Stiel.

  4. Muriel sagt:

    @Salomea: Ich würde mir nich anmaßen wollen, dein Unterbewusstsein besser zu verstehen, als du selbst, aber ich fühle mich einfach mal leicht geschmeichelt.
    @DeserTStorm: Gib ma‘ taz?
    @rauskucker: Oho!

  5. Salomea sagt:

    Äh…ja, dann sag ich mal bitteschön

  6. sayadin sagt:

    Wer Dreck anfässt bekommt schmutzige Finger.
    Wenn man sich beruflich mit solchen Leuten beschäftigen muss ist das sicher was anderes.

    Wenn ich sensibel wäre, dann würde ich beim lesen der Bild sicher Ausschlag bekommen.
    Aber man muss es ja nicht lesen.

    Schlimmer als das fand ich den Betroffenheitsschleim der sich nach dem Tod von dem Enke über die Medien ergossen hat. Das fand ich wirklich ekelhaft.

    Man sollte einen Zug nach Robert Enke benennen.

  7. […] wieder. Überschaubare Relevanz hat aus streng geheimer Quelle das nächste Interview der FAZ (Überschaubare Relevanz berichtete) mit Kai Diekmann vorab ergattert, und jetzt veröffentliche ich es schnell, bevor es jemand anders […]

  8. […] der gleiche widerlich unkritische Schmacht ist, den ich inzwischen von dort gewohnt bin, kommentiere ich lieber nicht auch noch, der Schaum vor dem Mund wirkt auf die Kollegen hier im […]

  9. sayadin sagt:

    Ich finde den Kerl und seine Zeitung nur langweilig.

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