Menschenähnlich (11)

Jaaaa, wenn wir hierbei überschaubare Relevanz sagen, dass wir nichts versprechen, dann meinen wir das auch so! Heute erscheint das neue Kapitel von „Menschenähnlich“ also mal am Mittwoch, und wieder ohne Podcast. Ich hoffe, ihr habt Spaß dabei.

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So. jetzt, da wir unter Freunden sind, muss ich nochmal was sagen: Ich habe heute Mittag bei dem spanischen Imbiss in der Ernst-August-Galerie eine Fischplatte bestellt, und die war grauenhaft. Schade um den hoffnungsvollen jungen Fisch, aus dem hätte noch was werden können. Ich habe den fürchterlichen Geschmack immer noch im Mund und hoffe, dass das irgendwann beim Abendessen aufhört. Ich bin echt sauer auf diese Leute.

Egal. Zum eigentlichen Thema:

Was bisher geschah:
Im ersten Kapitel wohnen wir dem Aufbruch zweier Raumfahrer namens Jake und David bei, die eine kostbare Fracht aus 13 Androiden zu einem fremden Planeten transportieren sollen.
Bereits im zweiten Kapitel folgt der abschussbedingt gewaltsame Abbruch dieser Reise. Dafür lernen wir Kalon und An’Yik kennen, die sich als reisende Helden betätigen und dabei anscheinend auch manchmal vor ethisch nicht ganz einwandfreie Vorgehensweisen zurückschrecken. Sie sehen den Absturz des Raumschiffes und hoffen auf reiche Beute.
Im dritten Kapitel erwachen Jake und David in ihrem abgestürzten Raumschiff und retten sich, einen der Androiden und ein paar andere Kleinigkeiten in ein Rettungsboot, bevor das Schiff im Meer versinkt. Gleichzeitig lauert ein Schlichter gemeinsam mit ihrem verräterischen Gefährten Berren den beiden reisenden Helden auf, um sie einem unerfreulichen Schicksal zuzuführen.
Im vierten Kapitel packen David und Jake ihr neues Spielzeug aus, und Kalon erwacht aus der Betäubung, in die der Blasrohrpfeil des Schlichters in versetzt hat. Er stellt fast, dass seine Gefährtin An’Yik ihn zwar aus der unmittelbaren Gefahr retten konnte, nun aber ihre ganz eigenen Probleme mit dem Pfeilgift hat.
Im fünften Kapitel haben wir den Autokraten und seinen Ersten Sekretär Larn kennengelernt, die gemeinsam danach streben, die kostbare Ladung der Emerald-17 in die Hände zu bekommen. Währenddessen lernten David und Jake ein Stück dieser Ladung noch etwas näher kennen, und Kalon und An’Yik fanden ihre Spuren im Sand.
Auch im sechsten Kapitel kam noch mal jemand Neues dazu: Shianuk und ihr Onkel Noot haben einen unserer Androiden am Strand gefunden, werden aber leider unterbrochen, bevor sie ihn näher kennenlernen können. Währenddessen erklärt Jake David, was genau ihn an der Maschine so sehr stört, bis die mit Kalon und An’Yik ans Lagerfeuer zurückkehrt.
Im siebten Kapitel muss der Erste Sekretär unter äußerst widrigen Umständen eine Reise beginnen, Kalon bietet sich und An’Yik als Führer an, wird aber von der überraschenden Ankunft weiterer Besucher unterbrochen, und Shianuk lernt den Mann aus der Kiste kennen.
Jake findet im achten Kapitel seine Munition nicht, aber Kalon kann die Gruppe mit einem gewagten Bluff retten. Shianuk beantwortet die Fragen des Mannes aus der Kiste, so gut sie kann, und lässt sich überreden, sich mit ihm auf die Reise zum Autokraten zu machen.
Im neunten Kapitel lernt der Zweite Sekretär den Autokraten kennen, und der Erste Sekretär erfährt von der Begegnung der vier Soldaten mit den Weltraumfahrern. Seine Patrona macht einen Vorschlag.
Im 10. Kapitel baut der Mann aus der Kiste ein Floß für Shianuk, Jake, David, An’Yik, Kalon und die Androidin teilen sich auf.

