Nimmermehr (32)

Hach, wie die Zeit vergeht. Heute erscheint schon der 32. und voraussichtlich vorletzte Teil meines Fortsetzungsromans Nimmermehr. Ich sollte allmählich anfangen, mir zu überlegen, welche Geschichte ich euch als nächstes erzähle. Heute sehen wir, wie Sonia auf Hauptmann und Klaus wartet, um sich dann zum Schluss doch zu wünschen, sie wären nie angekommen.

Kurz zusammengefasst haben wir im ersten Teil eine junge Dame kennen gelernt, die an einem norwegischen Fjord wohnt und offenkundig unter ernst zu nehmenden psychischen Beschwerden leidet. Diese junge Dame bekam in der ersten Szene einen Anruf von Clarence und musste sich auf den Weg machen, um etwas für ihn zu erledigen. Sie bekommt später auch einen Namen, aber noch kennen wir den nicht.
Der zweite Teil stellte uns Sonia vor, eine junge Journalistin, die zurzeit nicht ganz freiwillig ihren Bruder bei sich beherbergt und einen geheimnisvollen Anruf bekommen hat, in dem ihr eine große Verschwörungsgeschichte angekündigt wurde.
Im dritten Teil waren wir dabei, als eine junge Frau, die der Fjordbewohnerin des ersten Teils kein bisschen ähnelte, in Oslo ein Flugzeug nach Deutschland bestieg, auf dem Weg nach Hamburg.
Im vierten Teil kam Sonia ihrer Verschwörung näher, und zum Schluss stellte sie fest, dass die geheimnisvolle Anruferin den Mord an einem ehemaligen Hamburger Bürgermeister und seiner Familie vorhergesagt hatte.
Im fünften Teil sahen wir einer kinderlieben jungen Frau in einem Hamburger Hotelzimmer dabei zu, wie sie erschöpft auf ihrem Bett lag und sich an ihr hartes Tagwerk erinnerte, das ziemlich direkt mit dem vorhin erwähnten Mord zusammenhängt.
Der sechste Teil führt uns nach Afrika, wo wir einen neuen Mitarbeiter des Unternehmens Discordia, Incorporated, beim Beginn seines ersten Arbeitstages begleiten.
Im siebten Teil fährt Sonia zur Arbeit, frohen Mutes und bereit, sich in die Recherche für die Story ihres Lebens zu stürzen.
Die junge Frau hat im achten Teil noch eine PSP zu retten, zwei Überraschungseier zu essen, einen kleinen Auftrag zu erledigen und einen Kater zu beerdigen, bevor sie sich schließlich auf den Weg zu Sonia macht.
Sonia und die junge Frau, die uns nun endlich verrät, dass wir sie Lenore nennen dürfen, treffen im neunten Teil aufeinander, doch als Lenore siche gerade ernsthaft an die Arbeit machen will, taucht ein unterwartetes – und ein wenig absurdes – Hindernis auf.
Im zehnten Teil gibt es ein leider sehr kurzes Wiedersehen mit Kristina und Lenore und Sonia werden aus ihrer prekären Lage befreit.
Sonia gelingt im elften Teil die Flucht – gewissermaßen -, und wir lernen Clarence endlich mal persönlich kennen.
Lenores Tag hat eine ungute Wendung genommen, aber im zwölften Teil sieht sie schon wieder ein bisschen Licht.
Im dreizehnten Teil lernen wir Sonias Chef ein bisschen besser kennen, und er wiederum hat das zweifelhafte Vergnügen, Lenores Bekanntschaft zu machen.
Im vierzehnten Teil nimmt besagte Bekanntschaft ihren Lauf und kein gutes Ende.
