Menschenähnlich (14)

Also gut, das war’s, das Plotproblem ist beseitigt, und ob die Lösung besser ist als das Problem, müsst ihr beurteilen. Na gut. Könnt ihr eigentlich schlecht, weil ihr ja hier nur die Lösung seht und das Problem gar nicht kennt. Stellt es euch bitte ganz, ganz groß und gewaltig schlecht vor. So das Schlimmste, was ihr euch literarisch gerade eben noch ausmalen könnt. Und dann vergleicht es bitte mit meiner Lösung. Viel Spaß!

Was bisher geschah:
Im ersten Kapitel wohnen wir dem Aufbruch zweier Raumfahrer namens Jake und David bei, die eine kostbare Fracht aus 13 Androiden zu einem fremden Planeten transportieren sollen.
Bereits im zweiten Kapitel folgt der abschussbedingt gewaltsame Abbruch dieser Reise. Dafür lernen wir Kalon und An’Yik kennen, die sich als reisende Helden betätigen und dabei anscheinend auch manchmal vor ethisch nicht ganz einwandfreie Vorgehensweisen zurückschrecken. Sie sehen den Absturz des Raumschiffes und hoffen auf reiche Beute.
Im dritten Kapitel erwachen Jake und David in ihrem abgestürzten Raumschiff und retten sich, einen der Androiden und ein paar andere Kleinigkeiten in ein Rettungsboot, bevor das Schiff im Meer versinkt. Gleichzeitig lauert ein Schlichter gemeinsam mit ihrem verräterischen Gefährten Berren den beiden reisenden Helden auf, um sie einem unerfreulichen Schicksal zuzuführen.
Im vierten Kapitel packen David und Jake ihr neues Spielzeug aus, und Kalon erwacht aus der Betäubung, in die der Blasrohrpfeil des Schlichters in versetzt hat. Er stellt fast, dass seine Gefährtin An’Yik ihn zwar aus der unmittelbaren Gefahr retten konnte, nun aber ihre ganz eigenen Probleme mit dem Pfeilgift hat.
Im fünften Kapitel haben wir den Autokraten und seinen Ersten Sekretär Larn kennengelernt, die gemeinsam danach streben, die kostbare Ladung der Emerald-17 in die Hände zu bekommen. Währenddessen lernten David und Jake ein Stück dieser Ladung noch etwas näher kennen, und Kalon und An’Yik fanden ihre Spuren im Sand.
Auch im sechsten Kapitel kam noch mal jemand Neues dazu: Shianuk und ihr Onkel Noot haben einen unserer Androiden am Strand gefunden, werden aber leider unterbrochen, bevor sie ihn näher kennenlernen können. Währenddessen erklärt Jake David, was genau ihn an der Maschine so sehr stört, bis die mit Kalon und An’Yik ans Lagerfeuer zurückkehrt.
Im siebten Kapitel muss der Erste Sekretär unter äußerst widrigen Umständen eine Reise beginnen, Kalon bietet sich und An’Yik als Führer an, wird aber von der überraschenden Ankunft weiterer Besucher unterbrochen, und Shianuk lernt den Mann aus der Kiste kennen.
Jake findet im achten Kapitel seine Munition nicht, aber Kalon kann die Gruppe mit einem gewagten Bluff retten. Shianuk beantwortet die Fragen des Mannes aus der Kiste, so gut sie kann, und lässt sich überreden, sich mit ihm auf die Reise zum Autokraten zu machen.
Im neunten Kapitel lernt der Zweite Sekretär den Autokraten kennen, und der Erste Sekretär erfährt von der Begegnung der vier Soldaten mit den Weltraumfahrern. Seine Patrona macht einen Vorschlag.
Im 10. Kapitel baut der Mann aus der Kiste ein Floß für Shianuk, Jake, David, An’Yik, Kalon und die Androidin teilen sich auf.
Der Autokrat besucht im 11. Kapitel eine alte Freundin, die ihm bei der Suche nach den Flüchtlingen helfen soll, und An’Yik, Jake und die Androidin lernen sich unterwegs etwas besser kennen.
Im 12. Kapitel lässt der Erste Sekretär sich erweichen, und Shianuk und der Androide erobern den Palast des Autokraten, nachdem sie den sonderbaren und völlig unpassend benannten Kopfkäfer kennengelernt haben.
Im 13. Kapitel werden David und Kalon von Dick und Doof verhaftet, und die An’Yik macht sich Sorgen, weil die beiden nicht pünktlich am Treffpunkt erscheinen, nachdem sie entschieden hat, Jake vorerst nicht zu essen.