Was heute geschieht:
Als der Autokrat, gestützt auf seine Krücken und umringt von seiner Leibgarde, sein Büro verließ, löste er damit eine mittlere Panik unter allen Höflingen und Bediensteten in Hörweite aus. Sie alle horchten ängstlich auf, und, wenn ihre Pflicht sie nicht hielt, verkrochen sie sich so schnell sie konnten in einen abgelegeneren Teil des Palastes, wie kleine Nager, die das ferne Brüllen eines Raubtieres in Panik versetzt.
Doch wie sich das große Raubtier nicht für die kleinen Nager interessiert, so waren die Höflinge und Bediensteten dem Autokraten egal, und die einzige, für die die Warnung hätte bestimmt sein können, bemerkte sie nicht.
Die Pontifex öffnete verwirrt ihre blassblauen Augen, als das unverwechselbar herrische Klopfen eines autokratischen Leibgardisten an ihrer Tür ertönte. Sie erkannte durchaus eine gewisse Ironie darin, dass ausgerechnet die Leiterin der Inquisition die wahrscheinlich einzige Person im Palast war, die jetzt erst erfuhr, dass der Herr des Reiches sein Büro verlassen hatte.
So tief war sie in ihrer Meditation versunken gewesen, und so abwegig schien es ihr, dass der Autokrat sie aufsuchen würde, statt sie zu sich zu bestellen, dass sie sich erst nach dem zweiten schnellen und lauten Klopfen aus ihrem Meditationssitz erhob, ihre fast bis zu den Knöcheln herabfallenden silberweißen Haare ordnete und ihre makellos weiße Robe glatt zog. Ja, sie bot einen faszinierenden Kontrast zum Schwarz-in-Schwarz des Autokraten, wenn sie öffentlich gemeinsam auftraten.
Noch ein letztes Mal schaute sie an sich herab, bevor sie die Tür öffnete. Ohne ein Wort oder auch nur eine Geste des Grußes strömten fünf Gardisten hinein, die den Raum eilig und routiniert überprüften, um dann ihrem Vorgesetzten, der in der Tür stand, zuzunicken. Dieser trat daraufhin zur Seite, und der Autokrat, vermummt in seiner schwarzen Robe und gestützt auf seine Krücken, humpelte hinein.
„Lasst uns jetzt alleine“, wisperte er, und die Gardisten strömten genauso eilig wieder hinaus, wie sie erschienen waren.
Die Tür schloss sich, und Pontifex Denianda widerstand dem Drang, ein unterwürfiges Willkommen zu murmeln oder ihn zu fragen, was ihn zu ihr führte. Man sprach den Autokraten nicht an. Denianda war 94 Jahre alt, und seit über 30 Jahren war sie Pontifex. Sie meinte, das Vertrauen des Autokraten zu genießen. Sie kannte ihn. Gut genug, um zu wissen, dass er wegen dieser 30 Jahre nicht darauf verzichten würde, sie für eine derartige Unachtsamkeit drakonisch zu strafen. Vielleicht, weil es ihm gefiel, vielleicht, um ein Exempel zu statuieren.
Sie erinnerte sich noch an ein Treffen in seinem Büro vor etwa fünf Jahren, als er ihr eines seiner Plätzchen angeboten hatte. Sie war erbleicht, hatte etwas Unzusammenhängendes gestammelt und gedacht, dass sie mit irgendeiner Bemerkung zu weit gegangen war und ihr Leben verwirkt hatte.
