Menschenähnlich (3)

Ganz so schnell, wie wir es alle gehofft haben, ging es nicht, aber immerhin: Ein neuer Teil unseres neuen Fortsetzungsromans „Menschenähnlich“ erscheint heute, und ich hoffe, er gefällt euch.

Im ersten Kapitel wohnte wir dem Aufbruch zweier Raumfahrer namens Jake und David bei, die eine kostbare Fracht aus 13 Androiden zu einem fremden Planeten transportieren sollen.
Bereits im zweiten Kapitel folgt der abschussbedingt gewaltsame Abbruch dieser Reise. Dafür lernen wir Kalon und An’Yik kennen, die sich als reisende Helden betätigen und dabei anscheinend auch manchmal vor ethisch nicht ganz einwandfreie Vorgehensweisen zurückschrecken. Sie sehen den Absturz des Raumschiffes und hoffen auf reiche Beute.

Ausführlich könnt ihr das alles auch auf der Geschichen-Seite nachlesen. Und jetzt geht’s weiter:

David öffnete seine Augen. Für einen Moment wusste er nicht mehr, was passiert war. Als er aber bemerkte, dass die Bildschirme schwarz waren, die holographische Konsole tot, und nichts mehr um ihn herum blinkte und piepte, da kehrte die Erinnerung zurück. Er hatte ein Schiff verloren. Die Emerald-17 war abgestürzt, zusammen mit 13 Androiden, die er nach Kal-Ill hätte bringen sollen, ohne dass es jemand bemerkte.
Aber er lebte noch. Das war ein Trost. Er fuhr sich mit den Händen durch sein Gesicht, ohne recht zu wissen, ob er damit Schmutz oder den Schrecken wegwischen wollte.
Seine Gedanken rasten, kreisten umeinander, während er versuchte, sich darüber klar zu werden, was geschehen war, und welche Konsequenzen es haben würde. Er erinnerte sich daran, dass es nur selten wirklich so schlimm kam, wie es am Anfang schien. Vielleicht waren sie gar nicht abgestürzt, und das Schiff war nur leicht beschädigt. Vielleicht war noch nicht alles verloren. Er hatte es im Krieg nicht bis zum Hauptmann gebracht, weil er sofort aufgab, wenn es mal ein bisschen hart wurde.
„Computer?“ fragte er.
Keine Antwort.
Na gut, das wäre auch zu schön gewesen. Immerhin war die Beleuchtung noch aktiv. Er begann, sich aus seinen Gurten zu befreien, um sich besser umsehen zu können.
„Jake?“
Schweigen.
„Jake!“ rief er etwas lauter, in der Annahme, sein Freund wäre vielleicht im Maschinenraum, um irgendetwas zu reparieren.
Bevor David nach ihm gerufen hatte, war er gar nicht auf die Idee gekommen, dass Jake ernsthaft verletzt sein könnte. Jake war einer dieser Menschen, die so lebendig wirkten, dass sich niemand vorstellen konnte, sie würden eines Tages sterben. Ein schauderhafter Gedanke, vor dem Davids Verstand sofort zurückschreckte.
Es kam ohnehin selten genug vor, dass Menschen starben, seit der Telomerase-Naniten-Cocktail in nahezu jedem Menschen zirkulierte. Jake war nicht tot. Durfte nicht tot sein.
David versuchte, aufzustehen. Es gelang ihm ohne Schwierigkeiten, was ein gutes Zeichen war. Nicht so gut war das „Platsch“, das er hörte, als sein Fuß den Boden berührte, kurz bevor er spürte, wie das Wasser in seinen linken Schuh lief. Womit sich seine Hoffnung, dass sie nicht abgestürzt waren, in eine Wolke stinkenden Nichts auflöste.
„Oh verdammt… Jake!“
„Wa-was?“ fragte Jake nuschelig.
„Das Schiff sinkt“, antwortete David mit der Ruhe und dem Gleichmut, die nur völlige Verzweiflung verleiht.
