Nimmermehr (30)

Wir kommen dem Ende zwar immer näher, aber ein bisschen haben wir schon noch vor uns, und für mich wird es immer mehr, das ich anpassen und ein bisschen hinbiegen muss, damit es zum Schluss auch Sinn ergibt. Ich bin gespannt, ob mir das gelingt. Hier ist jedenfalls erst einmal der 30. Teil meines Fortsetzungsromans Nimmermehr. Ich wünsche viel Vergnügen.

Kurz zusammengefasst haben wir im ersten Teil eine junge Dame kennen gelernt, die an einem norwegischen Fjord wohnt und offenkundig unter ernst zu nehmenden psychischen Beschwerden leidet. Diese junge Dame bekam in der ersten Szene einen Anruf von Clarence und musste sich auf den Weg machen, um etwas für ihn zu erledigen. Sie bekommt später auch einen Namen, aber noch kennen wir den nicht.
Der zweite Teil stellte uns Sonia vor, eine junge Journalistin, die zurzeit nicht ganz freiwillig ihren Bruder bei sich beherbergt und einen geheimnisvollen Anruf bekommen hat, in dem ihr eine große Verschwörungsgeschichte angekündigt wurde.
Im dritten Teil waren wir dabei, als eine junge Frau, die der Fjordbewohnerin des ersten Teils kein bisschen ähnelte, in Oslo ein Flugzeug nach Deutschland bestieg, auf dem Weg nach Hamburg. 
Im vierten Teil kam Sonia ihrer Verschwörung näher, und zum Schluss stellte sie fest, dass die geheimnisvolle Anruferin den Mord an einem ehemaligen Hamburger Bürgermeister und seiner Familie vorhergesagt hatte.
Im fünften Teil sahen wir einer kinderlieben jungen Frau in einem Hamburger Hotelzimmer dabei zu, wie sie erschöpft auf ihrem Bett lag und sich an ihr hartes Tagwerk erinnerte, das ziemlich direkt mit dem vorhin erwähnten Mord zusammenhängt.
Der sechste Teil führt uns nach Afrika, wo wir einen neuen Mitarbeiter des Unternehmens Discordia, Incorporated, beim Beginn seines ersten Arbeitstages begleiten.
Im siebten Teil fährt Sonia zur Arbeit, frohen Mutes und bereit, sich in die Recherche für die Story ihres Lebens zu stürzen.
Die junge Frau hat im achten Teil noch eine PSP zu retten, zwei Überraschungseier zu essen, einen kleinen Auftrag zu erledigen und einen Kater zu beerdigen, bevor sie sich schließlich auf den Weg zu Sonia macht.
Sonia und die junge Frau, die uns nun endlich verrät, dass wir sie Lenore nennen dürfen, treffen im neunten Teil aufeinander, doch als Lenore siche gerade ernsthaft an die Arbeit machen will, taucht ein unterwartetes – und ein wenig absurdes – Hindernis auf.
Im zehnten Teil gibt es ein leider sehr kurzes Wiedersehen mit Kristina und Lenore und Sonia werden aus ihrer prekären Lage befreit.
Sonia gelingt im elften Teil die Flucht – gewissermaßen -, und wir lernen Clarence endlich mal persönlich kennen.
Lenores Tag hat eine ungute Wendung genommen, aber im zwölften Teil sieht sie schon wieder ein bisschen Licht.
Im dreizehnten Teil lernen wir Sonias Chef ein bisschen besser kennen, und er wiederum hat das zweifelhafte Vergnügen, Lenores Bekanntschaft zu machen.
Im vierzehnten Teil nimmt besagte Bekanntschaft ihren Lauf und kein gutes Ende.
Der fünfzehnte Teil führt uns nach Afrika. Wir besuchen Philippe, Kira und Clarence, aber es gibt leider keinen Tee und keine Kekse. Außerdem begleiten wir Sonias Bruder Marten zu seinem Lieblingsdealer.
Im sechzehnten Teil tritt mit Jan Hauptmann ein neuer Mitspieler auf, von dem wir erstmal nicht viel mehr erfahren, als dass er zum Thema Sauberkeit und Ordnung geteilter Meinung ist. Lenore erwacht aus einem langen, tiefen Schlaf, ohne sich besonders erholt zu fühlen. Trotzdem weiß sie nun, was sie zu tun hat.
Im siebzehnten Teil erwacht Sonia aus tiefem Schlaf und beginnt, sich mit dem Raum vertraut zu machen, in dem sie gefangen ist.
Der achtzehnte Teil führt Lenore zunächst in die Wohnung des Müsli essenden Drogendealers Pedro und dann per Taxi zu dem Haus, in dem sie Sonias Bruder Marten vermutet.
Sonia lernt im neunzehnten Teil ihren Entführer kennen und erfährt mehr über die Hintergründe dessen, was ihr widerfahren ist, während Lenore bei der Suche nach Marten die Hölle auf Erden erlebt.
Im zwanzigsten Teil zahlt sich Lenores Leiden aus, und Clarence und Kira führen ein problemorientiertes Gespräch.
Konstantin Klaus und Jan Hauptmann stellen im einundzwanzigsten Teil fest, dass sie nicht gut miteinander auskommen, und Lenore besucht mit Marten und ihrem Taxifahrer das etwas andere Restaurant.
Der zweiundzwanzigste Teil war ein bisschen albern, aber trotzdem lehrreich: Kira und Clarence brachten euch was Spannendes über Leichen bei, und Lenore hat für Marten gekocht.
Im 23. Teil bekam Sonia ihr Abendessen serviert und plauderte dabei noch ein bisschen mit ihrem Entführer, während Lenore Marten auf dem Weg zu Sonias Wohnung zu motivieren versuchte.
Die Wirkung ihres kleinen Motivationsseminars sehen wir im 24. Teil, außerdem entdeckt Lenore eine Spur, die sie zu Sonia führen könnte.
Im 25. Kapitel besucht Kira Mkoba, und sie bringt ein ungewöhnliches Mordwerkzeug mit, während Jan Hauptmann und Konstantin Klaus Lenores jüngsten Tatort begutachten.
Von dort aus fahren sie zu Frau Trautwein, die sie im 26. Kapitel als Zeugin vernehmen, und Philippe wird von Kira wieder auf freien Fuß gesetzt, nachdem seine Unschuld erwiesen ist. Er bekommt einen Obstkorb und eine Karte.
Im 27. Kapitel besucht Lenore den Waffenhändler ihres Vertrauens, um sich für Sonias Befreiung einzudecken, und überrascht danach ein paar kleine Pfadfinder.
Auch die Überraschung bei Sebastian Maas ist gelungen, und so kann Lenore Sonia im 28. Teil befreien und sie auf ein traumhaftes Mahl einladen, das leider ein etwas unfriedliches Ende nimmt.
Im 29. Kapitel schleppt Lenore sich aus dem Restaurant und trifft einen jungen Freund wieder.

