Menschenähnlich (1) – eine neue Ära beginnt

Der Fortsetzungsroman ist tot, es lebe der Fortsetzungsroman!

Ich hoffe, ihr hattet bisher schöne Weihnachtstage mit gutem Essen und seid trotzdem noch in der Lage, euch genug zu bewegen, um eure Computer zu erreichen, denn heute präsentiere ich euch voller Stolz – und mit ein bisschen schüchterner Unsicherheit – das erste Kapitel meines neuen Werks „Menschenähnlich“. Ich hoffe, diesem Anfang wohnt wie im Sprichwort ein bisschen Zauber inne.

Kates Mund formte einen schmalen Strich, als sie ihre Lippen so fest zusammenpresste, dass sie ganz blass wurden.
„Wie lange wirst du weg sein?“ fragte sie.
David brachte es nicht über sich, ihren Blick zu erwidern. Er schaute auf den Linoleumboden, der schwarzen Schieferfliesen nachgebildet war und dann auf den Bildschirm des Backofens. Zurzeit war dort nichts anderes zu sehen als die Uhrzeit, und er wusste, dass Kate es hasste, wenn er sie nicht ansah, während er mit ihr sprach. Aber er konnte es eben gerade nicht.
„Zweieinhalb Monate, ungefähr“, antwortete er.
„Das ist nicht dein Ernst.“
Ihr Geburtstag war in sechs Wochen. Er zwang sich, in ihre funkensprühenden grünen Augen zu sehen und versuchte, es ihr zu erklären: „Kate, der Mann hat mein Leben gerettet. Zwei Mal. Ich werfe ihn nicht einfach so raus, bloß weil ein Kunde sich über ihn beschwert.“
Sie verdrehte die Augen und blies sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ein Kunde?“
Er sank ein bisschen in sich zusammen. Es war manchmal schwer, diese schmale Grenze zu erkennen, die eine vernünftige Erklärung von einer lächerlich bemühten Rechtfertigung trennte.
„Naja… Ich schulde ihm jedenfalls was. Und er ist mein Freund. Ich kann das nicht machen.“
„Und du glaubst, du kannst es machen, nachdem du mit ihm mitgefahren bist? Was soll das ändern?“
Er zuckte die Schultern, schnaubte missmutig, starrte an die Decke. „Mitch wollte, dass ich ihm sofort die Kündigung gebe, nachdem er von der Sache mit Morley erfahren hatte. Ich konnte ihn überreden, noch zu warten, bis ich einmal selbst mitgeflogen bin und mir angesehen habe, wie er arbeitet. Ich kann mit Jake reden und ihn dazu bringen, sich ein bisschen mehr zusammenzureißen, und ich kann Mitch einen Bericht schreiben, der ihm einfach keine andere Wahl lässt, als es sich noch einmal anders zu überlegen.“
„Und wenn er es jetzt einmal schafft, niemanden zu verprügeln, während du dabei bist, dann werft ihr ihn nicht raus? Oder suchst du jetzt die ganze Zeit nach Fehlern, um nicht den echten Grund nennen zu müssen, dass Jake einfach ein völlig verdrehter Patient ist und nie wieder in der Lage sein wird, etwas richtig zu machen!“
„Du übertreibst“, antwortete er. „Jake ist ein hervorragender Pilot, er ist zuverlässig und er ist loyal…“
Sie schüttelte ihren Kopf.
„Nur leider behandelt er deine Kunden wie Dreck, hat ein Drogenproblem und reagiert auf die kleinste Provokation mit völlig sinnloser Gewalt. Und du meinst, das ist alles schon in Ordnung so, weil ihr damals im Krieg Händchen gehalten habt?“
Das mit dem Drogenproblem war Unsinn. Jake brauchte keine Drogen, um sich wie ein Vollidiot zu benehmen. Aber was die anderen Sachen anging, konnte David ihr kaum widersprechen.
„Ich meine, dass ich ihm etwas schulde“, antwortete er. „Du weißt nicht, wie-“
Sie stieß dieses unartikulierte Kreischen aus, dass sie manchmal benutzte, um auszudrücken, dass sie jetzt wirklich genug von ihm hatte. „Hör bloß auf mit deinem Wir-waren-wie-Brüder-Scheiß, bevor ich anfange, mit Geschirr um mich zu werfen!“
Es war ein dämliches altes Klischee, aber sie war unglaublich sexy, wenn sie wütend war. Er war klug genug, ihr das jetzt nicht zu sagen.
„Außerdem ist das ein wichtiger Auftrag“, sagte er stattdessen, obwohl er ahnte, dass das ihre Stimmung auch nicht aufhellen würde. „Es ist besser, wenn ich dabei bin.“
„Wenn der Auftrag so wichtig ist, warum gibst du ihn dann nicht jemandem, der nicht total bekloppt ist?“
„Weil nur die Emerald-17 schnell genug ist, um die Ausschreibungsbedingungen zu erfüllen. Und Jake fliegt die Emerald-17.“
„Herrgott, ja David, aber warum fliegt er sie? Nimm sie ihm weg, verdammt!“
„Das kann ich nicht so einfach-“
„Du bist doch Partner, oder nicht?“
„Ich meine nicht, dass ich nicht kann, ich meine…“
Sie warf resigniert die Hände in die Luft, drehte sich um, riss die Tür auf, wirbelte wieder zu ihm herum und zeigte ihm den Mittelfinger. Der kleine Reinigungsroboter, der ihre Wohnung sauber hielt, blieb erschrocken stehen und fuhr ein paar Zentimeter zurück, um in sicherem Abstand abzuwarten, was sie als nächstes tun würde.
„Fick dich, David“, sagte sie in gemäßigter Lautstärke und in normalem Konversationstonfall. „Ich werd’ dir jedenfalls so bald nicht wieder-“

