Landwirtschaft dient allen

[Warnung: Dies ist ein Nörgelbeitrag. Wer noch in Weihnachtsstimmung ist und sich diese nicht verderben lassen will, sollte ihn vielleicht auslassen. Warnung Ende]

Vielleicht so als kurze Erklärung zum Einstieg: Ich kann Bauern nicht leiden. Der individuelle Landwirt ist vielleicht ein netter Kerl, so wie der individuelle Gewerkschafter oder der individuelle Geistliche, aber als Organisation habe ich ein Problem mit ihnen.

Das liegt daran, dass ich mich generell über Leute aufregen kann, die ganz selbstverständlich erwarten, dass der Rest der Welt sich nach ihnen richtet, und dann mit Aggression und Entrüstung reagieren, wenn sie feststellen dass es nun einmal nicht so läuft.

Wenn ich jemandem etwas verkaufen möchte, er aber nicht den Preis zahlen will, den ich verlange, dann nenne ich entweder einen niedrigeren Preis, oder sage ihm, dass er halt woanders kaufen muss. Vielleicht komme ich sogar auf die Idee, ihm zu erklären, warum ich meinen Preis für angemessen halte und dass billigere Anbieter ihn dann später eventuell teuer zu stehen kommen.

Aber zu keiner Zeit komme ich auf die Idee, den Käufer zu beschimpfen, er wolle mich ausbeuten, er müsse doch Rücksicht auf mich nehmen, ich müsse doch auch von irgendwas leben und meine Kosten decken. Ich würde nicht einmal im Traum daran denken, zu ihm nachhause zu fahren und seine Hofeinfahrt mit meinem Auto zu blockieren. Es läge mir völlig fern, eine Autobahn zu sperren, Barrikaden anzuzünden und von der Regierung zu verlangen, dafür zu sorgen, dass ich den Preis bekomme, den ich gerne hätte.

Landwirte denken anscheinend anders, und das nervt mich kolossal. Aus diesem Grund konnte ich mich nicht völlig zurückhalten, als ich gestern auf dem Kaffeetisch meiner Großmutter diese Milchtüte entdeckte:

Nachdem ich sie eine Weile betrachtet hatte, fragte mich jemand, was ich davon halten würde. Natürlich wäre es klug gewesen, darauf so etwas zu antworten wie: „Hm, naja, achja, ihr wisst schon, schönes Wetter heute, oder?“
Zumal diese Aktion von mir aus im Prinzip sogar in Ordnung geht. Schließlich kann jeder für sich entscheiden, ob er so eine teure Tüte Milch kaufen will oder nicht.

Ich fühlte mich aber berufen, das Schwert der Wahrheit zu zücken:
„Also, ich habe ja gar kein Herz für Erzeuger. Für unsere heimischen Landwirte kann ich gar nicht wenig genug bezahlen, ich kenne nämlich ein paar.“
Das führte natürlich zu einem kurzen Streitgespräch, an dessen Ende ich mich nicht mehr genau erinnern kann, weil sich so ein roter Schleier über mein Blickfeld senkte. Das letzte, was ich noch weiß, ist:

Oma: „Ja, aber im Ausland werden die Bauern doch subventioniert, und bei uns nicht!“
Ich: „Ouh! Ouh! Oooouh!“

Ich glaube, danach bin ich aufgesprungen und schwungvoll mit dem Kopf voran gegen die Wand gelaufen. Bin mir aber wie gesagt nicht sicher.

18 Responses to Landwirtschaft dient allen

  1. ruediger sagt:

    Diese Aktion auf der Milchtüte war mir bisher nicht bekannt. Der Preiskampf und der Subventionswahn treibt schon komische Blüten aus.

    Auf der anderen Seite, wenn den hiesigen Bauern keiner die Milch (um beim Beispiel zu bleiben) abkaufen will, sondern die heimischen Kunden plötzlich ins Ausland wandern und billiger dort importieren als hierzulande produziert wird, kann etwas nicht stimmen. Die Milch-Bauern, deren Kalkulation ich nicht überprüfen und somit als seriös bezeichnen muss, finden keine Abnehmer für Ihre Milch. Also wohin damit? Exportieren, via EU-Subvention dann wieder re-importieren? Gibt es denn keine anderen Möglichkeiten? Konkurrenz belebt in der Regel das Geschäft, weil sie die Konkurrenten anstrengen und bemühen. Ich verstehe nicht, warum das hier nicht geht oder gehen soll.

