Ooooooh, I hate that rabbit!

Hin und wieder hält faz.net es für angebracht, uns daran zu erinnern, dass sie eBooks doof finden. Weil sie ein anspruchsvolles Qualitätsmedium sind, argumentieren sie dabei differenziert und klug und wägen unter Berücksichtigung aller… Nein, halt, da bringe ich was durcheinander. Ich muss da gerade an ein echtes anderes anspruchsvolles Qualitätsmedium gedacht haben.

Was faz.net wirklich schreibt, klingt so:

„In einer Zeit, in der Kunst, Religion und moralische Ernsthaftigkeit im Westen aus der Mode gekommen sind, ist die Technik zum Opium des Volkes geworden.“

„Das Buch – das traditionelle Buch, ein richtiges Buch – ist […] die vollkommenste Errungenschaft in der langen Geschichte menschlicher Gestaltung[…]“

„Das E-Book steht für Billigkeit, Effizienz und fässerweise Informationen, die wir herunterstürzen, aber nicht Glas für Glas genießen können.“

„Elektronische Bücher kann man nicht in den Mülleimer schmeißen, doch verwirklichen sie nun das höchste Ideal der Wegwerfbewegung: den künstlerischen und menschlichen Wert der Objekte, mit denen wir umgehen, auf null zu reduzieren.“

„Und Bücher sind nicht nur nützlich, sondern auch schön. Nichts verleiht einem Zimmer so viel Wärme wie ein Bücherregal.“

Ich habe natürlich einiges weggelassen, aber meine Auswahl da oben gibt meiner Meinung nach Habitus und Grundhaltung des Artikels ziemlich umfassend wieder. Fällt euch auf, was diese Argumente da oben gemeinsam haben?

Richtig! Sie sind alle Bullshit. Ohne große Mühe könnte jede dieser Thesen da oben verwenden, um die Überlegenheit der Draisine gegenüber dem PKW zu belegen, oder die Vorzüge richtiger Briefe gegenüber E-Mails, oder die Zeitlosigkeit der Schreibmaschine.

Versteht mich nicht falsch, ich mag echte Bücher auch. Ich sehe auch, dass eBook-Reader für viele Leute gerade im Verhältnis zu ihrem Preis noch keine so überwältigenden Vorteile gegenüber ihren papierenen Gegenstücken bieten. Aber wer sich zu der Behauptung versteigt, das Buch sei nicht etwa nur eine, sondern schlichtweg die vollkommenste Errungenschaft menschlicher Gestaltung, und absolut nichts sei so ein fantastischer Dekorationsgegenstand wie ein Bücherregal, der muss sich vorhalten lassen, dass er wohl mal ein bisschen zu heiß gebadet wurde, und zwar nicht nur deshalb, weil es keinen Sinn ergibt, den Begriff „vollkommen“ steigern zu wollen.

Nebenbei: Hat eigentlich noch jemand das Gefühl, dass faz.net sich diesen Artikel von David Gelernter hat schreiben lassen, um hämisch rufen zu können: „Schaut mal, ihr blöden Nerds, die ihr uns nicht abonnieren wollt, weil ihr lieber Schwenzel und Niggemeier lest, sogar eure eigenen Leute finden Papier viel geiler als Bildschirm!“ Was qualifiziert denn sonst einen Professor für Computerwissenschaft zu einer Analyse des gestalterischen Wertes und der zukünftigen Marktchancen von Büchern?
(Ja, mir ist aufgefallen, dass es in dem Artikel vorgeblich gar nicht so sehr darum geht, echte Bücher über den grünen Klee zu loben und E-Reader zu dissen. Aber ich habe ihn gelesen, deshalb weiß ich es besser.)

Ich sympathisiere mit jedem Menschen, der sich keinen Kindle kauft, weil er lieber richtige Bücher in der Hand hält. Aber muss man denn deshalb gleich die gesamte Existenzberechtigung von eBook-Readern verneinen und das Buch zum Größten erklären, was die Menschheit je hervorgebracht hat? Nein, das muss man nicht. Das sollte man nicht einmal, weil man sich damit total lächerlich macht.

