Menschenähnlich (7)

Mein Wochenende hat diesmal aus verschiedenen Gründen etwas früher begonnen als sonst, und deshalb gibt es das nächste Kapitel unseres Fortsetzungsromans auch ausnahmsweise schon Freitag. Ich hoffe, es gefällt euch.

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Was bisher geschah:
Im ersten Kapitel wohnen wir dem Aufbruch zweier Raumfahrer namens Jake und David bei, die eine kostbare Fracht aus 13 Androiden zu einem fremden Planeten transportieren sollen.
Bereits im zweiten Kapitel folgt der abschussbedingt gewaltsame Abbruch dieser Reise. Dafür lernen wir Kalon und An’Yik kennen, die sich als reisende Helden betätigen und dabei anscheinend auch manchmal vor ethisch nicht ganz einwandfreie Vorgehensweisen zurückschrecken. Sie sehen den Absturz des Raumschiffes und hoffen auf reiche Beute.
Im dritten Kapitel erwachen Jake und David in ihrem abgestürzten Raumschiff und retten sich, einen der Androiden und ein paar andere Kleinigkeiten in ein Rettungsboot, bevor das Schiff im Meer versinkt. Gleichzeitig lauert ein Schlichter gemeinsam mit ihrem verräterischen Gefährten Berren den beiden reisenden Helden auf, um sie einem unerfreulichen Schicksal zuzuführen.
Im vierten Kapitel packen David und Jake ihr neues Spielzeug aus, und Kalon erwacht aus der Betäubung, in die der Blasrohrpfeil des Schlichters in versetzt hat. Er stellt fast, dass seine Gefährtin An’Yik ihn zwar aus der unmittelbaren Gefahr retten konnte, nun aber ihre ganz eigenen Probleme mit dem Pfeilgift hat.
Im fünften Kapitel haben wir den Autokraten und seinen Ersten Sekretär Larn kennengelernt, die gemeinsam danach streben, die kostbare Ladung der Emerald-17 in die Hände zu bekommen. Währenddessen lernten David und Jake ein Stück dieser Ladung noch etwas näher kennen, und Kalon und An’Yik fanden ihre Spuren im Sand.
Auch im sechsten Kapitel kam noch mal jemand Neues dazu: Shianuk und ihr Onkel Noot haben einen unserer Androiden am Strand gefunden, werden aber leider unterbrochen, bevor sie ihn näher kennenlernen können. Währenddessen erklärt Jake David, was genau ihn an der Maschine so sehr stört, bis die mit Kalon und An’Yik ans Lagerfeuer zurückkehrt.
Und jetzt endlich ist auch die Geschichten-Seite wieder aktuell; da könnt ihr das alles auch noch mal nachlesen, wenn ihr mögt.

Was heute geschieht:

„Damit soll ich nach Lillith fahren? Habt ihr nichts noch Schäbigeres gefunden, oder wolltet ihr das nur dem Fahrer nicht zumuten?“
Die junge Frau, die dem Ersten Sekretär gegenüberstand, errötete, während sie zitternd ihre Fußspitzen fixierte und einen tiefen Knicks vollführte.
„Ich… Es tut mir Leid, Exzellenz, es… Es ging alles so schnell.“
„Pf!“ Er grinste spöttisch. „Nächstes Mal werde ich es ein paar Wochen vorher anmelden, wenn ich den Hof verlassen möchte. Wäre das genehm, ja?“
„Es… Es tut mir wirklich… Wirklich Leid!“ Ihr Kinn bebte und ihre Augen schimmerten mit Tränen der Angst.
„Das weiß ich ja inzwischen, schönen Dank“, zischte er, bevor er sich in die schwarze Kutsche hievte und auf der entgegen der Fahrtrichtung ausgerichteten Bank Platz nahm.
Fabelhaft! Über die Polster hätte sogar ein durchschnittlicher Schafhirte die Nase gerümpft, und die mickrige Funzel an der Decke spendete gerade genug Licht, dass er die Risse im abgenutzten Leder sehen konnte. Ein Vierspänner! Für den höchsten Repräsentanten des Autokraten! Wenn er an den Hof zurückkehrte, würde dafür jemand seine Position verlieren. Vielleicht noch ein wenig mehr, falls Larn nicht in außergewöhnlich guter Laune zurückkehren würde.
„Kind, hast du irgendeine Behinderung, die ich nicht sehen kann, oder steigst du dann jetzt auch bald ein?“ rief er dem Mädchen zu.
Sie folgte ihm hastig und stieß sich dabei den Kopf an der Oberkante der Tür. Er lachte schnaubend durch die Nase. Da merkte das dumme Ding selbst, was für eine Wahl sie mit dieser Kutsche getroffen hatte. Sie klopfte dem Kutscher zum Zeichen an die Wand, setzte sich Larn gegenüber und begann fahrig, die Postmappe zu öffnen und den Inhalt für ihn zu sortieren. Ihre Finger zitterten so sehr, dass sie zwei der Umschläge auf den Boden fallen ließ.
Larn verdrehte die Augen und beugte sich vor, um sie aufzuheben. Als sie das Gleiche tat, stießen ihre Köpfe leicht gegeneinander. Erschrocken fuhr sie wieder auf und starrte ihn an, als würde sie erwarten, dass er sie jetzt auffraß.
„Rost und Zerfall, Mädchen, hast du dir vorgenommen, den schlimmsten ersten Arbeitstag in den Annalen des Palastes zu veranstalten, oder findest du das hier einfach nur lustig?“
Sie starrte zitternd auf die Briefe in ihrem Schoß, während Tränen über ihre Wangen liefen und ihre Schultern in unterdrücktem Schluchzen zu beben begannen.
Er schüttelte den Kopf. Wer suchte diese Leute aus, und welche Geistesgröße war auf die Idee gekommen, diese schüchterne graue Maus zu seiner neuen Patrona zu machen?
Langsam keimte in ihm der Verdacht, dass diese widerwärtige Vettel Denianda dahintersteckte. Es wäre genau ihre Art Humor gewesen.
Larn stöhnte und nahm den Stapel selbst in die Hände, um ihn durchzusehen.
„Ich… Es… Verzeiht bitte, Herr… Ich…“ stammelte sie.
„Schon gut, schon gut.“ Er winkte ab, ohne zu ihr aufzublicken. „Das ist nicht gut gelaufen, aber ich schätze, wir stecken nun erst einmal eine Weile hier miteinander fest. Beruhig dich also erst einmal, und überleg dir, ob du es vielleicht beim nächsten Mal ein bisschen besser hinkriegst, ja? Ich mache solange meine Arbeit, wenn es dir nichts ausmacht.“
Zuerst suchte er den Bericht der bisherigen Suche aus dem Stapel So schwer es sich im matten Licht dieser halb toten Laterne auch lesen ließ, so musste es eben doch sein, und er tat sein Bestes. Anscheinend waren die angeforderten Schiffe bereits eingetroffen und die Jäger unterwegs.
Der Erste Sekretär war sich nicht sicher, ob es ihm lieber war, wenn die Fremden in ihrem Schiff ertrunken waren oder lebend geborgen wurden. Tot waren sie harmlos, lebendig ein potenziell unschätzbarer Quell von Informationen.
Vorerst war jedoch ohnehin noch gar nichts geborgen waren, und Larn musste sich wohl zunächst einmal damit begnügen zu hoffen, dass sich wenigstens das bald ändern würde, denn der Autokrat hatte ihm unmissverständlich klar gemacht, was vom Erfolg dieser Mission abhing.
Einzig ein hastig hingekritzelter Vermerk am unteren Rand der letzten Seite warf einen ersten Hoffnungsschimmer: Anscheinend hatte jemand ein nicht näher bezeichnetes Objekt unbekannter Herkunft entdeckt. So ärgerlich es auch war, dass keiner der großen Führungspersönlichkeiten dort unten es geschafft hatte, wenigstens ungefähr zu spezifizieren, ob es sich um ein Tier, eine Pflanze oder ein Stück Metall handelte, war es doch zumindest ein Indiz, dass sie auf der richtigen Spur waren.
Larn war es gewohnt, seine Ziele zu erreichen, und er würde diesmal keine Ausnahme machen. Die Weltraumreisenden gehörten ihm, ob nun tot oder lebendig.