Der fünfzehnte Teil führt uns nach Afrika. Wir besuchen Philippe, Kira und Clarence, aber es gibt leider keinen Tee und keine Kekse. Außerdem begleiten wir Sonias Bruder Marten zu seinem Lieblingsdealer.
Im sechzehnten Teil tritt mit Jan Hauptmann ein neuer Mitspieler auf, von dem wir erstmal nicht viel mehr erfahren, als dass er zum Thema Sauberkeit und Ordnung geteilter Meinung ist. Lenore erwacht aus einem langen, tiefen Schlaf, ohne sich besonders erholt zu fühlen. Trotzdem weiß sie nun, was sie zu tun hat.
Im siebzehnten Teil erwacht Sonia aus tiefem Schlaf und beginnt, sich mit dem Raum vertraut zu machen, in dem sie gefangen ist.
Der achtzehnte Teil führt Lenore zunächst in die Wohnung des Müsli essenden Drogendealers Pedro und dann per Taxi zu dem Haus, in dem sie Sonias Bruder Marten vermutet.
Sonia lernt im neunzehnten Teil ihren Entführer kennen und erfährt mehr über die Hintergründe dessen, was ihr widerfahren ist, während Lenore bei der Suche nach Marten die Hölle auf Erden erlebt.
Im zwanzigsten Teil zahlt sich Lenores Leiden aus, und Clarence und Kira führen ein problemorientiertes Gespräch.
Konstantin Klaus und Jan Hauptmann stellen im einundzwanzigsten Teil fest, dass sie nicht gut miteinander auskommen, und Lenore besucht mit Marten und ihrem Taxifahrer das etwas andere Restaurant.
Der zweiundzwanzigste Teil war ein bisschen albern, aber trotzdem lehrreich: Kira und Clarence brachten euch was Spannendes über Leichen bei, und Lenore hat für Marten gekocht.
Im 23. Teil bekam Sonia ihr Abendessen serviert und plauderte dabei noch ein bisschen mit ihrem Entführer, während Lenore Marten auf dem Weg zu Sonias Wohnung zu motivieren versuchte.
Die Wirkung ihres kleinen Motivationsseminars sehen wir im 24. Teil, außerdem entdeckt Lenore eine Spur, die sie zu Sonia führen könnte.
Im 25. Kapitel besucht Kira Mkoba, und sie bringt ein ungewöhnliches Mordwerkzeug mit, während Jan Hauptmann und Konstantin Klaus Lenores jüngsten Tatort begutachten.
Von dort aus fahren sie zu Frau Trautwein, die sie im 26. Kapitel als Zeugin vernehmen, und Philippe wird von Kira wieder auf freien Fuß gesetzt, nachdem seine Unschuld erwiesen ist. Er bekommt einen Obstkorb und eine Karte.
Im 27. Kapitel besucht Lenore den Waffenhändler ihres Vertrauens, um sich für Sonias Befreiung einzudecken, und überrascht danach ein paar kleine Pfadfinder.
Auch die Überraschung bei Sebastian Maas ist gelungen, und so kann Lenore Sonia im 28. Teil befreien und sie auf ein traumhaftes Mahl einladen, das leider ein etwas unfriedliches Ende nimmt.
Im 29. Kapitel schleppt Lenore sich aus dem Restaurant und trifft einen jungen Freund wieder.
Sonia betritt im 30. Kapitel das rettende Polizeikommissariat 26, und Julian gibt Lenore neuen Mut, bevor sie sich auf den Weg macht, um zu Ende zu bringen, was sie angefangen hat.
Im 31. Kapitel lernen wir Sonias Mutter kennen und werden Zeugen eines Gesprächs zwischen Clarence, Kira und dem dritten Mann.