Für einige Sekunden erstickte das Dröhnen der Triebwerke jedes andere Geräusch. Dann war der Testlauf beendet, und David konnte wieder das Piepen der Anzeigen, das Klicken der Schalter und das leise Surren der zahllosen kleinen Motoren hören, und all die anderen Laute des Schiffes, an die er sich bald so sehr gewöhnt haben würde, dass er sie gar nicht mehr wahrnahm.
Jake legte in den Kopf in den Nacken um noch an die letzten Tropfen in seiner Pepsidose zu gelangen und beförderte sie dann mit einem routinierten Wurf in die Abfallklappe in der Wand, die gerade rechtzeitig den sich nähernden Abfall registrierte, um sich noch zu öffnen. Jake war begeistert gewesen, als er festgestellt hatte, dass sie das konnte.
„Bereit, David-o?“
„Angeschnallt, gut zugedeckt und bereit.“ David nickte ihm nach einem kurzen nachdenklichen Blick auf die inzwischen wieder geschlossene Abfallklappe noch einmal bestätigend zu. Seit PepsiCo 2043 Coca Cola aufgekauft hatte, trank David keine Cola mehr. Er mochte keine Pepsi, und das blöde No-Name-Zeug mochte er schon gar nicht.
Er lag in einer kleinen Koje ungefähr auf Jakes Hüfthöhe. Der Glasdeckel seiner Passagierkabine war noch offen, aber die Gurte, die ihn während der Reise fixierten, waren bereits an Ort und Stelle, sodass ihm außer Kopfnicken und -schütteln kaum noch Körpersprache zur Wahl stand.
Hyperraumreisen verkürzten die Reisezeiten zwischen den Sternen von Jahrzehnten auf wenige Wochen, aber während ein Schiff sich im Hyperraum befand, war die Physik an Bord ein wenig anders als im gewöhnlichen Universum. Der einzige Pilot, der jemals eine Hyperraumreise im wachen Zustand überlebt hatte, war an seinen besten Tagen autistisch und an seinen schlechtesten in einer Art Wachkoma.
„Dann bleib so und freu dich auf die Reise, es könnte deine letzte sein“, entgegnete Jake in seinem unanständig ergonomischen Pilotensessel, während seine Finger in den holographischen Kontrollelementen der Emerald-17 herumhuschten, die David immer ein Rätsel geblieben waren. Aber wieso sollte er auch noch lernen, mit diesem modernen Seht-mal-was-wir-können-Design fertigzuwerden, inzwischen hatte er Piloten für so was.
Er war lange nicht mehr selbst mitgeflogen.
Jake und David transportierten 13 fabrikneue Androiden. Also alle, die noch übrig waren. Die 13 hatten ihr ganzes Leben lang noch nichts anderes getan, als reglos in ihren Kisten zu liegen, und dennoch hatten sie Demonstrationen, Anschläge, Sondersendungen im Fernsehen und endlose Podiumsdiskussionen ausgelöst. Diese 13 unschuldigen kleinen Maschinen hatten Familien, Parlamente, Parteien und Büros in zwei Fraktionen gespalten. In den letzten Wochen war es kaum möglich gewesen, ein Gespräch zu führen, das nicht früher oder später auf die Frage kam, ob man es für richtig oder für falsch hielt, intelligente, menschenähnliche Maschinen zu bauen.
Obwohl David ihnen das sehr, sehr übel nahm, weil es mehrfach sein Freitag-Abend-Fernsehprogramm ruiniert hatte, gehörte er zur Pro-Fraktion. Alleine schon die Tatsache, dass Androiden unter Hyperraumbedingungen arbeiten konnten, eröffnete buchstäblich unvorstellbare Möglichkeiten. Damit hatte er sich unglücklicherweise die unterlegene Seite ausgesucht, denn seit zehn Tagen hatte die Vollversammlung des Globalen Gesetzgebungsrates durch Resolution 212 die Produktion, den Besitz und den Einsatz echter Künstlicher Intelligenzen verboten. Die Resolution musste zwar noch von den Mitgliedsstaaten ratifiziert werden, aber das war eine Formalie.
„Zeit, schlafen zu gehen“, verkündete Jake beiläufig.
Jedenfalls war nicht jede Zivilisation so miesepeterig wie die menschliche, und deshalb hatten die Kalim dem Hersteller der Androiden, Joint Japanese Industries, ein offenbar sehr attraktives Angebot gemacht. Die Menschheit war den Kalim bei der Entwicklung Künstlicher Intelligenz um mindestens zwanzig Jahre voraus, und dies war die Chance, diesen Rückstand auf einen Schlag aufzuholen.