Und jetzt geht es los, wenn ihr nicht lieber alles zusammen noch einmal auf der Geschichten-Seite nachlesen wollt.

Sonia gab dem Taxifahrer in ihrer Aufregung ein völlig überhöhtes Trinkgeld und blieb dann einige Sekunden in stummer Ehrfurcht mit offenem Mund vor der Polizeidienststelle stehen. Es war ein sympathisches L-förmiges Backsteingebäude, umgeben von Bäumen und Büschen. Im beleuchteten Innenhof standen acht Einsatzfahrzeuge. Nie in ihrem Leben hatte Sonia sich so über Autos gefreut. Sie legte den Kopf in den Nacken und blickte zu dem beleuchteten Schriftzug an der Wand auf wie eine Gläubige zu einem weinenden Marienstandbild. Sie widerstand dem intuitiven Verlangen, auf die Knie zu fallen und den Boden zu küssen und brachte sich schließlich dazu, die letzten Schritte bis zur Tür zu gehen und das Polizeikommissariat 26 zu betreten.
Es war ein sonderbares Gefühl. Es erinnerte Sonia ein bisschen an ihre Abiturprüfung. Einerseits wusste sie, dass es jetzt vorbei war, dass sie alles Schlimme hinter sich hatte und keine Angst mehr haben musste. Andererseits war diese Tatsache noch nicht ganz bei ihr angekommen. Es stellte sich keine recht Erleichterung ein, und keine Freude, und ganz bestimmt keine Ruhe und kein Gefühl der Sicherheit. Aber es war vorbei. Sie war in einer Polizeidienststelle, sie war in Sicherheit vor Lenore und allen anderen Verrückten. Maas’ Haus war eine Sache, aber sogar Lenore würde es nicht wagen, sich direkt mit der gesamten Staatsgewalt der Bundesrepublik anzulegen, oder?
Das Innere dieses Bollwerks der Staatsgewalt war ein bisschen antiklimaktisch. Sonia betrat einen nahezu leeren Raum, in dem sich nur zwei Personen aufhielten. Ihr zugewandt stand gerade ein junges Mädchen in Uniform auf, das sie nicht einmal als Kindergärtnerin eingestellt hätte, weil sie nicht so aussah, als wäre sie in der Lage, einen wütenden Sechsjährigen zu bändigen.
„Guten Abend“, sagte die Polizistin mit einem breiten Stewardessen-Lächeln, das unter anderen Umständen sicher eine angenehme Überraschung gewesen wäre. Zum Beispiel, wenn Sonia nicht gerade von einer wahnsinnigen Serienmörderin verfolgt worden wäre.
Die Polizistin war fast zehn Zentimeter kleiner als Sonia selbst, hatte die leuchtenden, riesigen blauen Augen, schulterlangen blonden Haare und die Figur der Protagonistin einer Manga-Serie, die Sonia als Kind ab und zu gesehen hatte. Mila hieß die, oder so ähnlich. Sie war augenscheinlich allerhöchstens zwanzig. Wahrscheinlich verbrachte sie große Teile ihrer Dienstzeit damit, Verdächtigen zu erklären, dass sie wirklich keine verkleidete Stripperin war.
Weiter hinten saß an einem anderen Schreibtisch mit dem Rücken zu Sonia ein zweiter Uniformierter, von dem sie nicht viel erkennen konnte, außer dass er offenbar deutlich übergewichtig und schon etwas älter war. Sie stützte sich auf den Tresen und musterte ihr Gegenüber. Immerhin steckte da eine große schwarze Pistole im Gürtel der Stripperin, und all dieses andere Zeug auch, das Polizisten eben immer am Gürtel haben.