Das steht alles auch noch mal auf der Geschichten-Seite, und jetzt geht es los mit dem vorletzten Kapitel:

Monica Dohms – das war der richtige Name der Stripper-Polizistin – kicherte so fröhlich und mädchenhaft, dass Sonia zum wiederholten Male dachte, dass sie wirklich völlig ihren Beruf verfehlt hatte, so sympathisch sie auch war. Mit so einem Auftreten konnte man doch nicht bei der Polizei arbeiten. Naja, andererseits musste irgendjemand ja auch Grundschulen besuchen und den Kindern erklären, dass man erst nach links schaut, und dann nach rechts, und dann wieder nach links.
„Ob Sie’s glauben oder nicht, das ist mir wirklich schon passiert“, antwortete sie auf Sonias Frage, „Er hat sogar versucht, mir die Handfesseln abzunehmen, bevor ich ihm dann noch einmal nachdrücklich erklärt hatte, dass ich wirklich nicht für ihn strippen würde, weil mein Freund da einen gewissen Exklusivitätsanspruch hat…“
Sonia lachte, obwohl ihr eigentlich nicht danach war. Es war schwer, sich der anscheinend unerschütterlichen guten Laune der blonden Polizistin zu entziehen. Trotzdem war Sonia es allmählich Leid, hier zu sitzen und zu warten.
„Wissen Sie, ich will wirklich nicht nerven“, sagte sie nach dem gefühlt vierhundertsten Blick auf ihre Uhr, „Aber ich glaube, ich warte hier schon seit zwei Stunden. Kann ich nicht einfach auch mit jemand anderem reden als diesen beiden Leuten, die Sie angekündigt haben?“
Es waren eigentlich genug Polizisten da. Schon eine knappe Viertelstunde, nachdem Monica sie in den Verhörraum gebracht hatte, war ein Trupp Maskierter vom MEK eingetroffen. Sie hatten Sonia um eine kurze Beschreibung Lenores gebeten und ihr dann versprochen, zu ihren Eltern zu fahren, um sie in Sicherheit zu bringen. Insgesamt hatte sie mit dem Chef des Kommandos vielleicht eine Dreiviertelstunde zugebracht, und seitdem wartete sie auf einen Herrn Klaus, der für den ganzen Lenore-Fall verantwortlich war und angeblich auch noch jemanden vom BKA mitbringen würde. Aber er kam nicht. Monica hatte ihr nach einem Telefongespräch mit ihm gesagt, die beiden wären noch beim Innensenator, der darauf bestanden hatte, sich von ihnen genau erklären zu lassen, was los war, bevor er seine Pressekonferenz gab. Sonia wusste nicht, ob so was üblich war, aber sie fand es jedenfalls schrecklich unfair, dass sie hier stundenlang sitzengelassen wurde und niemand sich um sie zu kümmern schien.
Monica lächelte ein bisschen beschämt. Eigentlich nannte Sonia sie natürlich Frau Dohms, aber in ihren Gedanken war sie Monica.
„Es tut mir echt Leid“ sagte sie, „Ich habe was von zwanzig Minuten gesagt, glaube ich, aber ich konnte das ja auch nicht wissen. Ich habe mich auf Herrn Klaus verlassen. Sie sollten mal sehen, was da draußen los ist. Ich glaube, sämtliche Reporter dieser Republik haben sich auf Hamburg gestürzt wie die Schmeißfliegen, und wenn ich hier aus dem Fenster schaue, dann könnte ich…“ Monicas Augen wurden noch größer, als sie ohnehin schon waren, und sie schlug sich wieder eine Hand vor den Mund. „Oh Gott“, sagte sie. „Das tut mir Leid, ich hatte ganz vergessen, dass Sie auch… Oh Gott, entschuldigen Sie bitte, ich habe mal wieder… Verzeihen Sie mir?“
