Menschenähnlich (13)

Sooo, das hat ja mal gedauert. Irgendwie hatte ich die letzten zwei Tage über keine Lust, was zu schreiben. Blockade ist sicher das falsche Wort. Mehr so Desinteresse. Ich bin gar nicht sicher, ob ihr es zu schätzen wisst, dass ich euch hier die Wahrheit kredenze, statt billige Ausreden vorzubringen. Doch. Ich glaube schon. Ihr seid so drauf. Find’ ich cool.
Sei dem, wie dem sei, ich habe jetzt endlich das nächste Kapitel unseres Fortsetzungsromans „Menschenähnlich“ für euch, und zwar – na, was meint ihr, was jetzt kommt? Könnt ihr’s glauben? Ist es wirklich wahr? Ja! – mit Podcast. Wenn meine Lesung noch ein bisschen uninspiriert und laienhaft wirkt, liegt das nur daran, dass ich ein uninspirierter Laie bin. Trotzdem arbeite ich dran, und vielleicht klappt’s beim nächsten Mal ja schon besser. Zumindest das Problem mit dem viel zu lauten Rauschen kriege ich bis dahin vielleicht in den Griff.

Die erste Szene:

(Download 13-I)

Und die zweite Szene:

(Download 13-II)

Was bisher geschah:
Im ersten Kapitel wohnen wir dem Aufbruch zweier Raumfahrer namens Jake und David bei, die eine kostbare Fracht aus 13 Androiden zu einem fremden Planeten transportieren sollen.
Bereits im zweiten Kapitel folgt der abschussbedingt gewaltsame Abbruch dieser Reise. Dafür lernen wir Kalon und An’Yik kennen, die sich als reisende Helden betätigen und dabei anscheinend auch manchmal vor ethisch nicht ganz einwandfreie Vorgehensweisen zurückschrecken. Sie sehen den Absturz des Raumschiffes und hoffen auf reiche Beute.
Im dritten Kapitel erwachen Jake und David in ihrem abgestürzten Raumschiff und retten sich, einen der Androiden und ein paar andere Kleinigkeiten in ein Rettungsboot, bevor das Schiff im Meer versinkt. Gleichzeitig lauert ein Schlichter gemeinsam mit ihrem verräterischen Gefährten Berren den beiden reisenden Helden auf, um sie einem unerfreulichen Schicksal zuzuführen.
Im vierten Kapitel packen David und Jake ihr neues Spielzeug aus, und Kalon erwacht aus der Betäubung, in die der Blasrohrpfeil des Schlichters in versetzt hat. Er stellt fast, dass seine Gefährtin An’Yik ihn zwar aus der unmittelbaren Gefahr retten konnte, nun aber ihre ganz eigenen Probleme mit dem Pfeilgift hat.
Im fünften Kapitel haben wir den Autokraten und seinen Ersten Sekretär Larn kennengelernt, die gemeinsam danach streben, die kostbare Ladung der Emerald-17 in die Hände zu bekommen. Währenddessen lernten David und Jake ein Stück dieser Ladung noch etwas näher kennen, und Kalon und An’Yik fanden ihre Spuren im Sand.
Auch im sechsten Kapitel kam noch mal jemand Neues dazu: Shianuk und ihr Onkel Noot haben einen unserer Androiden am Strand gefunden, werden aber leider unterbrochen, bevor sie ihn näher kennenlernen können. Währenddessen erklärt Jake David, was genau ihn an der Maschine so sehr stört, bis die mit Kalon und An’Yik ans Lagerfeuer zurückkehrt.
Im siebten Kapitel muss der Erste Sekretär unter äußerst widrigen Umständen eine Reise beginnen, Kalon bietet sich und An’Yik als Führer an, wird aber von der überraschenden Ankunft weiterer Besucher unterbrochen, und Shianuk lernt den Mann aus der Kiste kennen.
Jake findet im achten Kapitel seine Munition nicht, aber Kalon kann die Gruppe mit einem gewagten Bluff retten. Shianuk beantwortet die Fragen des Mannes aus der Kiste, so gut sie kann, und lässt sich überreden, sich mit ihm auf die Reise zum Autokraten zu machen.
Im neunten Kapitel lernt der Zweite Sekretär den Autokraten kennen, und der Erste Sekretär erfährt von der Begegnung der vier Soldaten mit den Weltraumfahrern. Seine Patrona macht einen Vorschlag.
Im 10. Kapitel baut der Mann aus der Kiste ein Floß für Shianuk, Jake, David, An’Yik, Kalon und die Androidin teilen sich auf.
Der Autokrat besucht im 11. Kapitel eine alte Freundin, die ihm bei der Suche nach den Flüchtlingen helfen soll, und An’Yik, Jake und die Androidin lernen sich unterwegs etwas besser kennen.
Im 12. Kapitel lässt der Erste Sekretär sich erweichen, und Shianuk und der Androide erobern den Palast des Autokraten, nachdem sie den sonderbaren und völlig unpassend benannten Kopfkäfer kennengelernt haben.