„Glücklicherweise ist meine Partnerin hier in der Nähe der alten Station der Kehlar geboren worden. Sie kennt nicht nur den Weg dahin, sie kennt auch alle Zugänge und die Station selbst, und wir werden euch natürlich mit Vergnügen…“
David tat sich schwer damit, dem grauhaarigen Mann zuzuhören – Kalon hieß er, oder? -, aber er war sich ziemlich sicher, dass das nicht weiter schlimm sein konnte. Er war Kaufmann genug, um eine Marketingpräsentation zu erkennen, wenn er eine sah, und das hier war eine. Der Kerl würde jetzt ein paar Minuten lang erzählen, warum David und Jake unbedingt ihn und seine Partnerin als Führer anheuern sollten, und irgendwann würde er dann zaghaft anfangen, über die Notwendigkeit einer Gegenleistung zu sprechen. Das wäre früh genug, um anzufangen, ihm zuzuhören.
Jakes Gesichtsausdruck zeigte überdeutlich, dass er die Langweile noch schlechter Vertrug als David selbst. Sie saßen nun schon seit Stunden um das Lagerfeuer herum im Regen, die Sonne warf schon wieder die ersten Lichtstrahlen an den Himmel, und Jake war nie besonders gut darin gewesen, anderen Leuten zuzuhören.
Viel interessanter als die hoffentlich zumindest teilweise wahrheitsgemäßen Anpreisungen ihres Partners war die – naja – junge Frau, die mit ihm ans Lagerfeuer gekommen war. Oder vielmehr gebracht worden war.
Es fiel David schwer, sie nicht auf das Dreisteste anzustarren. Noch nie in seinem Leben – nicht mal in einer Illustration oder einem Video – hatte er eine wirklich existierende intelligente Lebensform gesehen, die dermaßen deutlich vom üblichen Bauplan abwich. Sicher, sie hatte zwei Beine, zwei Arme, zwei Augen und eine Nase. Aber sogar die exotischeren Rassen, von denen er bisher gehört hatte, unterschieden sich nur durch einzelne Details von der Menschheit. Manche hatten vier Finger statt fünf, manche hatten keine Ohren, und manche hatten die sonderbarsten Hautfarben.
Aber diese hier… Grundgütiger, sie hatte nicht nur diese verstörenden Reptilienaugen, die grüne Farbe ihrer sandpapierrauen Haut, die Reißzähne und diese Zunge, von der er noch nicht ganz sicher war, was genau nicht mit ihr stimmte, weil er sie noch nicht richtig gesehen hatte. Und als wäre das noch nicht genug, hatte sie zur Krönung noch einen Schwanz, der sich zurzeit unruhig um sich selber wand und über den Boden schlängelte, als führte er ein Eigenleben.
Und sie schaffte es trotz allem noch, überraschend sympathisch auf ihn zu wirken. David hoffte, dass die Tatsache, dass sie anscheinend sturzbetrunken war, nicht zu viel über ihre Eignung als Führerin verriet, denn zurzeit hatte er keine bessere. Sicher konnten sie auch ohne Hilfe ihr Ziel finden, aber ein ortskundiger Begleiter wäre sicher sehr von Vorteil.
„… bin ich der Meinung, dass wir von hier aus in wenigen Tagen…“