Sonia lächelte mild, obwohl ihr Monica mit ihrem komödienhaften Getue allmählich ein bisschen auf die Nerven ging. Sie überkam gerade wieder das Bedürfnis, sich in einer dunklen Ecke zusammen zu rollen und den Rest dieser Odyssee einfach zu verschlafen.
„Mir gehen meine Kollegen auch manchmal auf den Geist. Machen Sie sich keine Gedanken.“
„Na gut. Tut mir aber wirklich Leid, ich habe eigentlich nichts gegen Reporter, wirklich nicht, aber manchmal… Sie wissen ja bestimmt auch, wie das manchmal ist…“ Sie zuckte die Schultern und suchte mit ihren großen blauen Augen in Sonias Gesicht nach Verständnis und Zustimmung. „Aber was ich eigentlich sagen wollte: In den Medien ist die Sache riesengroß. Im Fernsehen haben sie Sondersendungen und alles Mögliche, und der Senator hat einen Auftritt nach dem anderen, und deshalb musste das sein. Hier ist außerdem gerade jede zweite Straße gesperrt, und man kommt auch mit Blaulicht nirgends so richtig gut durch, weil alles mit Übertragungswagen voll ist…“ Noch mal ein Schulterzucken. „Das letzte, was ich gehört habe, war, dass sie in spätestens zehn Minuten hier sein müssten.“
„Und was ist mit meinen Eltern?“ Sonia hatte die Frage eigentlich schon lange stellen wollen, sich aber nicht getraut. Sie hatte versucht, sie anzurufen, um sie zu beruhigen und ihnen zu sagen, dass es ihr gut ging, aber sie hatte sie nicht erreicht.
Monica schüttelte den Kopf. „Tut mir Leid… Zu Hause waren sie nicht. Wir haben inzwischen rausgekriegt, dass Ihre Mutter offenbar heute Nacht in Fuhlsbüttel landen wollte und das Kommando ist unterwegs zum Flughafen, aber da jemanden zu finden, ist natürlich auch ein Glücksspiel, zumal Ihre Eltern ja vielleicht schon wieder auf dem Weg zurück nach Hause sind. Wir tun, was wir können, versprochen.“ Sie legte eine Hand auf Sonias Schulter, und Sonia wunderte sich, dass das tatsächlich ein bisschen beruhigend wirkte.
Sonia seufzte und massierte ihre Schläfen, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt. Sie hatte eigentlich von der Reise nach Mailand gewusst, aber nicht daran gedacht. Verdammt. Hätte sie das den Polizisten gleich gesagt, wäre das alles bestimmt viel einfacher gewesen.
Etwas vibrierte in ihrer Tasche. Lenores Telefon. Bevor sie sich selbst der Absicht bewusst war, sagte sie schon: „Ähm… Steht das Angebot mit dem Tee eigentlich noch? Ich glaube, ich hätte jetzt doch gerne was zu trinken.“
Monica nickte eifrig und sprang auf. „Klar, kein Problem. Mit Zucker, oder Süßstoff?“
Sonia schüttelte ihren Kopf. „Ohne alles bitte.“
„Was für Tee mögen Sie?“
Verdammt, egal! dachte Sonia, Bloß sieh zu, dass du hier raus bist, bevor die Mailbox rangeht. Oder hatte man als Auftragsmörderin keine Mailbox, um keine Spuren zu hinterlassen?
„Grünen, bitte“, antworte sie, so ruhig sie konnte.
Die Tür hatte sich gerade hinter Monica geschlossen, als das Vibrieren aufhörte.
„Mist“, zischte Sonia. Sie fummelte das Telefon trotzdem hektisch aus ihrer Tasche und schaute sich den entgangenen Anruf an. Unterdrückte Rufnummer. Nicht unbedingt eine Überraschung, aber sie hatte trotzdem gehofft…