Was heute geschieht:
„Die Bürger dieser Stadt sind allesamt Verbrecher“, knurrte Kalon, „Ist mir beim letzten Mal schon aufgefallen. Ich verstehe gar nicht, wie das möglich ist. Eine ganze Stadt, die ausschließlich von Verbrechern bewohnt wird! Hier müsste der Autokrat mal ein Exempel statuieren…“
„Naja, immerhin haben wir jetzt Pferde“, warf David ein, bemüht, den endlosen Strom aus gemurmelten Beschimpfungen ein wenig einzudämmen.
„Ja, schon, aber… Wenn ich hier noch einmal halt mache, soll mich sofort der Blitz erschlagen. Das reinste Räubernest! Schämen sich nicht einen alten Mann gnadenlos auszuplündern. Schämen sich nicht!“
Die beiden Männer betraten soeben das sehr fantasielos benannte Gasthaus „Am Markt“, um dort zu Abend zu essen. Nach Kalons Bekunden sollte die Kost hier sehr schmackhaft sein, wenn auch – wie sollte es anders sein – zu teuer.
Durch die eindeutig zu kleinen Butzenglasfenster filterte gerade genug Licht herein, um sich nach Betreten des Schankraums halbwegs orientieren zu können; allerdings besserte sich das mit der Zeit, während Davids Augen sich an die Dunkelheit anpassten.
Der Raum war in etwa quadratisch, jede Wand maß ungefähr fünf Meter, sodass insgesamt fünf runde und dem Anschein nach äußerst schlampig aus minderwertigem Holz gezimmerte Tische bequem Platz fanden. An vieren davon standen nur zwei Stühle, am fünften drei. Früher waren es vielleicht einmal mehr gewesen, aber da die Stühle offenbar vom selben Zimmermann stammten wie die Tische, waren sie wahrscheinlich einfach nach und nach zerbrochen. Vielleicht hatte es auch mal viel mehr Tische gegeben.
Rechts vom Eingang stand ein weiterer Tisch, etwas höher und wesentlich länger als die anderen, der als improvisierte Theke diente und auf dem daher noch zwei leere Bierkrüge standen.
Hinter diesem Thekentisch war ein offener Kamin in die Mauer eingelassen, der, wie Kalon ihm auf dem Weg erklärt hatte, eigentlich immer beheizt werden musste, da die Luft in dem Gasthaus sonst dermaßen feucht und klamm wurde, dass selbst die hartnäckigsten Gäste zuverlässig in die Flucht geschlagen wurden. So war es zu heiß und zu stickig, aber das war offenbar ausreichend, um den Laden am Laufen zu halten.
Der Wirt, offensichtlich mehr als begeistert von seiner eigenen Küche, watschelte mit Schweißtropfen im hochroten Gesicht auf sie zu und begrüßte sie mit einer unterwürfigen Begeisterung, als wären sie die ersten Gäste seit Wochen. Nachdem er ihre Bestellung aufgenommen hatte und in der Küche verschwunden war, sagte David in gedämpfter Lautstärke zu Kalon:
„Bist du sicher, dass wir hier gut aufgehoben sind? Außer uns scheint hier schon länger niemand mehr gewesen zu sein…“
Kalon winkte ab. „Keine Sorge. Die Lyeathiner sind sicher nur zu geizig. Du hast doch gesehen, dass es schmeckt. Wie sollte der Mann sonst solche Ausmaße erreicht haben?“
„Vielleicht isst er woanders?“
„Wie denn? Der passt doch nie durch die Tür.“
David unterdrückte ein Seufzen und fand sich damit ab, dass dieser Schuppen durchaus das beste Restaurant in einem sehr, sehr weiten Umkreis sein konnte. Er freute sich auf seine Rückkehr in die Zivilisation.
Kalon hatte seine Taschenuhr, seine silberne Schreibfeder, sein Fernrohr sowie einige andere Kleinigkeiten verkauft, um mit dem Geld wichtigere Dinge erwerben zu können. Pferde, Zaumzeug, Reiseproviant und ähnliches, nach Kalons Meinung zu überhöhten Preisen.
