The best lack all conviction, while the worst are full of passionate intensity

Ich hatte ja schon ein bisschen was von meinen Bewerbungserlebnissen geschrieben. Mir fällt dabei immer wieder auf, dass es im Grunde nur zwei Arten von Bewerbungen gibt, mit ein paar Abstufungen dazwischen: Die eine ist so lieblos geschrieben, dass man zweifelt, ob der Absender überhaupt Interesse an der Stelle hat. (Einige sind ja wirklich auf eine Ablehnung aus, um ihre Verpflichtung gegenüber der Arbeitsagentur formal zu erfüllen. Und bevor mich jetzt jemand mit Hitler vergleicht: Ich weiß das, weil einige es mir ausdrücklich gesagt haben.) Sie sind offensichtlich mehrfach kopiert, manchmal mit Kaffeeflecken oder handschriftlichen Korrekturen, die gefühlte Hälfte der Wörter ist falsch geschrieben und manche Sätze hören einfach mittendrin auf.

Die anderen klingen zum Beispiel so:

„Der Beruf des Raumpflegeassistenten war schon immer mein Wunschberuf. Ich habe große Freude am Umgang mit anderen Menschen und wäre durch meine Teamfähigkeit und selbstständige Arbeitsweise sicher eine Bereicherung für Ihr Unternehmen.“

Kein Inhalt, kein Schwung, keine Information, nur Gelaber.

Die erste Variante zeugt gewissermaßen von zu viel Selbstvertrauen, die zweite eher von keinem. Beides macht – zumindest auf mich – überhaupt keinen guten Eindruck. Ich weiß, dass es da draußen eine Menge Personalverantwortliche gibt, die genau die langweiligen, konformistischen, bornierten, bigotten, kleinkarierten und pedantischen Bleistiftschieber sind, für die die Bewerbungsberater sie halten. Deswegen bitte ich, dieses kleine Gedankenspiel hier nicht als Empfehlung zu nehmen, sondern eher als – ah, vielleicht eine Art Gedankenanstoß. Ich habe eine Bewerbung geschrieben, die mich wirklich beeindrucken würde und mich nahezu unabhängig von der Konkurrenz und der formalen Qualifikation des Bewerbers dazu brächte, ihn zu einem Gespräch einzuladen:

„Sehr geehrter Herr Silberstreif,

Ihre Stellenanzeige in der Warensbütteler Wochenblattfanfarenweltzeitungsrundschau habe ich mit verhaltenem Interesse gelesen. Ich kann mir noch nicht richtig vorstellen, worum es überhaupt geht, aber die Darstellung auf Ihrer Homepage fand ich ziemlich sympathisch, deswegen würde ich mich gerne vorstellen, um mal zu schauen, ob das was für mich ist.

Ich habe mich im Vorfeld noch nicht besonders eingehend über den Beruf des Löwendompteurfahrermundschenkassistenzgehilfen informiert, weil ich davon ausgehe, dass Sie mir im Bewerbungsgespräch ohnehin erzählen werden, was ich für Sie tun kann. Wenn wir uns gut verstehen, macht es mir vielleicht sogar Spaß, aber in der Hauptsache geht es mir darum, dass ich Geld brauche. Ich werde Ihnen jetzt nicht irgendwelchen Bullshit darüber auftischen, wie unbändig ich mich auf die Chance freue, bei Ihnen den Kopierknecht zu machen, weil Sie genauso gut wie ich wissen, dass mir spontan vier Dutzend Dinge einfallen, die ich lieber täte, als einer geregelten Arbeit nachzugehen, aber Dienst ist Dienst, und wenn ich schon mal da bin, dann mache ich auch was draus, versprochen.

Direkter Kundenkontakt geht mir ziemlich auf die Nerven, aber das halte ich schon aus, wenn es nicht überhand nimmt, und auch sonst mache ich eigentlich alles mit. Wenn es Sie nicht stört, dass ich es noch nie geschafft habe, mal eine Stunde am Stück zu arbeiten, ohne dass mein Google-Reader oder YouTube mich mit irgendeiner putzigen Kleinigkeit abgelenkt hätte, dann laden Sie mich doch ein, und wir schauen mal, ob wir uns einig werden.

