Menschenähnlich (12)

Donnerstag. Ist doch eigentlich auch ein schöner Tag für ein neues Kapitel unseres Fortsetzungsromans Menschenähnlich, oder? Ich wünsche viel Vergnügen.

Was bisher geschah:
Im ersten Kapitel wohnen wir dem Aufbruch zweier Raumfahrer namens Jake und David bei, die eine kostbare Fracht aus 13 Androiden zu einem fremden Planeten transportieren sollen.
Bereits im zweiten Kapitel folgt der abschussbedingt gewaltsame Abbruch dieser Reise. Dafür lernen wir Kalon und An’Yik kennen, die sich als reisende Helden betätigen und dabei anscheinend auch manchmal vor ethisch nicht ganz einwandfreie Vorgehensweisen zurückschrecken. Sie sehen den Absturz des Raumschiffes und hoffen auf reiche Beute.
Im dritten Kapitel erwachen Jake und David in ihrem abgestürzten Raumschiff und retten sich, einen der Androiden und ein paar andere Kleinigkeiten in ein Rettungsboot, bevor das Schiff im Meer versinkt. Gleichzeitig lauert ein Schlichter gemeinsam mit ihrem verräterischen Gefährten Berren den beiden reisenden Helden auf, um sie einem unerfreulichen Schicksal zuzuführen.
Im vierten Kapitel packen David und Jake ihr neues Spielzeug aus, und Kalon erwacht aus der Betäubung, in die der Blasrohrpfeil des Schlichters in versetzt hat. Er stellt fast, dass seine Gefährtin An’Yik ihn zwar aus der unmittelbaren Gefahr retten konnte, nun aber ihre ganz eigenen Probleme mit dem Pfeilgift hat.
Im fünften Kapitel haben wir den Autokraten und seinen Ersten Sekretär Larn kennengelernt, die gemeinsam danach streben, die kostbare Ladung der Emerald-17 in die Hände zu bekommen. Währenddessen lernten David und Jake ein Stück dieser Ladung noch etwas näher kennen, und Kalon und An’Yik fanden ihre Spuren im Sand.
Auch im sechsten Kapitel kam noch mal jemand Neues dazu: Shianuk und ihr Onkel Noot haben einen unserer Androiden am Strand gefunden, werden aber leider unterbrochen, bevor sie ihn näher kennenlernen können. Währenddessen erklärt Jake David, was genau ihn an der Maschine so sehr stört, bis die mit Kalon und An’Yik ans Lagerfeuer zurückkehrt.
Im siebten Kapitel muss der Erste Sekretär unter äußerst widrigen Umständen eine Reise beginnen, Kalon bietet sich und An’Yik als Führer an, wird aber von der überraschenden Ankunft weiterer Besucher unterbrochen, und Shianuk lernt den Mann aus der Kiste kennen.
Jake findet im achten Kapitel seine Munition nicht, aber Kalon kann die Gruppe mit einem gewagten Bluff retten. Shianuk beantwortet die Fragen des Mannes aus der Kiste, so gut sie kann, und lässt sich überreden, sich mit ihm auf die Reise zum Autokraten zu machen.
Im neunten Kapitel lernt der Zweite Sekretär den Autokraten kennen, und der Erste Sekretär erfährt von der Begegnung der vier Soldaten mit den Weltraumfahrern. Seine Patrona macht einen Vorschlag.
Im 10. Kapitel baut der Mann aus der Kiste ein Floß für Shianuk, Jake, David, An’Yik, Kalon und die Androidin teilen sich auf.
Der Autokrat besucht im 11. Kapitel eine alte Freundin, die ihm bei der Suche nach den Flüchtlingen helfen soll, und An’Yik, Jake und die Androidin lernen sich unterwegs etwas besser kennen.