„Das… hä?“ Jake war offenbar noch nicht ganz wach. Aber er lebte und war bei Bewusstsein. Die Erleichterung darüber traf David so plötzlich, dass er beinahe laut gelacht hätte „Wer sinkt? Das hier ist ein Raumschiff, Alter!“
„Ein abgestürztes Raumschiff.“
„Äh… Oh. Ach ja. Richtig.“ Jakes Stimme wurde langsam klarer, während er sich langsam in seinem Sessel aufsetzte. „Wir sind ins Meer gestürzt?“
„Scheint so… Ist bei dir alles in Ordnung?“
„Ich glaub’ schon…“
„Hast du eine Ahnung, ob das Ding hier untergehen kann, oder ob es schwimmt?“
Jake streckte seine Hände dorthin, wo die holographischen Kontrollen gewesen waren, aber nichts geschah.
„Computer?“ fragte er.
„Habe ich schon versucht. Tot.“
Jake seufzte und begann, sich im Cockpit umzusehen. Erst jetzt bemerkte David seine Verletzung. Der Pilotensessel war ein viel aufwendigeres Modell als der, in dem David saß. Die silikonähnlichen Polster hüllten den Insassen beinahe vollständig ein und schützten ihn vor nahezu jedem Schaden. Dabei musste irgendetwas schief gelaufen sein, denn Jakes Stirn wies eine klaffende Platzwunde auf, aus der so viel Blut hervorgequollen war, dass seine gesamte rechte Kopfhälfte scharlachrot glänzte. Die Naniten hatten sich aber offenkundig schon der Sache angenommen, denn die Blutung war inzwischen gestillt und die Wundränder hatten begonnen, aufeinander zuzuwachsen. Jake erinnerte sich noch an die Zeit vor den Naniten. Damals wäre das eine ernste Wunde gewesen, die medizinische Behandlung erfordert hätte. Heute würde sie in einer Stunde fast verschwunden sein. Natürlich nur, falls sie die nächste Stunde überlebten. David hofft, dass die Wunde nicht doch tiefer war, als sie schien.
„Wer von uns beiden muss denn jetzt mit dem Schiff untergehen, sag mal bitte?“
Seinem Humor hatte sie zumindest nicht geschadet.
„Ich sehe hier keinen Kapitän“, erwiderte David. Zum Glück waren sie beide nicht bei der Marine gewesen. „Du etwa?“
Jake grinste und sah sich ostentativ im Cockpit um. „Nirgends. Lass uns verschwinden.“
Das Wasser reichte jetzt schon bis an Davids Schienbein.
„In Ordnung. Kannst du aufstehen?“ fragte er.
„Ich denke schon.“
„Dann sammel du mal zusammen, was wir noch gebrauchen können. Ich hole solange das Rettungsboot.“
David hatte sich schon oft darüber lustig gemacht, dass alle auf der Erde gebauten Raumschiffe mit einem Rettungsboot für Notwasserungen ausgerüstet sein mussten. Und er bereute kein einziges Mal, obwohl er wusste, dass es angebracht gewesen wäre.
Mit einem kräftigen Ruck öffnete er die Klappe in der Cockpitwand und zog das gelbe Kunststoffpaket von der Größe einer Sporttasche hervor. Dann öffnete er die Notausstiegsluke und bemerkte zu seiner Überraschung, dass es da draußen Nacht war. Nur der wolkenverhangene Vollmond spendete etwas Licht – hatte der Planet auf der Computergrafik nicht drei Monde gehabt? Egal. Die anderen waren wohl gerade nicht zu sehen.
Er warf das handlich verpackte Boot ins Wasser und betete dafür, dass es funktionieren würde. Wer wusste schon, ob das nicht alles Attrappen waren? Doch tatsächlich: Mit dem erfreulichsten Zischen, das er je gehört hatte, begann das Boot sich aufzupumpen, bis es groß genug war um etwa fünf Menschen bequem transportieren zu können. Es hatte sogar ein Dach, wie ein schwimmendes Zelt.
