Menschenähnlich (4)

Ta-daaa, der vierte Teil unseres schon-nicht-mehr-ganz-so-neuen Fortsetzungsromans „Menschenähnlich“. Ich wünsche euch viel Spaß.

Was bisher geschah, grob zusammengefasst:

Im ersten Kapitel wohnen wir dem Aufbruch zweier Raumfahrer namens Jake und David bei, die eine kostbare Fracht aus 13 Androiden zu einem fremden Planeten transportieren sollen.
Bereits im zweiten Kapitel folgt der abschussbedingt gewaltsame Abbruch dieser Reise. Dafür lernen wir Kalon und An’Yik kennen, die sich als reisende Helden betätigen und dabei anscheinend auch manchmal vor ethisch nicht ganz einwandfreie Vorgehensweisen zurückschrecken. Sie sehen den Absturz des Raumschiffes und hoffen auf reiche Beute.
Im dritten Kapitel erwachen Jake und David in ihrem abgestürzten Raumschiff und retten sich, einen der Androiden und ein paar andere Kleinigkeiten in ein Rettnugsbood, bevor das Schiff im Meer versinkt. Gleichzeitig lauert ein Schlichter gemeinsam mit ihrem verräterischen Gefährten Berren den beiden reisenden Helden auf, um sie einem unerfreulichen Schicksal zuzuführen.

Und das passiert heute:

„Haben wir eigentlich einen Peilsender, oder irgendsowas?“ fragte David nach einigen Minuten, um das beleidigte Schweigen zu unterbrechen.
Jake schnaubte hämisch. „Was willst du denn hier mit einem Peilsender?“
David zwang sich, erst einmal bis drei zu zählen, bevor er antwortete. Es gelang ihm trotzdem nicht ganz, dabei gelassen und freundlich zu klingen: „ Da man die blöden Dinger nicht essen kann, dachte ich, wir könnten es vielleicht benutzen, um der Rettungsmission zu zeigen, wo wir sind!“
Jake schüttelte den Kopf. „Die nächste Handelsroute ist zwei Lichtjahre weg, für Nichtpiloten: Das ist derbe weit, und sogar wenn das Signal stark genug wäre, dass es jemand so weit weg noch empfängt, wäre der…“
„Schon klar. Und weil zwei Jahre viel zu lange sind, hast du gedacht, dass wir’s auch gleich lassen können, oder wie?“
„Ich habe gesagt: Sogar wenn das Signal stark genug wäre. Ist es aber nicht.“
David seufzte. Er begann, die ganze Sache hier sehr, sehr unerfreulich zu finden. „Und nun?“
„Nun sind wir am Arsch“, antwortete Jake.
David schwieg ein paar Sekunden lang. Er schüttelte seinen Kopf. „So schnell geben wir nicht auf.“
Jake lachte. „Stimmt, wir haben noch Hoffnung.“
„Was meinst du?“
„Wir könnten ’nen leckeren großen Fisch fangen!“
„Was ist denn mit den Kehlar? Die hatten hier doch eine Basis, oder?“
„Doch schon. Aber jetzt nicht mehr.“
„Aber vielleicht haben sie was zurückgelassen.“
„Ein funktionsfähiges Raumschiff zum Beispiel, weil es nicht mehr in den Koffer passte? Träum weiter.“ Jake machte eine Geste, als würde er Seifenblasen pusten.
„Ein funktionsfähiges vielleicht nicht, aber möglicherweise ein kaputtes.“
„Toll, dann hätten wir zwei. Kannst du mir einen von den Schokoriegeln geben?“
„Jake, wir sind gerade mal ein paar Minuten hier gestrandet, und schon willst du unsere Vorräte verschwenden? Vergiss es. Vielleicht finden wir dort ja Ersatzteile und Werkzeug.“
Jake verdrehte die Augen und ließ sich entnervt gegen die Wand der Rettungsinsel zurücksinken. „Ja, und vielleicht kommen wir auch zu Fuß nach Hause, wenn wir nur hoch genug springen…“ Dann hielt er plötzlich inne, und David konnte sehen, wie er nachzudenken begann. „Aber vielleicht funktioniert der Subraumsender ja noch! Den haben sie bestimmt nicht mitgenommen, wir bräuchten dann bloß noch Energie.“
„Na siehst du.“
„Dann kannst du mir ja jetzt den Riegel geben.“
„Wenn wir dort sind und der Sender wirklich noch sendet, kannst du sie meinetwegen alle essen. Bis dahin sind die Vorräte streng rationiert.“
Jake schniefte und zuckte die Schultern.
„Und jetzt öffnen wir mal unsere Wundertüte hier, vielleicht heitert uns das ein bisschen auf.“
David richtete sich wieder auf und begann, auf die Androidenbox zuzukrabbeln. Es war gar nicht so einfach, weil die Rettungsinsel sowieso schon auf den Wellen schwankte und das dünne Material sich außerdem noch bei jeder Bewegung verformte und nachgab.
„Ich hätte lieber einen Schokoriegel“, sagte Jake.
„Wenn du nicht gleich aufhörst zu quengeln, lasse ich dich kielholen.“
„Du willst wirklich jetzt dieses Ding da aufmachen?“
„Hast du was Besseres zu tun?“
„Was, wenn es gefährlich ist?“
David stöhnte. „Es ist ein Androide, Jake. Der wurde gebaut, um Menschen zu helfen. Er wird nicht explodieren, wenn wir die Kiste öffnen. Bestimmt kann er irgendwas für uns tun.“