Was heute geschieht:
„Je-Jea…“ Sie räusperte sich. „Jeana, Exzellenz.“
Der Erste Sekretär betrachtete sie eine Zeitlang mit gehobener linker Augenbraue, bevor er General Karschekk mit einem unwirschen Winken anwies, das Zelt zu verlassen. Der General salutierte und schob sich durch die Vorhänge nach draußen.
Der Erste Sekretär schwieg noch für einige Herzschläge, die Jeana wie Minuten erschienen. Sie rechnete jeden Moment damit, zu sterben, ob nun aus Scham und Angst oder auf seinen Befehl hin.
„Du solltest mir nicht widersprechen, wenn andere Handlanger dabei sind. Das verwirrt sie nur und bringt sie auf dumme Ideen. Und wenn du kannst, versuch, mir nur zu widersprechen, wenn ich Unrecht habe. Das verwirrt mich sonst nur, und bringt mich auf dumme Ideen.“
Sie war sich nicht sicher, wie sie den Tonfall interpretieren sollte, in dem er sprach. Da war eine Spur eines Lächelns, aber sie wusste nicht, ob es ein freundliches Lächeln war, oder ein mitleidiges, oder ein spöttisches.
„Mhm…“
Jeana starrte auf ihre Schuhe und nickte hastig. Sie konnte sich gar nicht mehr erklären, wie sie es über sich gebracht hatte, ihm zu widersprechen. Er war der Erste Sekretär. Er war niemandem Rechenschaft schuldig außer dem Autokraten selbst. Er konnte Todesurteile verhängen und Kriege befehlen und mit einem Wort ganze Städte einäschern lassen.
„Vielleicht merkst du dir das auch gleich noch“, fügte er nach einer längeren Phase peinlichen Schweigens hinzu, „Ich empfinde es als sehr, sehr unverschämt, wenn ich rede, und du nicht darauf reagierst.“ Diesmal klang er eindeutig ungeduldig und verärgert.
Jeana spürte, wie das Blut in ihr Gesicht strömte. Ihre Wangen wurden heiß und ihre Augen füllten sich mit Tränen, die sie zurückzudrängen versuchte, so gut sie konnte. Sie versuchte, ihr Gewicht ein wenig zu verlagern, damit er nicht sehen konnte, wie ihre Knie zitterten.
„Es tut mir Leid“, stieß sie mit belegter Stimme hervor, „Ich wollte nicht… Ich… Bitte…“
Er winkte ungeduldig ab. „Ich brauche niemanden, dem jedes Wort Leid tut und der nicht wollte, davon habe ich schon genug. Du kannst sagen, was du denkst, wenn du nicht gerade etwas Dummes denkst, und wenn wir alleine sind.“
„Danke“, sagte sie, einfach, weil sie nicht wieder schweigen wollte.
„Was du gesagt hast, war nicht dumm. Was meinst du, was wir mit den Soldaten machen sollten?“
„Ich… Naja…“ Jeanas Gedanken rasten. Sie konnte sich nicht an die letzte Gelegenheit erinnern, zu der sie überhaupt jemand nach ihrer Meinung gefragt hatte. Warum musste das jetzt ausgerechnet mit der Entscheidung über das Leben dieser vier Soldaten anfangen, die vor den fremden Weltraumreisenden davongelaufen waren? „Ähm… Kann man… Vielleicht einfach beides machen?“
Er rümpfte seine Nase, zuckte die Schultern und breitete fragend die Hände vor sich aus.. „Wie, beides?“
„Naja… Was wäre denn, wenn w-“ Beinahe hätte sie ‚wir’ gesagt. „Wenn die vier erst bestraft werden, und dann belohnt? Oder umgekehrt?“
Noch ein Naserümpfen. „Albern wäre das.“ Ein Zögern. „Oder?“ Er kratzte sich mit einem weiß behandschuhten Zeigefinger an der Nasenspitze. „Ich denke darüber nach. Lauf mal dem General nach und stelle sicher, dass er die vier noch nicht hinrichten lässt. Aber beeil dich! Wir sind hier beim Militär, da geht so was schnell.“

