Geht nicht? Gibt’s doch!

Ich habe bei YouTube dieses sehr sehenswerte Video gefunden, in dem Sam Harris erklärt, dass und warum und wie sich seiner Meinung nach moralische Fragen mit wissenschaftlichen Methoden beantworten lassen:

(Das Video ist ziemlich lang, aber wenn euch das Thema interessiert, solltet ihr euch davon nicht abschrecken lassen. Er macht das sehr unterhaltsam.)

Wenn er diese steile These tatsächlich belegen könnte, wäre das in der Tat eine Sensation. Der Versuch, aus Tatsachen Werte und Normen ableiten zu wollen, ist seit langer Zeit aus naturalistischer Trugschluss bekannt und wird allgemein als unsinnig akzeptiert. Aber wie das oft so ist: Die Sensation bleibt aus.

Mit vielem, was er sagt, hat Harris meiner Meinung nach Recht, aber trotzdem basiert seine These auf einem Denkfehler. Die eigentlich moralische Frage beantwortet er nämlich in seinen Beispielen keineswegs, soweit ich das erkennen kann. Die moralischen Werte nimmt er stillschweigend vorweg, und auf Tatsachen basiert dann nur noch die Antwort auf die Frage, wie man diese Werte am besten in sein Handeln umsetzt. Dass wissenschaftliche Methoden dabei hilfreich sein können, ist nun aber leider nur noch eine ziemlich triviale Erkenntnis.

Der Vater eines homosexuellen Jungen beispielsweise, der glaubt, sein Sohn müsse die Ewigkeit in der Hölle verbringen, wenn er seinen Neigungen nachgibt, handelt aus seiner Sicht moralisch durchaus richtig, wenn er ihn tötet, um das zu verhindern und ihm einen Platz im Paradies zu garantieren. Der Fehler liegt hier nicht auf der moralischen Ebene, sondern auf der Tatsachenebene. Natürlich muss niemand in die Hölle, schon gar nicht aufgrund seiner Sexualität, und ein Paradies gibt es leider auch nicht.

Im Ergebnis hat Sam Harris gewissermaßen doch wieder Recht: Viele moralische Fehlurteile lassen sich durchaus mit wissenschaftlichen Methoden aufklären, und zwar deshalb, weil sie auf falschen Tatsachenannahmen oder auf logischen Trugschlüssen basieren. Die eigentlichen moralischen Grundlagen, also die fundamentale Frage, was wir für richtig halten und was für falsch, lässt sich aber nicht abschließend mit Tatsachen beantworten. Es gibt richtige und falsche moralische Urteile. Richtige und falsche Moral gibt es aber trotzdem nicht. Wissenschaftliches Denken und kritisches Infragestellen unserer Vorurteile können uns dabei helfen, den moralisch richtigen Weg zu finden. Die Richtung können sie uns aber nicht zeigen.

(Damit hier niemand auf falsche Ideen kommt: Religion kann das genausowenig. Der Unterschied besteht darin, dass sie trotzdem so tut.)

13 Responses to Geht nicht? Gibt’s doch!

  1. Westrup sagt:

    „Natürlich muss niemand in die Hölle, (…) , und ein Paradies gibt es leider auch nicht.“

    Woher wissen Sie das? Beweise?

  2. Muriel sagt:

    @Westrup: Die
    Beweislast liegt nicht auf meiner Seite, denn ich bin nicht derjenige, der etwas behauptet, das allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zuwiderläuft. Verlangen Sie auch Beweise von Leuten, die die Existenz von rosa Einhörnern und Kobolden leugnen?

  3. Westrup sagt:

    Tsk, tsk, tsk. Logik? Sie haben doch behauptet, es gäbe kein Paradies. Dann müssen Sie das auch beweisen. Weil das schwer ist (unmöglich eigentlich), kommen Sie mit den rosa Kobolden, ein ganz unstatthafter Vergleich. Denn da ich AUF DER ERDE noch keinen rosa Einbold gesehen habe, bin ich eher geneigt, diesen Leuten zu glauben, als Ihnen.

    Im Übrigen: Wissenschaft ist nie objektiv und es gibt auch keine Tatsachen. (Bis auf die Steuererklärung natürlich, und daß Chipse dick machen).

  4. Muriel sagt:

    @Westrup: Es gibt keine Tatsachen? Na gut. Wenn das Ihre Prämisse ist, kann ich Ihnen nicht widersprechen. Wozu auch? Wenn Sie das so konsequent sehen, entscheiden Sie wahrscheinlich auch jeden Morgen ganz willkürlich neu, ob Sie Ihr Zuhause durch die Tür verlassen, durch die Wand, das Dach oder ein Fenster, richtig? Und dass die Worte, die Sie so tippen, bei mit ziemlich genauso ankommen, halten Sie mutmaßlich auch nur für einen glücklichen Zufall.