„Hey, Kamerad“, unterbrach Jake den Redefluss der Grauhaarigen, „Weißt du, ich bin eigentlich nicht auf eurem komischen Steinzeitplaneten hier abgestürzt, um dann doch wieder Stunden in irgendwelchen lahmen Konferenzen zu hängen. Wolltest du irgendwann noch zum Punkt kommen?“
„Äh…“ Kalon hielt in seiner Rede inne und schaute mit einem unsicheren Lächeln zwischen David und Jake hin und her, während seine Partnerin in Gelächter ausbrach und sich mit einer Hand auf den rechten Oberschenkel schlug.
Auch Kalon selbst lachte ein bisschen mit, räusperte sich und begann noch einmal: „Vielleicht war ich wirklich ein bisschen… übereifrig.“
„Ein bisschen, hm?“ Jake grinste und zwinkerte der grünhäutigen Frau fröhlich zu. „Vielleicht. Komm, sag an, was ihr dafür haben wollt, dass ihr uns zum Flughafen bringt, und dann sehen wir weiter.“
Kalon lachte wieder. „Offen gestanden war das mit ein Grund, warum ich so lange drum herumgeredet habe. Ich war mir selbst noch nicht ganz… Schließlich haben Sie wahrscheinlich sowieso kein Geld dabei und-“
„Nehmt uns mit!“ fiel ihm die Frau mit der rauen grünen Haut ins Wort.
„Mit wohin?“ fragte David, überrascht, dass sie dem Gespräch nicht nur zugehört hatte, sondern sich jetzt auch daran beteiligte. Anscheinend war sie bei Weitem nicht so weggetreten, wie es den Anschein gehabt hatte.
„Egal“, antwortete sie. „Ich habe schon immer davon geträumt, in der Welt der Kehlar zu leben, andere Planeten und andere Sonnen zu sehen. Das will ich. Für euch ist es bestimmt kein Problem, und für uns ist es ein Traum.“
Sie lag noch immer auf dem Boden, wo die Androidin sie abgelegt hatte, und machte trotz ihres noch anhaltenden Frohsinns den Eindruck, als fühlte sie sich noch ziemlich unwohl. Sie sprach auch ein bisschen undeutlich, aber sie schien durchaus zu wissen, was sie sagte.
Ihr Partner schien sich da nicht so sicher zu sein. Kalon betrachtete sie mit einer Mischung aus Sorge und Belustigung.
„Naja, dein Traum vielleicht“, widersprach er, „Ich bin nicht so ganz sicher, ob es auch meiner ist. Hier weiß ich immerhin, wo… Aber vielleicht müssen wir das nicht hier vor allen anderen diskutieren.“
Sie richtete sich etwas umständlich so weit auf, dass sie saß und mit ihm auf Augenhöhe reden konnte. „Vielleicht können wir kurz unter vier Augen reden?“ fragte sie in die Runde.
David öffnete den Mund, um zu sagen, dass das natürlich kein Problem war, aber die Androidin, die bisher stumm dagestanden und ins Nichts gestarrt hatte, kam ihm zuvor.
„Der Zeitpunkt ist ungünstig“, sagte sie. „Anscheinend ist Ihnen jemand gefolgt. Wir haben noch weitere Besucher zu erwarten, die in knapp einer Minute hier sein dürften.“
„Meine Herren“, murmelte Jake, während er begann, in seinem Gepäck herumzuwühlen, wahrscheinlich auf der Suche nach der Pistole. „Ganz schön was los hier auf eurem Planeten, im Wald, mitten in der Nacht. Seid ihr sicher, dass euch das Weltall nicht langweilig werden würde?“