Was heute geschieht:
Shianuk hatte das Gefühl, dass die unmittelbare Gefahr vorbei war und wagte sich deshalb wieder hinter der Statue hervor, die ihr als Schutz gedient hatte.
„Der Autokrat wird nicht mit Ihnen sprechen“, sagte die alte Frau mit ihrer brüchigen Stimme, die dennoch durchaus so klang, als wäre sie es gewohnt, unwidersprochene Befehle zu geben. „Er hat mich zu seiner Gesandten bestimmt. Ich spreche in seinem Namen.“
„Ich nehme an, dass er Sie an seiner Stelle geschickt hat, weil er bereit ist, Ihr Leben zu opfern. Ich halte es deshalb für sinnvoller, mit ihm selbst zu sprechen.“
„Ich soll Ihnen von ihm ausrichten, dass er sich in einem sicheren Raum aufhält, dessen Wände aus 120 Millimeter Stahl bestehen und dessen Tür einer nuklearen Explosion der Stufe 2 standhalten würde. Was auch immer das bedeutet“, fügte sie etwas leiser hinzu. „Sie können mit mir sprechen, oder mit niemandem, und wenn Sie den ganzen Palast einreißen.“
„Können Sie diese Behauptung belegen?“
Sie ließ mehrere Herzschläge in angespannter Stille verstreichen, bevor sie antwortete. Irgendwo fiel ein Bruchstück einer Statue zu Boden, ohne dass Shianuk eine Ursache für die Bewegung erkennen konnte.
„Sehen Sie nach, wenn Sie es nicht lassen können. Es wäre natürlich schade um die Tür. Und die Leibgardisten.“
„Ich bin mit Ihren Bedingungen einverstanden. Sagen Sie mir, was Ihr Autokrat zu sagen hat.“
Shianuk war sich nicht sicher, warum er plötzlich einlenkte. Er stand mit dem Rücken zu ihr, und außerdem hatte er ja sowieso keine Mimik, die sie hätte lesen können.
„Zuerst möchte er wissen, warum Sie seinen Palast angegriffen haben“, sagte sie im Tonfall einer Lehrerin, die einen unartigen Schüler tadelt.
Natürlich ging er darauf nicht ein. „Ich benötige ein Schiff, um diesen Planeten zu verlassen und hielt es für wahrscheinlich, dass Sie mir bei diesem Anliegen helfen können, wenn ich einen geeigneten Anreiz für Sie biete.“
Sie musterte ihn eine Zeitlang mit einer Mischung aus Spott und Staunen, bevor sie antwortete: „Wenn wir Raumschiffe hätten, glauben Sie wirklich, wir würden versuchen, Sie mit Schwertern und überzüchteten Munji aufzuhalten?“
J2 wartete kurz, bevor er antwortete: „Es handelt sich bei Ihrem Verzicht, Ihre Antwort um einen konstruktiven Beitrag zu unseren Verhandlungen zu ergänzen, offensichtlich um einen taktischen Zug, der mich verunsichern soll. Bitte verzichten Sie auf derartige Manöver, sie sind mir gegenüber sinnlos.“
Die Greisin schnaubte bitter und schüttelte ihren Kopf.
„Wir wissen, wo Sie ein Raumschiff finden könnten. Und wir würden Sie hinführen. Natürlich erwarten wir eine Gegenleistung. Eine Maschine wie Sie könnte sehr nützlich für uns sein.“
„Ich bin ein J2 AI120 der ersten Generation. Weitere Varianten und Produktaktualisierungen werden in Kürze zur Verfügung stehen. Sollten Sie Fragen haben oder ein individuelles Angebot wünschen, wenden Sie sich bitte an info@j2.te.com. Bitte beachten Sie nicht, was ich gerade gesagt habe. Es ist für Sie unerheblich. Ein Austausch eines J2 AI120 gegen ein Raumschiff ist nicht akzeptabel, da es sich offensichtlich um einen Versuch Ihrerseits handelt, mich zu täuschen.“
Sie öffnete und schloss ihren Mund zwei Mal völlig verwirrt. „Wovon reden Sie?“ fragte sie schließlich. Sie klang beinahe ein bisschen beleidigt. Ob wegen des Vorwurfs oder weil sie nicht verstand, was er meinte, war nicht zu erkennen.
J2 begann, gemessenen Schrittes auf sie zuzugehen.