„Cool…“ murmelte er.
„Bin soweit!“ rief Jake hinter ihm aus dem Schiff, „Vier eingeschweißte Sandwiches, zehn Schokoriegel, zehn Dosen Pepsi, die Pistole und etwa zwanzig Schuss Munition.“
In den Händen hielt er einen prall gefüllten Rucksack, der mutmaßlich die genannten Dinge enthielt.
„Ins Boot damit, ich komme gleich nach.“
„Beeil dich bloß!“
„Hinten sind ein paar Werkzeuge, die wir vielleicht noch gebrauchen können.“ David wusste selbst nicht genau, warum er nicht die Wahrheit sagte. Vielleicht, weil ihm seine Idee selbst ein bisschen albern vorkam.
„Werkzeuge…? David, unser geschlechtsverkehrtes Schiff sinkt, und du willst jetzt noch geschlechtsverkehrende Hämmer und Nägel suchen?“
David antwortete nicht. Bald würde das Wasser die Luke erreicht haben, und wenn das Schiff erst mal so weit war, würde es binnen weniger Minuten den Grund erreichen.
Hastig schob er die notfallentriegelten Türen auf uns ließ seinen Blick durch den Frachtraum schweifen, der anders als das Cockpit nur von einer schummrigen rötlichen Notbeleuchtung erhellt wurde. Die Emerald-17 war eines der kleinsten interstellaren Frachtschiffe auf dem Markt, entwickelt für genau diese Art von Aufträgen: Geringe Mengen hochwertiger Ware, die schnell an ihr Ziel gelangen mussten. Der Frachtraum war auf zehn Meter Länge knapp vier Meter breit, ein langweiliger metallener Schuhkarton, dem man kaum abnahm, dass er zum selben Schiff gehörte, wie das angeberische Cockpit, das auch gut in eine luxuriöse Raumyacht gepasst hätte.
David aktivierte das Hover-Modul unter dem vordersten Sarg. Hastig zog er das Ding ins Cockpit zum Notausstieg, wo er mit gelinder Besorgnis feststellte, dass das Wasser die Luke schon fast erreicht hatte. Ohne das Hover-Modul hätte er es niemals rechtzeitig geschafft. Leider war das aber für den Transport auf halbwegs ebenen Flächen gedacht und ließ den Sarg nur knapp zwanzig Zentimeter über dem Boden schweben. Nach zwei Versuchen, ihn alleine über die erhöhte Schwelle der Ausstiegsluke zu wuchten, sah er ein, dass er Hilfe brauchte.
Keuchend stützte er sich an eine Wand und rief: „Jake, hilf mir gerade mal mit dem Ding hier!“
„Mit welchem…? Das ist nicht dein Ernst!“ Jake streckte seinen Kopf von draußen durch die Luke und starrte ungläubig auf den Sarg. „Du willst die Dinger doch jetzt nicht einzeln hier raus…“
„Nein, verflucht noch mal, nur den einen. Er kann uns bestimmt noch irgendwie nützen!“
„Ja, richtig. Falls wir mal wissen wollen, was die fünfte Wurzel aus dreihundertsiebzehntausend ist oder…“
„Ach, hör auf zu nörgeln und hilf mir!“
Das Schiff würde noch ein wenig brauchen, bis es ganz untergegangen war, aber er fand trotzdem, dass jetzt nicht die Zeit für Diskussionen war.
„Ja, klar. Nicht, dass ich verletzt wäre oder so…“ Aber noch während er sprach, beugte er sich zu einem der Griffe hinunter und hievte die Kiste gemeinsam mit David hoch genug, dass sie sie anschließend mit vereinten Kräften durch die Luke ins Boot schieben konnten.
Keuchend kletterten sie hinterher. David sah sich in dem Rettungsboot um, das mit seinem gelben Dach sogar irgendwie ganz gemütlich wirkte, und lehnte sich erschöpft an eine der elastischen Wände. Jake tat es ihm gleich.
