Nimmermehr (29)

So, jetzt ist es passiert, mir ist ein ärgerlicher Fehler unterlaufen. Im vorletzten Teil von Nimmermehr taucht so ein Junge namens Julian auf. Und mir ist nicht aufgefallen, dass der Junge, dessen PSP Lenore am Anfang rettet, auch schon Julian hieß. Das wäre wahrscheinlich nicht weiter schlimm, und ihr hättet es vielleicht auch gar nicht bemerkt, wenn dieser Julian vom Anfang in diesem Kapitel nicht wieder auftauchen würde. So wird es nun also ziemlich verwirrend, und ich muss euch zerknirscht darum bitten, einfach so zu tun, als hätte der Junge im Zelt gar nicht Julian geheißen, sondern… sagen wir, Felix. Ich korrigiere das dort auch noch bei nächster Gelegenheit.

Jetzt geht es aber erst einmal weiter mit dem 29. Teil von Nimmermehr:

Kurz zusammengefasst haben wir im ersten Teil eine junge Dame kennen gelernt, die an einem norwegischen Fjord wohnt und offenkundig unter ernst zu nehmenden psychischen Beschwerden leidet. Diese junge Dame bekam in der ersten Szene einen Anruf von Clarence und musste sich auf den Weg machen, um etwas für ihn zu erledigen. Sie bekommt später auch einen Namen, aber noch kennen wir den nicht.
Der zweite Teil stellte uns Sonia vor, eine junge Journalistin, die zurzeit nicht ganz freiwillig ihren Bruder bei sich beherbergt und einen geheimnisvollen Anruf bekommen hat, in dem ihr eine große Verschwörungsgeschichte angekündigt wurde.
Im dritten Teil waren wir dabei, als eine junge Frau, die der Fjordbewohnerin des ersten Teils kein bisschen ähnelte, in Oslo ein Flugzeug nach Deutschland bestieg, auf dem Weg nach Hamburg. 
Im vierten Teil kam Sonia ihrer Verschwörung näher, und zum Schluss stellte sie fest, dass die geheimnisvolle Anruferin den Mord an einem ehemaligen Hamburger Bürgermeister und seiner Familie vorhergesagt hatte.
Im fünften Teil sahen wir einer kinderlieben jungen Frau in einem Hamburger Hotelzimmer dabei zu, wie sie erschöpft auf ihrem Bett lag und sich an ihr hartes Tagwerk erinnerte, das ziemlich direkt mit dem vorhin erwähnten Mord zusammenhängt.
Der sechste Teil führt uns nach Afrika, wo wir einen neuen Mitarbeiter des Unternehmens Discordia, Incorporated, beim Beginn seines ersten Arbeitstages begleiten.
Im siebten Teil fährt Sonia zur Arbeit, frohen Mutes und bereit, sich in die Recherche für die Story ihres Lebens zu stürzen.
Die junge Frau hat im achten Teil noch eine PSP zu retten, zwei Überraschungseier zu essen, einen kleinen Auftrag zu erledigen und einen Kater zu beerdigen, bevor sie sich schließlich auf den Weg zu Sonia macht.
Sonia und die junge Frau, die uns nun endlich verrät, dass wir sie Lenore nennen dürfen, treffen im neunten Teil aufeinander, doch als Lenore siche gerade ernsthaft an die Arbeit machen will, taucht ein unterwartetes – und ein wenig absurdes – Hindernis auf.
Im zehnten Teil gibt es ein leider sehr kurzes Wiedersehen mit Kristina und Lenore und Sonia werden aus ihrer prekären Lage befreit.