„Sie müssen davon ausgehen, dass ich meine Eigentümer über die Ereignisse hier informieren werde, sobald ich Gelegenheit dazu erhalte. Diese würden selbstverständlich versuchen, die übrigen Androiden zu bergen. Da Sie keine Möglichkeit hätten, das zu verhindern, würden Sie Ihr Raumschiff hergeben, ohne dafür eine dauerhafte Gegenleistung zu erhalten. Die wahrscheinlichste Erklärung wäre deshalb, dass Sie in Wahrheit nicht die Absicht haben, mir ein Raumschiff zu überlassen.“
Während er sprach, war J2 ihr sehr nahe gekommen. Die Soldaten hinter ihr sahen einander fragend an, einige griffen nach ihren Waffen oder machten andere nervöse Bewegungen, aber keiner von ihnen machte ernsthaft Anstalten, ihr zu Hilfe zu eilen. Die alte Frau ließ sich keine Angst anmerken, obwohl Shianuk zu weit von ihr entfernt war, um sich dessen ganz sicher zu sein.
„Vielleicht vertrauen wir auf Ihr Wort, wenn Sie uns versprechen-“
„Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass Ihre taktischen Manöver sinnlos sind. Mein Wort Ihnen gegenüber ist offensichtlich wertlos. Bitte erbringen Sie einen Beleg Ihrer zukünftigen Nützlichkeit für mich.“
Es war irritierend, dass er immer noch in diesem freundlich beschwichtigenden Tonfall sprach, der ihm zu Eigen war. Die Dissonanz zwischen den Worten und der Stimme, die sie sprach, war beinahe schwindelerregend.
Die weißhaarige Frau setzte zu einer Erwiderung an, stockte, und stand kurz nur mit offenem Mund da.
„Ich glaube, ich weiß auch, wo du ein Raumschiff finden kannst.“
Erst als Shianuk sah, wie J2 seinen Kopf zu ihr drehte, viel weiter, als ein menschlicher Kopf sich drehen lassen sollte, wurde ihr bewusst, dass die Worte aus ihrem Mund gekommen waren.
„Sie kann nur die alte Kehlar-Basis meinen. Ich weiß auch, wo die ist. Ich war mit meinem Onkel mal dort, und ich kann dir sogar einen versteckten Eingang zeigen!“
Sie bemerkte, wie die wässrigblauen Augen der Greisin sie fixierten, als hätte sie sie zum ersten Mal wirklich wahrgenommen, und sich ein wenig verengten, während die alte Frau in der weißen Robe sich Shianuks Gesicht einprägte.
J2 wandte sich von ihr ab und kehrte zu Shianuk zurück.
Die Greisin folgte ihm langsamer nach.
„Warten Sie! Unser Gespräch ist noch nicht zu Ende!“
„Doch“, antwortete J2.
„Er hat Recht“, hörte Shianuk eine heisere Flüsterstimme hinter sich. Sie wirbelte herum und sah in dem Eingang, durch den sie und J2 den Saal betreten hatten, eine gebückte, auf Krücken gestützte Gestalt in schwarzer Robe, deren Gesicht durch eine Kapuze verborgen wurde. In der Hand hielt er ein merkwürdiges Gerät, das entfernt an den Revolver der Eintreiber erinnerte aber viel größer war und über keine sichtbare Öffnung für die Kugel verfügte.
„Der Autokrat!“ zischte sie J2 erschrocken zu, während sie schnell hinter ihn huschte.
„Ich hatte gehofft, ihn unbeschädigt übernehmen zu können“, flüsterte die Stimme unter der Kapuze, „Aber was bedeutet schon Hoffnung?“
„Schnell!“ zischte Shianuk. „Wir müssen weg von hier, ich glaube, er hat…“
Sie verstummte, als ihr auffiel, dass J2 nicht reagierte. Er atmete zwar sowieso nicht und stand oft regungslos wie eine Statue, aber normalerweise drehte er seinen Kopf gelegentlich, und jetzt schaute er nicht einmal in die Richtung des Autokraten.
„J2!“ rief sie, und genau in dem Moment fühlte sie die dürren Finger einer knochigen Hand, die sich um ihren rechten Oberarm schlossen.
„Wollen doch mal sehen“ sagte die Stimme der Greisin neben ihrem Ohr, „Ob wir dich auch noch für etwas gebrauchen können.“

