noch viel zu lernen

Ich will diesen Beitrag hier vorsichtig schreiben, denn ich will nicht, dass meine Abneigung gegen jede Art von Religion und insbesondere gegen ihre organisierten Träger, die Kirchen, mich zu einer Polemik verleitet, die manchmal ganz lustig ist, in diesem Zusammenhang aber nicht angebracht wäre.

Martin Lohmann, der Sprecher des Arbeitskreises Engagierter Katholiken (AEK) in der CDU und Vorsitzender der Bundesverbandes Lebensrecht (BVL) hat in der FAZ einen Artikel zu den kürzlich bekannt gewordenen Fällen von Kindesmissbrauch am Canisius-Kolleg in Berlin veröffentlicht, der den aufschlussreichen Titel trägt: „Schuld ist nicht ‚das System'“.

Im Sinne der angekündigten Vorsicht stelle ich eines gleich am Anfang fest, auch wenn es den einen oder anderen hier überraschen wird: Ich denke nicht, dass Geistliche generell schlechte Menschen sind. Ich halte sie für intellektuell unehrlich, entweder gegenüber sich selbst oder gegenüber anderen. Aber ich bin nicht der Ansicht, dass sie schlechte Menschen sind. Es gibt bestimmt sehr viele sehr sympathische Geistliche, die sicher viel Gutes tun. Ich weiß nicht, ob Pädophilie oder – was ja nicht das gleiche ist – tatsächlicher Kindesmissbrauch unter Geistlichen öfter vorkommt als in der Gesamtbevölkerung. Sollte jemand dazu eine Statistik kennen, wäre ich für den Hinweis dankbar.

Zurück zur Sache: Lohmanns Artikel geht eigentlich ganz gut los, mit der Erkenntnis, dass Aufklärung gefragt ist, dass „das Schweigekartell“ aufzubrechen ist und dass auch die Kirche hier noch viel zu lernen hat. So weit, so selbstkritisch. Aber dann geht es so weiter:

„Jeder Versuch der Verharmlosung vergrößert noch Leid, Schuld und Schmerz. Auch das Bemühen, auf eine falsche, prüde und letztlich schuldhafte Sexualmoral der Kirche abzulenken, wäre ein solcher Versuch – nach dem Motto: Das System ist schuld. Die Kirche ist kein „System“. Sie versteht sich als mit Jesus Christus verbundene Heilsgemeinschaft und besteht aus Einzelpersonen, die selbst verantwortlich sind vor Gott und den Menschen.“

Was soll denn das werden? Erst müssen wir aufklären, und auch die Kirche muss lernen, und dann weiß Lohmann plötzlich doch schon, dass die Kirche nicht schuld ist? Weil sie „kein System“ ist? Ich kann hier nur hoffen, dass Lohmann diese Aussage wenigstens auf das Thema Sexualmoral beschränkt verstanden wissen möchte. Denn wenn er hier wirklich die Behauptung aufstellen wollte, dass in einer Schule, in der zwei Patres in ungefähr 20 Fällen Kinder missbraucht haben sollen, mit dem System alles in Ordnung ist, bevor die Ermittlungen überhaupt abgeschlossen sind, dann ist das aus meiner Sicht eine Unverschämtheit, die ich kaum in Worte fassen kann. Natürlich sind es letzten Endes immer Einzelpersonen, die für ihr Handeln verantwortlich sind. Aber die Organisation schafft die Rahmenbedingungen, die es diesen Einzelpersonen ermöglichen, erleichtern oder erschweren können, sich über die Regeln hinwegzusetzen.

Wenn so etwas passieren und jahrelang unentdeckt bleiben kann, dann ist das sehr wohl eine Frage des Systems. Das System, das hier versagt hat, ist natürlich nicht nur die Schule und nicht nur die Kirche, sondern unsere gesamte Gesellschaft. Aber wie schnell und einfach Herr Lohmann hier zu dem Ergebnis kommt, die Kirche könne nichts dafür, das ist schon durchaus dummdreist atemberaubend.

Nochmal: Ich weiß nicht, ob die Kirche wirklich ein statistisch belegbares Problem mit Pädophilie hat oder ob das nur aufgrund der aktuellen Nachrichtenlage so scheint. Ich weiß erst recht nicht, ob dieses möglicherweise bestehende Problem etwas mit der katholischen Sexualmoral zu tun hat. Aber Lohmann kann das auch nicht wissen, und ich halte es für bezeichnend für die Art intellektueller Unehrlichkeit, die ich oben kurz angesprochen habe, dass er nicht einmal bereit ist, die Möglichkeit zu akzeptieren.