Sonia hatte sich nie besonders für Waffen interessiert. Ihr fiel auf, wie groß und sperrig das Ding wirkte, wie es dort in seiner Halterung am Gürtel der kleinen jungen Frau steckte. Auf eine kalte, technische Weise durchaus gefährlich, aber das fand sie in diesem Moment sehr gut so. Englische Polizisten trugen überhaupt keine Schusswaffen, oder? Sonia war froh, dass sie nicht in England war.
„Sie müssen schon was sagen, sonst passiert hier gar nichts“, sagte Mila mit ihrem breiten Lächeln und den großen leuchtenden Augen.
„Ja… Ja natürlich, Entschuldigung.“ Sonia versuchte, tief durchzuatmen, aber sie war immer noch so aufgeregt, dass es beinahe wie ein Schluchzen klang. „Können Sie mir bitte sagen, dass ich in Sicherheit bin? Ich brauche das jetzt.“
Spätestens jetzt hätte das Lächeln wirklich verschwinden oder zumindest einfrieren müssen. Aber es blieb. Es mischte sich nur ein bisschen Sorge und so etwas wie Mitgefühl hinein.
„Sie sind in Sicherheit“, sagte sie. Es klang wirklich gut. Natürlich waren es nur Worte, aber Sonia fühlte sich besser. Die Pistole sah wirklich verdammt groß aus.
„Danke.“
Und dann erstarb das Lächeln plötzlich, und auf Milas Stirn erschien sogar eine Spur einer Nachdenklichkeitsfalte.
„Ihnen geht es doch gut? Brauchen Sie Hilfe? Also ich meine, einen Arzt oder so was?“
Sonia zögerte, bevor sie antwortete: „Also… Ich bin nicht verletzt, falls Sie das meinen, aber… Ja. Oh ja, ich brauche Hilfe.“
Die kleine Blonde schlug eine Hand vor ihren Mund und ließ sie dann mit peinlich berührter Miene sinken. Ob sie sich der albernen Geste schämte oder eines anderen Fehlers war nicht klar zu erkennen.
„Sie sind doch nicht… Sie sind es, oder? Sonia Schopp? Sie haben vom Taxi aus die Notrufzentrale angerufen, richtig? Wir haben vorhin den Anruf bekommen, aber ich hatte Sie mir mitgenommener vorgestellt.“
Während sie sprach, kam sie hinter dem Tresen hervor und schien dann kurz darüber nachzudenken, einen Arm um Sonia zu legen, entschied sich dann aber dagegen.
„Kommen Sie bitte mit. Kann ich Ihnen etwas zu trinken bringen? Oder zu essen? Brauchen Sie sonst irgendetwas?“
M. Dohms war in das metallene Namensschild auf der Brust der Polizistin graviert. M passte ja ganz gut, dachte Sonia. Sie schüttelte langsam ihren Kopf.
„Ich weiß nicht genau, was ich brauche. Ich hatte ehrlich gesagt gehofft, dass ich jetzt erst mal gar nichts mehr entscheiden muss und Sie mir sagen, was passiert. Können wir das bitte so machen?“
Mila lächelte ein bisschen schüchtern und nickte zögerlich.
„Ich versuche mein Bestes, in Ordnung? Die Sonderkommission ist auch schon informiert, und in spätestens zwanzig Minuten sind hier Dutzende Leute, die genau wissen, was zu tun ist. Bis dahin kann ich Sie in einem unserer Verhörräume unterbringen und Ihnen einen Tee kochen.“
Sonia dachte kurz über das Angebot nach.
„Ich verzichte auf den Tee. Bitte bleiben Sie einfach bei mir, ja?“