Als sie es gerade wieder einstecken wollte, leuchtete das Display noch einmal auf, und es begann wieder zu vibrieren. Sonia dachte kurz darüber nach, doch nicht ranzugehen und einfach zu warten, bis Monica zurückkam, um dann mit ihr darüber zu sprechen. Aber sie hatte genug davon zu warten. Die letzten zwei Stunden hatten ihr Vertrauen in die Hamburger Polizei nicht unbedingt gestärkt. Wahrscheinlich würde der Anrufer schnell bemerken, dass er nicht mit der richtigen Person sprach. Aber es bestand eine Chance, dass Sonia etwas über die Organisation erfahren würde, die ihr nach dem Leben trachtete. Immerhin war das hier immer noch genau die Geschichte, von der jeder Journalist träumte, und Sonia war nicht bereit, diese Chance einfach wegzuwerfen.
Sie drückte auf die grüne Taste. „Ja?“
„Hallo Sonia“, hörte sie Lenores Stimme sagen. Sonia sprang erschrocken auf, ihr Blick huschte suchend durch den Raum, als würde sie befürchte, dass die Mörderin irgendwo in der Ecke hockte und sie angrinste. Der Raum und das Polizeirevier fühlte sie plötzlich wieder gar nicht sicher an, und sie erinnerte sich an die Leute mit den Masken. Die hatten wirklich sehr professionell gewirkt. „Legen Sie bitte nicht auf“, fügte Lenore eilig hinzu. Sie sprach geschäftsmäßig, in sachlichem ruhigem Ton. „Ich möchte Ihnen etwas vorschlagen, das für uns beide von Vorteil sein wird.“
Sonia fragte sich noch einmal, ob das eine gute Idee war, entschied sich aber vorerst dafür, mitzuspielen. Sie war in Sicherheit, erinnerte sie sich selbst. Vielleicht hatte noch eine Gefahr bestanden, dass Lenore es mit Monica und ihrem dicken Kollegen aufnahm, aber jetzt war das MEK da, und eine Horde Reporter außerdem noch.
„Zuerst sollten Sie wissen, dass ich Ihnen nicht böse bin. Wegen des Gifts, meine ich. Es war ganz allein mein Fehler. Sie mussten das ausnutzen.“
„Okay…“ sagte Sonia verwirrt. Sie glaubte natürlich kein Wort.
„Sind Sie alleine?“
Sonia war ein bisschen verärgert, dass Lenore immer noch so auftrat, als hätte sie alles unter Kontrolle. Sie war nicht mehr die mit der Pistole. Sonia hatte gewonnen. Es gefiel ihr nicht, dass Lenore einfach weitermachen wollte, als wäre sie eine unaufhaltsame Naturgewalt. Sonia musste ihr zeigen, dass sie ihr nicht unterlegen war und sich nicht mehr in die Opferrolle drängen lassen würde.
„Was soll die Frage?“
„Sie sind doch bestimmt zur Polizei gegangen. Sicher sind Sie von einer ganzen Einsatzgruppe umzingelt.“
Sonia seufzte laut. „Natürlich ist hier alles voller Polizisten. Aber ich bin alleine in diesem Raum.“
„Gut. Ich glaube Ihnen. Wo sind Sie?“
„Vergessen Sie’s.“
„Schon gut.“ Ein leises Lachen. „Was haben Sie denen gesagt?“
Sonia erlaubte sich einen Hauch eines Lächelns. Lenore hatte Angst. Sie wusste nicht, was Sonia wusste. Und sie hatte Angst, dass Sonia es der Polizei sagen würde. Das war ein gutes Gefühl, obwohl Sonia nicht das Gefühl hatte, etwas zu wissen, was Lenore besonders schaden konnte.
„Noch nicht viel. Ich warte immer noch auf die Leute, die mich befragen sollen.“
„Das ist gut, Sonia. Wir können immer noch Freundinnen werden.“
„Das glaube ich nicht.“
„Verschließen Sie sich nicht, Sonia.“ Lenore lachte wieder. „Hören Sie sich erst einmal an, was ich zu sagen habe.“
Sonia blickte noch einmal zur Tür. Sie fürchtete, dass Monica bald zurückkommen würde.
„Was wollen Sie von mir?“
„Sehen Sie, es ist für uns beide ziemlich einfach. Ich will mein Telefon wieder haben, und Sie wollen nicht, dass Ihren Eltern etwas passiert.“
„Ich sagte schon, dass sie beschützt werden.“
„Oh, kommen Sie. Glauben Sie, ich würde anrufen, wenn ich es nicht besser wüsste?“