Der Boden hing durch die schwere Metallkiste zwar tief durch, schien das Gewicht aber ansonsten problemlos zu tragen. Erst jetzt fiel David auf, dass das auch gehörig hätte schiefgehen können. Glücklicherweise waren die Kanten und Ecken des Sarges etwas abgerundet. Vielleicht hatte das ihr Boot gerettet.
Erst das brodelnde Blubbern der aus der Emerald-17 aufsteigenden Luftblasen vertrieb die Gedanken an eine Erholungspause.
„Kann man dieses Teil jetzt auch noch irgendwie bewegen?“ fragte Jake.
„Was weiß ich“, murmelte David. „Aber das hier sieht so aus, wie…“
Er hatte ein kleines Display an der Zeltwand entdeckt und krabbelte darauf zu. Als er es mit seiner Hand berührte, erschienen darauf ein Kompass, eine Art Gashebel mit Markierungen von 1/4 bis 1/1 und eine Schaltfläche mit der Aufschrift „Weitere Optionen“.
„Ich glaube, wir müssen nicht mal paddeln!“ verkündete er.
„Mensch“, erwiderte Jake, „Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich schon viel früher mal irgendwo abgestürzt…“
David wusste nicht, ob und wie der Kompass auf diesem Planeten funktionierte, aber es war auch egal, weil er eh keine Ahnung hatte, in welcher Richtung sie Land finden würden. Er schob die kleine Gashebelgrafik zu 1/1 und spürte zufrieden, wie die Rettungsinsel gemächlich Fahrt aufnahm.
„Na also!“
„Prima. Wie Urlaub.“
Sie lehnten sich zurück und lauschten dem Rauschen des Ozeans, während sie zusahen, wie die nicht ganz zwei Jahre alte Emerald-17 mit ihrer kostbaren Fracht langsam von den Wellen verschlungen wurde.
Von außen war das tränenförmige Schiff sehr elegant gestaltet: vorne das schmale, spitz zulaufende Cockpit, erkennbar an den zahlreichen Fenstern, dahinter der außen abgerundete fugenlose metallene Körper, in dem Fracht- und Maschinenraum auf für David unverständliche Weise untergebracht waren. Es wirkte von innen viel größer als von außen. Die drei an den Rumpf angefügten wabenförmigen Hyperraummodule waren nicht mehr sichtbar, da sie sich bereits unter Wasser befanden.
Die Ruhe gab David unglücklicherweise wieder Gelegenheit, über die Konsequenzen dieses Desasters nachzudenken.
„117 Millionen NewYen, alleine das Schiff“, brummte er. „Von den Schadenersatzforderungen von Joint Japanese ganz zu schweigen.“
Sogar wenn es gelingen würde, die Androiden aus dem Meer zu bergen, war die Geheimhaltung der ganzen Sache jetzt erledigt. Er entschied sich bewusst dagegen, auszurechnen, wie viel Geld das alles hier insgesamt kosten würde. Es war unheimlich viel, das reichte für den Anfang, und keine Versicherung der Welt würde für einen illegalen Auftrag aufkommen.
„Habt ihr keine Versicherung?“
David seufzte tief. „Vergiss es.“
Er wollte darüber jetzt wirklich nicht nachdenken. Vorerst hatten sie wichtigere Sorgen als seinen bevorstehenden finanziellen Ruin. Erst überleben, dann bilanzieren.
„Wie doof ist das denn? Was wollt ihr denn dann jetzt machen, wenn die blöden Roboter wirklich weg sind? Ich meine, soviel Geld kriegt ihr doch nie zusa-“
„Jake“, sagte David in einem Tonfall, den er seinem alten Freund gegenüber nicht mehr benutzt hatte, seit er nicht mehr sein militärischer Vorgesetzter war. „Dein Mund macht Geräusche. Unternimm bitte was dagegen.“