„Riecht es hier etwa nach Pizza?“ fragte sie.
Und genauso plötzlich, wie sie entstanden war, verschwand die merkwürdige Stimmung wieder. Das Lächeln in ihrem Gesicht vertrieb den gruseligen Ausdruck, und in ihrer Stimme klang so viel arglose Freude mit, dass er nicht anders konnte, als mit ihr zu lächeln.
„Ja, das ist Pizza“, sagte er, während er Lou die Leine abnahm.
„Welche Sorte?“
„Pasta.“ Er nahm den Beutel mit dem Trockenfutter aus dem Schrank und füllte und zwei Händevoll davon in Lous Napf.
„Pizza mit Nudeln drauf?“
„Ja.“
„Merkwürdig, dass ich überhaupt schon wieder Appetit habe. Ich glaube, ich sollte eh noch nichts essen…“
„Ähm…“ Er war sich nicht sicher, was er sagen sollte, aber dann entschied er, einfach zu fragen. „Wie heißen Sie eigentlich?“
Sie lachte.
„Ich schlag dir was vor. Du sagst mir, wo ich mich ein bisschen ausruhen kann, und ich sag dir meinen Namen. Abgemacht?“
„Klar. Entschuldigung…“
Er führte sie zum Sofa.
„Sie können sich hinlegen, wenn Sie sich ausruhen wollen. Wir haben leider kein Bett frei, falls Sie…“
„Schon gut. Danke.“
Sie begann, ihre Schuhe auszuziehen.
„Lenore“, sagte sie.
„Wie diese Frau aus dem Raben?“
„Sag mal, wie alt bist du?“
„Ich bin elf.“
„Hätte ich erst mal auch geschätzt. Aber du benimmst dich nicht so.“
„Danke“, sagte Julian, weil ihm nichts Besseres einfiel.
Sie legte sich auf das Sofa, mit dem Kopf und den Füßen auf den Armlehnen. Sie trug lustige Socken. Die eine war schwarz mit einem roten Muster, die andere rot mit dem gleichen Muster in schwarz.
Er öffnete die Backofenklappe, zog das Blech heraus, schob die Pizza auf einen großen Teller. Die Küche war offen und nur durch einen Tisch mit Barhockern vom Wohnzimmer getrennt.
„Soll ich sie Ihnen achteln oder essen Sie…“
Er hielt inne, als er sah, dass Lenore eingeschlafen war. Lou stand neben ihr, schnüffelte, leckte ihre Hand und tappte zu seinem Korb. Julian nahm es als gutes Zeichen, dass Lou sie offenbar mochte.
„Bleibt mehr für mich“, murmelte er und setzte sich an den Küchentisch.
Er hatte die Pizza noch nicht ganz aufgegessen, als Enemy Mine anfing, deshalb nahm er seinen Teller mit vor den Fernseher und aß auf dem Fußboden weiter. Er benutzte Kopfhörer, damit er sie nicht weckte.
Er fand es selbst ein bisschen seltsam, dass er sich nicht unwohl fühlte, obwohl auf dem Sofa hinter ihm eine Frau schlief, die er überhaupt nicht kannte. Aber irgendwie kam Lenore ihm schon wie eine Freundin vor. Er vertraute ihr, und Lou schien es ja genauso zu gehen. Natürlich würden seine Eltern ausrasten, wenn sie davon erfuhren, und Nikki würde wahrscheinlich auch einen Schreikrampf kriegen, aber er musste es ihnen ja nicht erzählen.
Nach Enemy Mine kam noch so eine komische Gameshow, die ihn nicht interessierte, deshalb holte er das Graveyard-Buch aus seinem Schulrucksack und versuchte zu lesen. Es gelang ihm aber nicht besonders gut, weil er immer wieder über die Sache mit Lenore nachdachte. Was würde er machen, wenn sie die ganze Nacht durchschlief? Er wusste nicht genau, wann Nikki wiederkommen würde. Sie konnte es natürlich schlecht seinen Eltern erzählen, weil sie dann ja selbst auch dran wäre, aber trotzdem wusste er nicht, wie er ihr die Sache erklären würde. Das beschäftigte ihn, bis Lenore schließlich wieder erwachte. Er hörte sie etwas flüstern, das er nicht verstehen konnte, das aber sehr erleichtert klang. Er sah zu ihr hinüber, und sie erwiderte seinen Blick. Und lächelte.
„Es geht mir viel besser“, sagte sie. Die Worte waren erfüllt von einer stillen Freude, und Julian war sehr erleichtert. Er war nicht oft Gastgeber für irgendjemanden, geschweige denn für Erwachsene, und er war froh, dass er es offenbar richtig gemacht hatte. Außerdem war es ein gutes Gefühl, Lenore geholfen zu haben.