„Ich hätte sie zu Fuß nach Tashino-Ri gebracht.“
„Ja, äh, Heggar, und wenn du – naja, sagen wir – also, wenn du irgendwas zu sagen hättest, dann… Naja, dann wäre das vielleicht irgendwie wichtig. Also, was du willst.“
„Ich verstehe nicht, warum der Wert meiner Ideen von meinem Rang abhängt.“
„Ja. Genau. Ähm… Ja, weißtschon, nichwahr?“
Lamer sah seinen breitschultrigen Gefährten mit leicht zusammengekniffenen Augen an, als suchte er in seinem Gesicht die Worte, die ihm fehlten.
„Du meinst, wenn ich begriffen hätte, dass es nicht auf Klugheit oder Wahrheit ankommt, sondern auf die formale Stellung innerhalb dieser Organisation, dann wäre ich qualifiziert, Inquisitor Prismo zu werden.“
Heggar erwiderte Lamers Blick nicht. Er starrte stur auf die Straße vor ihnen.
„Heggar, du, äh, erstaunst mich immer wieder. Ich könnte, na sagmal, ähm, also, wetten, dass das der längste Satz war, den du je… Oder?“
„Zumindest in den letzten drei Monaten, ja.“
Kalon und David waren auf der vergitterten Ladefläche einer Kutsche angekettet. Das Gefährt wurde von zwei Tieren gezogen, die nach Davids Meinung ein bisschen aussahen wie kleine Elefanten mit Eselsohren und ziegenähnlichem gelblichweißem Fell. Oder wie große dicke Ziegen mit Rüsseln und baumstammartigen Beinen.
Heggar hatte sein Versprechen gehalten und jeden von ihnen mit einem frischen sauberen Knebel versehen, der so fest geknotet war, dass er Davids Mundwinkel bis zu den Ohren zurückzuziehen schien und permanent gegen den Hinteren Rachenbereich drückte. Man sollte meinen, dachte David, dass der Würgereflex irgendwann durch Gewöhnung nachlässt, aber der menschliche Körper ist eben voller Wunder, und er fühlte sich elender mit jeder Sekunde, die verging.
Ihr Füße waren an den Knöcheln an Ösen im Boden festgekettet, und die Hände am oberen Teil der Gitter. Der Käfig war zu niedrig, um aufrecht zu stehen, und die Ketten an ihren Händen zu kurz, als dass sie sich setzen oder gar auf den Boden legen konnten.
Sie waren noch vor Sonnenaufgang aufgebrochen und nun seit einer Zeit unterwegs, die ihm endlos vorkam. Er befürchtete allerdings, dass es in Wirklichkeit nur wenige Stunden gewesen sein konnten, denn die Sonne stand noch nicht besonders hoch am leicht bewölkten Himmel. Immerhin regnete es nicht.
„Mir ist auch sowieso nicht klar, wie – also, wieso – oder eigentlich doch wie, denke ich – ah, ist ja eigentlich auch egal, oder? – also, wie du daran zweifeln kannst, dass dieser Weg – wir haben klare Anweisung, sie so schnell wie möglich nach Tashino-Ri – verstehst du, so schnell wie möglich! – und zu Fuß würden wir – was meinst du, doppelt so lange vielleicht?“
