Won’t somebody please think of the children?

Vor ein paar Wochen hat unser aller Ethikrat sich dafür ausgesprochen, die so genannten Babyklappen abzuschaffen, also diese kleinen beheizten Briefkästen, in denen Mütter nach der Geburt anonym ihre Kinder abgeben können, wenn sie sich nicht in der Lage sehen, sie zu versorgen.

Daraufhin brach dann ein bisschen Entrüstung los, unter anderem von Seiten der Kirchen, die die Babyklappen befürworten und offenbar der Meinung sind, die Babyklappen müssten unbedingt erhalten bleiben, um das Leben der Kinder zu schützen.

Es gab also diesen Vorschlag des Rates, und es gab Protest dagegen. So etwas wie eine öffentliche Diskussion gab es leider nicht, was ich schade finde, denn das Thema ist eigentlich interessant und wichtig.

Der Ethikrat meint, die Kenntnis seiner biologischen Abstammung sei ein elementares Recht eines jeden Menschen und konstitutiv für das Selbstverständnis.  Deshalb sei es ratsam, die Babyklappen abzuschaffen, da sie ihren Zweck (Verminderung der Kindstötungen) sowieso nicht erfüllt hätten. Ich selbst kann dieses Argument nicht so ganz ernst nehmen, denn ich verstehe die überragende Bedeutung der Kenntnis der Abstammung nicht. Wenn ich von frühester Kindheit an von meinen Adoptiveltern aufgezogen worden wäre, dann wäre die Identität meiner biologischen Eltern meiner Meinung nach für mich ein Gegenstand abstrakter Neugier, wäre mir aber nicht besonders wichtig. Aber vielleicht geht es nur mir so, weil ich ein bisschen komisch bin. Ich will das nicht verallgemeinern.

Die Babyklappenbefürworter jedenfalls widersprechen ganz empört und finden die Idee lebensfern und unmenschlich und können gar nicht verstehen, wie man das Recht auf Leben gegen das Recht auf Kenntnis der eigenen Herkunft abwägen könnte. Andre Nahles von der SPD meint zum Beispiel:

„Jedes Kind, das durch eine Babyklappe gerettet oder vor Schaden bewahrt wird, ist ein Argument gegen die Entscheidung des Ethikrates.“

Nun stellen sich mir bei Argumenten, die auf dem „Und wenn nur ein einziger…!“-Prinzip basieren, sowieso immer schon die Nackenhaare auf, aber auch davon abgesehen, ist es nicht so einfach.

Denn der Ethikrat sagt ja eben gerade, dass aus seiner Sicht die Babyklappen keine Kinder retten, sondern es nur leichter machen, sich anonym von ihnen zu trennen. Nach Ansicht des Rates können die Mütter, die ihre Kinder töten oder sterben lassen, sowieso nicht vom Angebot der Babyklappen erreicht werden.  

Was ich damit sagen will: Beide Seiten reden hier anscheinend aneinander vorbei. Es ist ganz gut zu erkennen. Nur die diskutierenden Parteien merken es nicht oder wollen es nicht merken. Das ist aber meiner Meinung nach allgemein so ein Problem, wenn Menschen diskutieren. Jeder wiederholt immer wieder seinen Standpunkt und denkt sich, was für ein Rindvieh der andere doch ist, dass er es nicht endlich einsieht. Und man ist so aufgebracht und so damit beschäftigt, dem anderen zu erklären, warum er offensichtlich im Unrecht ist, dass man gar nicht dazu kommt, ihm zuzuhören.

Meiner Meinung nach ist die entscheidende Frage, ob tatsächlich durch die Babyklappen nennenswert weniger Kinder gestorben sind. Ist das der Fall, dann halte ich das Recht auf Kenntnis der eigenen Herkunft für zweitrangig. Ist das nicht der Fall, dann sind die Klappen wohl ein falscher Weg und die Empfehlung des Rates begründet. Vielleicht kann man darüber nicht so schön aufgeregt diskutieren und empörte Sprüche in irgendwelche Mikrofone bellen, aber andererseits hätte man das beruhigende Gefühl, die Debatte voranzubringen und etwas für die Kinder zu tun. Ich mein‘ ja nur. Auch wegen Weihnachten und so…

8 Responses to Won’t somebody please think of the children?

  1. Preisfragen: Was heißt „nennenswert“, wie legt man das fest? Und methodisch: Wie findet man heraus ob es die Babyklappe war, die ein Kind gerettet hat. Sicher wäre nicht jedes Kind, dass in einer Klappe landet sonst getöte worden.

  2. Salomea sagt:

    So loose some sleep and say you tried….
    So von wegen anständige Diskussion darüber führen.