Shianuk stolperte ein paar Schritte zur Seite und wäre beinahe umgefallen.
„He!“ rief sie, „Kannst du nicht einfach mal was sagen, bevor du stehenbleibst?“
Natürlich hatte sie noch Angst vor ihm. Er war ein Monster. Aber Shianuk hatte in ihrem Leben schon oft Angst gehabt. Wie alles andere auch nutzte Angst sich mit der Zeit ab, und nachdem sie nun viele Stunden lang in den Armen des seltsamen Mannes gehangen hatte, was sehr, sehr unbequem gewesen war, hatte ihre Angst sich so weit abgenutzt, dass ihr Ärger über ihre Entführung und seine Rücksichtslosigkeit ihr und vor allem ihrem Onkel gegenüber sie bei Weitem überwog. Noot würde den Hof wahrscheinlich ohne sie in wenigen Tagen völlig in Trümmer gelegt haben, weil er vergessen würde, das Feuer zu löschen, von den Tieren, die Futter brauchten, ganz zu schweigen.
Außerdem war sie sich ziemlich sicher, dass es unmöglich war, ihn wütend zu machen.
„Und du könntest ruhig mal fragen, ob ich vielleicht hungrig bin, oder durstig, oder ob ich vielleicht-“
„Was für eine Art Tier ist dies?“ unterbrach er sie.
Während sie sprach, hatte J2 sich neben die Straße vor einen Strauch gekniet und einen der Zweige angehoben. Sie nannte ihn J2, weil er sich selbst so bezeichnet hatte, und weil es ein bisschen handlicher war als ‚der Mann aus der Kiste’. Nun brach er den Zweig von der Pflanze ab und trug es zu ihr.
Sie dachte kurz darüber nach, darauf zu bestehen, dass er zuerst ihre Frage beantwortete. Aber so mutig fühlte sie sich dann doch nicht.
„Ein Kopfkäfer, glaube ich.“
Auf dem Blatt saß ein hellgrünes Insekt mit einem ungefähr daumengroßen Körper, der von handflächengroßen flügelähnlichen Auswüchsen eingerahmt wurde.
„Er hat keine sichtbaren Mundwerkzeuge. Wovon ernährt er sich?“
„Warum interessiert dich das? Bisher hat dich doch gar nichts interessiert außer dem schnellsten Weg nach Tashino-Ri!“
„Ich lerne gerne dazu. Beantworten Sie bitte meine Frage.“
Shianuk seufzte und antwortete: „Kopfkäfer fressen gar nichts. Darüber habe ich mich auch schon gewundert. Ich glaube, ich hab sogar mal… Ist ewig her, aber…
‚Komischer Käfer, dick und grün,
Krabbelst da so vor dich hin,
Willst nicht trinken und nicht essen,
hast wohl deinen Mund vergessen.’
Oder so ähnlich…“
Sie lachte verlegen und verstummte, als sie sah, dass er natürlich nicht mit ihr lachte. Nur das gleiche verlogene Lächeln wie immer war da, nur an seinem Mund, nicht in den Augen.
„Warum heißt er Kopfkäfer? Ich kann nichts Auffälliges an seinem Kopf erkennen, abgesehen von den fehlenden Mundwerkzeugen.“
Sie zuckte die Schultern. „Weiß ich auch nicht. Aber er frisst jedenfalls gar nicht. Er krabbelt nur rum und – Iiih!“
Unwillkürlich machte sie einen kleinen Sprung zurück, als der Mann den Käfer in seiner weiß glänzenden Klaue zerquetschte, um den herausquellenden Schleim unter seine Nase zu halten.
Shianuk hörte ein Geräusch, das fast ein bisschen wie Atmen klang, aber zu lang und zu gleichmäßig für einen Atemzug und eindeutig künstlich, mit einem leisen Surren im Hintergrund.
„Chlorophyl“, sagte er. „Es scheint, als würde dieser Käfer seine Energie aus Sonnenlicht beziehen. Bemerkenswert.“
Er ließ den zerdrückten Käfer achtlos fallen und zeigte mit seiner schleimigen Klaue in Richtung Horizont.
„Ist dies Tashino-Ri?“
Ihr Blick folgte seinem Finger, und nach kurzer Suche erkannte sie weit entfernt und sehr, sehr klein, aber doch unverwechselbar, den Palast des Autokraten.
Tashino-Ri war eine steinerne Kuppel, aus deren Mitte ein unvorstellbar hoher blausilbern schimmernder Turm zum Himmel ragte. Der Palast befand sich nicht in der Nähe einer Stadt, sondern stand ganz alleine in der Landschaft. Allerdings war Tashino-Ri von der Größe und Bevölkerungszahl her durchaus einer kleinen Stadt ebenbürtig.
„Ja, das ist es“, antwortete sie.
„Wie konnte dieses Gebäude mit der deinem Volk zur Verfügung stehenden Technologie errichtet werden?“
„Ich weiß es nicht“, antwortete Shianuk. „Genau das habe ich mich auch gefragt, als ich mit meinem Onkel dort war. Von Nahem es ist noch viel eindrucksvoller! Die Wände sind völlig makellos und glatt, keine Fugen, es sieht aus, als wäre es einfach… gewachsen oder herbeigezaubert worden, was weiß ich! Darüber habe ich auch ein Gedicht-“
„Ihre Lyrik interessiert mich nicht“, unterbrach er sie.
Sie schnaubte ein bisschen beleidigt. „Na gut.“
„Anscheinend verfügt der Autokrat über Mittel, mit denen ich nicht gerechnet habe. Wir werden vorsichtig sein müssen.“
Er? Vorsichtig? Sie war gespannt, ob sie den Unterschied bemerken würde.