Sie hatten also ihre Geschäfte im Wesentlichen erledigt und hätten sich eigentlich gleich auf den Weg zum Treffpunkt machen können, um sich außerhalb der Stadt mit Jake, An’Yik und der Androidin zu treffen. Falls alle drei noch am Leben waren.
„Gibt es noch ein anderes Gasthaus hier, in dem die anderen gerade essen? Ist das dann noch schlimmer als dieses… Ding hier?“ fragte er Kalon in einem Anflug von Mitgefühl.
„An’Yik fühlt sich nicht wohl in geschlossenen Räumen. Wahrscheinlich wird sie ihr Lager schon an unserem Treffpunkt aufgeschlagen haben, um dort auf uns zu warten. Sie wird einen alten zähen Karosch fangen, den sie dann vielleicht für die anderen röstet, bevor sie ihn essen müssen. Wenn sie gute Laune hat.“
David lächelte ein bisschen bitter. „Der Androidin wird’s egal sein. Jake ist der einzige von den beiden, der irgendwas essen muss, ob nun geröstet oder nicht. Ich bin übrigens immer noch nicht überzeugt, dass mir das nicht lieber wäre, als hier zu essen.“
Er hörte, wie sich die Tür öffnete, und sah mit einer gewissen Erleichterung, wie zwei weitere Gäste den Schankraum des Gasthauses betraten.
„Sie ist wirklich durch und durch… künstlich? Wie eine Statue, oder…“ Kalon zögerte in Ermangelung eines passenden Vergleichs, „Eine Uhr?“ Er schien kurz nachzudenken und schüttelte dann den Kopf. „Da ist natürlich kein Uhrwerk in ihr drin, das man aufziehen muss, oder? Ihr habt andere Möglichkeiten, richtig?“
David konnte ein leises Lachen nicht ganz unterdrücken und hoffte, dass es nicht zu herablassend wirkte.
Der eine der beiden Neuankömmlinge war sehr groß – es konnten gut und gerne zwei Meter sein – und außerordentlich hager, soweit David das unter dem schlabberigen Staubmantel erkennen konnte, den der Mann trug. Der andere war auch groß, aber etwas kleiner als der andere, 1,90m vielleicht, dafür aber mindestens doppelt so breit. Er wirkte, als hätte er statt durch die Tür genauso gut durch die Wand hereinkommen können, ohne dadurch nennenswert aufgehalten zu werden. Seine schlaffen Gesichtszüge und verhangenen Augen erweckten den Eindruck, als hätte er das vielleicht auch getan, wenn der andere nicht aufgepasst hätte.
„Sie hat einen Kernreaktor in ihrem Kopf“, antwortete David, „Wenn ich die Betriebsanleitung richtig verstanden habe. Das ist… sehr kompliziert zu erklären. Ich kann’s aber versuchen, wenn es dich wirklich interessiert. Ansonsten reicht es dir vielleicht zu wissen, dass das eine Energiequelle ist, die ohne Aufziehen um die hundertfünfzig Jahre halten dürfte.“
Kalon nickte nachdenklich, aber David hatte den Eindruck, dass er ihm kaum noch zugehört hatte. Seine stahlblauen Augen musterten die beiden Fremden misstrauisch, während seine Finger auf dem Tisch einen nervösen kleinen Tanz aufführten.
Der Hagere hatte sehr schütteres schmutzigblondes Haar. Seine kantige Hakennase, die tief liegenden Augen und die wettergegerbte Haut seines Gesichts ließen ihn viel älter wirken, als er wahrscheinlich wirklich war. David schätzte ihn auf Ende dreißig, aber er hätte auch gut als Anfang fünfzig durchgehen können. David war sich nicht sicher, aber er hatte eine Ahnung, woher Kalons Misstrauen rührte.
Die beiden Neuankömmlinge hatten sie beim Betreten des Schankraums keines Blickes gewürdigt und schenkten ihnen auch jetzt scheinbar keinerlei Aufmerksamkeit. Dennoch lag eine sonderbare Anspannung in ihren Bewegungen und der ganzen Atmosphäre, seit sie hereingekommen waren.