Mit freundlichen Grüßen …“

Na gut. Hier und da müsste man noch ein bisschen feilen, und sicher könnte man diesem Bewerber auch mit Recht ein bisschen zu viel gesundes Selbstvertrauen vorwerfen, aber verdammt noch mal, er ist ehrlich, er hat sein Anschreiben frei verfasst, und er hat mich ein oder zwei Mal zum Schmunzeln gebracht. Damit fällt es schon kaum noch ins Gewicht, dass es auch hier vielleicht ein bisschen am Inhalt fehlt, denn damit ist seine Bewerbung auf Anhieb schon mal um Längen interessanter als buchstäblich jede andere, die ich bisher gelesen habe.

15 Responses to The best lack all conviction, while the worst are full of passionate intensity

  1. rauskucker sagt:

    Du erwartest von jemand, der sich als Raumpflegeassistent bewirbt, eine schriftliche Bewerbung mit Schwung und Phantasie? Und der soll sich trauen, da reinzuschreiben,daß er ja eigentlich lieber Löwendompteurfahrermundschenkhenker werden wollte, aber die brauchten gerade keinen? Aha.

    Bei dem Bewerbungstraining welches ich mal mitmachen mußte hat man uns einiges geraten, das in die Richtung deines Musterbriefes ging. Aber das kann nicht jeder.

  2. rauskucker sagt:

    Aber Danke für den Yeats, auch wenn ich die Zeile nicht ganz auf die beschriebene Lage anzuwenden hinbekomme. Ist das nun Ironie oder Sarkasmus?

  3. Muriel sagt:

    @rauskucker: Ich wünsche mir von jedem Schwung und Phantasie. Was ich erwarte, ist wiederum eine ganz andere Frage. Ist aber auch müßig, denn unsere Raumpfleger müssen sowieso ohne Assistenten auskommen.
    Im Übrigen hätte ich vielleicht ausdrücklich dazuschreiben sollen, dass die abweigegen Berufsbezeichungen als Platzhalter gedacht waren.
    Die Yeats-Zeile war eigentlich halbwegs wörtlich gemeint. Es stimmt zwar nicht immer (Was stimmt schon immer?), aber in der Regel sind bei mir die Bewerber, die von keinen Selbstzweifeln geplagt sind, evident unbrauchbar…

  4. Andi sagt:

    Ich hab mich leider grad nicht zu bewerben – aber es reizt mich ja schon, dein vorgeschlagenes Bewerbungsschreiben mal ungefähr so zu nutzen. Einfach nur, um mal zu sehen, was dabei rauskommt. Ich gebe dir recht, dass dieses Standard-Werk inhaltlich sehr dünn ist und nicht aussagekräftig. Aber das schreibt nunmal jeder, so oder etwas abgewandelt. Dein vorgeschlagenes Schreiben ist auch sehr lustig und bestimmt ein durchschlagender Heiterkeits-Erfolg in jedem Personalbüro, aber ob es dem Bewerber einen Job bringt? Da muss es doch irgendwo einen Mittelweg geben?

  5. Andi sagt:

    Entschuldigung, aber ich merke grad nach Abschicken meines Kommentars, dass ich im Grunde meines Herzens doch recht konservativ bin in manchen Dingen. Je älter ich werde, desto konservativer werde ich. Hilfe!

  6. Muriel sagt:

    @Andi: Ich hatte ja schon gesagt, dass ich meinen Entwurf nicht unbedingt als Empfehlung sehe. Andererseits könnte man auf dem Standpunkt stehen, dass man vielleicht gar nicht für jemanden arbeiten will, der einen nicht einstellt, weil er das Bewerbungsschreiben nicht langweilig genug findet.
    Das mit dem Konservatismus ist normal, mach dir darum keine Gedanken. In wenigen Jahren werden wir hier alle einhellig nach mehr Netzsperren schreien und völlig unbegreiflich finden, dass die dämliche Jugend nicht einsehen will, dass unsere physischen Bildschirme einfach ein viel angenehmeres Leseerlebnis bieten als ihre blöden holografischen Displays.