Der Sargdeckel wurde durch einfache Schnappverschlüsse gehalten, wie bei einem Koffer. David öffnete sie, und eine unsichtbare, aber ansonsten sehr massive Wolke aus Kunststoff-Gummi-Schmiermittel-Gestank stieg aus der Kiste.
„Äh…“
David schob den Deckel von der Kiste und ließ ihn achtlos ins Meer gleiten. Erst danach fragte er sich, ob er ihn nicht vielleicht doch noch hätte gebrauchen können, war dann aber zu stolz, sich über Bord zu lehnen und danach zu angeln, um ihn doch noch zu retten.
„Er sieht gar nicht aus, wie in meinem Traum.“
Erst jetzt bemerkte David, dass Jake näher herangekommen war und nun neugierig über seine Schulter in den Sarg hinein lugte.
Die Maschine in der Box war unbekleidet und etwas kleiner als der durchschnittliche Mensch. David schätzte das Ding auf ungefähr 1,65m. Es war einem weiblichen Körper nachempfunden, allerdings fehlten einige nicht funktionsrelevante anatomische Details, ungefähr wie bei einer Schaufensterpuppe. Die Haut machte bei genauem Hinsehen keinen sehr menschlichen Eindruck, sie wirkte ein bisschen wie Silikon, aber ein flüchtiger Beobachter konnte vielleicht glauben, eine junge Frau vor sich zu haben, wenn der Android Kleidung trug, um die offensichtlichen Unterschiede zu verdecken.
„Walkin’ talkin’ livin’ dolls“, murmelte Jake.
David verstand ihn gut. Trotz seines treudoofen Gesichtsausdrucks haftete dem Androiden durch die puppenhafte Leblosigkeit seiner Züge, die aber andererseits ein kleines bisschen zu echt wirkten, etwas Unheimliches an. David fragte sich, ob das besser oder schlimmer werden würde, wenn sie begann, sich zu bewegen.
„Glaubst du, sie fühlt sich auch an wie eine Puppe?“ fragte Jake.
„Ich weiß nicht“, antwortete er. „Hab’ ich mich auch gerade gefragt, aber ist es nicht komisch, das Ding jetzt zu befummeln?“
„Ist da denn Metall unter der Haut? Sind die Dinger überhaupt wirklich aus Metall?“
„Fühl doch selbst nach.“
„Den Teufel, vergiss es!“
„Ach, das ist doch albern.“
David strich kurz mit der Hand über den linken Unterschenkel der Maschine. Es fühlte sich merkwürdig an. Nicht die Haut, die fühlte sich tatsächlich an wie hochwertiges Silikon, kühl und glatt und eigentlich angenehm. Merkwürdig war das Gefühl, dieses Ding zu berühren, das nicht ganz tot war, aber auch nicht ganz lebendig. Er war sich nicht sicher, ob etwas Unanständiges daran war, sie -es, ihn?- anzufassen, aber er beschloss jedenfalls, es sich in Zukunft zu verkneifen. Er wusste ja jetzt auch, wie es sich anfühlte. Die weiche Schicht war dicker als die menschliche Haut, sodass sich das Bein nicht direkt hart anfühlte, aber es war auch bei weitem nicht so elastisch wie menschliches Muskelgewebe.
„Und?“
„Feigling.“
Jake schnaubte. Und wechselte das Thema: „Ist es normal, dass die Augen offen sind?“
„Keine Ahnung…“
Die hellbraunen Augen der Androidin waren geöffnet und blickten starr ins Leere.
Das herzförmige Gesicht mit den schulterlangen schwarzen Haaren mit nachlässig in die Stirn hängendem Pony schien Sheryl Porter, der Protagonistin einer Comedy-Serie nachempfunden zu sein, die ständig in Schwierigkeiten geriet, weil sie einfach zu gut für diese Welt war. Das Haar war ein wenig durcheinander, ob nun durch den Absturz oder mit Absicht, um den Effekt zu verstärken, denn die Figur in der Serie war auch immer ein bisschen unordentlich frisiert. David fragte sich kurz, wie viel Joint Japanese der Schauspielerin wohl für die Lizenzierung gezahlt hatten, und ob sie es zurückverlangt hatten, als der Einsatz der Androiden auf der Erde verboten wurde.