„Was kuckst du so blöd, Bauer, hast du deine Hosen beschmutzt vor Schreck?“
„Verzeihung, Herr, aber… Sie sind zu… Sie sind zu früh…“
„Wir sind zu früh? Vielleicht bist du ja einfach zu spät, alter Mann!“
Shianuk hörte, wie Noot gegen einen Stuhl taumelte und dann laut klappernd mit diesem zu Boden fiel. Sie konnte aus ihrem Versteck in dem alten Schrank aus zwar nichts sehen, aber was sie hörte, reichte ihr, um zu erkennen, dass der unerwarteter Besuch wahrlich kein freundlicher war.
„Wo ist der Zehnt, Mann, wenn du schon kein Bankett für fünf müde Reiter aufgefahren hast?“
„Ich.. Sie sind zu… Es hieß doch… Erst in zwei Wochen!“
„Und jetzt heißt es jetzt, bist du schwer von Begriff, Bauer?“
„Aber… Ich habe noch nicht genug“, gestand Noot leise ein.
„Na, dann gibt uns, was du hast, und den Rest nehmen wir in Naturalien. Ist eh nicht viel, was dieser Scheißhaufen von einem Hof abwirft. Wo ist denn deine Tochter? Die Kleine ist inzwischen reif, um uns ein bisschen die Zeit zu vertreiben, oder?“
Shianuk zuckte in ihrem Versteck zusammen und Noot sog erschrocken Luft durch den Mund ein, als ihnen gleichzeitig klar wurde, was der Eintreiber mit seiner Frage meinte.
„Nein! Nein, Herr, alles, aber bitte nicht Shianuk!“
Lautes, gehässiges Lachen beantwortete sein Flehen. Shianuk hörte einem dumpfen Aufprall und ein unterdrücktes Stöhnen, als einer der Eintreiber, wahrscheinlich der Anführer, dessen Stimme sie hörte, ihrem Onkel einen Tritt versetzte.
„Wo ist deine Tochter, alter Mann? Ich frage nicht noch einmal.“
Sie hörte ein Klatschen und einen Schrei, als er Noot ins Gesicht schlug.
„Wir finden sie auch so. Glaub nicht, dass ich ein Problem damit habe, dir den dürren Hals umzudrehen, wenn du….“
„Nein, Herr, bitte nicht! Ich… Bitte nicht! Nehmt, was Ihr wollt, aber lasst meine Nichte Aaaah!“
Shianuk konnte es nicht länger mit anhören.
“ Hier drin!“ rief sie, „Hier drin bin ich, bitte tut ihm nichts!“
Sie konnte die Schranktür nicht öffnen, weil Noot sie von außen verschlossen hatte, aber sie klopfte von innen dagegen, um sicher zu sein, dass die Eintreiber nun wussten, wo sie war, und keinen Grund mehr hatte, ihrem Onkel weiter wehzutun.
„Na also! Deine Kleine ist besser erzogen als du, hä?“ Vielstimmiges gehässiges Gelächter der anderen Eintreiber begrüßte die Bemerkung, gefolgt von einem lauten Schlag und dann einem dumpfen Aufprall.
„Der hätte jetzt nur noch gestört, oder, Jungs?“
Die Männer taten mit lautem Johlen ihre Zustimmung kund und schwere Schritte näherten sich dem Schrank, in dem Shianuk versteckt war.
„Wer sind Sie, und warum bin ich nicht auf dem Weg zu meinem rechtmäßigen Eigentümer?“
„Hä, was? Was war das denn?“ Die Eintreiber blieben stehen.
Auch Shianuk schaute verwirrt in die Richtung, aus der die fremde Männerstimme gekommen war, obwohl sie natürlich nichts sehen konnte.
„Da!“ rief ein anderer, dessen Stimme sie noch nicht gehört hatte, „Da in der Kiste!“
Die anderen Eintreiber murmelten untereinander. Sie klangen plötzlich gar nicht mehr so mutig. Der Neuankömmling schien sie zu verunsichern.
Einzig der Anführer ließ sich nicht einschüchtern.
„Du hättest dich mal besser weiter tot gestellt, Jüngelchen.“