J2 bewegte sich so schnell, dass Shianuk unwillkürlich blinzelte und den Kopf schüttelte, weil es ihr schien, als stimme etwas nicht mit ihren Augen. Im einen Moment stand er einige Schritte von dem Wachmann entfernt, im nächsten stand er unmittelbar vor dem Uniformierten und hatte ihn mit seinen weißen knochigen Klauen gepackt, von denen immer noch einige Hautfetzen herabhingen.
„Öffnen Sie das Tor“, sagte er in seiner unbeteiligt freundlichen Stimme, „Oder ich werde das Tor öffnen.“
Shianuk sah, wie sich die Augen des Wachmannes weiteten, sein Mund aufklappte und die Hellebarde scheppernd aus seiner Hand zu Boden fiel.
„Niemals!“ stieß er hervor.
„Das ist akzeptabel.“
J2s Hand zuckte in einer verschwommenen Bewegung, Shianuk hörte ein Knacken, und plötzlich hing der Kopf des Wachmannes kraftlos in einem unnatürlichen Winkel herab.
Er ließ den Leichnam des Wachmannes fallen, fing mit der Linken die Hellebarde des zweiten Wächters ab, der jetzt den Mut gefunden hatte, ihn anzugreifen, zog die Waffe mühelos aus den Händen des ungläubig starrenden Soldaten und stieß den Stiel tief in seine Brust hinein. Mit einer weiteren viel zu schnellen Bewegung stand er plötzlich über dem sterbenden zweiten Soldaten und hielt einen Schlüssel in der Hand, mit dem er zu dem Portal eilte.
Sie hatte ihre Arme vor der Brust verschränkt und wich einige Schritte zurück, als er sich zu ihr umdrehte.
„Folge mir“, sagte er.
Shianuk blickte unschlüssig zu Boden. Sie wollte nicht. Sie hatte Angst. Vor ihm, vor den Soldaten, vor dem Autokraten, vor dem, was all diese Leute einander antun würden.
„Du wirst den Autokraten erkennen. Du kennst die Bräuche hier. Du wirst mich beraten. Folge mir, oder ich werde dich zwingen.
Shianuk stand noch einige Wimpernschläge lang da, hin und her gerissen, bevor sie endlich entschied, dass ihr Entführer gefährlicher war als die gesamte Armee des Autokraten. Sie folgte ihm.
Es war nicht schwer, den Weg ins Innere des Palastes zu finden. Sie mussten einfach nur den großen Gängen folgen und durch die prunkvollsten Tore gehen. Es war unübersehbar, dass die Hallen immer aufwändiger geschmückt waren, je weiter sie vorankamen. Hin und wieder begegneten ihnen Diener oder Höflinge in golddurchwirkten Kleidern, die entsetzt Reißaus nahmen. Gelegentlich stellten sich ihnen Gruppen von bewaffneten Wachleuten in den Weg, die J2 so mühelos aus dem Weg räumte, als wären sie aus Papier. Niemandem gelang es auch nur, ihn mit einer Waffe zu treffen, geschweige denn, ihn zu verletzen. Er bewegte sich mit seiner unfassbaren Geschwindigkeit und seiner unwiderstehlichen Kraft wie ein Gott unter ihnen, unaufhaltsam, allmächtig, unberührbar.
Schließlich erreichten sie einen großen runden Saal, in dem wie zufällig verstreut zahllose marmorne Statuen standen, die die unterschiedlichsten Menschen in atemberaubendem Detailreichtum und beeindruckender Lebensnähe darstellten. Am gegenüberliegenden Ende des Saales sah sie ein großes Tor, vor dem eine Einheit von mindestens zwei Dutzend Soldaten Wache hielt, und auf dem das Große Siegel des Autokraten prangte: Eine Hand mit einer Schreibfeder darin.
In der Mitte des Saales stand eine uralte Frau in einer weißen Robe, deren weiße Haare wie eine Decke aus Schnee und Eis bis zu ihren Knöcheln herabfielen. Neben ihr wartete ein riesiger grünhäutiger Munji, mindestens zwei Räder hoch. Er hielt einen Kampfstab mit Klingen an beiden Enden vor sich in beiden Händen, den Shianuk wahrscheinlich nicht einmal hätte heben können. Sein langer grüner Schwanz zuckte aufgeregt hinter ihm herum, und seine weit offenen gelben Echsenaugen waren auf den Mann aus der Kiste fixiert.
„Weißt du, was das ist?“ fragte er sie.