„Nein, nicht das System ist schuld, sondern einzelne Menschen sind es.“ Ach so. Na dann ist ja gut.

„Am wenigsten ist die Sexuallehre der Kirche verantwortlich.“ Woher weiß Lohmann das alles? Warum kann er das einfach so dahin behaupten? Wahrscheinlich, weil er es als Katholik nicht gewohnt ist, dass man für so kategorische Behauptungen gerne auch mal den einen oder anderen greifbaren Beleg anführen darf. Verzeihung. Ich wollte ja nicht polemisch werden. Aber die Frage ist ernst gemeint: Glaubt Lohmann wirklich, dass es mit dieser pauschalen Behauptung getan ist? Stellt er sich so Aufklärung vor?

Im Rest des Textes geht es dann erst einmal gar nicht mehr um Kindesmissbrauch, sondern darum, dass die Sexualmoral der Kirche im Grunde die modernere ist, weil sie „eigentlich sehr lebens-, leib- und lustfreundlich [ist], aber – o Schreck! – jede Freiheit an Verantwortung und Respekt koppelt“ und sich außerdem nicht „huldvoll verneigt vor jeder noch so absurden Verirrung im Namen angeblicher Freiheit“. Vielleicht liegt es ja an mir, aber ich habe keinen Schimmer, wovon Lohmann hier redet. Denkt er bei „Verantwortung und Respekt“ daran, dass die katholische Kirche noch immer unter Aufwendung schwurbeligster Rechtfertigungen den Einsatz von Verhütungsmitteln wie zum Beispiel Kondomen verbietet? Denkt er bei der „absurden Verirrung im Namen angeblicher Freiheit“ an Homosexualität, die meines Wissens aus Sicht der Kirche immer noch so eine Art Krankheit ist?

Und zum Schluss bekräftigt er noch einmal, in der Kirche müsse zwar noch viel gelernt werden, aber die „anspruchsvolle“ und „zutiefst humane“ Sexualmoral der Kirche dürfe man natürlich nicht infrage stellen, denn „die Schuld des Einzelnen ist keine Schuld der Ordnung von Freiheit und Verantwortung“.

Seid mir bitte nicht böse. Ich weiß, dass es ein ernstes Thema ist, aber wenn ich dieses schwachsinnige Rechtfertigungsgeblubbern Artikel ernstnehmen würde, dann müsste ich jetzt in meinen Laptop beißen, und den brauche ich noch eine Weile.

16 Responses to noch viel zu lernen

  1. axeage sagt:

    Sehr guter Bericht – und sei versichert: ich bin Dir nicht böse!!

  2. Jan sagt:

    Ich kann mich deiner Kritik nur anschließen. Aber wir müssen nicht um den heißen Brei herumreden, denn er ist wirklich heiß:

    Ich weiß nicht, ob die Kirche wirklich ein statistisch belegbares Problem mit Pädophilie hat oder (…) ob dieses möglicherweise bestehende Problem etwas mit der katholischen Sexualmoral zu tun hat.

    Natürlich hat es mit der katholischen Sexualmoral zu tun, womit sonst? Ein so verschrobenes System wie das der Katholiken mit seiner religiösen Indoktrination und seiner eingeschränkten Enthaltsamkeit wie der unter anderem auch an betreffender Eliteschule „nötigen“ hat immer wieder zu Fällen wie diesem geführt, wird immer wieder dazu führen – und kann nur dazu führen. Junge Menschen werden sexualitätslos erzogen, ihr Körper will aber ganz andere Wege gehen. So treffen junge Männer, die ihren Körper instinktiv entdecken, auf geile Kinderficker-Eunuchen, die die Situation schamlos und widerwärtig ausnutzen. Eine abscheuliche Schande.

    Die Polemik tut mir Leid, aber manchmal ist das schwer nötig.

  3. Schonzeit sagt:

    ist wirklich ein schwieriges Thema. Die Frage ist, ob sich eine Kirche, so sie denn modern sein möchte noch nach uralten Doktrinen leben sollte, die in einer frühgeschichtlichen Phase als ethische Grundwerte hilfreich waren.

    Doch letztlich wird jedes System immer am schwächsten Glied gemessen werden. Auch nach einer überfälligen Reformation.