„Das freut mich“, sagte er nur, auch wenn es ein bisschen doof klang.
„Kannst du mir vielleicht ein Glas Wasser bringen?“ fragte sie. „Ein großes?“
„Klar doch.“
Er sprang schnell auf und lief, um ihr das Glas zu holen. Sie nahm es – und verschüttete beinahe die Hälfte, so stark zitterte ihre linke Hand. Sie nahm es in die rechte und trank es aus. Glücklicherweise saß sie ein bisschen vorgebeugt, sodass das Wasser auf dem Teppich landete, nicht auf dem Sofa.
„Danke schön“, sagte sie, aber das Lächeln war verschwunden.
„Geht es Ihnen wirklich gut?“
„Ich habe einen Gehirntumor“, antwortete sie mit tonloser Stimme und gesenktem Blick.
„Oh“, sagte er. „Das tut mir Leid.“ Er stand noch immer vor ihr und wusste nicht so recht, was er mit sich anfangen sollte, deswegen setzte er sich wieder vor dem Sofa auf den Teppichboden.
„Er ist… ziemlich sicher nicht operabel“, fuhr sie fort. Sie hielt das Glas in ihrer Hand und drehte es langsam und sah dem Licht darin zu. „Ich warte noch auf den endgültigen Befund, aber der Tumor muss bösartig sein, wenn die Symptome mich nicht ganz arg täuschen, und ich habe ihn zu spät entdeckt und ich werde wahrscheinlich…“ Sie hielt inne und schüttelte ihren Kopf, nur ganz leicht. Als sie weiter sprach, hatte ihre Stimme wieder Betonung und klang beinahe so unbeschwert wie vorher. „Entschuldige bitte. Das ist nicht dein Problem. Vergiss einfach, dass ich das gesagt habe, ja?“
Er zögerte. Er wollte irgendetwas in der Richtung sagen, dass er es gar nicht vergessen wollte und dass es ihm wirklich Leid tat. Und es schmerzte ihn tatsächlich, dass diese liebenswerte lebendige junge Frau an so einer gemeinen Krankheit wie Krebs sterben würde. Aber er wusste nicht, wie er das ausdrücken sollte.
„Es ist nicht fair“, sagte er schließlich.
Zu seiner Überraschung lachte sie, wenn auch nicht besonders fröhlich.
„Doch“, sagte Lenore, „Das ist es eigentlich schon. Aber das ist wieder eine andere Geschichte, die nicht dein Problem ist.“
„Sie sind nicht von hier, oder?“
Sie stellte das Glas vor sich auf den Boden und sah ihn mit diesem merkwürdigen misstrauischen Lächeln an, das ihm viel lieber war als das herablassende Getue, das die meisten Erwachsenen an den Tag legten, wenn sie merkten, dass er mit ihnen auf Augenhöhe sprach.
„Woran merkst du das?“
„Sie reden ein bisschen komisch. Aber nicht schlecht oder so, nur ein kleines bisschen anders als Leute, die ich kenne“, fügte er schnell hinzu.
„Das fällt sonst nie jemandem auf…“
Er wollte das Thema wechseln, weil es ihm ein bisschen unangenehm war, wenn Leute ihn lobten: „Sind Sie beruflich hier, oder im Urlaub?“
„Beruflich.“ Sie seufzte tief und lange und lehnte sich dabei weit auf dem Sofa zurück. „Ich glaube aber, ich schmeiße hin.“
„Sie wollen kündigen?“ fragte er überrascht.
Sie zuckte die Schultern.
„Vielleicht.“ Nach einer Pause: „Ja. Ich hab keine Lust mehr. Mein Job ist… frustrierend, weißt du? Und ich bin nicht mal mehr besonders gut darin.“
„Wieso nicht mehr?“
„Ich glaube, es hat mit dem Tumor zu tun. Wäre mir jedenfalls immer noch lieber, als wenn ich einfach so zu blöd dafür wäre.“
„Was machen Sie denn eigentlich?“
Sie zögerte kurz, bevor sie antwortete: „Ich bin so eine Art Kurier. Ich finde Leute, und… rede mit ihnen. Stelle Fragen. Oder überbringe Botschaften. Ich kann’s einfach nicht mehr. Ich will nicht mehr.“ Sie schüttelte langsam ihren Kopf, während sie das sagte.
„Dann sind Sie auch hier, um jemanden zu finden?“
Sie nickte. „Ja. Ich hab sie sogar schon gefunden, zwei Mal, aber sie ist mir entwischt.“
„Mein Vater sagt immer, man muss zu Ende bringen, was man angefangen hat.“
Sie Lachte laut auf und wurde dann sofort wieder ernst. „Sagt er das?“