    Die Idee, beim Verbraucher das Bewusstsein für hier erzeugte Produkte, denn darum geht es letztlich in der Aktion, wenngleich das nicht so aussieht und aus historischen Gründen vermutlich auch nicht statthaft ist, finde ich indes sympathisch. Denn ich persönlich gebe gerne zu, wo es sich anbietet und möglich ist, ich ein deutsches Produkt einem im Ausland erzeugten unabhängig des Preises vorziehe. Wobei dies heute schon wirklich schwierig ist zu ermitteln.

    Zufall, gerade vorhin gelesen:
    http://www.zeit.de/2009/53/USA-Handelspolitik

  2. ruediger sagt:

    Muss lauten:

    Konkurrenz belebt in der Regel das Geschäft, weil sich die Konkurrenten anstrengen und bemühen.

  3. axeage sagt:

    Ach, ich weiß nicht …

  4. Muriel sagt:

    @Ruediger: Ich sage ja, dass ich eigentlich niemandem wegen der Aktion einen Vorwurf machen mag. Ich unterstütze sie eben nur einfach nicht, weil ich an unseren Landwirten nichts Unterstützenswertes sehe. Diese neue Kinowerbung von denen macht mich auch total knurrig. @axeage: Wie, was?

  5. Salomea sagt:

    Warnung vorab: ich bin etwas diesig von meiner neuen Medidosierung, bitte also vorab um Nachsicht für Tippfehler oder so was 😉

    Ich habe mich nicht so sehr mit der Landwirtesituation beschäftigt, kann aber nachvollziehen wenn ob der Überproduktion bei ihnen Unmut aufkommt, weil es finanzielle Einbußen mit sich bringt. Das ist in der Wirtschaft eben so und irgendwie muss der Markt ja laufen. Kann man durch Re-Importe vielleicht beeinflussen. Ich persönlich finde Re-Importe aber idiotisch (wobei ich mich privat und beruflich nur mit Re-Importen im Gesundheitswesen beschäftigt habe, dürfte mit Nahrungsmitteln aber nicht anders sein).

    Und die Idee mit den „heimischen Produkten“ ist zwar nicht übel, aber wie Ruediger – wenn ich dich richtig verstanden habe – bereits anmerkte etwas vorbelastet und könnte von bestimmten Kreisen politisch missverstanden werden.

  6. axeage sagt:

    Man muss natürlich immer fragen, was hinter einer Subvention steckt. Im Falle der Milchsubvention möchte man wahrscheinlich tatsächlich verhindern, dass die Milch, von Gott weiß wo zu uns gelangt und dann (merkwürdigerweise) immer noch billiger ist, als die bei uns erzeugte, mal abgesehen davon, dass Milchwirtschaftsbauer nicht gerade der Traumberuf deutscher Jungunternehmer ist und sicher eine Menge unangenehme Arbeit verursacht – eine Kuh macht Muh, viele Kühe machen Mühe.
    Also, wenn Subvention, dann doch bitte auch so, dass der Milchbauer halbwegs davon leben kann.
    Sicher würde der Markt alles regeln, aber höchstwahrscheinlich um den Preis, dass kaum mehr Milch in Deutschland erzeugt wird, mit einer Energiebilanz, die höchstwahrscheinlich die derzeitige Subvention locker in die Tasche steckt.

  7. Muriel sagt:

    Es gibt da doch dieses T-Shirt „Deutsche! Kauft deutsche Bananen!“ Ohne das jetzt im Detail durchgerechnet zu haben, möchte ich durchaus noch mal drauf hinweisen, dass die Intuition nicht immer stimmt, was von weit her komme, sei schlecht für die Umwelt. Die deutschen Bauern mit ihren ineffizienten Strukturen (Jeder Kleinbauer mit ein paar Hektar Land kauft sein eigenen Maschinen usw.) könnten aus meiner Sicht von der Energiebilanz her durchaus noch verheerender sein als ein Import aus Ländern, wo sich besser landwirten lässt. Auch den Lagerungsaufwand für deutsche Produkte muss man einbeziehen, wenn man das vergleichen will.