Taschenbücher kann man in der Wanne lesen, ohne Angst zu haben, dass 300 $ in Rauch auf gehen, wenn man sie mal fallen lässt. Taschenbücher kann man am Strand liegen lassen, während man schwimmen geht, ohne dass sie jemand klaut, und wenn doch, dann hält sich der finanzielle Schaden in Grenzen.
Reader kann man in nahezu jeder Position einhändig lesen. Sie sind (für mich) handlicher und leichter, unabhängig davon, wie dick das Gegenstück aus Papier wäre. Man kann mit ihnen jederzeit von unterwegs ein neues Buch kaufen oder einfach nur einen Auszug herunterladen, wenn man sich noch nicht sicher ist. Man kann sie einfach auf einen Tisch legen und muss sich nicht irgendwelche abenteuerlichen Konstruktionen ausdenken, damit sie nicht von selbst zuklappen, wenn man – wie ich – auch gerne mal beim Essen liest. Reader ermöglichen es, die enthaltenen Texte nach einzelnen Wörtern oder Sätzen zu durchsuchen, wenn man bestimmte Stellen noch einmal lesen möchte.
Mit großen, schweren Folianten kann man prima seine Wohnung dekorieren oder aufdringliche Vertreter in die Flucht schlagen. Zumindest letzteres geht allerdings mit hinreichend großen Readern auch.

So einfach wäre es gewesen: Es kommt wohl darauf an, was man vorhat. Ich zum Beispiel komme mit meinem Kindle wunderbar zurecht und möchte ihn nicht wieder hergeben. Alleine schon, weil ich damit Zeitungen lesen kann, ohne mich beim Umblättern immer wieder total zum Affen zu machen und beispielsweise im Zug mich selbst und meine Sitznachbarn permanent zu gefährden.

Der Artikel von Gelernter ist vom Niveau her ein Rant. Die können toll zu lesen sein, weil sie (fast) immer voller Leidenschaft und meistens auch noch lustig sind. Darunter leidet ihre Ausgewogenheit ein bisschen, aber das nimmt man in Kauf. Dieser hier schafft leider keins von beidem, weil er so tun will, als wäre er eine sachliche Analyse, und ist deshalb am Ende einfach nur dumm.

13 Responses to Ooooooh, I hate that rabbit!

  1. rebhuhn sagt:

    unqualifizierter comment ON
    *lach
    du hast ja ’n geiles tag: Old Man Muriel shakes his fist… ich bin immer noch am gnickern :). großartig! 😀
    unqualifizierter comment OFF

  2. Muriel sagt:

    @rebhuhn: Danke, mir gefällt es auch. Ich sollte allerdings offenlegen, dass ich das von Jon Stewart geklaut habe.

  3. Andi sagt:

    Für mich wäre dieses Kindle zugegeben eher auch nix. Erstens weil ich technisch unbegabt bin und zweitens weil ich gerne Seiten umblättere und drittens weil ich Bücher gerne auffem Nachttisch liegen habe. Aber warum man sich gegen technische Neuheiten strikt weigern sollte, ist mir dann auch ein Rätsel. Ich bin sicher, dass so ein Kindle durchaus praktisch ist. Dass man mit dem Teil Zeitungen lesen kann, überzeugt mich zum Beispiel.

    Am niedlichsten fand ich übrigens das „Argument“ mit den Bücherregalen. Ich kenne Leute, die Bücher benutzen, um ihr Bett damit abzustützen.

  4. Muriel sagt:

    @Andi: Es gehen leider nicht alle Zeitungen. Ist ja auch irgendwie klar, vom Urheberrecht her. Ich habe zum Beispiel „The Onion“ und die New York Times abonniert und bekomme die nun ohne weitere Kosten auf den Kindle geliefert. Und – wie gesagt für mich der wichtigste Pluspunkt – ich habe nicht so einen Teppich in der Hand, der mir beim Umblättern iommer völlig zerknickt…

  5. Andi sagt:

    Ja, wie jesacht, das issen Pluspunkt. Mein ich auch.
    Gehen damit denn auch deutsche Zeitungen? Die FAZ wär doch für dich sicher interessant. *hust*

  6. Nardon sagt:

    Für mich wäre ein Kindle (oder vergleichbares) der Renner, wenn es Fachliteratur als E-Book zu kaufen gäbe.
    Wenn ich an die Unmengen Vorschriften, Fachbücher und Gesetzesbücher für Elektroniker (ich bin einer) denke wird mir schlecht.
    Hier einen E-Book Reader mit allen wichtigen Wälzern drin und einer anständigen Suchfuntion und ich wäre (zumindest in diesem Punkt) ein seeliger Mensch.
    Der ganze Mist blockiert nicht ein Regal, der blockiert ganze Wände. Was soll das?
    ABER, leider gibt es das ja nicht in PDF-Format sondern nur in Ordner oder äußerst dicker Buchform.
    Wie geil wäre es am Tisch zu sitzen, ich muss eine Vorschrift nachschlagen, E-Book aufschlagen kurz suchen und BING ich habs. Ein Traum wäre das.
    Eine Vorschrift ist veraltet…. schwups… Update… Up to Date (seufz)

    Meine Romane möchte ich aber auch nicht missen wollen. Ich blättere gerne in ihnen herum.