Er schob Jake die Kunststoffbox mit der Aufschrift „ZUBEHÖR“ zu.
„Schau mal, ob wir was davon gebrauchen können, ich sehe mir solange mal die Anleitung an.“
Die Anleitung war ein farbig gedrucktes Hochglanzmagazin, dessen Titelseite ein Foto der jungen Frau schmückte, die gerade leblos in der Box vor ihm lag. Sie trug allerdings einen knielangen roten Rock und einen blauen Blazer – David war nicht ganz auf dem Laufenden, aber modisch schien ihm diese Auswahl nicht mehr ganz zeitgemäß – und wirkte auf ihn wesentlich menschlicher als der echte Android. Entweder hatten sie das Foto bearbeitet, oder die echte Schauspielerin hatte ihnen dafür Modell gestanden.
„Hier haben wir ein Kleidchen für unsere Puppe“, sagte Jake und hielt David einen dunkelblauen Overall hin. „Außerdem sind hier drin noch so ein paar komische Teile zum Anstecken, Sensoren vielleicht, ein paar Sneakers, ein Rucksack und – glaub’s oder nicht – eine Sonnenbrille. Wie weit bist du? Noch sieht das Ding ziemlich langweilig aus, wo geht das an?“
„Ich hab’ hier bisher nur das übliche Danke-dass-Sie-sich-für-unsere-Produkte-entschieden-haben-Sie-haben-eine-gute-Wahl-getroffen-Geschwafel auf der ersten Seite.“
„Gib mal her!“ Jake streckte eine Hand nach der Anleitung aus, aber David zog sie weg.
„Ich finde es schon noch. Schau du noch mal nach, ob du nicht das Instant-Raumschiff in deinem Päckchen übersehen hast.“
„Ein Instantraumschiff, habe ich das nicht erwähnt? Liegt hier gleich neben der Tüte mit dem Leck-mich-am-“
„Hier steht’s, auf Seite 31. Warum können die so was nicht am Anfang schreiben, wo man es sucht? Jedenfalls wird der Reaktor automatisch hochgefahren, sobald man den Deckel J abnimmt.“
„Der Deckel J ist das Teil, das gerade da hinten am Horizont in der Sonne funkelt?“ fragte Jake.
„Ich hoffe es. Das ganze dauert ein paar Minuten und dann geht es ganz fürchterlich los. Wenn wir nicht das defekte Exemplar erwischt haben.“
„Hör mir bloß auf mit defekten Exemplaren“, knurrte Jake, „Ich hab’ von einem geträumt.“
David sah ihn ein paar Sekunden lang still an, bevor er fragte: „Träumst du öfter von fehlerhaften elektronischen Geräten?“
„Nur wenn sie so tun, als wären sie Menschen. David, guck dir das Ding doch noch mal genau an, und dann sag mir, dass du es nicht gruselig findest. Was, wenn es einfach beschließt, dass wir nicht seine Mama sind und ihm irgendwie im Weg stehen? Und warum haben wir eigentlich nur so eine armselige winzige Pistole mit zwanzig armseligen Patronen?“
„Wann hat dich das letzte Mal dein Toaster angegriffen, Jake?“
„Jetzt kuck mich nicht so an als ich wäre ich acht Jahre alt und hysterisch! Mein Toaster kann mir nicht mit zwei Fingern das Genick brechen, weil er ja nicht mal Finger hat, und das, finde ich, sollte eine Regel für alle Elektrogeräte sein!“
„Vorhin hast du selbst noch gefragt, wo es angeht“, sagte David.
„Ich dachte an einen Knopf oder so was! Ich dachte nicht, dass das Ding einfach von selbst startet, ohne dass wir was dagegen tun können. Hat es wenigstens einen Knopf zum Wiederausschalten?“
„Naja, so weit war ich noch…“
„Wer sind Sie und warum, bitte, bin ich nicht an meinem vorgesehenen Zielort?“ Die Stimme der Androidin klang genauso wie die der Schauspielerin. Nur nicht so lustig.