Dann aber hatte er die Schale wieder an sich herangezogen, sein breites Grinsen gegrinst, sich entschuldigt und erklärt, er habe nur gerade vergessen, dass sie sie ja nicht vertrage. Nun, sie war sich noch immer nicht ganz sicher, wie viel davon Scherz und wie viel Ernst gewesen war, aber sie hatte es für sicherer gehalten, es als Warnung zu verstehen.
Er wies mit einer seiner faltigen schwarzen Klauen auf ihren Meditationssessel „Darf ich?“
Es war wahrscheinlich eine Falle. Dem Autokraten zu gestatten, den Sitz zu benutzen, hieße, anzunehmen, dass er ihre Erlaubnis bräuchte. Sie ignorierte die Schmerzen in ihren arthritischen Knien und in ihrer Hüfte, als sie vor ihm auf beide Knie und ihre Ellenbogen fiel und mit ihrer Stirn den kalten Steinboden berührte.
„Alles hier ist Ihr Eigentum, Gebieter.“
Sie hörte, wie er sich in den Sessel sinken ließ und die Krücken abstellte.
„Du hast den bequemsten Sitz im ganzen Palast, Denianda, weißt du das?“
„Vielen Dank, Gebieter.“
„Diese Position muss sehr schmerzhaft für dich sein.“
„Ja, Gebieter.“
Er lachte sein leises tonloses Lachen und wisperte: „Erhebe dich, Pontifex.“
Sie tat es und versuchte, dabei so wenig zu stöhnen und zu ächzen, wie sie konnte.
„Es scheint noch gar nicht lange her, als ich deine Jugend und deinen Elan bewunderte, Denianda“, flüsterte der Autokrat mit einem Kopfschütteln. „Und jetzt stehst du vor mir wie welkes Laub. Wie schnell ihr Sterblichen vergeht.“
Sie neigte ihren Kopf und verbarg ihre zitternden fleckigen Hände hinter ihrem Rücken. „Ja, Gebieter.“
Er schwieg für einige Augenblicke, bevor er schließlich zum Anlass seines Besuches kam: „Ich weiß nicht, ob Larn mit der Suche nach den Fremden überfordert ist. Ich will, dass du dich ebenfalls der Sache annimmst. Es kann nicht schaden, zwei Kluhias im Rennen zu haben, und vielleicht bringt ein bisschen Konkurrenzkampf wieder mehr Leben in diese staubige Bürokratie.“
„Selbstverständlich, Gebieter. Ich habe mich schon mit der Sache befasst und habe eine Vermutung, wo ich die Raumreisenden finden kann.“
„Exzellent“, wisperte er. „Wenn du sie hierher schaffen kannst, lasse ich mir eine Belohnung für dich einfallen, Denianda. Vielleicht… ein wenig Jugend? Wäre das ein Anreiz für dich?“
Die Pontifex gehörte der Inquisition an, seit sie denken konnte, und sie hatte gelernt, ihre Gefühle nicht zu zeigen. Ihre Augen weiteten sich nicht, und ihre schmalen blassen trockenen Lippen blieben geschlossen, als der Autokrat sein Angebot machte. Aber sie konnte nicht das Klopfen ihres Herzens dämpfen, das sie bis in ihren Hals spürte, und auch nicht die Träne zurückhalten, die ihre rechte Wange hinabrann.
„Ja, Gebieter“, stieß sie hervor. „Das ist es. Ich werde sie Ihnen bringen, und wenn ich sie selbst holen muss.“
Sein leises Lachen ging in ein heiseres Husten über. „Das“, erwiderte er, „Würde ich an deiner Stelle nicht versuchen. Du könntest auf dem Weg stolpern und zerbrechen, und das fände ich sehr schade.“