Während er sprach, gestikulierte Lamer wild mit beiden Händen, und nur gelegentlich wandte sich eines der offenbar endlos geduldigen Zugtiere zu ihm um, wenn er dabei zu heftig an der komplizierten Leinenkonstruktion herumruckte, mit denen er sie mutmaßlich lenken konnte.
„Einzweidrittel“, brummte Heggar.
„Sag’ ich doch.
„Eigentlich nicht.“
„Firlefanz, so gut wie.“
„’So gut wie’ zählt nur bei manchen Waffen, die wir sowieso nicht haben.“
Heggar und Lamer saßen nebeneinander auf dem Kutschbock vor der Ladefläche. Oder hieß nur der erhöhte Sitz so, von dem Lamer aus lenkte? David war sich nicht sicher. Aber er hatte auch andere Sorgen.
„Trotzdem könnten wir ohne dieses – äh, Gefährt – niemals – oder zumindest nicht in – oh. Schau mal da vorne!“
„Hmm“, machte Kalon, wahrscheinlich um David unnötigerweise darauf hinzuweisen, dass auf der Straße vor ihnen eine große Gruppe Reiter hinter einem Hügel aufgetaucht war und nun auf sie zukam.
Wimpel flatterten, Rüstungen und Schwerter und Helme blitzten im Licht der Morgensonne – es war unschwer zu erkennen, dass es sich um Soldaten handelte.
„Hätten wir nicht den Wagen, könnten wir uns verstecken“, sagte Heggar.
„Warum sollten wir – ich meine – verstecken? – Du denkst doch nicht…?“
„Dass Larn unsere Gefangenen stehlen würde, um Denianda auszustechen?“
„Hm. Na gut, wenn du es so… also… Ja, stimmt, würde er.“
David wusste nicht genau, wovon die beiden sprachen, aber es klang ein bisschen so, als würden die Soldaten ihn und Kalon mitnehmen wollen. Kurz flackerte ein Gedanke in ihm auf, der in die Richtung von ‚Es kann doch eigentlich nur besser werden’ ging, aber dann fielen ihm ein paar Geschichten darüber ein, wie Gefangene während des irdischen Mittelalters behandelt wurden, und er erkannte schnell, dass es durchaus auch noch viel, viel schlimmer werden konnte.
Nicht, dass er eine Möglichkeit gesehen hätte, zu beeinflussen, was auch immer nun geschah.
Die Reiter waren nun nah genug, dass die schweren Schritte ihrer Tiere zu hören waren, und gelegentlich das metallene Klirren ihrer Waffen und Rüstungen. Sie ritten auf den gleichen Elefantenziegen, die auch den Wagen zogen.
„Außerdem stinken die Karrs ganz erbärmlich“, murrte Heggar. „Ich glaube, sie sind krank.“
„Weil sie stinken? Das… Ist das nicht, ich meine, tun sie das nicht immer?“ Lamers inquisitorischer Blick flackerte zwischen Heggar und den Hinterteilen der beiden riesigen Zugtiere hin und her.
„Eben“, kam die gesuchte Antwort schließlich von Heggar. „Sie sind bald bei uns“, fügte er hinzu.