Als erstes hörte Kalon ein fröhliches, helles Glucksen, als er wieder zu sich kam, und in der Tat hielt er es zunächst für die Laute eines kleinen Baches, an dessen Ufer er eingeschlafen sein musste. Dann wurde er sich eines scharfen, hämmernden Kopfschmerzes bewusst und er erinnerte sich, dass er keineswegs friedlich eingeschlummert war, sondern –
Irgendetwas war passiert. Er war durch den Wald geritten. An’Yik war wegen irgendetwas sauer auf ihn gewesen, und dann… Nichts mehr. Jemand hatte ihn betäubt. War sie es gewesen? Das ergab keinen Sinn. Aber wer dann?
Kalon öffnete seine Augen, um sie sofort wieder zuzukneifen. Das grelle Licht der Morgensonne bohrte sich in seinen Schädel wie der Meißel eines sich auf ihn stürzenden Todeshörnchens.
Nach einer kurzen Pause versuchte er es noch einmal etwas vorsichtiger. Er blinzelte mit halb geöffneten Lidern in den Tag hinein und sah, dass er natürlich nicht am Ufer eines Baches lag. Er lag an einen Baum gelehnt, mitten im Wald, kein Wasser in Sicht- oder Hörweite, was schade war. Sein Mund fühlte sich trocken an, und seine Zunge lang wie eine alte Schuhsohle darin herum und schmeckte auch so ähnlich.
Er suchte die Quelle des hellen Glucksens und fand sie in seiner Partnerin An’Yik. Sie lag ihm gegenüber, ebenfalls mit dem Rücken an einem Baum, und schien sich über irgendetwas köstlich zu amüsieren. Ihr Schwanz war um ihr rechtes Bein gewickelt, die Spitze schlängelte langsam auf Höhe ihres Knies herum.
Wie immer, wenn sie lachte, gelang es Kalon nicht ganz, die spitzen Reißzähne zu ignorieren, die ihr geöffneter Mund entblößte. Sogar jetzt, wo sein Kopf sich anfühlte, als hätte jemand von seinem linken in sein rechtes Ohr gebohrt, kam er nicht umhin zu bemerken, dass ihre Bluse etwas eingerissen war und den Blick auf den Ansatz ihrer linken… Er zwang sich, wieder in ihr Gesicht zu sehen.
„Was ist so lustig?“ fragte er.
Die Frage löste zunächst einmal einen Schub lauten Gekichers aus, bevor sie mühsam hervorbrachte: „Dein Hut… Dein Hut sitzt so komisch…“
Seine Hand wanderte zu seinem schmerzenden Kopf. Er stellte fest, dass sein Hut tatsächlich ausgesprochen schief darauf saß, aber dennoch hatte er den Verdacht, dass das nicht ganz so viel Belustigung rechtfertigen dürfte. Er rückte ihn wieder gerade, und sie hob eine Hand, um auf ihn zu zeigen, und kippte seitlich um vor Lachen, während ihr Schwanz begann, sich in einer trägen, gemächlichen Bewegung von ihrem Bein zu lösen. Ihm fiel auf, dass die normalerweise sehr schmalen senkrechten Schlitze ihrer Pupillen beinahe oval aussahen.
„Was ist passiert?“ fragte er.
Sie bemühte sich sichtlich – und sichtlich vergeblich – sich wieder zu beruhigen. Minuten schienen zu vergehen, bis sie sich wieder halbwegs aufgesetzt hatte und nur noch still vor sich hin gluckste.
„’ch glaube…“ versuchte sie zu antworten, „Benner… Nee… Wie heiß’ der?“
Kalon massierte seine pochenden Schläfen. „Meinst du Berren?“
„Ja… Berren… Un’ der hatte so einen dabei… Mit’m Blasrohr…“ Sie führte beide Hände an ihren Mund, tat so, als würde sie einen Pfeil verschießen und brach wieder in hilfloses Kichern aus.
„’ch glaub… Irgendwas is’ mit mir“, nuschelte sie, wieder seitlich am Boden liegend, „Erst dachte ich, das Zeug wirkt bei mir nich’, aber…“ Sie blinzelte, schüttelte langsam den Kopf, öffnete ihr Augen wieder halb und sah ihn mit verschleiertem Blick an. „Wo war ich?“
Kalon stöhnte und versuchte aufzustehen. Es ging besser, als er gedacht hatte. Die Bewegung vertrieb die bleierne Schwere aus seinen Gliedern, auch wenn die fürchterlichen Kopfschmerzen blieben.
„Blasrohr?“ fragte er. „Hatte der Mann eine Armbinde? Mit einer Faust darauf?“
Sie kniff ihre Augen zusammen, während sie ihn ansah und versuchte, sich auf ihn zu konzentrieren. Es wäre geradezu niedlich gewesen, hätte er nicht so eine miese Stimmung und dieses unerträgliche Hämmern im Kopf gehabt.