„Würdest du… Das ist jetzt vielleicht eine blöde Frage, aber würdest du deinen Mund für mich aufmachen?“
„Sehr gerne.“
An’Yik, Jake und die Menschenmaschine standen auf der Straße nach Leyathin, die um diese Zeit glücklicherweise noch von niemandem außer ihnen bereist wurde. Ein einsamer Kruzhyk-Baum am Straßenrand warf einen endlos langen Schatten im orangeroten Licht der aufgehenden Sonne, während seine Blätter von einer kräftigen Brise aufgewühlt wurden und das typische Flüstern wie von hunderten leisen Stimmen erzeugten, das bei Nacht so manchem Kind furchtbare Albträume bescherte, in diesem Fall aber dem beginnenden Tag eine surreal-romantische Note verlieh.
An’Yik hatte es sich schwieriger vorgestellt, David davon zu überzeugen, die Gruppen anders einzuteilen. Sie war angenehm überrascht gewesen, als er sofort zugestimmt hatte.
Sie wollte nicht so gerne mit Jake alleine sein, weil sie das ganz bestimmte Gefühl hatte, dass er sich auf eine überhaupt nicht gesunde Art für sie interessierte. Er war nicht der erste Wiederkäuer, der sie auf diese Weise ansah. Kalon tat es auch, aber er versuchte wenigstens, es zu verbergen. Jake hingegen schien es ernsthaft auf einen Versuch ankommen lassen zu wollen.
Es war nicht überraschend. Macht war eben attraktiv. Und wer hatte mehr Macht über den Pflanzenfresser als das Raubtier?
Schon bei dem Gedanken, jemanden zu küssen und dabei diese… Karsszähne zu spüren, konnte sie sich schütteln. Sie konnte sich ungefähr genauso gut vorstellen, es mit einem dieser verweichlichten Wiederkäuer zu tun, wie mit einem Tunnelwurm. Allein von der Idee, diese schlaffe haarige Babyhaut und die darunterliegenden Fettkissen unter ihren Händen zu spüren, wurde ihr ein bisschen schlecht.
Sie wollte einen Mann, der ihr einen Kampf liefern konnte, nicht einen, bei dem sie permanent darauf achten musste, ihm nicht aus Versehen weh zu tun.
Sie war sich selbst gegenüber ehrlich genug, um zu vermuten, dass ihr Interesse an der Menschenmaschine wahrscheinlich auf ganz ähnlichen Gründen beruhte. In ihrer teilnahmslosen Ruhe, ihren effizienten Bewegungen lag offenkundig unglaubliche Kraft, die An’Yik faszinierte. Natürlich auf eine ganz andere Art, als Jake sich für sie selbst interessierte, aber die Parallelen ließen sich doch nicht ganz leugnen.
Die Zähne der Maschine waren auch Wiederkäuerzähne, An’Yik hatte nichts Anderes erwartet. Trotzdem waren ihr immer wieder Unterschiede aufgefallen, aber sie hatte sie nie richtig erkennen können. An’Yik war neugierig.
Jetzt konnte sie alles gut sehen, denn die Maschine konnte ihren Mund viel weiter öffnen, als jeder Mensch. Ihr Kinn berührte ihren Hals, und die künstliche Haut darunter warf dicke Falten. Ihr Mund enthielt die Nachbildung einiger Zähne im vorderen Bereich, ansonsten aber nichts, was in einen menschlichen Mund gehörte. Da war keine Zunge, kein Speichel, nur die Innenseite der künstlichen Wangen und die Ober- und Unterseite der Mundhöhle, die genauso weißlich glänzten wie die Zähne. Da, wo bei einem Menschen der Rachen gewesen wäre, befand sich in dem weiß glänzenden Material eine daumennagelgroße eckige Aussparung, die mit kleinen Löchern durchsetzt war.
„Ist das eine Schnittstelle?“ fragte Jake.
An’Yik fand, dass er ein bisschen zu nah hinter ihr stand, aber das überraschte sie nicht.
„Sie wurde eingebaut, um im Falle einer Störung meiner drahtlosen Konnektivität einen Wartungszugang zu gewährleisten“, erklärte die Maschine.
Eigentlich war es klar, dass sie ihre Worte nicht mit Kehlkopf, Mundhöhle und Lippen formte, aber für einen Moment irritierte es An’Yik doch, ihre Stimme zu hören, während ihr Unterkiefer wie der einer Schlange ausgehakt schien.
„Wäre es nicht besser, den irgendwo zu gewährleisten, wo man auch drankommt, ohne dass du was dafür tun musst?“
„Ich verstehe Ihr Argument. Ich wurde bei der Gestaltung dieses Modells nicht konsultiert.“