Der Wirt war noch immer verschwunden. Kochte er auch selbst, oder hatte er einen anderen Grund, sich nicht mehr blicken zu lassen?
Kalons Hand stellte ihren Tanz ein und begann langsam, zur Tischkante zu gleiten. Als sie sie gerade erreicht hatte und begann, sich zu seinem Gürtel zu bewegen, wirbelte der hagere Fremde erstaunlich schnell herum und zog einen Revolver unter seinem Mantel hervor. Das leise Klicken des Spannmechanismus’ war das lauteste Geräusch, das die Bewegung verursachte.
Ein unsicheres Lächeln irrlichterte um die schmalen Lippen des schmalen Mannes, während seine wässrigen Augen ständig zwischen Kalon und David hin und her zuckten. Sein breitschultriger Freund ignorierte das alles und drehte sich nicht einmal um, sondern starrte immer noch die Wand hinter der Theke an.
„Soooo…“ sagte der Hagere, „Das… Das ist jetzt ungünstig. Das hatte ich mir anders vorgestellt, aber… Naja, ich schätze, jetzt ist es zu spät, was?“
David und Kalon sahen ihn nur fragend an.
„Naja, ich hatte eigentlich – eigentlich hatte ich gedacht, ich warte, bis ich euch alle zusammen habe, versteht ihr? Ich wollte – ich dachte, bestimmt kommen die drei anderen auch bald rein – wären sie? Oder sind die ganz woanders? – aber, ach, naja, egal, ich konnte ja schlecht abwarten, bis ihr mich hinterrücks ermordet, was?“ Er beendete den letzten Satz mit einem schrillen Lachen, das sofort abbrach, als ihm klar wurde, dass es viel zu laut und auch ansonsten völlig unpassend war.
„Wie… Wovon reden Sie?“ fragte Kalon, dessen Hand immer noch auf Höhe der Tischkante schwebte, unsicher, ob es das Risiko wert war, selbst nach einer Waffe zu greifen.
David war sich nicht ganz sicher, ob der schmale Mann zweimal seinen Kopf zur Seite neigte, um in Richtung Tür zu zeigen und so anzudeuten, dass er noch immer mit der baldigen Ankunft ihrer Freunde rechnete, oder ob das einfach nur ein nervöser Tick war.
„Ich rede – na, von den anderen dreien natürlich. Ich… Ach ja, ich habe gar nicht gesagt, ach, das… Na, wir sind Inquisitoren, wisst ihr? Heggar, dreh dich mal um, das wirkt albern so.“
Mit einem Schulterzucken und einem leisen missmutigen Brummen drehte sich der breitere Mann um.
„Als ob wir jemals irgendwie anders wirken könnten…“
„Na, ich höre – ich meine, hier – also, die beiden – hier lacht doch keiner, oder?“
Ein erneutes Zucken der riesigen fleischigen Schultern unter dem groben fleckigen Leinenhemd. „Manche Menschen freuen sich eher still nach innen, Lamer. Vielleicht sind die beiden solche Leute.“
„Und wenn schon“, erwiderte der Hagere, „Wer zuletzt lacht… Na, oder nicht?“
Heggar stülpte die Lippen vor und ließ seinen Atem zwischen ihnen hindurch strömen.
„Zuletzt…“ murmelte er nachdenklich, „Lacht keiner mehr von uns.“
Wieder ein schrilles, schnell ersticktes Auflachen seines dürren Gefährten. „Vielleicht nicht, da kannst du – naja, egal. Geh mal bitte da und, na, fessle die beiden, bevor sie… ähm…“
„Sich die Tatsache zunutze machen, dass wir viel mehr mit einander beschäftigt sind als mit ihnen?“
„Ja, das, genau.“
Heggar zog ein raues faseriges Seil aus einer Hosentasche. David fragte sich, wo es herkam, denn die Tasche sah gar nicht aus, als hätte das lange Seil darin Platz finden können.
„Das wird jetzt ein bisschen weh tun“, murmelte Heggar, während er gemächlich auf sie zustapfte und dabei mit routinierter Gründlichkeit das Seil zurechtzog. „Haltet still und tut, was ich sage, dann bekommt ihr frische Knebel. Abgemacht?“