Sonia gelingt im elften Teil die Flucht – gewissermaßen -, und wir lernen Clarence endlich mal persönlich kennen.
Lenores Tag hat eine ungute Wendung genommen, aber im zwölften Teil sieht sie schon wieder ein bisschen Licht.
Im dreizehnten Teil lernen wir Sonias Chef ein bisschen besser kennen, und er wiederum hat das zweifelhafte Vergnügen, Lenores Bekanntschaft zu machen.
Im vierzehnten Teil nimmt besagte Bekanntschaft ihren Lauf und kein gutes Ende.
Der fünfzehnte Teil führt uns nach Afrika. Wir besuchen Philippe, Kira und Clarence, aber es gibt leider keinen Tee und keine Kekse. Außerdem begleiten wir Sonias Bruder Marten zu seinem Lieblingsdealer.
Im sechzehnten Teil tritt mit Jan Hauptmann ein neuer Mitspieler auf, von dem wir erstmal nicht viel mehr erfahren, als dass er zum Thema Sauberkeit und Ordnung geteilter Meinung ist. Lenore erwacht aus einem langen, tiefen Schlaf, ohne sich besonders erholt zu fühlen. Trotzdem weiß sie nun, was sie zu tun hat.
Im siebzehnten Teil erwacht Sonia aus tiefem Schlaf und beginnt, sich mit dem Raum vertraut zu machen, in dem sie gefangen ist.
Der achtzehnte Teil führt Lenore zunächst in die Wohnung des Müsli essenden Drogendealers Pedro und dann per Taxi zu dem Haus, in dem sie Sonias Bruder Marten vermutet.
Sonia lernt im neunzehnten Teil ihren Entführer kennen und erfährt mehr über die Hintergründe dessen, was ihr widerfahren ist, während Lenore bei der Suche nach Marten die Hölle auf Erden erlebt.
Im zwanzigsten Teil zahlt sich Lenores Leiden aus, und Clarence und Kira führen ein problemorientiertes Gespräch.
Konstantin Klaus und Jan Hauptmann stellen im einundzwanzigsten Teil fest, dass sie nicht gut miteinander auskommen, und Lenore besucht mit Marten und ihrem Taxifahrer das etwas andere Restaurant.
Der zweiundzwanzigste Teil war ein bisschen albern, aber trotzdem lehrreich: Kira und Clarence brachten euch was Spannendes über Leichen bei, und Lenore hat für Marten gekocht.
Im 23. Teil bekam Sonia ihr Abendessen serviert und plauderte dabei noch ein bisschen mit ihrem Entführer, während Lenore Marten auf dem Weg zu Sonias Wohnung zu motivieren versuchte.
Die Wirkung ihres kleinen Motivationsseminars sehen wir im 24. Teil, außerdem entdeckt Lenore eine Spur, die sie zu Sonia führen könnte.
Im 25. Kapitel besucht Kira Mkoba, und sie bringt ein ungewöhnliches Mordwerkzeug mit, während Jan Hauptmann und Konstantin Klaus Lenores jüngsten Tatort begutachten.
Von dort aus fahren sie zu Frau Trautwein, die sie im 26. Kapitel als Zeugin vernehmen, und Philippe wird von Kira wieder auf freien Fuß gesetzt, nachdem seine Unschuld erwiesen ist. Er bekommt einen Obstkorb und eine Karte.
Im 27. Kapitel besucht Lenore den Waffenhändler ihres Vertrauens, um sich für Sonias Befreiung einzudecken, und überrascht danach ein paar kleine Pfadfinder.
Auch die Überraschung bei Sebastian Maas ist gelungen, und so kann Lenore Sonia im 28. Teil befreien und sie auf ein traumhaftes Mahl einladen, das leider ein etwas unfriedliches Ende nimmt.