  8. ruediger sagt:

    @Salomea
    Ja und Nein. Sich hierzulande öffentlich patriotisch zu geben, ist verpönt und wird nur zu gerne und sehr schnell mit Nationalismus gleichgesetzt, obwohl es nun schon 60 Jahre vorbei ist. Insofern ist die Bekennung zum Willen deutsche Produkte vorzuziehen schon ‚gefährlich‘. Das sehen die Amerikaner, Franzosen und Engländer sehr viel entspannter.

    Es ist schwierig zu Erkennen, ob es ein deutsches Produkt ist oder doch nur ein umverpackter Import. Gerade bei verderblichen Lebensmitteln ist es extrem schwierig. Auf die Auskünfte über den Herstellungsort verlasse ich mich nicht, Papier ist geduldig und erträgt alles.

    Dieses Modell mit den Hinweisen auf die Verpackung sieht nach Sicherung der eigenen Pfründe aus, auch wenn dem so nicht sein mag. Wie geschrieben, ich weiß nicht wie kalkuliert werden muss und tatsächlich wird. Sich am Markt behaupten zu wollen, wird für meine Begriffe jedoch mit anderen Signalen deutlicher vermittelt, als „lieber Kunde hab Mitleid und hilf uns“.

  9. axeage sagt:

    Bei deutschen Bananen fällt mir nur die Zonen-Gaby der Titanic ein.

  10. Muriel sagt:

    @axeage: Die kenne ich auch, aber ich meinte dieses Tucholsky-Dingen hier.

  11. Tim sagt:

    @ axeage

    Natürlich würde es auch ohne Agrarsubventionen noch Landwirtschaft in Deutschland geben. Aber die Agrarsubventionen bewirken eben, daß die Struktur der Branche konserviert wird, d.h. es gibt trotz Hofsterbens weiterhin sehr viele Kleinbauern, die sich natürlich zum Beispiel gegen Molkereien nicht gut durchsetzen können. Ohne Agrarsubventionen hätten wir in der Landwirtschaft wahrscheinlich über kurz oder lang viele Erzeuger, die eher an mittelständische Unternehmen erinnern und dann auch eine entsprechende Marktmacht hätten.

    Warum der Konsument Mitleid mit den Bauern haben soll, deren Probleme ja vor allem durch die Subventions“erfolge“ ihrer Lobby verursacht werden, versteht wohl keiner.

  12. Safiya sagt:

    Ich kaufe diese Milch immer gerne, weil sie die einzige ist, die noch traditionell hergestellt ist (hier bei uns). Selbst Bio-Milch ist durchweg ‚länger haltbar‘, und diese wässrige Plörre mag ich nicht.

  13. Muriel sagt:

    @Tim: Danke, so ungefähr schätze ich das auch ein.
    @Safiya: Da weißt du entweder mehr als ich, oder wir reden von verschiedenen Milchsorten. Meine da oben ist nur teurer, soweit ich das erkennen kann, sonst gar nichts.

  14. @ Muriel

    Zum Thema ESL-Milch habe ich einen kleinen Beitrag verfasst.

  15. Zum eigentlichen Thema:

    In dieser moralinsauren Milchtüte kommt mal wieder die absurde Vorstellung zum Vorschein, dass Gesellschaft an den Staatsgrenzen aufhört. Der ausländische Bauer hat kein Recht dem deutschen Bauer die Preise kaputt zu machen. Was das anbelangt, sind manche Zeitgenossen in ihrer Denke nicht über die Zeit des Absolutismus bzw. des Merkantilismus hinaus gekommen.

  16. Muriel sagt:

    @Daniel Drungels: Schön gesagt.

  17. Oliver sagt:

    Also ich achte schon darauf, dass die Milch, die ich kaufe, ca. 1 Euro kostet und nicht von Müller und Co. kommt.

  18. Muriel sagt:

    @Oliver: Interessant. Hast du denn nur ein Herz für deutsche Landwirte, oder machst du das auch noch bei anderen Erzeugern so?
    Kaufst du zum Beispiel auch Obst, Stereoanlagen und Autos nicht unterhalb eines bestimmten Preises?
    (Ich fürchte, das klingt jetzt ein bisschen sarkastisch, aber ich möchte es wirklich gerne wissen.)

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