Shianuk hörte ein leises, metallisches Klicken, gefolgt von schweren, sich entfernenden Schritten, ehe der Eintreiben weitersprach.
„Schön zurück in die Box, und dann bleib da, bis wir dich rufen.“
Shianuk verstand nicht, was geschah, und trotz ihrer Angst hätte sie viel gegeben, um nach draußen schauen zu können. Tot gestellt? Es klang, als sprächen sie mit dem Mann aus der Kiste. War es doch ein echter Mensch gewesen? Wer sollte sonst gesprochen haben?
„Sie werden meine Frage beantworten, oder ich werde Sie dazu zwingen.“
Der Anführer lachte, aber es klang nicht mehr halb so selbstsicher wie zuvor.
„Was ist’n das für einer?“ fragte einer seiner Leute.
„Irgendwas stimmt mit dem nicht!“ rief ein anderer
„Bitte unterlassen Sie die Drohung mit Ihrer Waffe und beantworten Sie sofort meine Frage“, sagte die fremde Stimme. Sie klang merkwürdig ruhig, beinahe gleichgültig, völlig unpassend zur Situation. „Sie werden keine weitere Warnung erhalten.“
„Gib dem Spinner eine Kugel!“ rief einer der Eintreiber.
Shianuk schreckte zusammen und schrie auf, als das Donnern des Revolvers das Haus erfüllte. Noch bevor sie Zeit gehabt hatte zu verzweifeln, weil ihr Retter nun tot und sie mit den brutalen Männern alleine war, hörte sie Geräusche, die sie noch nie zuvor gehört hatte, und die ihr doch ein viel zu deutliches Bild von dem vermittelten, was draußen vor sich ging. Unterdrücktes Stöhnen, gedämpftes Knacken, ein ekelhaft nasses Klatschen und ein kurzes Gurgeln. Es konnte höchstens ein paar Sekunden gedauert haben, dann war es wieder vorbei. Wieder näherten sich Schritte ihrem Schrank. Diesmal nicht die schweren Stiefel der Eintreiber. Es klang wie nackte Füße auf dem Holzboden.
Shianuk zitterte vor Angst, während sie sinnlos versuchte, sich im beinahe leeren Kleiderschrank noch weiter zu verstecken, indem sie sich so weit in die Ecke zwängte, wie sie konnte. Ihr war schlecht, und sie fror. Nur ihre lähmende Furcht verhinderte, dass sie laut schrie, als die Tür des Schranks von außen geöffnet wurde und der Mann aus der Kiste vor ihr stand. Zeige- und Mittelfinger seiner linken Hand waren mit etwas Rötlichem, Klebrigem bedeckt, und schräg hinter ihm lagen reglos neben- und übereinander die fünf Zehnteintreiber.
Der Mann hatte seine Augen nun geöffnet. Sie waren von einem wunderschönen dunklen Blau, doch schienen sie blind zu sein, denn sie starrten einfach durch Shianuk hindurch, während er zu ihr sprach:
„Wer sind Sie, und warum bin ich nicht auf dem Weg zu meinem rechtmäßigen Eigentümer?“
Vor dem Tisch, etwas neben den Eintreibern, lag Shianuks Onkel.
„Noot!“ Sie schlug die Hände vor den Mund, sprang auf und eilte an dem nackten Mann vorbei zu ihren Onkel. „Noot, geht es dir gut?“
„Besteht hier ein für mich nicht erkennbares Kommunikationsproblem?“ hörte sie die merkwürdig unbeteiligte Stimme hinter sich, während sie Noot in die Arme schloss und hilflos seinen Kopf betastete. Zu ihrer großen Erleichterung spürte sie, dass er noch atmete. Anscheinend war er nur bewusstlos. Sie weinte und nahm kaum wahr, wie der Mann hinter ihr sagte: „Ich verstehe Ihre Sprache. Sie sollten deshalb auch mich verstehen können. Verstehen Sie, was ich sage?“