  4. Ark sagt:

    Ich würd auch nicht dem Zölibat (mit seiner recht haltlosen Grundlage) und der täglich gepredigten Doppelmoral die Schuld geben. Da muss ich die Kirche mal verteidigen.
    Schuld sind die Priester selbst. Hätten sich eine Gemeinde geben lassen sollen dann gibts nämlich ne Haushälterin dazu!
    Wenn es aber schon kleine Jungs sein müssen. Dann hätte man sich – um Gottes willen – doch bitte nicht erwischen lassen dürfen. Schließlich hatte die Kirche doch alles dafür getan und beim internen bekanntwerden die betroffenen Priester versetzt damit sich das nicht rumspricht und sie auch wo anders mal zum Zug kommen.

    Also hat die Kirche doch alles in ihrer Macht stehende getan und das sowas jetzt doch rauskommt … ist allein Schuld der Einzelpersonen!

  5. rauskucker sagt:

    @ Muriel: Alles richtig. Aber was hast Du denn erwartet von einem Anti-Abtreibungs-Ideologen. („Das Töten im Mutterleib sei die größte Kriegserklärung an das Leben.“) Etwas bitter nur, daß die halbwegs seriöse FAZ solchen perversen Typen Raum bietet.

    @ Ark: Sehr nett ausgedrückt! 😉

  6. Jan sagt:

    Schonzeit: „(…) die in einer frühgeschichtlichen Phase als ethische Grundwerte hilfreich waren.“ Als ethische Grundwerte? Nein, vielmehr doch als Beitrag zum Glauben an ein himmlisches Reich. Du bist keusch und fromm und zahlungskräftig? Dann kommst du auch in den Himmel!

    Ich glaube, dass man sich bei dieser schwierigen Angelegenheit auf die Psychologie verlassen kann: Die situationellen Bedingungen mussten dazu führen, dass es kam, wie es kam. Das soll nun nichts entschuldigen, sondern eben das System der Kirche kritisieren, da ebendieses für die Situation verantwortlich gewesen ist.

  7. Citizen Kane sagt:

    Ich denke, dass der Zusammenhang zwischen der katholischen Sexualmoral und den Pädophilie-Fällen in kirchlichen Einrichtungen ein indirekter ist.
    Gegen einen unmittelbaren Nexus spricht Folgendes: Niemand wird gezwungen, ein kirchliches Amt zu übernehmen, bei dem der Zwang zur Keuschheit besteht. Wer sich also nicht dem rigiden Diktat des Zölibats unterwerfen möchte, könnte schlicht und einfach auf den Priesterberuf bzw. einen Ordenseintritt verzichten.
    Allerdings bietet der Zölibat all jenen ein Alibi, welche aufgrund einer von der Gesamtgesellschaft bzw. ihrem Umfeld nicht akzeptierten sexuellen Veranlagung die Erwartungen der Gesamtgesellschaft bzw. ihres Umfelds bezüglich einer akzeptierten Sexualität (inkl. Partnerschaft etc.) nicht erfüllen können.
    Dass Bischöfe Missbrauchsopfern Schweigegeld anbieten und bereits auffällig bzw. übergriffig gewordene Geistliche weiterhin im Bereich der Jugendarbeit einsetzen, ist insbesondere aufgrund des Anspruchs der Kirchenfürsten, moralische Autoritäten zu sein, ein wirklich kaum noch in Worte zu fassender Skandal.

  8. Muriel sagt:

    @Jan: Auch wenn ich mit vielem sympathisiere, was du hier geschrieben hast, kann ich schon rein aus genau der intellektuellen Redlichkeit heraus, die ich Herrn Lohmann abspreche, nicht ganz zustimmen:
    „Natürlich hat es mit der katholischen Sexualmoral zu tun, womit sonst?“
    Das ist genau Lohmanns Art zu argumentieren, nur mit einem anderen Ziel. Wir haben unsere Meinung schon fertig, und jetzt suchen wir nach Tatsachen, die sie unterstützen. Das ist der bequeme Weg, und hier klingt deine Argumentation sogar für mich sehr plausibel. So läuft es aber trotzdem nicht. Bevor ich eine so weitreichende Behauptung aufstelle, wie du es oben getan hast, sollte ich schon einen belastbaren Beleg zur Hand haben.
    Dass die katholische Sexualmoral problematisch ist, müssen wir nicht diskutieren. Dass sie deshalb zwangsläufig zu Kindesmissbrauch führt, ist mir zu gewagt. Da gehe ich nicht mit.
    @Citizen Kane: Klingt alles plausibel. Trotzdem würden mich Forschungsergebnisse dazu interessieren, falls es welche gibt. Überhaupt finde ich, dass Religion und ihre Ursachen, und wie man sich davor schützen kann, viel zu wenig erforscht werden. Aber das führt hier vielleicht schon ein bisschen zu weit.