„Ja, ich werde… Ähm… Warte kurz.“
Lamer brachte die Zugtiere vor der Kutsche mit einer augenscheinlich sehr komplexen Bewegung der Zügel zum Stehen, um sie daraufhin an Heggar weiterzugeben. Er beugte sich vor, vergrub das Gesicht in seinen Händen, atmete tief und geräuschvoll aus und verblieb in dieser Haltung, bis die Soldaten um die Kutsche herum Aufstellung genommen hatten und einer von ihnen sein Reittier näher an das Gefährt heranmanövrierte.
„Bloar Resmin, drittes Jägerregiment, erste Kohorte, dritter Zug. Nennen Sie Ihren Auftrag und identifizieren Sie Ihre Gefangenen, Inquisitor.“
Er war ein älterer Mann mit einem harten kantigen Gesicht voller Furchen und Narben. Eine besonders große zog sich wütend rot von seiner rechten Nasenwurzel unter dem Auge hinweg bis fast zu seinem Ohr. Er trug keinen Helm über seinen kurz geschorenen schneeweißen Haaren, was sehr vorteilhaft war, denn die platten Tellerhelme der anderen ließen ihre Köpfe merkwürdig kurz wirken.
Lamer atmete noch einmal tief durch, bevor er seine Hände sinken ließ und seinen Blick zu dem Offizier auf seinem sonderbaren Reittier erhob.
„Ich bin Inquisitor Prismo Lamer Rastein, dies sind Gefangene der Pontifex, und ich beanspruche Sonderstatus entsprechend dem 18. Kardinalerlass des Autokraten vom 47. Tag des 1149. Jahrs seiner Regentschaft. Befehlen Sie Ihren Leuten, den Weg freizugeben, und eskortieren Sie uns nach Tashino-Ri.“ Er hatte sehr schnell, aber sehr deutlich gesprochen, als läse er den Text ab, und beendete den letzten Satz mit einem erleichterten Seufzen.
Das Lächeln im harten Gesicht des Offiziers war wie eine Klinge.
„Sogar ein Erlass des Autokraten besteht aus Papier“, erwiderte er. „Das mag in Tashino-Ri eine mächtige Waffe sein, aber hier draußen…“ Er sah sich um, als würde er etwas suchen, und zuckte die Schultern. „Eher nicht.“
„Bronze“, murmelte Heggar.
„Was?“ bellte der Offizier.
„Die Kardinalerlasse des Autokraten sind in Bronze geschlagen.“
„Oh.“ Der Offizier lachte auf. „Damit ist mein Argument wohl als ziemlich dumm und unwissend entlarvt, was?“
„In der… Äh…“ antwortete Lamer. „Wenn Sie dann jetzt also…“ Er machte eine wedelnde Handbewegung, als würde er wirklich damit rechnen, dass die Soldaten jetzt den Weg frei machen würden.
Das schneidende Lächeln des Mannes auf der Elefantenziege flackerte nicht einmal für einen Augenblick.
„Aber wer braucht auch gute Argumente“, sagte er, „Wenn er Schwerter hat?“
„Ach so“, sagte Lamer. „Na gut, ähm… Ich schätze… Ja, das ist auch – naja, ein Argument. Irgendwie.“