„Es ist zu früh“, sagte Wodar, „Wir haben noch nicht genug gegen sie in der Hand.“
„Sie werden misstrauisch“, antwortete Berren. „Vielleicht haben sie mich schon durchschaut.“
„Dann hättest du deine Rolle besser spielen müssen.“
„Es sieht immer so einfach aus, wenn man es nicht selbst machen muss, was, Schlichter?“
Wodar gab ein mürrisches Grunzen von sich und versetzte Berren einen Rückhandschlag, der ihn so unerwartet traf, dass der große schwere Mann zu Boden ging und verwirrt liegen blieb, während Wodar näher an ihn herantrat, seinen eisenbeschlagenen Stiefel hob und ihn auf Berrens Nase platzierte.
„Bilde dir nicht ein, du wärst meinesgleichen, weil ich dich als meinen Spitzel benutze“, sagte der Schlichter. „Bilde dir nicht ein, du könntest mit mir scherzen und mich verspotten.“
Er verlagerte ein wenig Gewicht auf den Stiefel über Berrens Nase, bis der bärtige Hüne leise zu schnaufen und zu stöhnen begann.
„Du sprichst, wenn ich dich etwas frage. Das ist doch einfach, oder nicht?“
Wodar hob seinen Stiefel wieder ein Stück, damit Berren antworten konnte.
„Ja!“ japste Berren, „Ja, ich verstehe!“
Wodar nickte und trat einen Schritt zurück.
Während Berren sich aufrappelte und den Schmutz aus seinem Gesicht und von seinen Kleidern wischte, ließ Wodar den Blick seiner schwarzbraunen Augen durch den herbstlichen Wald schweifen, von dem aus sie den Weg beobachteten, auf dem sie Kalon und An’Yik erwarteten.
Wenn er die beiden schon viel zu früh fassen musste, hätte Wodar es gerne schon auf Quytars Hof getan, statt ihnen hier an einem Waldweg aufzulauern wie ein stinkender Strauchdieb. Aber Quytar war ein reicher Mann, dem der Präfekt Geld schuldete, und er wünschte nicht, dass seine Frau und seine Tochter die Wahrheit über ihre Retter erfuhren.
Wodar räusperte sich laut und spie Schleim ins Laub zu seinen Füßen.
Sie hätten warten müssen, bis die beiden etwas wirklich Ernstes taten. Was konnte Wodar ihnen vorwerfen? Menschenraub, Betrug, Erpressung, Kleinigkeiten. Den Alten erwartete eine schmerzlose Hinrichtung durch den Strick, der Munji konnte er vielleicht ihre Hände nehmen, mit einem gnädigen Richter auch nur eine, bevor sie der Strafgewalt ihres eigenen Stammes überstellt wurde. Nur, weil dieser winselnde Hund Berren den Schwanz einziehen wollte. Wodar fragte sich, ob er ihn unter irgendeinem Vorwand erschlagen sollte, aber damit würde er seinen wichtigsten Zeugen verlieren.
Der Schlichter seufzte und fuhr mit einer Hand über das Blasrohr an seinem Gürtel, während seine Augen angestrengt durch die Dämmerung in Richtung des Weges starrten. Wenn sie nicht bald kamen, würde es ganz dunkel werden. Sein rechtes Knie begann zu schmerzen.
„Wenn sie nicht kommen“, knurrte Wodar, „Dann ziehe ich dir das Fell ab und mache Füßlinge daraus.“