Wer alles noch einmal lesen will, kann das auch auf der Geschichtenseite tun, den anderen wünsche ich jetzt erst einmal viel Spaß mit dem neuen Kapitel:

Alle Gespräche waren verstummt und sämtliche Anwesenden starrten sie an; aber niemand sprang auf, wedelte mit einem schwarzen Lederkoffer umher und forderte die Leute auf, ihn durchzulassen. Als auch auf ihren dritten Hilferuf niemand reagierte, gestand Lenore sich ein, dass sie mit ihrem Problem wieder einmal allein dastand.
Lenore kannte sich mit Gift ganz gut aus, aber da sie nicht wusste, welches Gift Sonia ihr verabreicht hatte, nützte das nicht viel. Sie hatte auch keine Reiseaoptheke mit Gegengiften bei sich, es war also eigentlich ohnehin egal.
Was auch immer es war, sie musste es aus sich herausbekommen. Nicht besonders eindrucksvoll, aber ihre vorerst einzige Hoffnung. Sie hatte nur einen einzigen Schluck aus dem Glas genommen, bevor ihr Sonias Mimik aufgefallen war. Sonia hatte das Bitter Lemon nicht umgerührt, das meiste Pulver befand sich also hoffentlich noch am Boden des Glases, wo es keinen Schaden anrichten konnte. Lenore spürte noch keine Symptome außer Magenschmerzen und Übelkeit, was ein weiteres gutes Zeichen war.
Lenore fixierte die mutigste Kellnerin, die bis auf Armlänge an sie herangetreten war und sagte mit fester Stimme:
„Bringen Sie mir einen Salzstreuer, eine Flasche Wasser und ein Glas. Beeilen Sie sich.“
Die junge Frau schaute sie verstört an.
„Schnell!“ fauchte Lenore.
Sie nickte und eilte davon. Lenore schloss die Augen vor dem Anblick des plötzlich gar nicht mehr so leckeren Rochenflügels und versuchte, sich zu beruhigen und nach weiteren Symptomen der Vergiftung Ausschau zu halten. Ihre Hände zitterten, aber das konnte an der Nervosität liegen. Um den Begriff Todesangst zu vermeiden.
„Verzeihen Sie?“ Die Kellnerin.
Lenore schlug ihre Augen auf und griff ohne weitere Zeremonien das Glas und den Salzstreuer. Sie schraubte einhändig den Deckel ab, schüttete eine großzügige Portion Salz in das Glas, ließ den Streuer fallen, entriss der jungen Frau die Wasserflasche und löste das Salz darin auf, indem sie mit ihrer Gabel umrührte. Währenddessen warnte sie die Kellnerin vor:
„Ich werde jetzt gleich auf Ihren Teppich speien. Bitte glauben Sie mir, dass ich so was normalerweise nicht mache.“
Sie kippte das Salzwasser herunter, beute sich vor, stützte ihre Arme auf eine Stuhllehne und gab dem Brechreiz nach. Sie fragte sich, ob sie die Menschen in dem Restaurant töten sollte. Ihr Verhalten war so auffällig gewesen, dass es vielleicht eine gute Idee gewesen wäre, keine Zeugen zu hinterlassen. Andererseits befanden sich einschließlich Kellnern sicher über zwanzig Personen in diesem Raum, und es gab zu viele Ausgänge. Es würde also bestimmt jemand entkommen. Sie entschied sich gegen den Massenmord, kurz bevor sie zu würgen aufhörte.
Lenore griff nach der Flasche und leerte ihren restlichen Inhalt in einem Zug. Was noch in ihrem Magen war, musste jetzt verdünnt werden.
„Noch eine!“ wies sie die entgeistert starrende Kellnerin an.
Sie stürzte auch die zweite Wasserflasche hinunter, verschüttete dabei allerdings einen Teil. Mit Wasserflecken auf ihrem schwarzen Pullover stand sie schwer atmend in einer Lache aus Erbrochenem in einem teuren Hamburger Restaurant und fragte sich, was in einer solchen Situation das angemessene Verhalten wäre. Sie ertappte sich bei einem Gefühl, von dem sie vermutete, dass es in näherer Zukunft ein guter Vertrauter werden würde: Lenore schämte sich.
„Die Rechnung, bitte“, sagte sie; bezahlte, und verließ Jacobs Restaurant.
Vor ihrem kleinen Mietwagen blieb sie stehen, schloss die Augen und atmete ein paar Mal tief ein und aus. Es war zu riskant, in den Wagen zu steigen. Sie wusste nicht, ob sie fahren konnte. Es war aber auch zu riskant, hier zu bleiben, denn irgendwann würden die Menschen im Restaurant aus ihrer Verwirrung erwachen und mindestens einen Krankenwagen rufen. Lenore nahm ihren Rucksack aus dem Auto, drehte sich um, schlang beide Arme um ihren schmerzenden Bauch und machte sich auf den langen Weg zurück zu ihrem Hotel, oder zur nächsten U-Bahn-Station, oder wohin auch immer sie es noch schaffen würde.
Ihr war schlecht. Sie hatte Kopfschmerzen, aber die hatten andere Gründe. Ihr war auch schwindelig, und das war bestimmt das Gift. Lenore blieb wieder stehen, stützte sich auf einen Gehwegpoller und sah sich um.
Sie fühlte sich noch immer schrecklich bloßgestellt und gekränkt, und sie hätte stundenlang schreien und mit den Fäusten auf die Erde trommeln können, weil Sonia sie schon wieder ausgetrickst hatte.
Sie versuchte sich mit Beispielen anderer Leute in noch peinlicheren Situationen zu besänftigen. Ihr fiel nichts ein. In diesem Moment wurde ihr klar, was eigentlich schon seit einiger Zeit offensichtlich war. Sie hasste diesen Job. Sie wollte nicht mehr, sie konnte nicht mehr. Sie musste aufhören. Sie würde Clarence sagen, dass sie aussteigen wollte. Dafür musste sie natürlich erst einmal hier rauskommen. Das musste sie noch schaffen. Die Mission war ihr egal, aber sie würde nicht hier und jetzt einfach aufgeben. Sie würde nicht einfach hier auf dem Gehweg zusammensacken und warten, bis sie starb oder bis ein neugieriger Polizist zufällig den Fund seines Lebens machte.