Sonia schluckte, aber der Kloß in ihrem Hals war noch da.
„Was soll das bedeuten?“
„Sagen Sie ‚Hallo’ zu Ihrer Tochter“, hörte sie Lenores Stimme ziemlich leise sagen, und dann die Stimme ihrer Mutter: „Sonia? Sonia, geht es dir gut? Dein Vater und ich-„ „Das reicht schon“, unterbrach Lenore sie.
„Was wollen Sie?“ Beinah hätte Sonia geschrien, aber sie war sich noch nicht sicher, ob die Polizisten von dem Gespräch wissen sollten.
„Habe ich doch gesagt. Ich will das Telefon. Die Daten darauf sind verschlüsselt, aber ich habe mir mal sagen lassen, dass man mit genug Zeit jeden Schlüssel knacken kann.“
„Ich sollte auflegen. Bevor Sie mich tatsächlich zu diesem Wahnsinn überreden.“
„Lieben Sie Ihre Eltern, Sonia?“
Sie wollte schreien. Sie spürte den Drang. Sie konnte den Schrei fast körperlich in sich aufsteigen spüren. Es erforderte Kraft, ihn zurückzuhalten. Lenore hatte es wieder geschafft, sie hatte die Kontrolle wieder, und Sonia war wieder das Opfer, und sie hatte wieder Angst vor dem Ungeheuer, das sich im Körper einer sympathischen jungen Frau versteckte.
„Was genau ist Ihr Vorschlag?“
„Wir treffen uns. Sie bringen das Telefon mit, und ich stelle Ihnen ein paar Fragen. Sie verstehen sicher, dass ich sehr verärgert reagieren werde, wenn ich feststelle, dass jemand an dem Telefon herumgebastelt hat.“
„Das ist verrückt. Woher weiß ich, dass Sie mich nicht einfach doch noch erschießen?“
„Woher weiß ich, dass Sie nicht die Polizei mitbringen? Ich fürchte mich vor diesem Treffen vielleicht mehr als Sie, Sonia. Ich habe keinen Grund mehr, Sie zu töten. Der Auftrag wurde storniert.“
„Das sagen Sie.“
„Wir machen Rückschritte. Denken Sie konstruktiv, Sonia.“
Sonia schüttelte langsam den Kopf, ihr Mund halb offen, als ihr bewusst wurde, dass Lenores sonderbare Magie auch übers Telefon wirkte. Obwohl die Massenmörderin gerade damit gedroht hatte, Sonias Eltern zu töten, fiel es ihr schwer, sie als Bedrohung anzusehen. Lenore vermittelte ihr das Gefühl, mit einer Freundin zu sprechen. Natürlich kannte Sonia sie inzwischen gut genug, um nicht darauf herein zu fallen. Aber es war ein unheimliches Gefühl.
„Ich weiß nicht mal, ob ich hier überhaupt rauskomme, sogar, wenn ich will“, sagte sie.
„Ihnen fällt was ein“, erwiderte Lenore. „Sie sind nicht festgenommen, Sie sind keine Verdächtige. Die denken garantiert nicht mal daran, dass Sie versuchen könnten zu fliehen.“
„Dann bleiben immer noch die zweihundertachtzig Kamerateams, die hier vor der Tür stehen. Was soll ich mit denen machen?“
„Vielleicht erkläre ich es Ihnen am besten noch einmal“, sagte Lenore. „Ich biete Ihnen an, sich kurz mit mir zu treffen, mir ein kleines Mobiltelefon zu geben und ein paar Worte mit mir zu wechseln, und dann können Sie nach Hause fahren und Ihr Leben fortsetzen, ohne je wieder von uns zu hören. Es sei denn, Sie wollen. Die Organisation ist sehr großzügig zu ihren Partnern.“ Lenore legte eine Pause ein, um ihre Worte wirken zu lassen. „Die Alternative ist, dass wir Ihre Eltern töten, alle Ihr näheren Verwandten, und dann Sie. Vielleicht noch einige Ihrer Freunde. Sie wissen, dass wir das können.“ Sie lachte leise. „Wenn man es so darstellt, scheint es gar keine besonders schwierige Entscheidung zu sein, oder was meinen Sie?“