„Das ist ein Munji. Ich habe noch nie einen echten gesehen. Sie sollen sehr gefährlich-“
Shianuk rettete sich mit einem spitzen Schrei hinter eine der Statuen, als der Munji plötzlich auf J2 zusprang. Der wich ihm im letzten Moment aus – oder, besser gesagt, stand plötzlich nicht mehr da, als der Munji landete. Er packte das riesige grüne Wesen von hinten und zog es zu Boden, umfasste mit beiden Händen den riesigen haarlosen Kopf des Ungeheuers und brach ihm mit einem lauten Knacken das Genick. Der gewaltige grüne Körper zuckte noch einige Male, bevor er regungslos liegenblieb.
J2 wandte sich um und sprach zu der weißhaarigen Frau.
„Es ist nicht meine Absicht, mehr Schaden anzurichten als nötig“, sagte er. Seine Stimme war wieder viel lauter, als sie hätte sein dürfen, und trotzdem noch immer so unbeteiligt und vage freundlich wie immer. „Ich habe einige einfache Forderungen, die ich dem Autokraten vortragen möchte. Bitte sagen Sie mir, wo ich ihn finden kann.“
„Vorsicht, hinter dir!“ rief Shianuk ihm zu, als sie ungläubig sah, wie der Munji plötzlich wieder aufsprang; zu spät.
Mit einem dumpfen Laut trat er J2 in den Rücken und schleuderte ihn gegen die Statue eines Schafhirten mit breitkrempigem Strohhut und weitem Wollmantel. Der Arm mit dem Hirtenstab und der Kopf mit dem Hut brachen durch den Aufprall ab und zu fielen zu Boden. Der Mann lag für einen Moment reglos am Boden. Der Munji nutzte die Pause, um eine kleinere Statue von einem seilspringenden Kind aufzuheben und nach ihm zu werfen. Shianuk konnte nicht anders, als sich zu fragen, wie der Künstler es geschafft hatte, das Seil über ihrem Kopf zu formen, und ob es auch aus Stein war. Es sah jedenfalls so aus.
Das Standbild landete auf J2s Rücken, knapp unter seinen Schultern, und zerbrach in mehrere Stücke, von denen eines gegen seinen Kopf prallte und in kleinere Teile zersprang.
Für einen Augenblick war Shianuk sicher, dass er tot sein musste. Dann hob er seinen Kopf und drehte ihn von links nach rechts, als müsse er sich neu orientieren, und sprang auf.
„Sollten Sie nicht über eine größere Kreatur verfügen, die wesentlich stärker und schneller ist als diese, empfehle ich Ihnen, aufzugeben.“
Er sprach anscheinend immer noch mit der Frau. Sie lächelte. Shianuk konnte nicht genau erkennen, ob er Schaden genommen hatte, aber er machte jedenfalls nicht den Eindruck.
„Es läuft doch gar nicht so schlecht für uns“, antwortete die Greisin mit einer überraschend festen, dunklen Stimme, die unter anderen Umständen sehr sympathisch hätte sein können.
„Dass Sie das denken, ist Teil Ihres Problems“, sagte er. „Ich würde Ihnen gerne erklären, wie-“
Der Munji stieß einen lauten Schrei aus, hob seinen Kampfstab und setzte abermals zum Sprung an. Diesmal sprang der seltsame Mann ihm entgegen. Sie trafen sich in der Luft mit dem Geräusch brechender Knochen, und als sie landeten, hielt der Mann den Kopf des Munji in den Händen. Er hob ihn kurz an, als wollte er ihn betrachten, um ihn dann fallenzulassen.
Shianuk konnte sehen, wie die Schultern der alten Frau in der Robe sanken, und sie glaubte sogar, ihr Seufzen zu hören.
„Die“, sagte sie mit einem Blick zu dem kopflosen Körper des riesigen Munjikriegers, „Sind sehr schwer zu ersetzen. Sie haben gar keine Ahnung, was für einen Schaden Sie gerade angerichtet haben.“
Er schwieg für einen Moment. Dann erwiderte er: „Ich bin ein J2 AI120 der ersten Generation. Weitere Varianten und Produktaktualisierungen werden in Kürze zur Verfügung stehen. Sollten Sie Fragen haben oder ein individuelles Angebot wünschen, wenden Sie sich bitte an info@j2.te.com. Kann ich nun bitte mit dem Autokraten sprechen?“