David kannte die Summe nicht, die die Kalim geboten hatten, aber er kannte die Summe, die Joint Japanese ihm dafür zahlte, dass er ihre Androiden in Rekordzeit auf Kal-III ablieferte. Sie war enorm. Das hatte einerseits damit zu tun, dass diese kleine Lieferung ein kleines bisschen gegen ein kleines Embargo verstieß, aber es ließ auch gewisse Rückschlüsse darauf zu, wie rentabel die ganze Sache für Joint Japanese sein musste.
„Wenn dir jemand damals gesagt hätte, dass wir in zwanzig Jahren einen Haufen Geld damit verdienen, diesen Bastarden einen unschätzbaren technologischen Vorsprung zu verschaffen, hättest du ihm geglaubt?“
Jake zuckte die Schultern. „Vorsprung, Schmorsprung, meinetwegen sollen sie glücklich werden mit ihrem Päckchen. Good riddance to bad rubbish, ich krieg jedenfalls Gänsehaut, wenn ich mir vorstelle, dass da jemand Maschinen baut, die so aussehen wie wir, so denken wie wir und so reden wie wir.“
„Du hast zu viele schlechte Filme gesehen. Glaubst du auch, dass sie unweigerlich irgendwann rebellieren und sich gegen ihre Schöpfer wenden, ja?“
Jake grinste ihn an. „Klar glaub ich das. Und nur ich und eine scharfe vollbusige Wissenschaftlerin werden die Bedrohung rechtzeitig erkennen, um die Welt zu retten. Natürlich bleibt uns trotzdem noch genug Zeit, um-“
„Ich bin mit einer vollbusigen Wissenschaftlerin verheiratet“, unterbrach David ihn. „Hat nicht nur Vorteile, glaub mir.“
Wieder ein Schulterzucken. „Du sprichst über deine Ehefrau“, antwortete Jake, „Ich sprach über die scharfe Schwester, mit der zusammen ich die Welt retten werde.“
Obwohl sie beide ungefähr gleich alt waren – David 84 und Jake 79 – war ihr scheinbares Alter sehr unterschiedlich. David sah aus wie Mitte Vierzig, seine schwarzen Haare schon mit einzelnen grauen durchsetzt, weil er das seiner Position für angemessen hielt. Jake sah aus wie ein Mitte Zwanzig, mit seinen blauen Augen und blonden schulterlangen Locken wie direkt einem Surfkatalog entsprungen, weil er glaubte, damit am besten bei den Frauen anzukommen. David fand, dass das ein Segen war. Hätte Jake ein reiferes Alter gewählt, hätte er grauenhaft zwangsjugendlich gewirkt.
Seit 2054 der erste Telomerase-Cocktail entwickelt worden war, konnte man sich ziemlich frei aussuchen, wie jung oder alt man aussehen wollte. Seitdem hatte sich natürlich noch viel getan. Vor allem die Nanomaschinen, die heutzutage in nahezu jedem Körper herum schwammen, hatten in den letzten Jahrzehnten einen dramatischen Rückgang der Sterblichkeit bewirkt.
Er machte eine kurze Pause. „Hast du eins von den Dingern gesehen? Sehen die wirklich aus wie Menschen?“
David schüttelte den Kopf. Das Gespräch bereitete ihm ein sehr unangenehmes Gefühl. Nicht nur, weil er seinem besten Freund noch nicht gesagt hatte, dass er hier war, um herauszufinden, ob er seinen Job behalten würde, sondern auch, weil er seine liegende Position, mit Gurten fixiert, ein bisschen entwürdigend fand.
„Nein, nur die Bilder aus den Nachrichten.“
Jake öffnete einhändig eine neue Pepsidose. „Die kenn ich auch. Aus der Entfernung würde auch ’ne Schaufensterpuppe aussehen wie’n Mensch…“ Noch eine Pause, während derer er seine Dose auf Hüfthöhe hielt und mit leicht verengten Augen die matt stählern schimmernde Wand über David betrachtete. „Schaufensterpuppen… Whoa, David, gibt es etwas Gruseligeres als lebendige Schaufensterpuppen? Walkin’, talkin’, livin’ dolls. Dreck.“ Er leerte den Rest der Dose, rülpste, warf sie über seine Schulter in den Mülleimer und drückte den Knopf, der die Injektion auslöste, ohne dabei hinzusehen oder David irgendeine andere Vorwarnung zu geben.
Davids Zähne schlugen mit einem hörbaren Klack aufeinander als er den scharfen Schmerz in seinem Bauch spürte. Die Nadel hatte den Durchmesser einer durchschnittlichen Bratenspritze, und die Droge, die sie in seine Blutbahn presste, hatte die Konsistenz zähen Kautschuks.
Verflucht noch eins, er würde sich nie an diesen Teil interstellarer Reisen gewöhnen. Vielleicht, weil er sich beim Aufwachen nie an den Schmerz erinnerte. Es war jedes Mal wieder eine Überraschung.

