Nicht die Länge zählt, sondern die Technik

So, zuerst mal bitte ich um Entschuldigung für die unangekündigte zweitätige Pause. Ärgerlich, dass Freunde und Familie dauernd den wirklich wichtigen Dingen im Weg stehen.

Genau für Zeiten wie diese habe ich mir eine fabelhafte kleine Episode aus dem Korea-Urlaub aufgehoben, der nur eine Kleinigkeit fehlt: Eine Pointe. Bitte holt euch also eure Unterhaltung möglichst rechtzeitig, zum Schluss kommt nichts Aufregendes mehr. Ich wünsche viel Vergnügen:

Schon Wochen vor dem Korea-Urlaub hatte ich immer wieder versucht, einen Friseurbesuch in meinen Zeitplan einzuschieben, habe es aber nie genug gewollt geschafft. Nach der ersten Woche in Korea meinte meine Freundin schließlich, dass ich so nicht auf die Hochzeitsfeier gehen könnte, und deshalb suchten wir uns einen möglichst sympathisch wirkenden Friseursalon in Seoul und traten todesmutig ein. Wir wurden sehr freundlich begrüßt, merkten aber bald, dass Kommunikation nur mit Händen und Füßen möglich war, es fand sich kein des Englischen mächtiger Figaro. Nun fand ich es erstens grob unhöflich und zweitens saufeige, bloß deshalb wieder zu gehen.

Ich lachte also dem Tod ins Gesicht, sagte Keoni, sie könne sich die Zeit ja außerhalb mit Einkaufen vertreiben und in einer Dreiviertelstunde zurückkommen, und nahm vor einem der Spiegel Platz. Der freundliche koreanische Friseur gesellte sich zu mir und zeigte mir sein Buch mit Frisuren. Ich suchte mir eine heraus, von der ich dachte, sie wäre mal ein bisschen was anderes, aber auch nicht so wagemutig, dass der eventuelle Schaden sich nicht mehr beheben ließe. Ich zeigte auf den gutaussehenden Herren im Katalog und schlug vorsichtig vor: „That one?“

Der Friseur sah mich mit deutlich geweiteten Augen an, sog Luft ein, zeigte ebenfalls auf das Foto und sagte: „Möge Gott uns allen gnädig sein! Sind Sie sicher, dass Sie wirklich diese Frisur wollen?“ (Er sprach natürlich koreanisch, und ich habe kein Wort verstanden, deswegen gebe ich hier einfach mal das wieder, was ich seinem Tonfall entnehmen konnte.)

Nun weiß ich nicht, wie es euch geht, aber ich bin beim Friseur sowieso immer schrecklich unsicher, weil ich von Frisuren keine Ahnung habe, das auch weiß, und es eigentlich während meiner gesamten Schulzeit auf ziemlich peinliche Weise zur Schau getragen habe. Die deutlichste Willensäußerung, die ich gegenüber einem Friseur zu Stande bringe, geht so in die Richtung von „Können Sie’s vielleicht vorne doch noch ein bisschen kürzer machen, oder meinen Sie, lieber nicht?“

Trotzdem kam es mir ein bisschen albern vor, einfach auf sein undifferenziertes Entsetzen hin eine der anderen Frisuren auszuwählen, deshalb nickte ich und antwortete: „Yes, that one, if it’s not a problem.“

Der Friseur stöhnte, schüttelte den Kopf, verdrehte die Augen, sah sich hilfesuchend um und zeigte auf das Bild. „Sie wollen also genau diese Frisur, ja? Was ist denn mit Ihnen los?“ (Wie gesagt, ich bin mir nicht sicher, was er wirklich ausdrücken wollte, aber genau so klang es.)

„Is there something wrong with that haircut?“ fragte ich schüchtern.