Sonia stöhnte und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Womit hatte sie das verdient? Es war nicht so, als hätte sie einen außergewöhnlich gefährlichen Beruf gewählt. Es gab wahnsinnig viele Menschen, die Jahrzehnte lang in Hamburger Zeitungsredaktionen arbeiteten, ohne auch nur ein einziges Mal einer wahnsinnigen Massenmörderin zu begegnen. Sie hätte das doch wirklich nicht vorher wissen können. Diese Sache mit der Mörderorganisation hatte einfach nach einer interessanten Story ausgesehen. Sie hatte doch wirklich nicht wissen können, dass das solche Konsequenzen haben würde.
„Fühlen Sie sich nicht gut?“ hörte sie die schleimige Stimme des BKA-Polizisten in dem teuren Anzug.
Was von jedem anderen wahrscheinlich nach wohlwollender Sorge geklungen hätte, klang aus seinem Mund wie verhüllter Spott. Sonia hatte den Kerl vom ersten Augenblick an eklig gefunden. Seine Augen hatten so einen feuchten Glanz, und sein Gesichtsausdruck erinnerte sie an die Niederen Männer aus dem Film, den sie mit Mesut gesehen hatte. Hearts in Atlantis. Sie versuchte, sich daran zu erinnern, wie es war, entspannt im Fernsehen andere Menschen in gefährlichen Situationen zu beobachten, in dem sicheren Gefühl, dass so etwas niemals einem selbst passieren konnte, aber es wollte ihr nicht recht gelingen.
Sie hob ihren Kopf und sah ihn an. Sein ganzes Gehabe hatte etwas Schleimiges an sich. Sie erwartete ständig, dass er heimlich versuchte, sie unsittlich zu begaffen oder ihr ein bisschen näher kam als eigentlich nötig war, aber das tat er nicht. Er schien völlig zufrieden damit zu sein, wie ein Perverser auszusehen, ohne sich tatsächlich wie einer zu benehmen. Sie konnte sich sonderbarer Weise seinen Namen nicht merken, obwohl das nicht besonders schwer sein sollte. Irgendein berühmter Schriftsteller. Andersch? Mann? Hochhuth?
„Es geht schon“, sagte sie.
Er nickte langsam und gewichtig.
„Sind Sie sicher, dass Sie das hier tun wollen?“ fragte der andere.
Er hieß Klaus, das wusste sie noch. Er war sympathischer als der mit dem Schriftsteller-Namen. Natürlich hatte das nicht besonders viel zu sagen. Die beiden waren kurz nach dem Telefonat mit Lenore angekommen, waren jetzt seit einer knappen Dreiviertelstunde hier, und Sonia wünschte sich schon die Zeit mit Monica zurück.
„Ja“, antwortete sie. „Völlig sicher.“
Sie war sich natürlich kein bisschen sicher, aber sie wollte ihre Eltern nicht verlieren. Und sie wollte, dass Lenore den Rest ihres Lebens in einem Hochsicherheitsgefängnis verbrachte. Sie hatte den beiden erzählt, was Lenore von ihr verlangte.
„Ich halte Ihren Plan nach wie vor für einen großen Fehler“, sagte der Schleimer zu seinem Kollegen. „Es scheint schwer vorstellbar, dass der Innensenator dem zugestimmt hat.“
„Es geschehen eben schwer vorstellbare Dinge in Hamburg“, antwortete der andere.
Sonia hatte das Gefühl, dass die beiden sich mit Freuden gegenseitig totgeschlagen hätten, wenn jemand ihnen die Gelegenheit geboten hätte. Es wäre wohl zu viel verlangt gewesen, dass wenigstens die Polizisten, die ihr helfen sollten, sich auf ihren Fall konzentrieren könnten, statt ihre kleinen Beamtenkriege auszufechten.
„Und das MEK hatte auch keine Einwände?“ fragte der BKA-Mann.
Sonia konnte einfach nicht fassen, dass er Kerl sogar in Anwesenheit des Opfers nichts Besseres zu tun hatte, als permanent seinen Kollegen zu ködern und zu reizen.
„Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen in Wiesbaden läuft, aber hier bei uns haben wir so was wie eine Befehlskette, und da steht das Kommando unter dem Innensenator“, fuhr Klaus ihn an.
Der schleimige BKA-Beamte hob beschwichtigend eine Hand, als hätte er nicht die ganze Zeit auf genau so einen Ausbruch hingearbeitet.
„Schon gut“, säuselte er, „Ich bin nur als Berater hier, Sie treffen die Entscheidungen. Aber können Sie mir bitte die Einzelheiten des Plans noch einmal erklären?“
Monica stöhnte und stieß sich von der Wand ab, an der sie die ganze Zeit gelehnt und unbeteiligt zugehört hatte – einmal hatte sie sogar ein paar Minuten damit zugebracht, eine Haarsträhne um ihren Zeigefinger zu wickeln. Sie ging auf die Männer zu und blieb ein bisschen zu nah vor dem BKA-Beamten stehen.
„Herr Hauptmann, Herr Klaus“, sagte sie, „Können wir uns bitte kurz mal draußen unterhalten? Ginge das?“
Ihre Ungeduld und ihre Verärgerung waren nur ganz mühsam unter einer dünnen Schicht Subordination verborgen. Sonia war überrascht, das hätte sie ihr nicht zugetraut. In diesem Moment stieg die junge Polizistin in ihrer Wertschätzungsskala um mehrere Größenordnungen.
Herr Hauptmann schaute überrascht zu ihr hinab, als hätte ein Stuhl ihn plötzlich angesprochen.
„Ich sehe keine Notwendigkeit“, antwortete er. „Aber wenn Sie eine Pause brauchen, können Sie gerne den Raum verlassen.“
Monica trat erschrocken einen Schritt zurück und sah Hauptmann mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen an. Ihre Lippen bewegten sich langsam, als wollte sie etwas sagen, wüsste aber nicht, was.
Klaus’ Blick wanderte ein paar Mal fassungslos zwischen den beiden hin und her.
„Sagen sie mal, bekommen Sie beim BKA Incentives dafür, dass Sie andere Leute beleidigen, oder ist das bloß ein Hobby von Ihnen?“ fragt er.
Sonia hätte heulen können. Gab es denn sogar auf Seiten der Guten nur Gestörte und Egomanen?