Das unterdrückte Gurgeln aus Davids Kabine zauberte ein breites zähnefletschendes Grinsen auf Jakes Gesicht.
„Morgen früh, wenn Gott will…“ sang er vor sich hin, während er zu seiner eigenen Kabine spazierte. Die Injektion war immer das Schlimmste… Für die Anfänger. So etwa nach den ersten hundert begann der Körper sich an die Droge zu gewöhnen und die Träume begannen. Und verglichen mit den Träumen war dieser alberne kleine Piekser am Anfang das reinste Manna… Die Träume waren der Grund dafür, dass die meisten Piloten sich nach achtzig oder neunzig interstellaren Flügen einen ruhigeren Job suchten.
Jake ließ sich in seinen Pilotensessel fallen, rotierte ihn um 120° und betrachtete seinen bewusstlosen Freund. Warum war David wirklich hier?
Ohne bewusst darüber nachzudenken, angelte er eine Dose Pepsi aus einem Fach neben seinem Sessel. Eigentlich war die Antwort leicht zu erraten. Entweder hatte David rein zufällig gerade jetzt nach dem Morley-Vorfall beschlossen, dass es mal wieder nett wäre, mit seinem alten Kumpel eine Tour zu fliegen. Oder er war hier, weil er eine Entscheidung treffen musste, die ihm nicht gefiel.
Jake nahm einen tiefen Schluck aus der Pepsi-Dose, setzte sie ab und atmete tief aus.
Er warf einen missmutigen Blick auf die Tür, die zum Frachtraum führte, bevor er den Computer anwies, ihn nun in seinem Sessel zu fixieren und die Injektion vorzunehmen. Er ahnte schon, wovon er diesmal träumen würde. Walkin’ talkin’ livin’ dolls.