Er hob resigniert beide Arme und lief davon, um kurz darauf mit einer Kollegin zurückzukehren. Ich nahm zunächst an, dass er sie als Übersetzerin geholt hatte. Er stellte sie rechts von mir auf und positionierte sich selbst zu meiner Linken. Er zeigte ihr das Bild, das ich mir ausgesucht hatte und sagte: „Da, siehst du, der Spinner will diese Frisur hier haben.“
„WAS? Diese Frisur?“ fragte sie ihn,
und er antwortete: „Ja, die. Frag ihn doch selbst, wenn du mir nicht glaubst!“
Sie wandte sich mir zu. Die beiden betrachteten mich eine Weile lang professionell abschätzend, bevor sie auf das Bild zeigte um mich – leider wieder auf koreanisch – zu fragen: „Sind Sie absolut sicher, dass Sie genau diese Frisur wollen?“
Ich antwortete, inzwischen völlig verunsichert: „You could suggest another one, of course, if you think that it’s not a good idea. Is there something wrong with this haircut?“
Sie schüttelte den Kopf. „No problem“, sagte sie, um dann zu ihrem Kollegen zu sagen: „Der ist einfach bekloppt. Da ist nichts zu machen. Der will das wirklich.“
„Was? Nee, das mach ich nicht. Hast du mal was von Berufsethik gehört?“
„Na, jetzt mach das eben! Ist dann ja nicht unser Problem.“
Und dann war ich wieder mit meinem Friseur alleine, schaute ihn eingeschüchtert an und bereute, Keoni weggeschickt zu haben.

Er holte sich dann noch eine jüngere Kollegin dazu – ich vermute, eine Auszubildende oder Assistentin -, und zusammen wuschen und schnitten die beiden dann meine Haare und gelten sie zu so einer Art Ace-Ventura-Enten-Frisur. Also, natürlich nicht so extrem, aber wenn ihr euch Ace Venturas Haarschnitt in einer zivilisierten Form vorstellt, dann habt ihr’s ungefähr. Es sah gar nicht mal schlecht aus, und Keoni gefiel es zu meiner maßlosen Erleichterung auch.

Leider war die Zufriedenheit nicht von Dauer, denn es gelang mir am nächsten Morgen nicht, die Frisur selbst mit dem eigens erworbenen unfassbar-ultra-unendlich-übernatürlich-hammerstarken Haarwachs nachzuformen, und am morgen darauf auch nicht, und am nächsten. Gleichzeitig war ich aber zu faul feige stolz, um noch ein zweites Mal einen Friseur aufzusuchen, sodass ich nun auf jedem unserer Urlaubsfotos nach mehr oder weniger spektakulärem Bad-Hair-Day aussehe.

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15 Antworten zu Nicht die Länge zählt, sondern die Technik

  1. ruediger sagt:

    Trotz des unerlaubten Fernbleibens vom Blog und der schmerzlich vermissten Pointe gestehe ich, dass ich amüsant unterhalten wurde. 😉

  2. Salomea sagt:

    Ich stimme Ruediger zu. Gute Unterhaltung. Ich hab sogar lachen müssen (nicht über dich!). Aber sag mal, was ich schon immer mal wissen wollte: Wenn ihr Privatleute-über-alles-Blogger unerlaubt mal 2-4 Tage oder so nichts in euer Blog stellt, braucht ihr dann weil ist ja Fernbleibung (so babbelt man bei uns)von etwas wirklich Lebebswichtigem und nicht vorgesehen eine schriftliche Entschuldigung von Mami oder so? Also ich will jetzt keine sehen oder so, hätte mich nur mal interessiert 😉

  3. Muriel sagt:

    @ruediger: Das freut mich natürlich.
    @Salomea: Früher war es mal so, dass volljährige Privatleute-über-alles-Blogger sich ihre Entschuldigungen selbst schreiben durften. Das hat sich aber verständlicherweise nicht bewährt, seitdem ist tatsächlich das dringende Erfordernis des Fernbleibens in beweiskräftiger Weise zu dokumentieren. Dies kann beispielsweise geschehen durch die Vorlage einer ärztlichen Blogunfähigkeitsbescheinigung, eine Bestätigung des Arbeitgebers über vordringliche betriebliche Erfordernisse, oder eben die von dir beispielhaft genannten Entschuldigung von Mami. Meine Abwesenheitsdokumentation befindet sich bereits zur Prüfung bei der Oberzertifikatschefblogaufseherin des aus historischen Gründen, die heute keiner mehr verstehen kann, zuständigen Landratsamtes Schaffhausen.

  4. ruediger sagt:

    *argh* abgeschickt ohne Prüfung. sry. [Ich hab den alten Kommentar mal gelöscht. Muriel]

    lästiges Landratsamt Schaffhausen. IMHO sind das Monopolisten, sonst nichts. Ich wette die machen aus den gesammelten Entschuldigungen richtig Geld, indem sie diese gewinnbringend an Entschuldigungsverlage verkaufen, zumindest an die, die noch kein Entschuldigungsabo im Angebot haben. Elende Geschäftemacher sind das.