„Was machst du, wenn sie anrufen? Du musst dir vorher überlegen, was du sagst, damit sie nicht“
„Mach dir keine Sorgen, Nikki. Wann haben meine Eltern das letzte Mal angerufen, während du hier warst?“
„Und was, wenn heute das erste Mal ist? Das wär’ mir so peinlich, wenn deine Eltern das rausfinden.“
„Tun sie nicht. Ich bin vielleicht ein Loser und ein Streber, aber ich bin nicht blöd.“
„Das bist du nicht und ja, ich weiß. Aber du bist auch erst elf, Julian, und ich fühl’ mich wirklich mies, weil ich dich allein lasse und deine Eltern verarsche.“
Julian seufzte, aber er lächelte auch, weil sie ihm bei dem Loser widersprochen hatte.
„Ich werd’ Lou nicht in den Mikrowellenherd stecken, und ich werd auch keine Lagerfeuer im Wohnzimmer machen, okay? Solange du morgen spätestens um zwölf hier bist, ist alles bestens.“
„Zwölf? Du hast doch gesagt, sie kommen um zwei nach Hause?“
„Glaub ich auch, aber vielleicht kommen sie früher. Aber sie kommen auf keinen Fall vor zwölf.“
„Zwölf… Na gut, das krieg ich hin… Irgendwie.“
„Alles klar, oder?“
„Julian?“
„Was?“
„Bitte, bitte bitte bitte mach keinen Quatsch, ja? Deine Eltern bringen mich um, wenn was passiert.“
Er hätte sie wieder fragen können, wann er in den Jahren, in denen sie auf ihn aufgepasst hatte, jemals Quatsch gemacht hatte, aber Julian war sehr erwachsen für einen Elfjährigen.
„Versprochen“, sagte er deshalb einfach.
„Und wenn irgendwas ist oder so, oder… Oder eben irgendwas ist, dann ruf mich an, versprochen?“
„Versprochen.“
„Danke, Julian, du hast was gut.“
Nikki legte auf. Nikki war sechzehn und passte manchmal auf Julian auf, wenn seine Eltern nicht da waren. Sie wohnte hier in der Nachbarschaft, und ihre Eltern waren befreundet. Manchmal gingen sie gemeinsam zur Schule. Und er war ein kleines bisschen verliebt in sie. Er sah sich im Spiegel, als er das Telefon zurück auf die Station stellte, und ihm fiel auf, dass er wie ein Idiot grinste. Es war besonders idiotisch, weil Nikki nur deshalb nicht auf ihn aufpassen konnte, weil sie mit ihrem Freund einen Ausflug machte. Aber sie war ja erst sechzehn, da konnte sich noch Vieles ändern, und Julian konnte warten.
Allerdings war Nikkis Dankbarkeit dafür, dass er ihren kleinen Schwindel mitmachte, nicht der einzige Grund für seine gute Laune. Weil er allein zu Hause war, würde er eine Pizza aufbacken. Seine Eltern konnten Pizza nicht ausstehen. Außerdem lief heute Abend Enemy Mine im Fernsehen, und den konnte man gar nicht oft genug sehen.
Zuerst würde er allerdings mit Lou einen Spaziergang machen. Den Begriff „Gassi gehen“ mochte er nicht, das klang schrecklich blöd. Er nahm die Pizza aus dem Tiefkühlfach, packte sie aus, schob sie in den Ofen und stellte ihn so ein, dass sie in einer halben Stunde fertig sein würde. Genau dann, wenn er und Lou zurückkamen.
Lou wartete schwanzwedelnd und leise winselnd vor der Tür auf ihn. Hunde spüren, wenn ein Spaziergang bevorsteht, und Lou war keine Ausnahme. Julian zog die Flexi-Leine aus der Schublade, klickte sie an Lous Halsband, prüfte noch einmal, ob er alles dabei hatte – den Haustürschlüssel, die Taschenlampe, seine PSP, die er immer dabei hatte, seit die merkwürdige Frau mit den blonden Spikes ihn vor der S-Bahn gerettet hatte. Er trug sie in einer Bauchtasche, die er zwar ein bisschen peinlich, aber furchtbar praktisch fand. Ein Mobiltelefon durfte er erst haben, wenn er 14 war, wegen der Kosten. Das fand er albern, weil er nicht so doof war, dass er auf irgendwelche Abotricks reingefallen wäre, teure Nummern angerufen oder hunderte Euro für Klingeltöne ausgegeben hätte, aber seine Eltern sahen zu viel fern und glaubten deshalb, dass Minderjährige sich mit einem Mobiltelefon zwangsläufig hoffnungslos verschuldeten.
„Komm, Lou, los geht’s.“
Das Licht der Straßenlaterne, unter der er hindurchging, blendete ihn ein wenig, deshalb bemerkte er die Gestalt in der Dunkelheit erst, als er sie schon fast berühren konnte. Sie stützte sich schwer auf einen Gartenzaun, war weit vornüber gebeugt und würgte, wie jemand, der sich übergeben wollte, aber nichts mehr im Magen hatte.
Lou tapste neugierig auf sie zu und schnüffelte an ihren Turnschuhen.