Jakes Körper lag flach atmend und regungslos im Cockpit, fast vollkommen eingehüllt von der silikonartigen Oberfläche des Pilotensessels, aber sein Geist schwebte konturlos im Lagerraum des Schiffes und beobachtete. Obwohl natürlich dieser Umstand alleine schon Anlass hätte sein können, an der Realität des Beobachteten zu zweifeln, war sein träumender Geist nicht in der Lage, in Frage zu stellen, was sein Unterbewusstsein ihm vorspielte.
Im dämmrigen Licht einer Nur-Für-Den-Fall-Minimalbeleuchtung lagen die dreizehn Särge mit ihrem kostbaren Inhalt im Frachtraum fein säuberlich im Gittermuster nebeneinander, wie auf einem Leichenschiff. Genau genommen waren es natürlich keine Särge, sie waren etwas größer und wurden eigens hergestellt, um Androiden aufzubewahren und so weiter, aber es waren rechteckige Eisenkisten mit Griffen an der Seite, 2 Meter lang und achtzig Zentimeter breit. Sie sahen aus wie Särge, und es lagen leblose Körper darin.
Sie lagen völlig ruhig und unauffällig da, die einzigen Geräusche das stetige Summen der UIS-Triebwerke sowie ein sporadisches Zischen oder Surren einer der unzähligen Kontroll- und Überwachungseinrichtungen, die dafür Sorge trugen, dass die unschätzbar wertvolle Fracht nicht beschädigt wurde. Es war also alles in bester Ordnung, und so blieb es auch für einen großen Teil der Reise.
Erst als das Schiff den Juliansnebel erreichte, bewirkte dessen ausgesprochen starke Gammastrahlung in dem Quantencomputer, der einen der Androiden steuerte, etwas Seltsames, das niemand vorhergesehen hatte und was auch im Nachhinein niemand erklären können würde.
Nicht, dass dies für sich allein schon bemerkenswert gewesen wäre; niemand wusste so genau, was in diesen künstlichen Gehirnen geschah. Die Künstliche Intelligenz wurde weniger konstruiert, als dass sie sich über mehrere Monate in einem evolutionsähnlichen Prozess unter Mitwirkung mehrerer unechter Künstlicher Intelligenzen entwickelte, bis sie liefen, wenn man den Schalter umlegte.
Sicher, es gab Leute, die sich mit der Frage beschäftigten, warum sie manchmal liefen und manchmal nicht, aber nach allgemeiner Auffassung gingen sie da einer ziemlich müßigen Beschäftigung nach.
Aus einem der Särge – auf einem schlichten Aufkleber stand die Inventurnummer 12ST800 – erklang etwa zehn Sekunden lang ein hektisches Surren, Zischen und Gurgeln, dann platzten die Verschlüsse des Sargdeckels auf wie von übermütigen Kindern gekniffene Springkrautsamen. Mit einer ruckartigen und eckigen Bewegung wie ein Roboter aus einem schlechten Horrorfilm setzte sich das Wesen in der Kiste auf.
Sein chromglänzender Schädel drehte sich ein wenig, während die Augen der Maschine, zwei winzige rötlich leuchtende Punkte in den ansonsten tiefschwarzen Augenhöhlen des Schädels die Umgebung erkundeten. Jake hatte zwar bisher angenommen, sie wären mit menschlicher Haut überzogen, oder vielleicht mit etwas, das so ähnlich aussah, aber vielleicht kam das normalerweise erst irgendwann nach dem Auspacken.