Jake zuckte die Schultern und grinste. „Verstehe. War bei mir genauso.“
„Was ist eine Schnittstelle?“ fragte An’Yik.
„Da kann man ein Kabel anschließen, um Daten zu übertragen.“ Ihr entging nicht, wie hastig er antwortete, um der Maschine zuvor zu kommen. „Wenn man sie zum Beispiel zur Abwechslung mal als… sagen wir, Staubsauger benutzen will, kann man sie darüber neu programmieren.“
An’Yik drehte sich zu ihm um – er stand wirklich zu nah bei ihr – und sah ihn mit einer gehobenen Augenbraue an.
„Kannst du es noch mal erklären, ohne noch mehr Begriffe zu benutzen, die ich nicht verstehe?“
„Nur, wenn wir währenddessen weitergehen können. Da hinten kommen Leute, und die finden es vielleicht merkwürdig, zu sehen, wie du unserem Porzellanharlekin hier deinen Kopf in den Mund steckst.“
An’Yik nickte, wandte sich von der Maschine ab und winkte den beiden, ihr zu folgen.
„Es wird Zeit, dass wir ihr einen Namen geben, findest du nicht?“
„Warum?“ fragte Jake zurück. „Ich gebe meinen Schuhen doch auch keinen Namen.“
An’Yik grinste ihn an und achtete dabei darauf, ihre Reißzähne zu entblößen. „Vielleicht solltest du es mal versuchen. Wir Munji geben allen unseren persönlichen Besitztümern Namen, um unseren Respekt für sie zu zeigen. Schuhen, Waffen, Schmuckstücken und natürlich unseren Schwänzen.“
„Wirklich?“ fragte er, vergeblich darum bemüht, ehrlich interessiert zu wirken, statt ungläubig und herablassend.
Sie lachte und schüttelte ihren Kopf. „Nein, natürlich nicht. Aber unsere Schuhe, Waffen, Schmuckstücke und Schwänze reden auch nicht mit uns, und wir nicht mit ihnen. Sie braucht aber einen Namen.“
Er seufzte und lenkte ein. „Wie du meinst.“ Natürlich. Er wollte ihr gefallen. Sie nahm sich vor, das möglichst oft auszunutzen. „Schlag du einen Namen vor.“
„Shu’Nim.“
„Heißt das irgendwas, oder ist das bloß so ein Name?“
„Es heißt ‚kaltes Herz’.“
Er lachte kurz auf. „Wahrscheinlich ist ihr Herz eigentlich sogar sehr heiß, ist ja ein Kernreaktor. Passt trotzdem. Ist das ein häufiger Name bei euch?“
„Nein. Ich kenne niemanden, der so heißt. Aber wir haben auch nicht viele Maschinen in unserem Volk.“
An’Yik beobachtete belustigt, dass er sich ziemlich anstrengen musste, um mit ihr Schritt zu halten, aber tapfer bemüht war, sich das nicht anmerken zu lassen. Sie vermutete, dass er in seiner Welt nicht oft zu Fuß gehen musste. Wahrscheinlich musste er überhaupt nicht oft irgendetwas selbst tun.
„Was heißt eigentlich dein Name?“
„Mein Name bedeutet ‚unartig’ oder ‚schamlos’“, antwortete sie, und sie sah das vorhersehbare schiefe Grinsen in seinem Gesicht erblühen. Es war die gleiche Antwort, die sie auch Kalon gegeben hatte, und jedem anderen, seit sie ihren Stamm verlassen hatte, aber es war nicht die Wahrheit.
In Wahrheit bedeutete ‚An’Yik’ so viel wie ‚unheilbar’, ‚verdorben’ oder ‚unrein’.
„Hast du gehört?“ rief Jake der Maschine unnötig laut zu. Schließlich ging sie nur ein kurzes Stück hinter ihnen. „Du hast jetzt einen Namen. Ist doch ein guter Anfang, oder? Bestimmt kann Gepetto bald einen richtigen Jungen aus dir machen. Oder… Mädchen, oder was du eben sein willst.“
„Ich habe gehört. Von nun an werde ich auf den Namen Shu’Nim reagieren. Ich nehme an, dass sie auf das Märchen von Pinocchio anspielen. Es war nicht Gepetto, der einen richtigen Jungen aus ihm gemacht hat. Er konnte erst ein richtiger Mensch werden, als er den Wert von Ehrlichkeit und Verantwortungsbewusstsein verstehen lernte.“
„Na, dann machst du eben das.“
„Du unterstellst, dass sie überhaupt Wert darauf legt, ein Mensch zu werden“, warf An’Yik ein. Sie hatte nur mit halber Aufmerksamkeit zugehört, weil sie zwei flauschige junge Lörghas am Wegesrand beobachtete, die einander jagten.
„Wer würde darauf keinen Wert legen?“ fragte Jake scherzhaft.
An’Yik antwortete nicht und lächelte nur, als einer der beiden Spielkameraden den anderen erwischte, ihm das Genick brach und ihn zu verspeisen begann.