Jetzt mit noch mehr Lesegruppenfragen:

  1. Habt ihr euch bei der ersten Szene mit Jeana und dem Ersten Sekretär überhaupt noch erinnern können, was da vorher los war?
  2. Findet ihr, dass Shianuk zu wenig auf die viele Gewalt reagiert, oder dass sie dem Androiden gegenüber zu frech ist? Oder vielleicht nicht frech genug?
  3. Ich weiß, J2 ist ein doofer Name. Aber stört er euch, oder geht das noch?
  4. Action kann ich nicht so gut. Fandet ihr den Kampf einigermaßen überzeugend, oder war er richtig schlimm?
  5. Findet ihr es eigentlich mit Bild über dem Kapitel besser, oder ohne?
  6. Ja, ich weiß, der Podcast. Ich freu mich schon drauf, ihr auch? Irgendwann kommt einer. Garantiert. Vielleicht, wenn ich meine blöde Dissertation endglich abgegeben habe…

6 Responses to Menschenähnlich (12)

  1. quadratmeter sagt:

    1. Ich musste etwas nachdenken, aber normalerweise wuerde msn es ja auch am Stueck lesen, daher solltest du dir darueber nicht den Kopf zerbrechen.

    2. Shianuk ist miede, resigniert und hat keine Alternative, insofern finde ich ihr Verhalten vollkommen normal.

    3. Ich musste an R2D2 denken 🙂

    4. Fand ich sehr ok so.

    5. Ich finde Bilder nett, aber es geht um den Text. Muss also nicht sein.

    6. Jaja 😉

  2. quadratmeter sagt:

    Schreibfehler, sorry, vom Handy tippt es sich etwas muehsamer.