Julian nickte. „Sie können doch danach aufhören. Wenn Sie die Sache hier erledigt haben. Mein Vater sagt immer, man findet sonst eh keine Ruhe. Außerdem ist es nicht in Ordnung, einen Job anzunehmen und dann mittendrin aufzuhören. Bestimmt sind Sie gar nicht so schlecht, wie es Ihnen vorkommt. Sie schaffen das schon!“
Sie seufzte wieder, aber diesmal wirkte es nicht so traurig, eher nachdenklich.
„Vielleicht hat dein Vater Recht“, sagte sie. Dann sah sie auf und ihm direkt in die Augen. Ihr Blick war unglaublich intensiv. „Aber ich will wirklich nicht mehr. Ich habe einen ziemlichen Schlamassel angerichtet, weißt du?“
„Umso mehr Grund, die Sache in Ordnung zu bringen, bevor Sie aufhören. Ich kenn das selbst. Wenn ich meine Hausaufgaben erledigt habe, fühle ich mich immer viel besser, auch wenn’s schwer war und ich erst dachte, ich schaff’ es nicht.“
Sie lächelte. Es war ein unglaublich warmes, freundliches Lächeln. Julian dachte, dass er vielleicht auch ein kleines bisschen in sie verliebt war. Obwohl er sich nicht sicher war, wie das mit Nikki zusammen passte. Konnte man in zwei Frauen verliebt sein?
„Vielleicht hast du Recht“, sagte sie. „Wenn ich jetzt aufgebe, habe ich verloren.“
Julian grinste sie an. „Verlieren Sie auch nicht so gerne?“
Sie schüttelte ihren Kopf. „Überhaupt nicht.“
„Wissen Sie denn, wo Sie denjenigen wiederfinden, den Sie suchen?“
„Nein. Aber ich weiß, wie ich sie erreichen kann.“
Sie sah auf ihre Armbanduhr – eine unauffällige dünne schwarze – und stand auf. Lou sah das wohl als ein Signal, dass jetzt etwas Interessantes passieren würde, denn er sprang aus seinem Korb und lief zu ihr, um schwanzwedelnd zu ihr aufzuschauen.
„Das ist ein bisschen taktlos, aber ich denke, dass es besser ist, wenn ich mich jetzt an die Arbeit mache, wenn ich doch nicht aufgeben will. Ich habe schon viel mehr Zeit verloren, als ich mir leisten kann.“
„So spät noch? Es ist mitten in der Nacht!“
Sie lachte wieder.
„Gerade da gibt es für mich immer am meisten zu tun.“
Er konnte sich schon ein paar Möglichkeiten denken, was das zu bedeuten haben könnte. Es klang abenteuerlich. Aber er fragte nicht weiter. Vielleicht, weil er es nicht wissen wollte, falls sie etwas Verbotenes machte.
Sie hob ihren Rucksack auf und ging zur Tür, und Lou und Julian liefen ihr nach. Sie drehte sich zu ihnen um und gab Julian ihre Hand. Er mochte das Gefühl. Meistens, wenn Erwachsene ihm die Hand gaben, grinsten sie dabei, als fänden sie es wahnsinnig witzig und albern, aber Lenore schien es ernst zu meinen. Nachdem sie seine Hand wieder losgelassen hatte, schaute sie einige Sekunden nachdenklich auf ihn herab. Sie griff in ihre schwarze Lederjacke und zögerte einen Augenblick.
Als sie die Hand aus ihrer Jacke hervorzog, hielt sie eine kleine weiße Visitenkarte. Sie streckte sie Julian entgegen, und er nahm sie. Es war eine schlichte weiße Karte aus dickem Papier mit deutlich fühlbarer Struktur, auf der in schlichter schwarzer Schrift gedruckt stand:
Discordia, Inc.
Und darunter eine sehr lange Telefonnummer. Nichts weiter.
„Wenn du mal ein wirklich schlimmes Problem hast, ruf an und frag nach Le- Nein.“ Sie machte eine nachdenkliche Pause, bevor sie weiter sprach. „Frag nach Clarence. Ich arbeite dann wahrscheinlich nicht mehr dort.“
„Was ist das für eine Firma?“ fragte Julian.
„Wir lösen Probleme“, sagte Lenore. „Aber nur große. Ruf nur an, wenn ein Problem so wichtig ist, dass du… deine Seele dafür verkaufen würdest.“
„Meine Seele?“
„Deine Seele. Und heb die Karte gut auf. Wir stehen nicht im Telefonbuch. Vielen Dank für alles, Julian.“
Sie winkte ihm noch einmal zu, bevor sie die Tür öffnete und verschwand.
Julian stand noch lange da und betrachtete die Karte. Und fragte sich, woher sie seinen Namen gekannt hatte.