Julian blieb erschrocken stehen und wollte Lou gerade wegziehen und die Straßenseite wechseln, als er merkt, dass sie ihm bekannt vorkam. Er stockte. Und dann drehte sie sich zu ihm, und es gab keinen Zweifel mehr: Es war die Frau mit den blonden Spikes. Ihr Mund war mit Erbrochenem verschmiert, ihre Augen, die in der U-Bahn-Station so lebendig und freundlich ausgesehen hatten, waren blutunterlaufen und stierten unfokussiert links und rechts an ihm vorbei. Zuerst dachte er, dass sie betrunken sein musste, und er spürte etwas wie eine Klammer um seinen Brustkorb, die das Atmen erschwerte. Er mochte Betrunkene überhaupt nicht. Sie machten ihm Angst und ekelten ihn an. Sein Onkel Thomas war Alkoholiker. Aber weil sie ihn nun einmal gesehen hatte – obwohl sie kein Zeichen gab, ihn zu erkennen – brachte er es nicht über sich, einfach wegzulaufen.
„Äh…“ begann er, und erst jetzt schien ihr richtig klar zu werden, dass jemand vor ihr stand, „Kann ich… Ich meine… Geht es… Brauchen Sie Hilfe?“ stotterte er.
Sie zögerte kurz.
„Julian?“ fragte sie.
Vielleicht war sie gar nicht betrunken. Ihre Stimme war zwar wirklich undeutlich und nuschelig, und sie stierte immer noch so ziellos ins Leere, aber irgendetwas war merkwürdig. Sie klang nicht nuschelig wie eine Betrunkene, eher so, als wäre sie krank oder sehr müde.
Lou hatte genug von ihren Schuhen und schnüffelte sich an den Zaun heran. Julian zog ihn zurück.
„Ja… Kann ich Ihnen helfen?“ fragte er, jetzt fester, weil er keinen Grund mehr hatte, sich vor ihr zu fürchten.
Sie seufzte, legte eine Hand über ihre Augen und massierte ihre Schläfe mit Daumen und Zeigefinger.
„Ich brauche Hilfe“, sagte sie langsam. „Aber ob du mir helfen kannst, musst du wissen. Sind deine Eltern zu Hause?“
„Nein.“
Er antwortete, ohne nachzudenken. Zu spät fiel ihm ein, dass seine Mutter ihm immer wieder und wieder erklärt hatte, dass er Fremden gegenüber nie zugeben durfte, dass seine Eltern nicht da waren.
„Aber sie kommen bald wieder“, fügte er hastig hinzu.
Sie lächelte.
„Sie kommen nicht bald wieder, oder?“ fragte sie in sehr freundlichem Ton.
„Nein.“ Sie hatte ihn durchschaut. Außerdem war ihm die Lüge sowieso von Anfang an kindisch vorgekommen.
Er tätschelte Lous Kopf, damit der kleine Cockerspaniel nicht anfing, sich zu langweilen.
„Das ist gut“, sagte sie. „Kannst du mich bitte mit nach Hause nehmen? Ich muss… mich eine Weile ausruhen.“
Sie streckte eine Hand in seine Richtung aus.
„Was ist mit Ihnen?“ fragte Julian.
Sie seufzte wieder.
„Ich habe was Schlechtes gegessen. Aber das geht wieder vorbei, mach dir keine Sorgen. Ich brauche nur ein bisschen Ruhe. Bitte?“
Er nahm ihre Hand. Sie fühlte sich gut an, schlank und warm und sehr feingliedrig. Er stellte sich vor, dass es die Hand einer Pianistin war, oder vielleicht einer Malerin. Irgendwoher kam plötzlich die Vorstellung, wie fabelhaft es sein musste, diese freundliche, spontane junge Frau mit den schlanken Händen als Mutter zu haben, und er schob den Gedanken sofort wieder von sich, weil er ihn albern fand. Er kannte sie ja gar nicht.
„Kann ich mich ein bisschen auf dich stützen?“ fragte sie, „Mir ist ziemlich schwindelig.“
„Okay…“
„Wie heißt dein Hund?“ fragte sie, während Julian sie die Straße entlang führte.
„Lou.“
„Das ist ein hübscher Name. Ich hatte auch mal einen Hund…“
„Ist er gestorben?“
„Es war ein Autounfall. Er war noch ein Welpe…“
Sie klang so schrecklich traurig, dass er bereute, gefragt zu haben.
„Tut mir Leid“, murmelte Julian.
Sie zuckte ihre Schultern.
„Es gibt schlimmere Arten zu sterben.“
Sein Kopf ruckte zu ihr hinüber. Warum hatte sie das gesagt? Was meinte sie damit? Und warum war ihr Tonfall auf einmal so… anders? In diesem Augenblick bereute er, ihre Hand genommen zu haben, und er versuchte unwillkürlich, die seine zurückzuziehen, aber sie hielt ihn fest. Er zog nicht weiter.
Den Rest des Weges gingen sie schweigend, und Julian hatte noch nie in seinem Leben solche Angst gehabt. Er hatte das Gefühl, einen echt schlimmen Fehler gemacht zu haben.
Vielleicht sollte er sie lieber doch nicht mit nach Hause nehmen. Aber wie sollte er ihr das jetzt plötzlich erklären?
Es war absurd, aber er dachte vor allem daran, wie enttäuscht Nikki von ihm sein würde, wenn ihm etwas zustieß.