  5. fragmentjunkie sagt:

    „Weil das schwer ist (unmöglich eigentlich), kommen Sie mit den rosa Kobolden, ein ganz unstatthafter Vergleich. Denn da ich AUF DER ERDE noch keinen rosa Einbold gesehen habe, bin ich eher geneigt, diesen Leuten zu glauben, als Ihnen.“…hihi, das ist ja recht einfallsreich *hust* argumentiert.
    einverstanden, dann ist gott eben ein rosa pinguin mit verdaauungsproblemen. Es ist so, und dass es nicht so ist können sie nicht beweisen!!

  6. Westrup sagt:

    Ich glaube nicht, daß Gott ein rosa Pinguin mit Verdauungsproblemen ist, aber Sie haben Recht, ich kann nicht beweisen, daß es nicht so ist. An Ihrer Stelle hätte ich mir allerdings eine amüsantere Gottheit ausgesucht.

    @Muriel

    Bis zu Galileo hätten Sie doch auch gedacht, daß sich die Sonne um die Erde dreht, oder etwa nicht?

    Im dritten Reich haben Wissenschaftler belegt, daß semitische Rassen minderwertig sind.

    Insofern sein Sie vorsichtig mit Ihren Tatsachen. Sie bleiben nur Tatsachen bis jemand das Gegenteil beweist.

  7. Muriel sagt:

    @Westrup: Interessant, dass Sie diese Beispiele bringen. Ich frage mich nämlich gerade, was Sie jemandem entgegengehalten wollten, der Ihnen sagt, dass Juden minderwertig seien und vernichtet gehörten. Da Sie ja nicht an Tatsachen glauben und, wie ich Sie verstehe, die wissenschaftliche Gewinnung von Erkenntnissen prinzipiell ablehnen, bliebe Ihnen darauf doch eigentlich nur die Antwort „Klar, kann sein, kann ja keiner wissen.“ Nur der wissenschaftlichen Suche nach Wahrheit haben wir es doch zu verdanken, dass wir all diesen Unsinn heute nicht mehr glauben, sondern es besser wissen. Weil Menschen sich manchmal irren, gibt es keine Tatsachen? Ist das Ihr Ernst?

  8. fragmentjunkie sagt:

    „Ich glaube nicht, daß Gott ein rosa Pinguin mit Verdauungsproblemen ist, aber Sie haben Recht, ich kann nicht beweisen, daß es nicht so ist. An Ihrer Stelle hätte ich mir allerdings eine amüsantere Gottheit ausgesucht.“ – der gott der bibel ist nun mal unübetreffbar amüsant. mehr geht nicht, das habe ich eingesehen.
    das rosa pinguin ist im vergleich dazu glaubwürdiger.

  9. Matthias Schumacher sagt:

    Wenn es eine Hölle gibt, dann würde ich sie wohl dem Himmel vorziehen. Ich sage das jetzt mal so dahin. Im Himmel muss es schon höllisch langweilig sein.

  10. Muriel sagt:

    @Matthias Schumacher: Es gibt da so einen alten Witz, in dem der Teufel einen Neuankömmling durch die Hölle führt, wo glückliche Menschen Beachvolleyball spielen, massiert werden und in heißen Quellen herum plantschen.
    Als der Neue in einem abgetrennten Areal einige Leutchen entdeckt, denen bei lebendigem Leib die Gedärme aus dem Bauch gezogen werden, während sie gleichzeitig verbrennen und verrotten, fragt er den Teufel, was denn da los sei.
    Der Teufel antwortet mit einem Schulterzucken: „Das sind die Katholiken. Die wollen das so.“

  11. Matthias Schumacher sagt:

    😉 feine kleine Geschichte. Könnte wahr sein. Wir werden sehen.

  12. Westrup sagt:

    Die Hölle sind die Anderen. Haben Sie Ihren Sartre nicht gelesen?

    @ fragmentjunkie

    Wo interpretieren Sie denn hinein, daß ich an den biblischen Gott glaube? Das ist ein Trugschluß. Ich bin Anhänger des Pastafarianismus.

    @ Muriel

    Auch im 3. Reich hätten Sie zu der Überzeugung halten können, daß niemand aufgrund seiner Rasse minderwertig ist. Allerdings nicht aufgrund der Erkenntnisse deutscher Wissenschaftler. Sondern aufgrund einer Ethik. Die eventuell auf dem christlichen Glauben basiert?

  13. Muriel sagt:

    @Westrup: Bitte verzeihen Sie. Ich habe Ihre gelungene Satire nicht gleich erkannt. Weil ich schon desöfteren solche Scheinargumente im Ernst gehört habe, nahm ich zunächst an, Sie glaubten diesen Schwachsinn wirklich. Jetzt habe ich verstanden. Der Punkt geht an Sie. Am besten gefallen hat mir übrigens die Idee, Gleichbehandlung sei ein christlicher Wert. Herrlich!

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