Lenore lehnte sich neben der Tür an die kalte grob verputzte Wand des Treppenhauses und schloss ihre Augen. Sie hätte den Jungen vielleicht töten sollen, aber sie hatte es nicht getan. Sie war sich nicht sicher, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war. Kinder hatten einen besonderen Platz in ihrem Herzen. Julian hatte sie fast umarmen wollen, das hatte sie bemerkt. Sie hätte es sich sogar gefallen lassen. Eigentlich bedauerte sie sogar ein bisschen, dass er es nicht getan hatte. Aber sie hatte nicht die Kraft, es von sich aus zu tun.
Es gab Zeiten, da spürte sie den verdammten Tumor. Da konnte sie fühlen, wie er sich in ihr Gehirn fraß und Stück um Stück von ihr zerstörte. Das waren Zeiten, in denen sie weinen wollte, und schreien, und manchmal tat sie sehr unvernünftige Dinge in diesen Zeiten. Sie wollte nicht sterben. Sie wollte so verzweifelt nicht sterben, dass es sie selbst manchmal anwiderte. Jedes Mal, wenn ihre Hand zitterte oder sie einen Teil ihres Körpers nicht mehr fühlen konnte oder sie ein falsches Wort sagte und ihr das richtige nicht einfiel, spürte sie die kalte Hand nach ihr greifen, und sie konnte nicht verstehen, warum sie sterben musste. Warum in einer Welt ohne Gott und ohne Gerechtigkeit ausgerechnet sie schon so jung sterben musste. Lenore hasste es, wenn ihre Opfer bettelten, und sie verachtete es auch an sich selbst, aber sie konnte nicht anders, als um ihr Leben zu flehen und zu weinen und zu klagen. Sie erniedrigte sich vor niemandem als vor sich selbst, aber das ist eigentlich auch die einzige Erniedrigung, die wirklich zählt.
Lenore schniefte und wischte sich mit dem Handrücken Tränen aus dem Gesicht. Sie würde jetzt ihren verdammten Job erledigen, dann würde sie nach Hause fahren und den Geburtstag ihres Großvaters feiern, und dann würde sie allmählich degenerieren, bis sie schließlich starb, wenn der Tumor ihr Atemzentrum oder einen anderen lebenswichtigen Bereich ihres Gehirns erreichte. Vielleicht würde das passieren, bevor oder nachdem sie die Kontrolle über ihren Speichelfluss, ihre Sprache, ihre Augen, ihre Schließmuskeln endgültig verloren hatte, aber spielte das noch eine große Rolle?
Lenore ließ sich langsam an der Wand hinabsinken. Sie spürte Tränen über ihre Wangen rinnen und wie sich langsam ihr Hals zuzuschnüren begann. Sie wollte sich jetzt nicht ihrer Verzweiflung und ihrem Selbstmitleid und Wut hingeben, aber sie befürchtete, dass sie keine Wahl hatte.
Sie hatte niemandem von dem Tumor erzählt. Nicht einmal ihrer Mutter. Nicht einmal Clarence. Sie würde es nie wieder jemandem erzählen, und sie würde ganz alleine sterben, vielleicht in ihrem Haus am Fjord, oder vielleicht in irgendeinem Krankenhaus. Sie fürchtete sich besonders vor der Einsamkeit am Ende, obwohl sie beim besten Willen nicht wusste, was sie gerade beim Sterben mit Gesellschaft anfangen sollte, zumal sie doch ihr ganzes Leben lang immer alleine gewesen war.
Ein leises Schluchzen entrang sich ihrem Hals, und sie erstickte es, so gut sie konnte. Sie hätte sich schrecklich geschämt, wenn Julian sie gehört hätte.