Plötzlich veränderte Jakes Perspektive sich. Er blickte nun nicht mehr als körperlose Entität von oben auf die Szene herab, sondern schaute durch die glühenden Augen des Stahlmonsters.
In seinem Gesichtsfeld blinkte unaufhörlich eine kantige rötliche Schrift: „Mission: Raumschiff reinigen, befreien von Parasiten, alle Menschen töten.“
Der Android erhob sich und stakste zielstrebig auf die Schleuse zum Cockpit zu.
Das regelmäßige „Klang-Klang“ seiner stählernen Skelettfüße auf dem Edelstahlboden hallte an den Wänden des Frachtraums wieder und vervielfältigte sich zu einer metallischen Kakophonie. Vor dem Schleusentor blieb er einige Sekunden lang stehen und musterte es mit seinem ständigen Totenschädelgrinsen, bevor er seine spitzen Androidenkrallen in die Dichtlippen schob und das Tor mit der unwiderstehlichen Kraft von vier Siemens Sd10 Mikromotoren aufdrückte.
Ebenso verfuhr er mit dem zweiten Tor, und schon stand er im geräumigen Cockpit der Emerald. Mit einem leisen Surren dreht er abermals den Kopf, um die Lage zu erfassen, dann stakste er auf Davids die Reisekabine zu. Wieder stand er einige Sekunden lang still und blickte auf ihn herab, bevor seine rechte Stahlkralle, explosiv beschleunigt von zwei hydropneumatischen General Electrics F38 Schnellkrafterzeugern, die durchsichtige Kuppel der Kabine mit lautem Klirren zerspringen ließ und dann mit einem dumpfen „Throb!“ in Davids Brustkorb eindrang.
Der Mensch bäumte sich in einem letzten Reflex auf, dann fiel er zurück und blieb reglos liegen. Ein dünner Blutstrom lief aus seinem linken Mundwinkel.
„Warnung: Die Isolation von Reisekabine zwei ist unvollständig!“ verkündete die stets geduldige und liebenswerte Stimme des Bordcomputers, während die Maschine ihren Blick von ihrem ersten Opfer abwandte und zu dem allmählich erwachenden Jake hinübergrinste.
Jake wechselte Abermals die Perspektive und sah nun nicht mehr durch die Augen des Androiden, sondern durch die seines eigenen hilflosen Körpers. Der Pilot schrie schrill auf, als das Ding die mit einem dünnen rötlichen Film überzogene Chromkralle aus Davids Kabine hervorzog und auf ihn zuzustapfen begann. Hier im Cockpit war allerdings kein „Klang-Klang“ seiner Schritte mehr zu hören, denn Emerald hatte hier in seiner unendlichen Großzügigkeit Teppichboden verlegt.
„Neeein!“
Jake begann hektisch, sich aus seinen Anschnallgurten zu befreien, doch die Verschlüsse entglitten seinen zitternden Fingern immer wieder aufs Neue, sodass er schließlich untätig zusehen musste, wie die Maschine in Zeitlupe ihre Klaue erhob und einige Sekunden auf ihn hinabgrinste. Im nächsten Augenblick würde sie diese groteske Nachahmung einer menschlichen Hand in seinen Körper hineinstoßen und-
„Guten Morgen, Jake, bitte wachen Sie auf, ich brauche Ihre Hilfe“, holte ihn die liebenswürdige Stimme des Bordcomputers in die Wirklichkeit zurück, unterstützt von dem Schmerz der Injektion des Gegenmittels.
Jake stöhnte, löste mit einem unappetitlichen Schmatzen seine festgetrocknete Zunge vom Gaumen und versuchte, seine verklebten Augenlider zu öffnen.
„Ihr Schiff wird von einem Zielsuchradar erfasst.“
Oh ja. Viel besser als der blöde Albtraum.