    Ich bin aber niemand der es total super findet, wenn Besuch kommt damit dieser dann diese ganzen Pflichtlektüren betrachten kann/muss/will oder soll (es soll Menschen geben die gerne ihr Ego streicheln lassen). Ich glaube ich schaffe die Regale bald ab und dann kommen Wandschränge hin mit vielen Böden. Was dann aber wieder optisch den Raum kleiner macht. Es ist zum Mäuse melken.

  7. Naja, auf so nem Kindle geht die ganze pompöse Weltliteratur die man gekauft hat natürlich etwas unter und wirkt auch nicht so doll wie ein Regal voller dicker Schinken.

    Also mir ist der Kindle ja noch zu teuer und irgendwie scheint das System in Deutschland auch nicht so ausgereift (soweit ich das sehen kann), aber prinzipiell finde ich die Idee gut. Und vermutlich auch umweltschonender wenn ich meine Groschenromane in wenigen MB auf dem Gerät habe anstatt dass sie im Regal verstauben. Aber ich denke wenn die Geräte mal erschwinglich werden und auch bequeme nd günstige Vertriebswege gibt, ist das sicherlich ne feine Sache. Wer will kann ja immer noch ein Buch kaufen und sich ins Regal stellen. Ich kann ja auch ne CD kaufen anstatt sie über iTunes zu erstehen. Ich denke dass kann auch für „Hobby-Autoren“ ne interessante Plattform werden, denn wer druckt schon sein Buch mit hohen Kosten selbst? Ich denke da steckt schon Potenzial drinne, was man auch sagen darf, selbst wenn man ein Fan davon ist Papier in der Hand zu halten. Aber naja, Zeitungen …

  8. Muriel sagt:

    @Nardon: Volle Zustimmung. Wird bestimmt noch.
    Bioschokolade: Auch deine Einschätzung ist durchaus richtig, denke ich. Wer auf deutsch lesen will, ist mit einem Kindle zurzeit noch nicht so gut beraten. Aber im Prinzip klingt die ganze Papierlyrik für mich doch verdammt nach Leuten, die früher CDs nicht ausstehen konnten, weil Kassetten so schön romantisch rauschen…

  9. Maxi sagt:

    Momentan klingt die Diskussion
    »Zeitung vs. Kindle (eBook)«
    wie
    »unsportlicher (Zeitungsumblätterer)vs. technisch Unbegabter«…

  10. ruediger sagt:

    m2c:

    Solange die Hersteller/Versorger dieser Hardware die Möglichkeit haben mir quasi unter meinem Hintern (aka. DRM-Scheiß) jedwede bezahlten Inhalte wieder zu löschen/mir zu entziehen, blockiere ich jedweden Konsum. Ich alleine entscheide, wann ich gelesenes nicht mehr haben will und/oder es wegwerfen möchte, sonst niemand. Dennoch bin ich überzeugt, dass das eBook bald beachtlichen Anteil in unserem Leben haben wird. Nur solange dieser DRM-Rotz mit gekauft werden muss, für mich halt nicht.

    Und den Autor des Artikels würde ich fragen, wann er den Artikel abends geschrieben hat. Weil nichts macht so heimliches Licht wie eine Petroleum-Lampe am Schreibtisch, während man seinen Füller über das Papier gleiten lässt. Der daraus entstehende Artikel würde dann von ihm mit dem Fahrrad ins 20km entfernte Verlagshaus gebracht und dort von einem Setzer in die Druckmaschine eingelegt. Dort hat es ganz viele Petroleumlampen, also total tolles Licht und viele große Maschinen und Menschen die mit Druckerschwärze und Öl hantieren, während… was? Das macht man heute nicht mehr so? Ja aber warum denn nicht, das haben wir doch schon immer so gemacht und es hat gut funktioniert.

  11. Muriel sagt:

    @Maxi: Da hast du zwar nicht ganz Unrecht, aber eigentlich war es auch gar nicht beabsichtigt, hier über Zeitung vs. Kindle zu diskutieren, obwohl das wohl unvermeidlich war. Im Kern geht es mmir eher um alle vs. miesen Journalismus.
    @ruediger: Völlig berechtigte Kritik. Was deinen Hinweis zu Herrn Gelernter angeht – ich muss immer noch jedes Mal nachsehen, ob der wirklich so heißt – so kann ich nur meinen zutiefest empfundenen Neid kundtun, dass mir das nicht eingefallen ist.

  12. […] nach einem dieser Internetversteherartikel, in dem die Redakteure von faz.net uns erklären, warum E-Book-Reader doof sind, wieso Scheidung gar nicht das beste ist, was einer Familie passieren kann, weshalb Facebook unsere […]

  13. […] habe seit einiger Zeit den Verdacht, dass es bei der FAZ irgendjemanden in einer Position nicht unbeträchtlichen […]

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