Lesegruppenfragen:

  1. Wie wirkt Sonias Ankunft bei der Polizeiwache auf euch? Findet ihr ihr Verhalten und ihre Gefühle passend und verständlich?
  2. Glaubt ihr, dass sie dort in Sicherheit ist? Warum oder warum nicht?
  3. Wart ihr überrascht, dass Lenore Julian nicht getötet hat?
  4. Habt ihr Mitleid mit ihr?
  5. [Nachtrag, fast vergessen:] Keoni findet es ein bisschen unverständlich, dass Lenore ihr eigenes Selbstmitleid abstoßend findet. Was haltet ihr davon?

One Response to Nimmermehr (30)

  1. pampashase sagt:

    1. Mein erster Gedanke beim Lesen war, wieso Boden küssen…ich würde rennen bis zum ersten Polizisten der bewaffnet! ist und mich an ihn klammern (aber so, dass er jederzeit die Waffe ziehen kann) *g

    2. Dort erscheint es mir im Moment nicht sonderlich sicher, ich würde denken, die beiden wissen nicht, WIE gefährlich Leonor ist.

    3. Nein

    4. Hmmm…nicht so besonders

    5. Ich finde das sogar sehr verständlich, da sie emotional total gestört ist. Es gibt reichlich Leute, die sind hart zu sich und anderen. Mitleid (Selbstmitleid)? …mit so einem emotionalen „Scheiß“ braucht man denen gar nicht erst kommen.

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