  7. Nardon sagt:

    Sehe das ähnlich wie Andi (kämpfe aber aktiv jeden Tag gegen konservative Tendenzen meines Characters an 🙂 )
    Würde auch gerne ausprobieren ob man mit einer solchen Bewerbung irgendwo landen kann, also man darauf hin zu einem Gespräch geladen wird.
    Generell denke ich, es kommt immer darauf an wer die Bewerbung liest. Mir ist als erstes Durch den Kopf geschossen „Der gibt die Begründung für eventuelle Unlust gleich vorweg“.
    Aber wie gesagt, ich würde es denoch gerne einmal ausprobieren. Da ich jetzt ohnehin wieder eigene bewerbungen schreiben muss, werde ich „vieleicht“ etwas ähnliches Verfassen um zu sehen wie so etwas ankommt.

  8. Nardon sagt:

    Ach ja, ich halte es generell aber schon so, die Wahrheit zu schreiben. Vertrette auch meine ehrliche Meinung immer gerne, auch wenn die nicht Maintream ist.
    Haber allerdings sehr oft die Erfahrung machen müssen, das genau das leider in den meisten Fällen nicht so gut ankommt. Was mich allerdings bisher nicht davon abgehalten hat.
    Ich kann nichts weniger leiden wie Menschen die anderen nach dem Mund reden nur um besser in den Augen des anderen da zu stehen.

  9. Tim sagt:

    Ich war vor ewigen Zeiten mal die Personalnase bei einer E-Commerce-Firma (als man das wirklich noch so genannt hat – also wirklich vor ewigen Zeiten). Die schönste Bewerbung war die eines jungen Mannes, der bei uns als Gabelstaplerfahrer anfangen wollte. Wir hatten aber auch eine Dame, die sich als Tanzpädagogin einbringen wollte.

  10. Erfrischend und ehrlich. Und vermutlich wenig Chancen wenn man mehr als eine Praktikantenstelle haben will. Bei der Praktikantenstelle würde ich aber tatsächlich drüber nachdenken … oder beim Kopierknecht.

    Ab und zu sehe ich auch mal bewerbungen und meistens ist es halt der Einheitsbrei. Der wird aber auch irgendwie erwartet und im Prinzip zeigt man damit ja auch ein bisschen das man es verstanden hat und in diesem Bewerbungszirkus mitspielen kann.

    Aber die Bewerbung ist nett. Sagt der Bewerber bei den Schwächen dann auch „Wo soll ich bloß anfangen ….“ und bei Erzählen-Sie-uns-was-über sich „Haben Sie meinen Lebenslauf nicht gelesen, da steht doch alles drin“? Das er das beste daraus machen will und das auch verspricht finde ich übrigens sympatisch.

  11. growiak sagt:

    Hast Du einen Job für mich?

  12. Muriel sagt:

    @growiak: Wenn du versprichst, mich nicht mit „Frau Silberstreif“ anzureden, sehen wir weiter.

  13. growiak sagt:

    Sehr geehrter Herr Silberstreif,

    danke für Ihr vage geäußertes Interesse daran, weiter zu sehen. Bzw. eventuell darüber nachdenken zu wollen, mir möglicherweise einen Job anzubieten. Ich habe mich darüber gefreut.

    Allderdings ganz ehrlich (was aber nicht heißt, dass ich ohne diesen Zusatz normalerweise lüge): Ich wüsste bisher nicht wirklich, wie ich Ihrem Unternehmen von Nutzen sein könnte. Das liegt aber auch daran, dass ich gar nichts über den möglicherweise vorhandenen Job weiß. Ich freue mich aber dennoch über die Aussicht auf Aussichten, einmal wieder mit Arbeit Geld verdienen zu können.

    Selbst wenn meine Qualifikation ausreichend sein sollte und mein persönliches Format gefällig, kann ich vorerst auch nicht wirklich versprechen, Interesse an einem Job in Ihrem Unternehmen zu haben. Zudem verfasse ich dieses Schreiben anonym – was es etwas schwierig macht, mehr über mich zu erzählen, um Ihr Interesse zu wecken.

    Wir werden sehen. Auf jeden Fall erst einmal vielen Dank für die zumindest nicht durchweg ablehnende Antwort.

    MfG
    gr

  14. Joan sagt:

    Wirklich inspirierend. Ich glaub, das probier ich mal aus.

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