„Was ist? Hast du…“
Kalon verstummte, als An’Yik ihre erhobene Hand in seine Richtung ausstreckte, ohne sich zu ihm umzudrehen. Angestrengt spähte sie in die Dunkelheit vor ihnen und lauschte in den Wald hinein.
Er wiederholte seine Frage nicht, um stattdessen zu warten, bis sie ihm ein neues Zeichen gab. An’Yiks Sinne waren schärfer als seine. Zumindest die wichtigen. Munji hatten keine besonders gute Nase, und ihr Geschmackssinn war ziemlich unterentwickelt, aber An’Yiks Augen und Ohren hatten ihnen schon oft einen entscheidenden Vorteil verschafft.
Sie entspannte sich ein wenig, ließ ihre Hand sinken und sah ihn an. Sie blinzelte nachdenklich – Kalon würde sich nie daran gewöhnen, dass ihre Lider sich seitlich schlossen, statt von oben und unten – und fuhr sich mit ihrer langen spitz zulaufenden Zunge über die Lippen.
„Ich dachte, ich hätte etwas gehört“, sagte sie leise, nicht ganz flüsternd.
„War vielleicht nur ein Tier“, erwiderte Kalon. Es wäre nicht das erste Mal, dass er auf ihre Warnung hin ein oder zwei Gläser damit verschwendete, lautlos durchs Unterholz zu schleichen und nach einem Hinterhalt zu suchen, um schließlich einen Nussnager aufzuscheuchen oder nichts als frische Dornschweinfährten zu finden.
„Ich bin mir nicht sicher“, sagte sie. „Es klang wie Stimmen.“
„Hörst du es immer noch?“
Sie zögerte, lauschte – und schüttelte ihren Kopf. „Nichts.“
„Gut.“ Mit einem leichten Zug an den Zügeln, die an den langen Ohren seines Karrs befestigt waren, setzte er das Tier wieder in Bewegung.
An’Yik blieb unentschlossen zurück. Als er ein paar Schritte Abstand gewonnen hatte und sie immer noch keine Anstalten machte, ihm zu folgen, hielt er sein Karrs wieder an und drehte sich zu ihr um.
„Was nun?“ fragte er, darum bemüht, nicht zu ungeduldig zu klingen. „Du wolltest doch unbedingt die Absturzstelle finden.“
Sie sah ihn einige Sekunden schweigend an, blinzelte – ihr Äquivalent eines Stirnrunzelns – und zuckte schließlich ihre Schultern. Eine Geste, die sie von ihm gelernt, deren Sinn sie aber anscheinend nie ganz verstanden hatte.
„Nein“, sagte sie, „Ich glaube, wir sollten warten. Ich könnte den Weg umgehen und mich im Wald umschauen, bevor wir weiterreiten.“
Kalon stöhnte. „An’Yik, es ist eh schon dunkel. Lass uns die Sache hier einfach zu Ende bringen, ja?“
Wieder trieb er sein Karrs an, diesmal ohne sich zu ihr umzudrehen. Nach ein paar Schlägen hörte er zufrieden, wie sich das dumpfe Stampfen ihres Reittiers unter das des seinen mischten.
Eine Weile verging ohne ein Wort, bis sie schließlich sagte: „Du nimmst mich überhaupt nicht ernst, oder?“
„Was?“ fragte er missmutig. So war sie ihm ja noch nie gekommen.
„Wir sind keine Partner“, sagte sie langsam und nachdenklich. „Ich rede zwar, aber du hörst mir nie richtig zu, oder? Was ich sage, hat überhaupt keinen Einfluss auf die Entscheidungen, die du triffst. Ich bin nur dein Handlanger. Dekoration. Und das stört mich.“
Er hielt an und drehte sich auf dem breiten Rücken des Karrs zu ihr um, um sie ansehen zu können.
„An’Yik“, sagte er, und machte eine dramatische Pause, bevor er fortfuhr: „Kannst du mir gerade mal erklären, warum wir hier mitten in der Nacht einer Sternschnuppe folgen, wenn das stimmt, was du gerade eben gesagt hast? Meine Idee war das nämlich nicht.“
Sie erwiderte seinen Blick, starr, ohne zu blinzeln. Es war schwierig, in ihrer fremdartigen Miene zu lesen, ob sie verärgert oder beleidigt war, ob sie einfach nur nachdachte oder vielleicht den Tränen nahe war. Konnte sie das überhaupt? Er hatte keine Ahnung, ob Munji weinten.
Sie schnaubte Luft durch ihre flache breite Nase. „Das ist eine Ausnahme“, sagte sie, „Aber ich glaube, du hast mir einfach bloß meinen Willen gelassen wie einem kleinen Kind.“
Er stöhnte wieder. „Fäulnis und Verwesung, was macht denn das für einen Unterschied?“
Sie zog ihren Kopf ein wenig zurück und blinzelte zweimal, und er nahm an, dass er zu laut gesprochen und sie damit beleidigt hatte. In normaler Lautstärke fügte er hinzu: „Ich hab nun einmal mehr Erfahrung als du, und natürlich… Was machst du denn da?“
Sie langte mit ihrem rechten Arm zwischen ihre Schulterblätter, als würde sie etwas suchen. Was hatte sie?
In diesem Moment spürte er einen kurzen, scharfen Schmerz an seinem Hals, als hätte ihn eine Jhaek gestochen, was ihn nicht weiter überrascht hätte. Schon immer hatten es diese fiesen kleinen Biester auf ihn ganz besonders abgesehen.
Doch als er versuchte, abzusteigen, stellte er zu seiner maßlosen Verwirrung fest, dass er seine Beine nicht bewegen konnte.