„Würden Sie Jake gerne essen?“
„Hä? Was?“
An’Yik war in ihren Gedanken verloren gewesen und war sich sicher, dass sie Shu’Nim falsch verstanden hatte.
„Ich habe gefragt, ob Sie Jake gerne essen würden.“
Ach so. Doch nicht.
„Ähm… Nein, natürlich nicht!“ Klang die Entrüstung in ihrer Stimme ein bisschen künstlich? Wie bei einem Kind, das vehement leugnet, einen Lutscher aus der Schublade genommen zu haben? Eindeutig, fand sie.
„Ich würde nichts dagegen unternehmen, wenn Sie es täten.“
„Was willst du damit…“
„Ich würde den anderen nichts davon sagen. Ich könnte ihnen jede beliebige Geschichte erzählen, die Sie für angemessen halten.“
„Ich verstehe nicht…“
„Sie würden mir glauben. Sie denken, dass ich nicht lügen kann. Zumindest David wird mit hoher Wahrscheinlichkeit gar nicht auf die Idee kommen, dass sich etwas anderes zugetragen haben könnte. Auf der Erde existiert ein sehr starkes Tabu gegen Kannibalismus.“
Sie meinte es ernst, oder? Natürlich meinte sie es ernst. An’Yik wusste gar nicht, ob sie überhaupt in der Lage war, irgendetwas nicht ernst zu meinen. Aber was versprach sie sich davon? Warum wollte sie…
An’Yik erwachte. Und sah vor sich im Schein der glimmenden Reste des Lagerfeuers Shu’Nim aufragen, die dort seit Stunden regungslos aufrecht stand und über sie und Jake wachte, während sie schliefen. Stand sie wirklich die ganze Zeit regungslos, oder drehte sie sich hin und wieder, um in eine andere Richtung zu sehen? Konnte sie in der Dunkelheit sehen?
„Geht es Ihnen gut?“ fragte sie. Es war merkwürdig. Sie flüsterte nicht richtig. Sie sprach so wie immer. Nur sehr, sehr leise, als wäre sie weit weg.
An’Yik richtete sich halb auf, die Hand auf den Boden gestützt, kniff ihre Augen zusammen und betrachtete Shu’Nims freundlich ausdrucksloses Gesicht und fragte sich, was sich dahinter verstecken mochte.
„Ja, alles in Ordnung. Ich habe nur schlecht geträumt.“
„Sie ist gruselig, oder?“ hörte sie Jakes Stimme. Er lag noch da, als würde er schlafen, aber er hatte ihnen offenbar zugehört. „Total abartig. Mit einem Gegenstand reden. Ich meine, richtig zu reden, nicht nur Befehle zu geben wie bei einem Computer. Oh… Naja, ich schätze, du weißt nicht, was das ist.“
„Aber ich verstehe trotzdem, was du meinst. Aber ist das denn wirklich wahr? Ist sie… wirklich nur…“ An’Yik zögerte und warf einen Blick auf Shu’Nim, die noch immer reglos da stand und freundlich lächelte, bevor sie fortfuhr: “Ein Gegenstand?“
„Ich weiß nicht“, antwortete er durch ein Gähnen hindurch. „Wie ist das, bist du ein Gegenstand, oder denkst du? Hast du ein Bewusstsein? Hast du Gefühle? Bist du ganz doll traurig, weil ich immer so gemeine Sachen über dich sage?“
Sie schwieg für einige Herzschläge, bevor sie antwortete. An’Yik fragte sich, ob das hieß, dass sie die Zeit zum Nachdenken brauchte, oder ob es andere Gründe hatte.
„Wenn Sie mit ‚Bewusstsein’ die Fähigkeit zur Selbstreflexion und zu Wahrnehmungen und Gedanken meinen“, sagte Shu’Nim, „Dann verfüge ich darüber. Wenn Sie stattdessen die Illusion meinen, meine mentalen Prozesse transzendierten die physischen Abläufe in meinem Gehirn, dann verfüge ich nicht darüber. Ich habe keine Gefühle in Ihrem Sinne. Ich habe nicht die Fähigkeit, Trauer zu empfinden, und ich empfinde Ihre Äußerungen nicht als beleidigend. Ich bin nicht einmal sicher, ob ich den Sinn des Begriffes richtig verstehe.“
„Und siehst du dich selbst als einen Gegenstand, oder als denkendes Wesen?“ hakte Jake nach, nicht ohne eine Spur Gehässigkeit in seiner Stimme.
„Ich verfüge über die Fähigkeit zu denken“, antwortete sie, diesmal ohne jedes Zögern. Es war verwirrend, dass sie manchmal so schnell antwortete, dass die Frage noch nicht einmal ganz verklungen war. „Aber ich bin trotzdem nur ein Gegenstand. Wenn Sie auf einen Vergleich zu sich selbst hinauswollen, ist ein Vergleich sinnlos. Menschen sind Lebewesen. Ich bin nur eine Maschine. Ihre Illusion einer Seele ist einzigartig und schützenswert.“
Jetzt zögerte Jake einige Zeit, bevor er sprach. Er setzte sich nun auch auf und gähnte noch einmal. Er wandte sich bei seiner Antwort nicht an Shu’Nim, sondern sah An’Yik an.
„Glaubst du, dass sie das wirklich denkt, oder sagt sie das nur, weil sie so programmiert wurde? Ich finde, aus Ihrer Sicht müssten wir auch bloß Maschinen sein, bloß aus anderen Bauteilen, oder?“
An’Yik sah ihn blinzelnd an, schüttelte den Kopf und zuckte ihre Schultern. „Woher soll ich das wissen? Ich weiß nicht einmal, was ‚programmieren’ bedeutet.“