6 Responses to Menschenähnlich (1) – eine neue Ära beginnt

  1. Salomea sagt:

    Ich muss das noch mal alles in Ruhe lesen um deine Fragen wirklich beantworten zu können, aber es würde das Lesen erleichtern, wenn die Trennstriche aus der Silbentrennung (vermutlich manuell?) verschwinden würden und das Ganze mit Absätzen dargestellt werden würde. Ansonsten habe ich eigentlich immer, egal bei wem, Probleme wenn bei deutschprachigen Autoren amerikanische Figuren mut amerikanischen Namen die Hauptrolle spielen, aber das ist subjektiv.

    Schon jetzt: Was Frage 2 angeht brauche ich ein bisschen mehr Stoff um dir etwas dazu sagen zu können. Und zu 3: Meine ehrliche Meinung? Soylent Green is People. Es fehlt nicht mehr viel, dann haben wir so ’ne Maschinen – in Japan werden bereits Roboter in der Pflege eingesetzt -, und wenn die dann effizienter sind als wir 1:0 für die.

    Schöne 5,5 h restliches Weihnachtsfest 😉

  2. Oh toll, ein neuer Roman!
    Zu den Fragen:
    1) Das hatte mich etwas irritiert, eigentlich sind doch die beiden in ihrer Wohnung (in der Küche, nehme ich an, wg. Backofen und „Geschirr schmeißen“) und plötzlich das Dröhnen des Raumschiffes…
    2) Ist Dir gut gelungen, finde ich.
    3) Habe dabei eher ein mulmiges Gefühl. Sicher kann das auch sein Gutes haben, wenn die z. B. wie von Salomea erwähnt, in der Pflege eingesetzt werden können, wo es ja Personalmangel gibt; nach dem Motto ein Roboter ist besser als gar keine Pflege. Aber der Gedanke, dass sich die Menschheit menschenähnliche Maschinen nach Idealbildern zusammenschrauben und mit denen z. B. Beziehungen eingehen (darüber habe ich mal vor etlicher Zeit einen Artikel gelesen), empfinde ich als gruselig.
    Wobei — es wäre natürlich schick, eine Maschine für den Haushalt, vor allem fürs Fensterputzen, zu haben. 🙂
    4) So wie ich Jake bisher einschätze, passt die Traumsequenz gut zu ihm.