Lesegruppenfragen:

  1. Hättet ihr auch einen der Androiden mitnehmen wollen? Was hättet ihr noch in euren Koffer gepackt?
  2. War die Szene mit Wodar und Berren verständlich für euch, oder hat euch das verwirrt? Wusstet ihr zum Beispiel überhaupt noch, wer Berren war?
  3. Stimmt ihr mir zu, dass es total unmöglich ist, jemanden äußerlich zu beschreiben, aus dessen Perspektive eine Szene geschildert wird? Wodar zum Beispiel.
  4. Könnt ihr die Dynamik zwischen An’Yik und Kalon nachfühlen? Ich denke da insbesondere an ihre etwas beleidigte Reaktion zum Ende des Kapitels.

9 Responses to Menschenähnlich (3)

  1. quadratmeter sagt:

    Ich habe das mit dem geschlechtsverkehrten Schiff nicht verstanden.

    1. Einen Androiden mitzunehmen wird sicher nicht schaden 😉 Was ich sonst noch mitgenommen hätte, kann ich nicht sagen. Irgend etwas wie einen Kompass?

    2. Ich gebe zu, das hat mich etwas verwirrt.

    3. Wenn es in der dritten Person ist, geht das nicht? „Es ist zu früh“, sagte Wodar und strich sich über seien dicken, grünen geschuppten Bauch, „Wir haben noch nicht genug gegen sie in der Hand.“

    4. Ja, absolut.

  2. Muriel sagt:

    @quadratmeter: Das ist eine wörtliche Übersetzung eines bestimmten englischen Schimpfwortes, das mit f anfängt. Die Idee habe ich kürzlich anderswo entdeckt und wollte sie mal ausprobieren.
    2. Vielleicht muss ich mir dazu doch noch mal Gedanken machen. Ging Keoni auch so. War es denn am Ende der Szene klar?
    3. Es geht mir darum, dass die Szene ja trotzdem komplett aus seiner Perspektive geschildert ist. Und dann finde ich es tatsächlich sonderbar, wenn er nicht gerade selbst darüber nachdenkt. z.B.: „Er blickte in den Spiegel und betrachtete selbstkritisch seine alberne rote Irokesenfrisur, die zusammen mit dem truckerhaften Schnauzbart ein so geschmackloses Ganzes ergab, dass er sich jeden Tag aufs Neue dafür schämte.“

  3. quadratmeter sagt:

    Ah, danke für die Aufklärung.

    Am Ende war die Szene klar. Vielleicht lag es ja auch an mir, weil ich zu müde war beim ersten Durchlauf.

    Ist es eigentlich Absicht, dass David nach dem Absturz erst den Computer anspricht statt Jake?

  4. Guinan sagt:

    1. Der Android ist bestimmt nützlich. Eine Art Notfall-Set wäre auch nicht schlecht, Taschenmesser, Wasserreiniger usw.

    2. An Berren konnte ich mich erinnern, aber wer Wodar ist hatte ich vergessen. Die Bedeutung der Szene ist allerdings klar.