„Armbinde…“ nuschelte sie. „’ch glaub… Kann sein.“
Ein Schlichter. Berren, dieser faulende Sohn einer Zhuoltreiberin hatte einen Schlichter auf ihre Fährte geführt. Kalons Gedanken begannen zu rasen, begannen, Möglichkeiten zu suchen, zu entkommen, bis ihm plötzlich einfiel – auch bei ihm schien die Wirkung des Betäubungsmittels noch nicht ganz verflogen -, dass sie ja schon entkommen waren, und dass das so etwas wie ein Wunder war.
„Warum sind wir frei?“ fragte er An’Yik. „Wo ist der Schlichter?“
Sie stöhnte und richtete sich wieder auf. Sie kicherte jetzt nicht mehr. Vielleicht hatte sein Tonfall ihr bewusst gemacht, wie ernst die Lage war.
„Tot“, antwortete sie.
„Was?“
Sie zuckte die Schultern, hob die Hände über ihren Kopf und streckte sich. Ihr Schwanz wischte mit einer schwungvollen Bewegung durch die Sträucher neben ihr, und Kalon bewunderte für einen Moment, wie ihre zerrissene Bluse sich über ihren Oberkörper spannte, bis ihre Antwort in sein Bewusstsein drang und seine Gedanken wieder auf unangenehmere Fährten führte:
„Tot…“ Blinzelnd sah sie sich um. „Wo’s mein Ya’uk?“
„Du hast einen Schlichter erschlagen?“
„Is’ das schlimm?“
Er strich sich mit der Hand über die Stirn und betrachtete sie nachdenklich. Wie hatte sie das gemacht? Er hatte schon ganze Räuberbanden vor einem einzigen Schlichter die Flucht ergreifen sehen. „Kommt drauf an“, antwortete er schließlich. „Wolltest du jemals in deinem Leben noch mal eine ruhige Minute haben?“
Sie starrte ihn blinzelnd an. „Hä?“
„Schon gut.“ Er hob den Stab mit den zwei Klingen auf, der schräg hinter ihr neben dem Baum lag und bugsierte ihn vorsichtig in die Halterung an ihrem Rücken, nachdem er mit ein wenig Sand notdürftig versucht hatte, das größtenteils geronnene Blut des Schlichters zu entfernen. Dann schob er einen Arm unter ihre Schultern und half ihr, aufzustehen. „Komm“, keuchte er, „Du musst schon ein bisschen mithelfen, ich bin ein alter Mann.“
„Wobei?“
„Wir müssen hier weg“, antwortete er, „Bevor die gesamte autokratische Inquisition hier auftritt und beginnt, nach den zwei Hirnverbrannten zu suchen, die einen Schlichter ermordet haben.“ Er tat ein paar Schritte und registrierte zufrieden, wie sie begann, Gewicht von seinem Arm auf ihre eigenen Füße zu verlagern. „Hast du wenigstens Berren auch erwischt?“ fragte er.
„Wen?“
Sie sah in seine Richtung, während sie die Frage stellte, was ein Fehler war. Sie verlor das Gleichgewicht und taumelte, und er mit ihr, und plötzlich lagen sie beide am Boden, er auf ihr, und für einen schrecklichen Augenblick erkannte er nicht, was da versuchte, in seinen Stiefel zu kriechen. Er atmete erleichtert aus, als ihm klar wurde, dass es nur An’Yiks Schwanz war.
Sie grinste mit schief gelegtem Kopf zu ihm auf, ihre geöffneten Lippen legten ihre Reißzähne fast völlig frei. Ihr Atem roch sonderbar. Nicht unangenehm, aber ganz anders als der eines Menschen. Ein bisschen wie… Lakritz. Für einen Moment verspürte er den absurden Drang, ihre Zähne mit einem Finger zu berühren, einfach um zu wissen, wie sich das anfühlen würde.
Sie leckte sich über die Lippen, und dann wieder, und er sah verwirrt zu.
„An’Yik, hast du zwei Zungen?“ fragte er.
„Ja.“
Dann schlug der Moment plötzlich um. Ihr Grinsen sah nicht mehr aus wie ein Lächeln, sondern wie ein Zähnefletschen, und der verträumte Ausdruck ihrer Augen gemeinsam mit diesem Mund voller spitzer, scharfer Reißzähnen erinnerte ihn unvermittelt an einen ganz anderen Hunger, als er ihn gespürt hatte. Sie hatte einen Schlichter getötet. Ganz alleine. Er schüttelte ihren Schwanz von seinem Knöchel ab und löste sich von ihr.
„Komm wieder hoch“, keuchte er, „Lass uns versuchen, nicht als die Ganoven mit dem peinlichsten Ende aller Zeiten in die Geschichte des Imperiums einzugehen, ja?“