„Es heißt“, begann Jake, aber sie unterbrach ihn.
„Eigentlich ist es mir aber auch egal. Sie denkt, und sie spricht, und sie hilft uns und ist uns treu, und das macht sie für mich zu mehr als einem Gegenstand. Das macht sie für mich zu einer Freundin.“
„Ich zweifle an, dass ich Ihre Vorstellung von Treue tatsächlich erfüllen könnte“, widersprach Shu’Nim. „Ich bin gehorsam, solange ich Sie als meinen Besitzer ansehe und Ihre Anweisungen nicht meinen Grunddirektiven widersprechen.“
„Müsstest du nicht auf meiner Seite sein?“ fragte An’Yik. Sie war tatsächlich ein bisschen verärgert, obwohl sie es selbst albern fand, und hörte den beleidigten Unterton in ihrer eigenen Stimme, was sie noch mehr ärgerte.
„Ich bin nicht sicher, ob ich die Frage richtig verstehe, aber ich denke, wenn ich auf jemandes Seite sein müsste, dann auf Jake Harsens. Ich folge seinen Anweisungen. Solange er es mir nicht ausdrücklich befiehlt, werde ich trotzdem nicht lügen, nur um ihm zuzustimmen.“
Vorhin in meinem Traum hörte sich das alles noch ganz anders an, dachte An’Yik.
Jake lachte. „Echte Freunde sagen einem die Wahrheit, auch wenn sie einem nicht gefällt.“
„Warum sollte ein Freund Ihnen etwas sagen, das Ihnen nicht gefällt? Wäre das nicht unfreundlich?“
An’Yik stand auf. Sie hatte das Gefühl, ohnehin nicht mehr schlafen zu können, und das Bedürfnis, sich zu bewegen.
„Wissen Sie was, Lady? Sie sind witzig!“, sagte Jake in einem gespielt begeisterten Tonfall.
„Wie spät ist es?“ fragte An’Yik.
„Ich habe nicht genug Daten, um völlig sicher zu sein, aber ich halte es für wahrscheinlich, dass die Sonne in ungefähr zweieinhalb Stunden aufgehen wird.“ An’Yik öffnete den Mund, um darauf hinzuweisen, dass sie mit der Zeiteinheit ‚Stunde’ nicht viel anfangen konnte, aber Shu’Nim kam ihr zuvor: „Das entspricht rund einem Zwölftel eines Ihrer Tage.“
„Danke.“
„Ich hasse 30-Stunden-Tage“, murmelte Jake. „Nach spätestens dreien davon packt mich immer der Jetlag und dann werde ich unausstehlich.“
An’Yik lachte. „Warum ging es denn dieses Mal so schnell?“
Kopfschüttelnd wandte sie sich ab und stapfte aus dem Kreis schwachen Lichts, den die Reste des Feuers noch abgaben, in den Wald hinein.
„Wo willst du hin?“ rief Jake ihr nach.
Er hatte natürlich Recht. Es war unsinnig, ein paar Schritte wegzugehen, um nach David und Kalon Ausschau zu halten, aber die beiden hätten nun einmal schon längst hier sein müssen, und sie hatte den Drang, irgend etwas zu tun.
An’Yik hasste es, zu warten.
„Sie hätten schon längst hier sein müssen.“
Sie hörte, dass Jake erneut ein Gähnen unterdrückte. „Das hast du schon gestern Abend dauernd gesagt. Sie haben sich halt ein bisschen verspätet. Vielleicht wollte Kalon noch einen altem Kumpel besuchen, oder… Keine Ahnung, der Pferdehändler hatte geschlossen und sie müssen heute noch mal hin.“
Sie schüttelte ihren Kopf und wischte fahrig mit ihrem Schwanz durch das Gras zu ihren Füßen.
„Irgendetwas stimmt nicht. Kalon ist nicht immer pünktlich, aber dass er es gar nicht mehr gestern geschafft hat, ist nicht normal, und David kommt mir auch nicht vor wie jemand, der die Zeit vergisst, wenn er bloß ein Kartenspiel und einen Becher Quum in die Hand gedrückt bekommt.“
„Nein“, stimmte Jake ihr lächelnd zu, „Ganz bestimmt nicht. Das wäre wohl eher ich.“
„Wir müssen sie suchen gehen.“
„Was? Jetzt? Es ist stockfinster, und wie willst du sie finden?“
„Er hat noch den Transmitter bei sich“, sagte Shu’Nim.
„Ja“, sagte Jake, „Aber das Ding ist total nutzlos auf einem Planeten ohne ComNet. Er könnte nicht einmal eine direkte Verbindung mit meinem…“ Er stockte und betrachtete sie mit leicht schief gelegtem Kopf. „Oder kannst du etwa…?“
„Ich kann das Signal des Transmitters bei normaler Sendeleistung bis zu einer Entfernung von knapp fünf Kilometern wahrnehmen. Als wir uns trennten, war es stark genug, um darauf zu schließen, dass die Batterie noch einige Tage halten wird.“
„Kannst du auch mit ihm reden?“
Sie schüttelte den Kopf. An’Yik war vorher nie aufgefallen, dass sie das tat. Hatte sie nur nicht darauf geachtet, oder war die Geste neu?
„Genau wie auch bei Ihrem Transmitter ist eine direkte Verbindung ohne Kommunikationsnetzwerk nicht vorgesehen. Ich kann das Signal aber gut genug lokalisieren, um uns die Suche erheblich zu erleichtern.“
„Ich bin zwar nicht sicher, wovon ihr redet“, sagte An’Yik, „Aber es klingt, als wäre es einen Versuch wert. Wollen wir?“
An’Yik hasste es zu warten. Warten machte sie hungrig, und das war… nicht gut.