Lesegruppenfragen:

  1. Das mit dem Salzwasser zum Erbrechen und dem anschließenden Verdünnen habe ich als guten Ratschlag für Vergiftungen gefunden. Weiß einer von euch es vielleicht besser?
  2. Findet ihr Julian noch glaubwürdig, oder ist er wirklich zu erwachsen?
  3. Hättet ihr Lenore an seiner Stelle auch geholfen?
  4. Sind eure Eltern zu Hause? Dürftet ihr es zugeben, wenn sie es nicht wären?

6 Responses to Nimmermehr (29)

  1. sayadin sagt:

    Schöner Text, Du hast was drauf.

  2. Muriel sagt:

    @sayadin: Danke schön. Und bei der Gelegenheit auch gleich für die vielen anderen Kommentare, die du heute hinterlassen hast. Ich freue mich über jeden, auch wenn ich nicht jeden beantworte.

  3. sayadin sagt:

    Ich hinterlasse gern meinen Senf. Dein Senf würde mich auch interessieren.

  4. pampashase sagt:

    1. Ich kenn das auch mit dem Salzwasser, wenn es noch schneller gehen soll, dann einfach Finger in den Hals stecken…das hätte ich an ihrer Stelle auch getan. Auf die Toilette flitzen und Finger in den Halsstecken, das löst auf jeden Fall einen Würgreflex aus. Erst das Wasser kommen zu lassen erscheint mir zu langwierig.

    2. Das Verhalten von dem Jungen finde ich okay, in dem Alter sind sie in einer Sekunde total ernst und erwachsen und im nächsten Moment, machen sie den größten Mist.

    3. Ich bin extrem vorsichtig und wäre als Kind auf die andere Straßenseite gegangen, wenn ich von weitem schon die seltsame Haltung der Person gesehen hätte.

    4. Meine Kinder sollen auch sagen, ich bin gleich wieder da. Als sie kleiner waren, sollten sie erst gar nicht an die Wohnungstür gehen, wenn es klingelt und ich weg bin.

  5. sayadin sagt:

    Zum Thema Waffenhändler, wie findest Du meine Idee für Second Live? Ich veranstalte gern virtuelle Monsterpartys. Aber meisst mache ich das auf Call of Duty. Wenn Du sauer bist auf irgend jemand dann treffen wir uns da und ich sichere Deinen Arsch. Du bringst ein paar Leute um und es geht Dir wieder besser.

    Es gibt nichts besseres. Wenn man einmal damit angefangen hat kann man nie mehr aufhören. Und es ist ein Verbrechen ohne wirkliches Opfer, ehrlich.

    Und bring Deine Freundinnen mit. Krieg ist die Hölle.

  6. fragmentjunkie sagt:

    so weit so gut

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