  5. Salomea sagt:

    Danke der Information. Um bei Ruediger noch mal aufzugreifen: Das heißt dann wir müssen damit rechnen in der Geschenkbuchabteilung von Thalia und Konsorten irgendwann nicht nur „Senk ju vor trävelling“ (oder so, hab’s nicht gelesen, weiß ich nicht) sondern auch irgendwelche Anthologien mit den origenellsten, lährmsten, gebräuchlichsten, schlechtgeschriebensten etc. Ich-kann-heute-nicht-bloggen-weil…-Entschuldigungen zu finden? Alternativ Erfahrungsbücher irgendwelcher Mamis? Und womöglich kriegt eine davon dafür noch’n Preis? 😉

  6. Muriel sagt:

    @Salomea: Ich habe darüber noch nie nachgedacht, aber nachdem ich das so bei dir gelesen habe, finde ich, falls es so ein Buch noch nicht gibt, sollte es dringend jemand schreiben…

  7. ruediger sagt:

    @muriel
    merci. 🙂

    @Salomea
    Geschenkbuch doch eher nicht, Ratgeber und Lebenshilfe, oder so. Es könnte so ein kleiner Blogger-Ratgeber entstehen. *grübel*

  8. Salomea sagt:

    Dann halten Sie sich mal ran mit Schreiben, Herr Silberstreif. Da werden Sie bestimmt berühmt, kommen auf die Bestsellerlisten von Spiegel und Focus, verdienen ganz viel Geld, kriegen – wenn Sie Pech haben – Groupies und – wenn Sie Glück haben – ganz viele neue Leser für ihr Blog. 🙂

    Ruediger, ich weiß was du meinst, aber bei den Buchhandlungen, die schnell noch mal was abwerfen wollen bzw. kassieren wollen liegt das alles zusammen auf einem Tisch neben der Kassen, direkt neben Coppenrath-Schokoladentafeln und Geschenkartikeln vom moses. Verlag. 😉 Ich weiß wovon ich rede 🙂

  9. ruediger sagt:

    Wir sollten in einige Buchläden gehen und explizit nach diesem Buch fragen. Wie lange es wohl dauert, bis es dann an der Kasse steht?

    @Muriel
    Schon angefangen?

  10. Muriel sagt:

    @Salomea, ruediger: Ich fürchte, mir fehlt die… ähm, Ausdauer, so ein Projekt wirklich durchzuziehen. Ich schreibe lieber meine Geschichten.

  11. ruediger sagt:

    Ja aber… die Welt braucht so ein Buch doch. Alleine wegen der Abwechslung an den Kassen der Buchläden der Welt…. mensch.

  12. Muriel sagt:

    @ruediger: Ich traue dir bedenkenlos zu, dass du es schreibst.

  13. ruediger sagt:

    @Muriel
    Merci, doch geht das nicht. Beim „Ausreden“ bekomme ich rote Ohrläppchen. Ich kann nicht mit roten Ohren in der Welt umherlaufen, das geht nicht. Also muss Salomea ran.

  14. Salomea sagt:

    Das täte ich furchtbar gern, wäre aber sehr unfair, da ich kein privates Blog habe und somit von der „Entschuldigungs-Pflicht“ befreit bin. 😦 Dann wäre die Credibility im Eimer. Nicht gut. Aber ich könnte natürlich rumfragen ob ich zufällig jemanden kenne, der es machen würde – „zufällig“ deshalb weil in meinem Offline-Bekanntenkreis gerade mal zwei Leute bloggen -, wenn sich da keiner findet, muss Muriel doch einspringen. Die Ausrede „Ich schreibe lieber meine Geschichten“ ist schon mal gut. Kopier das 200 Mal in verschiedene Schriftgrößen, druck’s aus, kipp ein paar verschiedene Flüssigkeiten drüber, zerknülle das Papier, falte es wieder auiseinander und fotografier die Resultate. Dürfte ein super Bildband bei rauskommen (ich frag auch B. ob sie es in ihrer Buchhandlung auslegt). Um die Publicity anzukurbeln kannst du ja behaupten das Zeug stamme ausm Beuys-Nachlass. Dann bist du bestimmt so bekannt hinterher, dass ganz viele Leute deine Geschichten so gerne lesen wollen, dass du außerhalb von POD publizieren könntest.

  15. Salomea sagt:

    Und ach: Wer fragt bei der Thalia, ob es so was schon gibt, weil wegen Konkurrenz und so. Die Mayersche is slightly behind würde ich sagen.

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