Lesegruppenfragen:

  1. Sind die beiden Inquisitoren zu albern? Ich weiß, dass ich da ein bisschen weit gegangen bin, fand es aber eigentlich ganz nett.
  2. Glaubt ihr, dass es David geschmeckt hätte? (Vielleicht hat er ja sogar wirklich noch was zu essen bekommen.)
  3. Wie steht ihr zum Thema Traumdeutung?
  4. Sind die Transmitter zu sehr Deus ex Machina? Ich finde die Idee plausibel, dass Leute in der Zukunft auch so was wie Mobiltelefone mit sich herumschleppen, vielleicht ja sogar implantiert. Aber ich hätte sie wohl vorher mal erwähnen sollen.

4 Responses to Menschenähnlich (13)

  1. Ich bin auch mal wieder da…
    1. Finde ich nicht. Sie sind schon etwas lustig, aber als „Scheibenwelt“-Fan stört mich das nicht, sondern finde das gut. Ich lese die Geschichte auch wegen des Humors sehr gern. Sehr ernste SF-Storys gibt’s reichlich genug.
    2. Irgendwie glaube ich das nicht… Armer David.
    3. Ich habe ja Trudi Träumlich, die größte Traumdeuterin der Welt, bei mir zu Hause, aber in Romanen bin ich eher dafür, solche Sequenzen kurz zu halten und nicht zu häufig auftreten zu lassen… Ich mag solche Szenen auch in Filmen meistens nicht so sehr, ist halt eine Eigenart von mir. 🙂 (Nicht Trudi verraten, bitte.)
    4. Das scheint mir auch logisch. Vielleicht wäre eine Erwähnung im vorherigen Kapitel sinnig gewesen (W“enn einer nicht zum Treffpunkt kommt, Ortung über… usw.“), aber für so kriegsentscheidend halte ich es auch nicht, so ist es überraschender.
    Hurra, ein Podcast. Das lässt sich gut an. Ich würde vielleicht an der ein oder anderen Ecke etwas langsamer lesen, Du hast teilweise ein sehr flottes Tempo drauf. 😉 Nur eine kleine Anregung, ich könnte so was ja gar nicht.