Lesegruppenfragen:

  1. Ich weiß zwar, dass die Innovation von gestern schon der Standard von heute ist, aber ich kann euch trotzdem diesmal keinen Podcast bieten. Legt ihr Wert darauf, dass ich ihn nachreiche?
  2. Findet ihr die erste Szene auch ein bisschen langweilig? Irgendwie ist mir der Dialog dort ziemlich hausbacken geraten, oder?
  3. Hat es euch irritiert, dass die Pontifex all diese technischen Ausdrücke kennt und benutzt, oder leuchtet euch ein, dass sie mittelbar erfahrungen mit Shuttles und solchen Sachen hat?
  4. Was macht man wohl mit einem gefangenen Androiden? Und was mit dem Bauernmädchen, das an ihm dran hing?
  5. Vermisst ihr in der zweiten Szene ausführlichere Beschreibungen zwischen den Dialogzeilen, oder könnt ihr euch das so gut vorstellen?
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5 Responses to Menschenähnlich (14)

  1. Guinan sagt:

    1. Ja. Etwas Übung kann dir nicht schaden.
    2. Warum soll der Dialog hausbacken sein? Ich finde ihn recht gelungen. Der plötzliche Schluss der Szene ist natürlich wieder mal eine echte Gemeinheit. Wie lange willst du uns denn nun wieder warten lassen, bis es endlich weitergeht?
    3. Der Autokrat wird die Pontifex schon passend instruiert haben. Sie muss nicht wissen, wovon sie da spricht. Außerdem ist sie so alt, sie könnte die Kehlar auch noch persönlich erlebt haben. Bis jetzt hattest du noch nicht geschrieben, wie lange die Besetzung her ist, oder?
    4. Das möchte ich auch gern wissen! Kann nichts Gutes sein *freu*
    5. Es kommt genug „Beschreibung“ allein durch den Sprachstil ‚rüber.

  2. Muriel sagt:

    @Guinan: 1. Na, mal sehen.
    2. Danke. Zu der Frage: Ich bin nicht wahnsinnig tollkühn selbstbewusst genug, hier einen genauen Termin zu versprechen, aber ich glaube, dass es diesmal nicht so lange dauern dürfte.
    3. Ich glaube auch, dass ich das für mich behalten habe. Und was ich geschrieben habe, deutet doch eher darauf hin, dass es noch nicht so furchtbar lange her ist.

  3. Guinan sagt:

    2. Schön. Wenn du nicht willst, dass ich drängele, darfst du eben nicht so spannend schreiben.
    3. Schien mir auch so. Dann kennt sie den Technik-Kram doch aus eigener Anschauung.

  4. Chlorine sagt:

    Ich nehme heute mal eine Abkürzung, indem ich sage, dass ich mich gänzlich Guinan anschließen möchte.
    Die letzten drei Folgen haben mir wieder sehr zugesagt und die beiden Inquisitoren waren überaus spaßig (bes. gestützt durch deine Interpretation).
    Immer weiter so!

  5. Andi sagt:

    1. Nein. Es war eine nette Zugabe, keine Frage. Aber jetzt zu jedem Kapitel ein Podcast… ich weiß nicht… dann isses ja nix Besonderes mehr. Das vorletzte oder letzte Kapitel kannste ja nochmal einsprechen. Oder einsingen. Wie´s dir lieber ist.

    2. Hausbacken isses ein wenig, weil J2 nunmal so spricht. Und die Olle da ist ja nun auch eher bedächtig. Ich würd den Dialog jedenfalls nicht grundlegend überarbeiten. Er war ja verständlich. Und in sich halt stimmig.

    3. Hat mich nicht irritiert. Die ist halt schlau. Und umsichtig. Und vielseitig interessiert. So!
    Naja, die wird schon wissen, was es mit dieser Kehlar-Station auf sich hat…
    Mich hat aber was anderes irritiert: wusste der Autokrat, wer da in seinen Palast kommt? Oder warum die Vorkehrung, dass die Pontifex dort steht und in seinem Auftrag mit J2 spricht?

    4. Die könnten beide sehr nützlich sein. Und jetzt muss ich mal was chauvinistisches schreiben: das Bauernmädchen könnte bestimmt super irgendwo kochen oder putzen.
    Und so eine Maschine ist für den Autokraten sicher sehr interessant. Wenn diese Maschine ihm gehorcht.

    5. Vermiss ich nicht. Aber dieses Gestottere macht mich wahnsinnig. 🙂

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