  9. rauskucker sagt:

    Wie man sich davor schützen kann? Mit Knoblauch vielleicht…?

  10. Jan sagt:

    Natürlich kann ich nicht einfach etwas behaupten, Muriel, da hast du recht. Schon gar nicht in einer solchen Argumentationsweise, die eigentlich keine ist. Doch will ich das mit meiner polemisierenden Erregung und Aufregung über das Thema entschuldigen. Es ist skandalös, was da vor sich ging und geht, es ist skandalös, wie sich die Geistlichen herausreden wollen und obendrein noch die katholische Sexualmoral in den Schutz nehmen. Interessant ist sicher auch das aktuelle Spiegel-Thema zum Zölibat (nein, ich finde den Spiegel nicht super und empfehle ihn deshalb) sowie die zugehörige Diskussion im Internet: http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=11825.

  11. sayadin sagt:

    Ja, ihr habt alle recht. Aber was bringt es? Und ist es nicht genau das, was die Kirchenfuzzis wollen, das wir über sie nachdenken?

    Macht ein hübsches Plakat z.B. mit der Botschaft „Vorsicht, Gefahr, Eltern haften für ihre Kinder“ und pinnt es zusammen mit schön bunten Kondompackungen an die Kirchentür.

    Bei Luther hats geklappt und was ein mal geht, geht auch zwei mal.

  12. Oliver sagt:

    Klar ist es das System Kirche, was dieses Verhalten zumindest nicht frühzeitig verhindert hat. Bei 20 Kindern ist das auch schon ein systematisches Versagen des Systems Kirche.
    Das aber worum es Lohmann letztendlich geht, sind nicht die Opfer, sondern die Schadensbegrenzung eines weiteren Vorfalls von der Art, die man schon kennt, und die zumindest niemanden mehr großartig überraschen.
    Ich warte schon auf den nächsten Padre, der sich vergreift. In der Zwischenzeit wird aber Lohmann den Vorfall pr-technisch wegerklären und mikrozerstückeln, so dass der Imageschaden nur vorübergehender Natur sein wird.

  13. sayadin sagt:

    Was bringt es wenn wir hier schreiben, die lesen das sowieso nicht.

  14. […] Kürzlich habe ich in einem Artikel zu den Missbrauchsfällen am Berliner Canisius-Kolleg geschrieben: “Ich denke nicht, dass […]

  15. Stefan W. sagt:

    Auf Inforadio war heute ein Bericht, wonach das Canisius-Kolleg mit der Schulung eines Vertrauenslehrers für solche Fälle reagieren will.

    Als Pfaffe, der scharf auf junges Burschenfleisch ist, würde ich natürlich genau so eine piviligierte Stellung anstreben.

    Und ähnlich erkläre ich mir die Genese dieses Tätertyps. Die Kirche sorgt für die Tabuisierung und starke Schambesetzung. Das Opfer entwickelt eine gestörte Sexualität und wird seinerseits in dieses doppelmoralische Dasein verstrickt, und kann, in dem es in die Täterrolle schlüpft versuchen die Vergangenheit zu bewältigen – zumindestens reinszenieren.

    Die Sprüche, um junge Jungs bei der Schuld zu packen, kennt der Täter. Man sollte auf jeden Fall mal nachforschen, wieviele der Täter selbst früher Opfer waren. M.W. ist die Quote hoch.

  16. sayadin sagt:

    Theoretisch könnte man das Problem lösen in dem man dem Priester die normale Sexualität öffnet. Aber wenn man das vorschlägt, dann kommt eine Litanei von schwachsinnigen Begründungen.
    Also müssen die Minderjährigen weiter dran glauben.
    Aber Schuld sind die Eltern.
    Die Religiösen wollen ihre Kinder vor den bösen Einflüssen der Welt schützen und verweigern ihnen Disco, Computerspiele oder Fernsehen. Aber sie schicken sie voller Vertrauen zu sexuell unausgeglichenen und folglich irren Typen.
    Die Eltern sind das Problem. Die Kirche wird sich nicht ändern.

    ELTERN HAFTEN FÜR IHRE KINDER

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