    Ich bin eindeutige Befürworterin von Babyklappen. Das mag auch damit zusammenhängen, dass bisher in jeder Stadt in der ich gelebt habe die meisten Säuglinge die darin gefunden worden überlebt haben und ich aus biografischen Gründen eine persönliche Beziehung dazu habe (meine kleine Namenspatronin des ersten Vornamens ist heute 6 und lebt bei Adoptiveltern, die des 4. Vornamens, den ich nur den Gehörlosen gebe weil die Salomea nicht auf die Reihe kriegen, 2 und wohnt in einem Kinderheim. Das mit dem Heim ist nicht ideal, aber besser als wenn sie erforen wäre. Die zwei unter anderem.) So weit meine Anwort auf deine „entscheidende Frage“. Insgesamt 16 Kinder in 3 Städten, die überlebt haben sind 16 die potentiell hätten sterben können gäbe es diese Einrichtung nicht.

  3. Muriel sagt:

    @not quite like beethoven: Ja, genau! Ich fände es toll, wenn jemand ernsthaft versuchen würde, über diese Fragen zu reden. Meiner Meinung nach könnte man zum Beispiel einfach mal schauen, ob vor Einführung der Babyklappen mehr Kinder getötet wurden als vorher. Der Ethikrat behauptet, aus seinen Zahlen ergebe sich, dass die Klappen nichts verbessert hätten. Aber darüber wird nicht geredet, stattdessen könnte man den Eindruck gewinnen, es gäbe eine Fraktion für und eine gegen das Töten von Kindern.
    @Salomea: Danke für deinen Kommentar, aber ich finde, du machst es dir da zu leicht. Der Ethikrat behauptet ja, dass Mütter, die Babyklappen nutzen, nicht die Mütter sind, die sonst ihre Kinder einfach töten oder sterben lassen. Da kann er Recht oder Unrecht haben, aber einfach nur aus anekdotischer Erfahrung heraus zu behaupten, er hätte Unrecht, heißt, die Frage zu umgehen.

  4. Daniel Drungels sagt:

    Gelungener Beitrag, stilistisch sehr angenehm.

    Zum Thema: Selbst wenn nach der Einführung der Babyklappen nicht weniger Kinder getötet werden/worden sind, halte ich diese dennoch für sinnvoll. Ich denke nicht, dass eine solche Entscheidung (ein Kind wegzugeben) leichtfertig gefällt wird und wenn doch…umso besser. Denn zumindest müssen diese Babys dann nicht bei Eltern leben, die ihr Fleisch und Blut in kleine beheizte Briefkästen legen.

  5. Salomea sagt:

    Es ist gut möglich, dass ich es mir da zu leicht mache in diesem Kommentar, das bestreite ich nicht. Aber ich wollte jetzt auch nicht mein angesammeltes Wissen aus einer Mütterberatungsstelle hier breittreten und großspurig sagen „Ethikrat hat Unrecht, die Akten sagen was anderes“. Denn die Quellen die mir fachlich offen gestanden haben und dem was der Ethikrat behauptet widersprechen galten eben immer nur für eine Stadt. Und ich war auch nie lange genug in solchen Stellen oder allgemein in ihnen (ich war immer primär im „Referat Frauen mit Behinderung“ und habe in den anderen Stellen, eben zum Beispiel denen in denen „Risikomütter“ betreut wurden, nur 1,2 Fälle mitbekommen) als dass ich mir jetzt anmaßen wollen würde groß über dieses Thema, welches mich sehr aufregt, debattieren zu können. Weil ich aber doch was dazu sagen möchte tue ich das eben einfach. Ich hoffe du verstehst meine Motivation.

  6. Muriel sagt:

    @Daniel Drungels: Willkommen bei überschaubare Relevanz, und schön, dass es dir gefällt. Dein Argument hat was Zwingendes, und obwohl mir ein, zwei Punkte einfielen, um zu widersprechen, käme ich mir dabei sehr kleinlich vor.
    @Salomea: Klar verstehe ich das. Wäre auch arg geheuchelt von mir, dir da den Mund verbieten zu wollen, schließlich habe ich selbst hier wohl noch am wenigsten Ahnung vom Thema.

  7. Rene sagt:

    Das bisherige Argument gegen die Klappen war, dass es Müttern zu leicht gemacht würde. Damals wurde das von allen vorgebracht, nach meiner Erinnerung auch von den Kirchen. Das man jetzt ein mir neues Grundrecht auf Kenntnis der biologischen Abstammung vorbringt, würde ich für vorgeschoben halten, käme es nicht von einem Gremium, das sich Ethikrat nennt.

    Eine Diskussion mit ein paar Zahlen findet sich hier:

    http://www.sueddeutsche.de/panorama/353/429106/text/

  8. Hagen sagt:

    Zur Lösung von solchen Problemen gibt es da so tolle Dinge, die mit S anfangen und mit tudien aufhören…

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