Lesegruppenfragen:

  1. Haltet ihr es für unsinnig, dass in einer so fernen Zukunft noch Papieranleitungen gedruckt werden? Ich dachte mir, man brauch dafür wenigstens keine Batterien…
  2. Ich habe lange überlegt, ob der Androide ein weibliches oder ein männliches Erscheinungsbild bekommt. Wie hättet ihr euch entschieden, und warum?
  3. Vermisst ihr die Szene, in der An’Yik den Schlichter tötet? Oder findet ihr es in Ordnung, dass ich das nicht zeige?
  4. Bisher bestand jedes Kapitel aus zwei Szenen. Ich habe drüber nachgedacht, vielleicht lieber öfter was Neues zu Menschenähnlich zu veröffentlichen, dafür dann aber nur eine Szene pro Beitrag. Was meint ihr?

Wie immer dürft ihr natürlich auch gerne alles andere in die Kommentare schreiben, was euch so einfällt, und wenn es nur „Gut!“ oder „Doof!“ ist.

12 Responses to Menschenähnlich (4)

  1. quadratmeter sagt:

    zu 1. Ich muss zugeben, ich habe mir bis zu deiner Frage keine Gedanken darüber gemacht, ob das nicht vielleicht etwas antiquiert ist. Alternativ wäre es wahrscheinlich ein solarbetriebenes Display, das auf dem Deckel eingelassen ist.

    zu 2. Durch das weibliche Erscheinungsbild kommt das leichte Befremden der männlichen Piloten besser rüber, finde ich.

    zu 3. Das Weglassen macht es mysteriöser, finde ich gut so.

    zu 4. Man muss sich jedes Mal neu reindenken, wenn wieder ein Teil veröfentlicht wird. Ich persönlich finde es so wie es jetzt ist gut. Du kannst auch gerne 2 Szenen gemeinsam in kürzeren Abständen veröffentlichen 😉

  2. Wieder sehr spannend. Die „Cliffhanger“ gelingen Dir auch immer sehr gut.
    1. Hm, ich glaube ja nicht, dass Papier ganz „ausstirbt“, aber bei Bedienungsanleitungen mag es vielleicht in nicht allzu langer Zeit diese ganz dünnen Displays geben, an denen man schon arbeitet… Aber wie QM hätte ich darüber gar nicht weiter nachgedacht, wenn Du nicht die Frage gestellt hättest.
    2. Ein weiblicher Android könnte für etwas mehr „Kontrast“ sorgen, von daher scheint mir das die richtige Entscheidung zu sein.
    3. Daraus hätte man sicher ein spannendes Kapitel für die Freunde von Kampfszenen stricken können, aber ich vermisse die Schilderung nicht so sehr.
    4. Hm, dann hätte man sich gerade reingelesen und wupps — schon wieder vorbei… Ich bevorzuge die aktuelle Variante, aber so oder so bleibe ich natürlich dabei, auch wenn ich nicht jedes Mal kommentiere. Manchmal bin ich dafür einfach nicht in Stimmung und verschussel es dann.

  3. Muriel sagt:

    @quadratmeter: 4. Ja, das hättest du gerne. Ich ehrlich gesagt auch, sieht aber leider erst mal nicht danach aus.
    @Fellmonsterchen: Danke, das hast du aber nett gesagt.
    4. Hab ich ja schon oft gesagt: Mach dir keine Gedanken deshalb. Ich kommentier bei dir ja auch nicht alles, was ich lese. Man muss halt sehen, wo man mit seiner Zeit bleibt.

  4. Salomea sagt:

    Ich hoffe es ist okay, wenn ich es ausdrucke, groß draufschreibe (c)Herr Muriel Silberstreif und mit zum stationären Aufenthalt nehme? Ich will es ja gern lesen, aber nicht jetzt.

  5. Muriel sagt:

    @Salomea: Du darfst das sogar ohne den Copyright-Hinweis gerne tun. Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und natürlich auch sonst alles Gute. Bis hoffentlich bald!