  3. Guinan sagt:

    1. Ja, ich hab‘ ja darauf gewartet, dass die Szene weitergeht.
    2. Dieser Abschnitt fühlt sich für mich nicht stimmig an, ich kann das nicht besser erklären. Auch nach dreimaligen Lesen finde ich nicht heraus, was mich da eigentlich stört. Das Interesse am Käfer? Das Gedicht? Ich weiß es einfach nicht.
    3.Ist schon ok – obwohl, diese verhinderte Poetin hätte doch sicher bei der Namenswahl etwas mehr Phantasie bewiesen.
    4. Kampfszenen überfliege ich immer nur und hoffe, dass möglichst schnell die Handlung weitergeht.
    5. Ohne Bild gefällt es mir besser, das beeinflusst meine eigene Vorstellung weniger. Jetzt habe ich für die Androidin dieses Bild vor Augen, vorher sah sie für mich anders aus.
    6. Sooo lange wollten wir eigentlich nicht warten….

  4. Muriel sagt:

    @Quadratmeter: Oha, du hast das auf deinem Telefon gelesen? Ich fühle mich geehrt. Danke!
    3. Ja, die Assoziation hatte ich auch. War mir nicht sicher, ob das gut oder schlecht ist…
    @Guinan: Dir scheint es diesmal nicht so gefallen zu haben. Wir haben da anscheinend einen ähnliche Geschmack, denn ich finde Actionszenen auch immer ziemlich uninteressant und anstrengend; egal, ob sie lesen oder schreiben muss.
    2. Mich würde es sehr interessieren, falls du noch ein bisschen genauer sagen könntest, was dir an der Szene nicht gefällt. Aber auch der eher vage Hinweis hilft schon, danke!
    5. Ich weiß nicht, ob dir das hilft, aber für mich sieht die Androidin auch völlig anders aus als auf dem Bild. Ich wollte nur vermeiden, mit so einem gewaltigen Block bildfreien Textes jemanden in Panik zu versetzen.
    6. Sooo lange ist das gar nicht mehr. Am 31. maile ich den Entwurf an meinen Erstgutachter, und von da an dürfte erstmal ein paar Monate Ruhe sein, während er beurteilt, ob ich das so endgültig abgeben darf.

  5. Guinan sagt:

    Uuhh, mein Bauchgefühl in Worte fassen, keine leichte Aufgabe. Also, soweit ist mir inzwischen klar geworden, die Beschreibung von J2s Verhalten passt ins bisherige Bild, da kommt eine gewisse kindlich-grausame Experimentierfreude ‚rüber. Mich stört irgendwie Shianuks Verhalten, und das ist keine Frage von frech oder nicht frech. Sie behandelt ihn einfach zu „menschlich“. In der Palastszene ist ihr Verhalten wesentlich nachvollziehbarer.
    Nicht, dass du denkst, es hätte mir diesmal gar nicht gefallen – den ersten Teil finde ich sehr gelungen. Außerdem – der Abschluss war mal wieder grandios. Solche plötzlichen Brüche mag ich sehr gern.

  6. Andi sagt:

    1. Gut, dass du fragst. Ich musste nämlich tatsächlich kurz überlegen, was da vorher war, bis mir einfiel, dass der Erste Sekretär das Mädchen nach ihrem Namen gefragt hat.

    2. Ich wunder mich, dass sie so „frech“ ist. (Ich glaube, frech ist nicht das passende Wort, aber mir fällt auch kein besseres ein.) Womöglich alles nur Show von ihr. Sie ist wahrscheinlich gar nicht so cool, wie sie tut. Du schreibst ja auch, dass sie Angst hat.
    Aber wie soll sie auf die Gewalt reagieren? Sie ist körperlich kaum in der Lage, gegen J2 anzustinken. Und ihn beschimpfen oder anspucken ist wohl auch nicht das richtige Mittel, um ihr Missfallen zu zeigen.

    3. Stört mich nicht.

    4. Kann ich nicht beurteilen. Ich bin in Faustkämpfen sehr unbedarft und bin für Friede und Harmonie. 🙂
    Ich konnte mir den Kampf trotzdem vorstellen.

    5. Ich fand die Bilder ganz hübsch. Aber es stört mich auch nicht, wenn sie fehlen. Ich will damit sagen: ich guck sie mir nicht eingehender an. Bin ja wegen des Textes hier.

    6. Ick freu mir ooch.

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