  2. Muriel sagt:

    @Fellmonsterchen: 1. Ohja. Das ist eine richtige Genrekrankheit, finde ich.
    3. Ja, ich bin bei Traumszenen auch immer eher skeptisch.
    Podcast: Ja, langsamer wäre wohl manchmal besser. Daran bin ich in der Orientierungsstufe auch beim Vorlesewettbewerb gescheitert. Wer weiß, welche Karrieremöglichkeiten sich sonst ergeben hätten?

  3. Andi sagt:

    1. Die sind nicht halb so albern wie der kleine Gag am Ende deines Podcasts. 🙂
    Mich hat ein wenig erstaunt, dass so ein Inquisitor doch soch fahrig sein kann…

    2. Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht wäre das Ganze auch eher ein Fall für Restauranttester Rach.

    3. Traumdeutung find ich faszinierend. Wir sprachen ja bereits mal drüber, nech?
    Man träumt ja immer etwas, wo mit man sich noch beschäftigt, irgendwas, womit man noch nicht abgeschlossen hat. Und wir neigen ja alle dazu, in Träumen Sachen zu vermischen… also, dass wir plötzlich Freunde in Situationen, an Orten sehen, wo wir sie noch nie gesehen haben. Oder dass wir Dinge sagen oder denken, die wir an anderer Stelle mal gesagt oder nur gehört haben. Oder oder oder… Träume sind nicht nur Schäume, wie der Volksmund sagt, sondern bieten ganz viel Raum… für Spekulationen, für die Wahrheit, für wildes Rumpsychologisieren… Ich finde Träume und Traumdeutungen also höchst spannend, auch das Schlafen an sich fasziniert mich. Also, rein aus wissenschaftlicher Sicht natürlich. 🙂

    Traumsequenzen in Romanen langweilen mich aber meist. Zumal, wenn sie lang sind.
    Diese Traumsequenz war nicht lange und man merkte ja auch gar nicht, dass man in einer Traumsequenz ist, bis zur Bemerkung, dass An´Yik erwacht.
    Jetzt bin ich nur noch nicht sicher, ob man in ihren Traum noch etwas hineindeuten sollte, dass für den Fortlauf der Geschichte von Belang wäre!?

    4. Hätte man machen können. Gelegenheiten wären ja dagewesen, um mal einen Nebensatz zum Thema Transmitter einzuflechten.
    Es ist mir beim Lesen bzw. Hören jetzt aber auch nicht negativ aufgefallen.

    5. Ich bin ja kein Freund von Hörbüchern und hab in meinem ganzen langen Leben erst zwei Stück gehört und beide wurden von Matthias Schweighöfer gelesen. Die hab ich mir aber nicht gekauft und angehört wegen der Geschichte oder weil ich wild auf Hörbücher war. Sie verstehen, Herr Silberstreif?

    Ich hab also nicht so viel Erfahrung mit Hörbüchern – fand das hier aber charmant gelesen. Ich würde mir sogar noch einen Podcast anhören, falls du nochmal Zeit hast. Es lohnte sich auf jeden Fall.
    Es war nur ein bißchen leise. Kann aber an meinem Laptop liegen.

    6. Ich brauchte ungefähr 5 Minuten, um mich nach der Einleitung zu beruhigen, um dann das Kapitel lesen und hören zu können. Und aufrappeln vom Boden musste ich mich auch. Danke dafür! 🙂

  4. Andi sagt:

    Noch ein 7.:
    Ich finde gar nicht, dass du zu schnell gelesen hast. Manche Dinge muss man schnell lesen, oder zumindest schneller als langsam und eben nicht so bedächtig. Ich fand das Tempo angemessen. Vielleicht auch, weil ich selber schnell lesen würde. 🙂

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