Lesegruppenfragen

  1. War die Bemerkung des Androiden zum Kommunikationsproblem zu albern, oder ging das noch? Ich fand’s irgendiwe gut…
  2. Fühlt ihr mit dem Ersten Sekretär, oder findet ihr ihn einfach nur fies und weinerlich?
  3. Was hättet ihr wohl an Shianuks Stelle getan?
  4. Versteht ihr, warum An’Yik gerne mitgenommen werden möchte?

9 Responses to Menschenähnlich (7)

  1. Guinan sagt:

    1. Er ist ja gerade erst ‚erwacht‘, da ist etwas albernes Verhalten noch akzeptabel.

    2. Ich kenne den Typus Mensch, kommt gar nicht so selten vor. So ganz daneben schein er ja nicht zu sein, er zeigt mehr Mitgefühl als man ihm in seiner Position zutrauen würde. Als reiner Menschenfreund wird man wahrscheinlich nicht erster Sekretär an einem feudalen Hof.

    3. Ich fürchte, ich neige zur Feigheit, ich hätte bestimmt verschreckt die Klappe gehalten.

    4. Natürlich kann ich das nachvollziehen. Ich würde ALLES tun, um mitgenommen zu werden.

  2. quadratmeter sagt:

    zu 1. Der Spruch ist inhaltlich etwas seltsam, aber ich musste sehr lachen.

    zu 2. Ich finde den Kerl blöd und eingebildet. Dass er der Patrona gegenüber so schnell freundlicher wird, fand ich nicht überzeugend nach dem ganzen Zinnober, den er erst veranstaltet hat. Du hättest ihn ruhig so herrlich kotzig lassen können. Und wieso muss er eigentlich nach „Lillith“ fahren? Der Name passt irgendwie nicht so ganz zum Rest, er ist so… hm… rosa. Ist das beabsichtigt?

    zu 3. Ich kann mich Guinan nur anschließen. Ich weiß nicht, ob ich diesen Mut gehabt hätte.

    zu 4. An’Yik hat Hummeln im Hintern. So eine Gelegenheit kann sie sich nicht entgehen lassen!

  3. Muriel sagt:

    @Guinan, quadratmeter: Vielen Dank für die Antworten! Insbesondere über 4. freue ich mich, da war ich nämlich gar nicht so sicher, ob das schlüssig rüberkommt.
    2. Interessant, dass ihr ihn im späteren Verlauf dann so freundlich findet. Mir kam er gar nicht besonders freundlich vor. Was den Namen „Lillith“ angeht: Da steht kein besonderer Plan dahinter, ich bin nur nicht so gut mit Namen.

  4. quadratmeter sagt:

    Namen zu finden ist auch wirklich nicht einfach.

  5. Chlorine sagt:

    Habe das Lesen aller sieben Teile nachgeholt und bin nun endlich auf dem Stand der Dinge. Musste ich mich beim ersten Teil erst noch einlesen, so liefen die weiteren wie geschmiert. Leider fühle ich mich jetzt ein wenig ausgebremst, da ich mich völlig in die Geschichte gesogen sah und das Kopfkino bis zum nächsten Teil nun alleine arbeiten muss. 🙂

    Eine kleine Frage habe ich mir notiert, um sie nicht zu vergessen:
    Im zweiten Teil wird erklärt, dass im Hyperraumschlaf alle Körperfunktionen fast völlig heruntergefahren werden. Im ersten Teil jedoch reibt sich Jake die verklebten Augen. Ist es das berühmte „fast“, das den Unterschied macht?

  6. Muriel sagt:

    @Chlorine: Schön, dass du mitliest, das freut mich. Mit ein bisschen Disziplin kriege ich heute noch den achten Teil veröffentlicht – hoffe ich. Danach dauert’s dann aber wirklich eine Weile.
    Zu deiner Frage: Gut aufgepasst. Es gibt eine Übergangsphase, bevor der Körper wirklich komplett in die suspendierte Animation geht. Die dauert beim Einschlafen und Aufwachen jeweils circa vier Stunden. Vielleicht sollte ich das noch irgendwo in der Geschichte unterbringen.

  7. Muriel sagt:

    Naja. Leider doch nicht mehr heute. Entschuldigt bitte. Aber bald.

  8. Chlorine sagt:

    Das solltest du unbedingt! Je mehr Details, desto glaubwürdiger. Und bitte keinen Stress! 🙂

  9. Andi sagt:

    1. Ich fand´s auch gut. Generell fand ich die Szene mit dem Androiden jetzt gut, auch, was er sonst so gesagt hat.

    2. Ja, der geht ja mal gar nicht… Als er mit seinem Chef gesprochen hat, ein paar Szenen vorher, war er total verhuscht. Und jetzt lässt er den dicken Max raushängen. Ich find die Figur nachwievor aber auch ganz interessant.

    3. Ich bin ja ein Schisser, wahrscheinlich hätte ich mich im Schrank nicht zu erkennen gegeben… Und ich weiß, dass das nicht für mich spricht.

    4. Unbedingt. Dass sie mit der Gesamtsituation unzufrieden ist, merkte man doch irgendwie schon, als sie in der einen Szene bockig auf Kalon war.

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