  6. Katja sagt:

    Ich muss gestehen, dass mir bei diesem Teil zum ersten Mal Jake und David einen Tick zu anstrengend geraten sind. Grundsätzlich (und in den ersten Teilen) finde ich Schlagabtausche und solches Geplänkel in Ordnung, speziell um die Charaktere kennenzulernen. Hier fand ich’s ein bisschen zu viel. Speziell vor dem Hintergrund, dass die ja annehmen in einer fernen Welt gestrandet zu sein, würde ich erwarten, dass sie sich nicht unbedingt Wettbewerbe in Schlagfertigkeit lieferten. Mir zumindest würde so etwas schwer fallen, wenn gerade die Existenz so durchgerüttelt wurde.

    Ich hoffe, es ist in Ordnung, hier mitzusenfen?
    Im Zweifel bitte hauen, ich bin nicht sicher, ob die Lesegruppe eine ausgewählte ist. 🙂

  7. Katja sagt:

    Narf. Ich habe natürlich völlig vergessen zu erwähnen, dass ich nicht nur zum Meckern hier bin, sondern selbstverständlich, weil mich die Geschichte direkt so gefesselt hat, dass ich sogar meine „Geschichten am Monitor lesen ist bäh“-Aversion vergesse und gespannt bin, wie’s weitergeht. 🙂

  8. Muriel sagt:

    @Katja: Na gut, dann kann ich dir ja jetzt auch antworten…
    Zuerst und am wichtigsten: Natürlich ist hier jeder Kommentar willkommen, und deine ganz besonders. Solltest du noch irgendwo in diesem Blog Zweifel haben, ob du von der Teilnahme ausgeschlossen bist, gibt es eine einfache Antwort, die immer passt: Nein, nirgends.
    Für deine Kritik bin ich sehr dankbar. Ich verstehe, was du meinst, das Risiko sehe ich durchaus auch. Vielleicht passe ich das noch mal an, ich nehme den Hinweis auf jeden Fall für die Zukunft auf.
    Dass du extra für mich deine Lesegewohnheiten umstellst, macht mich natürlich sehr stolz. Danke!

  9. Andi sagt:

    1. Anleitungen sind doch nicht unsinnig, wenn sie nicht grad von Ikea kommen. Aber ich gebe zu, dass ich mich schon gewundert habe, dass die eine Anleitung haben und brauchen.

    2. Weiß nicht so genau. Aber nach den bisherigen Geschichten, die ich von dir lesen durfte, wundert es mich nicht, dass der Android weiblich ist. Ich glaub, ich hab nichtmal was anderes erwartet, ohne genau sagen zu können, wieso.

  10. Andi sagt:

    Huch, da war ich wohl zu schnell…

    3. Ja, soviel dann zu den interessanten Charakteren, die du immer um die Ecke bringst. 🙂
    Aber es war sicher okay, die Szene nicht zu beschreiben. Wäre überflüssig gewesen.

    4. Das ist mir grad komplett egal, ehrlich gesagt. 🙂

  11. Muriel sagt:

    @Andi: 2. Ich glaube, du bist da auf einer nicht ganz abwegigen Spur… Aber es kommt auch noch ein anderer. Immerhin.
    3. Wie gesagt: Tut mir Leid. Aber wenn unsympathische, langweilige Charaktere sterben, ist es auch irgendwie witzlos, oder? Wie die Rothemden bei Star Trek. Wenn man schon den Tod in einer Geschichte schreibt, soll er doch wenigstens auch ein Erlebnis sein. Oder so.

  12. Andi sagt:

    Ja, du hast ja recht. Es müssen auch gute Charaktere mal sterben. Passt ja manchmal auch ganz gut zur Geschichte. Also, mach mal ruhig weiter so. Du wirst schon sehen, was du davon hast. Äh, ich meine: passt alles so. Mach dir um mein persönliches Charakter-Empfinden keine Gedanken. 🙂

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