  3. Muriel sagt:

    @Salomea: Danke für den Hinweis. Ich bin gespannt, was dir noch einfällt, wenn du mehr Zeit zum Lesen hattest.
    Die Striche waren von der automatischen Silbentrennung. Mir war gar nicht aufgefallen, dass die aktiviert war. Sind jetzt weg. Bei den Absätzen musst du mir aber erklären, was du meinst, da sehe ich kein Problem.
    Zum Thema Namen: Wie kommst du darauf, dass David ein amerikanischer Name ist? (Er hieß ursprünglich Stefan. Ist zwar eindeutig, aber dafür hässlich.)
    @fellmonsterchen: Danke für deine Antworten. Schön, dass du wieder dabei bist.
    1. Ich habe eine Weile überlegt. Erst hatte Kate nur gesagt: „Ich werd’s jedenfalls nicht mehr tun“, aber dann setzte sich diese Idee mit dem harten Schnitt bei mir fest.

  4. Salomea sagt:

    „David“ hatte ich amerikanisch gelesen da es sowohl eine Kate als auch einen Jake gibt und sich für mich – muss für niemand anderen so sein – deshalb der Schluss ergeben hat, dass es soweit die Erde betroffen ist entweder von amerikanischen oder britischem Grund ausgeht, da diese Namen im deutschsprachigen Raum in den 60er/70er/80er Jahren des letzten Jahrhunderts – in denen die Protagonisten vermutlich geboren sein könnten, so weit sich das mir bis jetzt erschlossen hat – so nicht vorgekommen sind (als Ausnahme die DDR). Wenn du David aber als deutsch-/österreichisch-/Schweizerischstämmig entworfen hast, wäre diesbezüglich irgendwann im Verlauf der Geschichte eine Referenz gut. Hast ja noch ein paar Teile. 😉 (Zu bedenken wäre dann aber, dass dem Namen „David“ bis in die 70er in Deutschland noch sehr das Etikett eines jüdischen Namens angeheftet hat, was nicht weiter schlimm ist, damit kannst du plottechnisch arbeiten). Stefan klingt zwar nicht so toll, aber Namen zu vergeben kann manchmal schon ein Plotinstrument sein. Ganz blödes Beispiel: Wenn es in einer Geschichte eine Salomea gäbe die Weihnachten feiert, wäre das für einen Leser ob der Namensherkunft erst mal nicht ohne Weiteres glaubwürdig. Denn rein literarisch gibt kein „Christ“ ohne einen bestimmten Hintergrund oder ohne bei jeder Gelegenheit eine Geschichte dazu erklären zu müssen seinem Kind so einen Namen.

    Das mit den Absätzen mag nur mir so vorkommen und ich bin ja selber Meisterin im Bandwurmabsätze-Schreiben, aber ich persönlich fände es augenfreundlicher zu lesen, wenn zwischen den wörtlichen Reden jeweils eine Leerzeile wäre (alternativ die Absätze einfach um ein paar Leerzeilen einrücken) und zwischen den „zeitlichen Absätzen“ dann eine doppelte. Wie gesagt, ist aber rein subjektiv.

  5. rebhuhn sagt:

    ich lese jetzt zum ersten mal mit und harre einfach mal der dinge, die da kommen. das hier gefiel mir schon gut, abgesehen vom tatsächlich geplanten 🙂 harten schnitt – etwas ungewöhnlich, ich kann noch nicht genau sagen, warum ich das finde.

  6. Muriel sagt:

    @rebhuhn: Danke für deinen Kommentar. Ich weiß nicht, warum der im Spamfilter gelandet ist, aber jetzt habe ich ihn befreit. Ich hoffe, das nächste Kapitel gefällt dir auch noch.
    @Salomea: Oh weh, ich hatte ganz vergessen, deinen Kommentar zu beantworten. Irgendwie ist mir der durch die Lappen gegangen. Ich danke dir aber trotzdem für deine Namensanalyse, und vielleicht flechte ich ja tatsächlich gelegentlich noch mal einen Hinweis auf Davids Herkunft ein.
    Was die Absätze angeht, kann ich dir wohl leider nicht helfen, ich ziehe das eher so vor, wie es jetzt ist.

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