    3. Sehe ich eher wie Quadratmeter. Wie sollte man sonst eine Person beschreiben, wenn eine Geschichte komplett aus deren Sicht erzählt wird?

    4. Ja.

    Außerdem: Man muss nicht unbedingt jedes ‚Fremdwort‘ übersetzen. Aber wenn schon, sollte es dann nicht auch geschlechtsverkehrend heißen? Über das verkehrt bin ich auch gestolpert.

  5. Salomea sagt:

    Ich schließe mich meinen Vorrednern bezüglich eines bestimmenten (sic! 😉 ) Wortes an – mich verwirrt das. Übersetzung hin oder her, in einem Artikelkontext hätte ich es vielleicht sofort gecheckt, aber im literarischen nicht. Wobei ich finde, dass der Gebrauch auch in englischsprachigen Fiktionaltexten das Niveau erheblich runter schraubt. In deutschen Texten wirkt es auf mich oft affektiert.

    1) Ich war noch nie mit einem unterwegs und bin auch noch nie mit irgendetwas Fliegendem irgendwo rein abgestürzt, also könnte ich das nur hypothetisch beantworten. Ein Charakter mit meiner Persönlichkeit hätte das Ding als zu sperrig empfunden und sich stattdessen alles was irgendwie nach Schwimmweste, Seil, Kompass, Sauerstoff etc. aussieht und noch brauchbar gewesen wäre geschnappt. Und natürlich das Schweizer Messer vom Ururopa oder so. Könnte man ja gebrauchen können.

    2) Ich vergesse neuerdin gs die Chraktere meiner eigenen mich umgebenen Pappnasen, du wirst also entschuldigen müssen – großes Sorry! -, dass ich schon beim letzten Teil nicht geblickt habe wer Berren war. Ich lese das alles nochmal in Ruhe. Irgend wann. Versprochen.

    3) Das ist möglich, wenn auch nicht immer ganz harmlos. Ich sage den Pappnasen, irgendeiner soll das protokollieren, damit sich mal jemand dazu äußern kann (geschlossene Gesellschaft, du weißt schon…)

    4) Zimtzicke, die! 😉

  6. Muriel sagt:

    Gut, das mit meiner spaßigen kleinen Eindeutschung überlege ich mir dann wohl besser noch mal. Das hat Keoni auch schon nicht gefallen…

    @Guinan: 2. Kein Grund zur Sorge. Wodar kam noch ganz nicht vor.
    @Salomea: 2. Kein Stress. Ist keine Pflichtveranstaltung hier. Ich freue mich ja schon, dass ihr überhaupt mitlest und mich an euren Gedanken dazu teilhaben lässt.
    4. Das ist doch auch mal ein klarer Standpunkt.

  7. Andi sagt:

    1. Natürlich hätte ich einen Androiden mitgenommen. Glaub ich. Ich komm so selten in die Situation. Aber es macht sicher Sinn, dass David einen mitnehmen wollte.
    Ich persönlich hätte keine Pepsi eingepackt. Pepsi schmeckt nicht.

    2. War für mich soweit verständlich. Wodar find ich interessant. Bitte mehr von dem. (Andererseits: die Personen, die ich interessant oder sympathisch finde, bringst du ja gerne mal um.)

    3. Total unmöglich vielleicht nicht, aber sicher sehr schwierig. Man muss aber, meine ich, auch nicht jeden beschreiben. Ich mach mir ab und an gerne ein eigenes Bild von jemandem.

    4. Ich glaub, ich weiß noch zu wenig über An´Yik, als dass ich ihre Reaktion nachempfinden kann. Aber es wirkte für mich glaubwürdig.

  8. Muriel sagt:

    @Andi: 1. Ja. Pepsi schmeckt wirklich nicht.
    2. Hach. Das ist mir jetzt unangenehm… Aber du kannst ja auch einfach mal Leute sympathisch finden, die nicht bald sterben.

  9. Andi sagt:

    2. Das tu ich durchaus. Sonst wären ja in deinen anderen Geschichten noch mehr gestorben. 🙂

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