Lesegruppenfragen:

  1. In der Palastszene habe ich diesmal gar nicht über irgendwelche Ganggeräusche gesprochen. Habt ihr es vermisst?
  2. Hat die zweite Szene eure Meinung über An’Yik verändert? Falls ja, wie?
  3. Wie gefällt euch der neue Name für die Androidin? (Tipp: Er lautet Shu’Nim.)
  4. Glaubt ihr, dass An’Yik schon seit ihrer Geburt so heißt?

8 Responses to Menschenähnlich (11)

  1. Guinan sagt:

    1. Wenn du nicht gefragt hättest, wäre es mir gar nicht aufgefallen.
    Bei der Beschreibung der Sekretäre ist durch die Schuhknallerei die Stimmung im Palast ganz gut ‚rübergekommen. Der Autokrat hat es nicht nötig, sich in irgendeiner Weise aufzuspielen, die Leibgarde hat andere Möglichkeiten zur Verfügung.
    2. Nein, meine bestehende Meinung bestätigt und gefestigt. Tolle Frau, die weiß, was sie will.
    3. Akzeptabel, ausreichend exotisch, von der Übersetzung her durchaus passend.
    4. Ich vermute, nein. Ist es in archaischen Kulturen nicht oft üblich, sich den Erwachsenen-Namen verdienen zu müssen? Außerdem – welche Mutter tut ihrem Kind denn sowas an? Da täten sich dann ja Abgründe auf…
    Sehr schöner letzter Satz übrigens.

  2. Chlorine sagt:

    Erneut ein sehr gutes Kapitel.

    1. Ganggeräusche sind purer Luxus.

    2. Die Darstellung ihrer Cleverness macht sie sympathischer denn je.

    3. Darf ich fragen, wie du zu den Namen kommst? Ist Scrabble dein Geheimnis? Die Übersetzung passt jedenfalls.

    4. Ja. Doch du wirst uns sicher eines Besseren belehren. 🙂

  3. quadratmeter sagt:

    Ich schliesse mich vollumfänglich Guinan an 🙂

  4. Andi sagt:

    1. Ganggeräusche werden überschätzt.
    Ähm – hast du vorher mal Ganggeräusche beschrieben? Muss ich überlesen haben. Ich werde beim nächsten Mal explizit auf Ganggeräusche achten.

    2. Ach ja, das ist ja dann wohl eine Frage für mich… Mir war die ja zu… hmm… eigentlich egal. Aber als sie dann so betrunken war, war sie auch noch nervig.
    In dieser Szene scheint sie doch ganz patent zu sein. Hab ich so gedacht, als ich gelesen hab, was sie so denkt, über Jake und Kalon. Und wie sie über die Androidin gesprochen hat… doch, hier war sie sympathisch.

    3. „Kaltes Herz“ find ich hübsch. Ein wenig abwertend, würde man einen MEnschen so nennen. Aber es ist ja nur eine Maschine… Heißt Shu´Nim denn echt „Kaltes Herz“ oder ist das alles nur ausgedacht? Und wie isses mit der Bedeutung von An´Yik? Das ist fast zu gut, um echt zu sein.

    4. Vorher hieß sie wahrscheinlich Gertrud…
    Öhm – wurde sie denn auf herkömmliche Weise geboren?
    Auf jeden Fall klingt die Übersetzung ihres Namens so, als ob man ihr den erst nachher verpasst hätte… Ich glaub ja nicht, dass Menschen sich ihren Namen anpassen. Dann wäre ja alle Kevins blöd. Und das sind sie nicht.
    Andererseits: wer soll An´Yik den Namen gegeben haben, wenn sie erst anders hieß? Am Ende sie selbst?

  5. Muriel sagt:

    @Andi: 1.Wenn es eh keiner gemerkt hat, hätte ich die Ganggeräusche ja doch beibehalten können. Keoni fand, dass es langsam albern geworden wäre.
    2. Na, dann wird das ja vielleicht doch noch was mit euch.

  6. Andi sagt:

    1. Och, ich finde, man muss auch mal was durchziehen, was eigentlich albern ist.
    Aber nur weil ich die Ganggeräusche nicht wirklich bemerkt habe, heißt das ja nicht, dass sie niemandem aufgefallen sind. Keoni sind sie doch scheinbar aufgefallen. Du kannst für mich ja demnächst Kaugeräusche einbauen. 🙂

    2. Ja, sicher. Ich bin auch schon ein Stück weit verliebt.

  7. Muriel sagt:

    @Andi: 2. Wusste ich’s doch, es fehlt immer nur an der richtigen Frau…

  8. Andi sagt:

    Ja, du hast mich geheilt. Danke. 🙂

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