Lesegruppenfragen:

  1. Ich habe die Polizisten, die in diesem Kapitel auftreten, charakterlich ziemlich… sagen wir, markant gezeichnet. Mit etwas bösem Willen könnte man sie auch einfach unprofessionell und kindisch nennen. Findet ihr, dass ich es übertrieben habe?
  2. In der zweiten Szene habe ich ein paar Ereignisse übersprungen und schildere auch nicht, was genau eigentlich der Plan ist, von dem Klaus und Hauptmann reden. Seid ihr trotzdem mitgekommen, oder hat euch das zu sehr verwirrt?
  3. Könnt ihr Sonias Entscheidung verstehen, ans Telefon zu gehen und sich dann sogar noch einmal mit Lenore zu treffen, um ihre Eltern zu retten?
  4. Wie würdet ihr euch wohl in Sonias Situation fühlen?
  5. Mal keine Frage, nur ein Hinweis, um euch eventuell die Zeit für entsprechende Kommentare zu sparen: Natürlich ist es ziemlich unglaubwürdig, dass der Innensenator zustimmen würde, eine Zivilistin so in Gefahr zu bringen. Keine Sorge, das wird im nächsten Kapitel (hoffentlich) zufriedenstellend erklärt.

4 Responses to Nimmermehr (32)

  1. pampashase sagt:

    1. Auch Polizisten sind nur Menschen. Ich halte deine Darstellung daher für eher realistisch, als die Polizei-Supermänner im TV.

    2. Kenn ich so auch aus anderen Büchern und darum gehe ich immer davon aus, dass die Dinge gleich näher erläutert werden.

    3. Ich wäre nicht ans Telefon gegangen! Wenn ich mit niemandem von denen spreche, können die mich auch nicht bedrohen…oder wie in diesem Fall erpressen.

    4. Denk mal panisch, Tunnelblick, keine klaren Gedanken

  2. Muriel sagt:

    @pampashase: Auch wenn’s vielleicht albern ist, mich unter fast jedem Beitrag zu bedanken: Ich finde es fabelhaft, dass du meine Fragen immer so schön beantwortest. Schreiben macht gleich viel mehr Spaß, wenn man auch eine Rückmeldung von den Lesern bekommt.

  3. pampashase sagt:

    Dazu kann ich nur sagen, ich habe ständig das Gefühl mich bedanken zu müssen, dass ich was dazu sagen darf! 🙂

    Lesen macht gleich viel mehr Spaß, wenn man sich danach äußern darf.

    Ich habe da ja sonst immer Probleme, für meine Mitmenschen ist es nicht immer so prickelnd, wenn ich ihnen etwas über die Story in meinen Büchern erzähle, da kaum einer um mich rum liest.

    Ich lese sehr schnell, wenn ich dann danach noch ein wenig drüber sprechen könnte, hätte ich eindeutig mehr, bzw. länger etwas davon.

  4. Muriel sagt:

    @pampashase: Na das passt doch hervorragend. Du darfst dich gerne so ausführlich äußern, wie du möchtest. Fass dich bloß nicht meinetwegen kurz. Jede Reaktion ist interessant für mich, ganz besonders natürlich die kritischen, auch wenn sie erstmal nicht so erfreulich scheinen.

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